Danke, Trump!

Warum es immer schon zwei Amerikas gab, warum Trump noch ein bisschen bleiben sollte und wie Europa und die USA die Rollen tauschen. – Ein Kommentar von Matthias Horx.

Bild: Pixabay/Gerd Altmann

Seit gut vier Jahren kennen wir uns nun schon. Seitdem hat die gegenseitige Faszination nicht nachgelassen. Wir beschäftigen uns mit Dir. Du verfolgst uns in unseren Gedanken. Du verursachst uns unruhige Träume. Von einer Zukunft, in der wir nicht leben wollen. Von menschlichen Verhaltensweisen, von denen wir glaubten, wir hätten sie – als menschliche Zivilisation – längst überwunden.

Jetzt aber verstehen wir, dass wir Dir dankbar sein müssen. Weil Du uns etwas überdeutlich gezeigt hast – Wahrheiten über die Zukunft, und über uns selbst:

  • Du hast uns gezeigt, wie sich der bösartige Narzissmus, das reine Ich! Ich! Ich! eines innerlich verstörten Menschen, mit der Angst der Verunsicherten zu einer Art Massenhysterie verbinden kann.
  • Du hast uns gezeigt, wie leicht man Gefühle negativ manipulieren kann, wenn man das Entzündungspotenzial der Echtzeitmedien beherrscht.
  • Du hast uns gezeigt, dass in jeder Gesellschaft, auch in einer komplexen, jederzeit die Möglichkeit der Regression ins Despotische existiert.
  • Du hast uns drastisch vor Augen geführt, wie leicht Menschen sich in Illusionen einer vergangenen Grandiosität verrennen können – in einer bösartigen Nostalgie, die keinen Raum mehr für die Zukunft lässt. Das Grölen, das von Dir und Deiner Anhängerschaft ausgeht, kennen wir nur allzu gut.

Du hast uns aber auch an etwas erinnert: an unsere Vergangenheit und an die Rolle, die Amerika dabei spielte.

Als unsere Väter oder Großväter aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkamen, waren sie zerstörte Menschen in einem zerstörten Land. Sie waren an einer Illusion gescheitert, die sie gleichzeitig nicht loslassen konnten. Der Illusion von heroischer Größe, Überlegenheit, von grenzenloser Macht, die in den schlimmsten Massenmord der Geschichte geführt hatte.


Ihr, die Amerikanerinnen und Amerikaner, habt uns damals nach dem Krieg gezeigt, was Großzügigkeit ist. Was Verzeihen und Vertrauen bedeuten, auch wenn man viele Opfer gebracht hat. Mit Eurer Lässigkeit, Eurer Freiheitsbetonung, Eurer Musik, den wunderbaren Filmen Hollywoods. Damit verbunden war eine Vision der empathischen Moderne – Vernunft, Aufklärung, Pragmatismus und Gefühl. Dafür stand Kennedy, dafür standen der Rock’n‘Roll, der Blues, das Road Movie mit seinen rebellischen Helden. Ausbruch aus der Enge. Coolness als Wille zu innerer Souveränität. Von Humphrey Bogart in „Casablanca“ bis zu Peter Fonda in „Easy Rider“. Nicht zu vergessen der unsterbliche Charlie Chaplin in „Der große Diktator“ – man sehe heute die Schlusssequenz. Und weine.

Amerika stand immer für das Morgen, für die Hoffnung auf eine bessere Welt. Eine „Amerika stand immer für das Morgen, für die Hoffnung auf eine bessere Welt.“ Welt, in der sich das Individuum entfalten und große gemeinsame Träume Wirklichkeit werden können. Diese Vision führte hinauf bis in den Weltraum, in Welten, die noch kein Mensch je gesehen hat.  

Dabei gab es immer schon zwei Amerikas – so wie es auch zwei Deutschlands gab. Auf der einen Seite das kosmopolitische, zukünftige Amerika, das die Menschheit jenseits von Ethnie, Religion oder Klasse vereinen wollte; das kommunitäre Amerika der Gemeinden und Nachbarschaften, einer Zivilgesellschaft, wie wir sie uns lange gewünscht haben. Und auf der anderen Seite das dunkle, reaktionäre oder gar lynchhafte Amerika; das Amerika der fanatischen Sekten, der Sklaverei, des CIA, der Kalten und der grausamen Kriege. Und inmitten von alledem wucherte das Amerika der Desillusion, der nicht eingestandenen Enttäuschung, der Verzweiflung, auf der Du, Trump, deine Angstherrschaft errichtest.

Wir Deutschen haben uns mit dem Abgrund in unserer Geschichte auseinandersetzen müssen. Für meine Generation, die im Kalten Krieg aufgewachsen ist, kann ich sagen: Wir haben uns redlich bemüht, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Mit Eurer Hilfe, Eurem Schutz, ist uns das vielleicht sogar leidlich gelungen. Ich kann mich noch erinnern, als die Filmserie „Holocaust“ ins Fernsehen kam. Erfolgreich bei der Betrachtung des Monströsen in der deutschen Geschichte waren wir da, wo wir verstanden, dass das Dumpfe, das Regressive und Bösartige auch in uns selbst wohnt. Dass es nicht außen, sondern innen liegt.

Heute ist Deutschland, so möchten wir bescheiden sagen, ein Land, in dem die demokratische Zivilisation aus dieser Erkenntnis heraus wirklich Fuß gefasst hat. Auch wenn wir unsere eigenen Trumpisten haben, die heute im Parlament grölen. Für das, was ihr Amerikanerinnen und Amerikaner Deutschland und Europa gegeben habt, sind und bleiben wir zutiefst dankbar. Umso mehr leiden wir mit an dieser neuen amerikanischen Tragödie. Dieser Infantilisierung, dem Rückfall ins dumpfe Tribale.

Und dennoch möchten wir Dir, lieber Trump, nun zurufen: Bleib doch noch ein bisschen. Es wäre nützlich, wenn Du noch eine Weile illustrierst, worum es geht. Der Wahn verdeutlicht sich ja mit jedem Tag Deiner Amtszeit. Je mehr Du den Kim Jong-Uns und Lukaschenkos dieser Welt ähnelst. Die Stahlwerke des Mittleren Westens werden nicht wiederkehren. Die Familien werden nicht wieder „heil“ wie in den gloriosen 1960er-Jahren (sie waren nie heil – und wenn, dann „Four more Years. Es ist besser so, für uns alle – um das, worum es geht, noch deutlicher sichtbar zu machen.“ auf schreckliche Weise, so wie Deine Familie). Bleib also im Amt! Setze es mit aller Macht und Perfidie durch! Four more Years. Es ist besser so, für uns alle – um das, worum es geht, noch deutlicher sichtbar zu machen.

Wie alle Despoten führst Du immer das herbei, was Du am meisten fürchtest. Damit hast Du Amerika nicht groß gemacht, sondern fanatisch und kalt. Mehr noch: Du hast die Weltmacht Amerika beendet – und heute schon mehr getan für den Aufstieg Chinas als alle anderen Politiker bevor (schöne Grüße von Deinen lieben Freund Kim). Aber Du hast auch die Sehnsucht nach Wahrheit und Wissenschaft gefördert, indem Du darauf herumgetrampelt hast. Wie in Shakespeares Drama vom König Macbeth rückt mit jedem Deiner Amtstage der Wald von Birnam – die Wahrheit – weiter auf Deine Illusion vor. Wir werden Dich scheitern sehen, so viel ist gewiss.

Es wird Dir auch nicht gelingen, die postfossile Wende zu verhindern, den dringenden Abschied vom auf Öl und Naturausbeutung gebauten Industrialismus, für den Amerika wie kein anderes Land stand. Amerikanische Städte verabreden sich heute schon für neue CO2-Reduktions-Ziele. Die Wall Street wendet sich Stück für Stück von toxischen Industrien ab und investiert zusammen mit dem Silicon Valley in echte Zukunftstechnologien. Amerikanische Städte und Regionen werden sich unter Deinem Regime mehr und mehr von der Zentralregierung – die Du ebenso hasst wie repräsentierst – entkoppeln.

Dieses neue Amerika wird wieder so pionierhaft sein, wie es die Verfassungsväter wollten. Heute dividiert es sich auseinander, um sich für diese Zukunft neu zu formieren. Solange das populistische Toben andauert, werden wir uns auf dieses andere Amerika beziehen. Dieses universalistische Amerika ist ein eigener Kontinent, ein eigener Planet. Reichen wir ihm die Hände. Nehmen wir mehr als diplomatische Beziehungen auf.

Wie also werden wir uns aus der Zukunft heraus an Trump erinnern? Als eine Lehre. Eine letzte große Zuckung toxischer Männlichkeit. Aber auch als den Anbeginn einer Gegenbewegung, in der das Globale und das Empathische, das Lokale und das Universelle neu zusammenfinden. Nehmen wir zum Beispiel Jacinda Ardern, Premierministerin von Neuseeland (dem Land, in dem Karl Popper mitten im Zweiten Weltkrieg „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ schrieb): Sie zeigt, wie man eine Nation in einer Krise vereinen kann, wie der Humanismus der Zuneigung eine Gesellschaft heilt. Sie koaliert weiter mit den Grünen, obwohl sie die absolute Mehrheit hat, und ernannte eine Maori-Frau zur Außenministerin.

Welche Partei vertritt eigentlich Jacinda Ardern? Es spielt keine Rolle mehr. Die Zukunft entfaltet sich in den Formen menschlicher Kooperation jenseits der alten politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts, der Ruinen von „Links“ und „Rechts“. Es geht um eine neue Integration von Staat, Gesellschaft, Markt und selbstverantwortlichem Individuum. Das ist der eigentliche American Dream. Das ist das, was man Fortschritt nennt.

Die USA treten nun in eine ähnliche Phase ein, die wir Deutschen nach dem Krieg durchlebten. Eine Phase der Trauer, der Zerrissenheit und destruktiven Unruhe. Einer Konfrontation mit den Wunden der Vergangenheit. Europa wird eine neue Rolle in der Geschichte zugeschrieben, die lange von den USA ausgefüllt wurde. Die alten Griechen nannten es Katharsis. Und wir, als Europäerinnen und Europäer mit einer tiefen Katharsis-Geschichte, sollten alle Sympathie damit haben.

Zukunft ist eine Entscheidung. Für das Zugewandte, das Integrierende und Konstruktive – nichts Anderes ist das Demokratische. Und Zukunft ist auch eine Entscheidung für Demut und Selbstverstehen. Dieser Erkenntnis hast Du uns, lieber Trump, wieder ein Stück nähergebracht. Wir danken Dir dafür.


Matthias Horx, Zukunftsreport 2021


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