Neue Männlichkeit: Role-breaking Role Models

In Zukunft wird „Männlichkeit“ für wenige verbindlich sein. Identitäten werden fluider, weicher und freier. Die Vorstellung von einem „echten Mann“ beginnt bereits zu verschwimmen. Und macht damit vielen möglichen Männlichkeiten Platz. Eine Analyse von Lena Papasabbas. – Auszug aus dem Zukunftsreport 2022.

In der Mode zeigt sich, wie stark Geschlechterrollen uns formen und wie wenig Freiheit Männern zugestanden wird. Die Art, wie man ein Glas hält, die Farben, die man trägt, selbst die Tonhöhe, in der man spricht. Es gibt unzählige Regeln für Männer, die als echte Männer durchgehen wollen. Sie alle funktionieren jedoch nach dem gleichen Prinzip: nicht weiblich zu erscheinen.

Immer mehr junge Männer wollen diese Regeln nun nicht mehr beachten und brechen aus dem engen Korsett der Geschlechterrollen aus. Damit zerstören sie ganz nebenbei auch die dahinterliegende Hierarchisierung, die das Männliche grundsätzlich über das Weibliche stellt.

Männer in Röcken

Dass heute immer häufiger Typen in Röcken zu sehen sind, ist mehr als ein Modetrend. Es ist das Sichtbarwerden einer neuen Ära der Geschlechterverhältnisse. Jungs in Röcken sind auf TikTok, dem jüngsten der sozialen Medien, normal. Auch in vielen urbanen Party- und Künstlerszenen und in der Popkultur eignen sich Männer feminine Mode an. Die Idole der jungen Generation, etwa Harry Styles oder Jaden Smith, durchbrechen alte Gender-Schranken schon durch ihre Kleiderwahl. Je jünger, so scheint es, desto selbstverständlicher ist der neue Habitus.

Als FemBoys werden die neuen femininen Männer auf Social Media gefeiert: als Aktivisten, aber auch als neue Sexidole vieler Teenagerinnen. Den Weg vom Instagram-Stream in den Supermarkt trauen sich jedoch nicht alle. Die größte Angst: andere Männer. Blicke, Kommentare, Drohungen bis hin zu Gewalt – genau die Ängste, die auch Frauen bei der Kleiderwahl beschäftigen. Inzwischen existiert ein regelrechter Aktivismus von Männern, die Röcke tragen. Doch die neuen Vorbilder kommen längst nicht mehr nur aus progressiven Instagram-Bubbles.

Softe Sportler

Jahrzehntelang strotzten Sportidole nur so vor traditioneller Männlichkeit: starke, zielgerichtete Heteromänner, die sich durchkämpfen und wissen, was sie wollen. Kaum jemand traute sich, von der vorgegebenen Norm abzuweichen.

Warum Männer zentrale Treiber des Feminismus werden

Warum Männer zentrale Treiber des Feminismus werden

Die nächste Feminismuswelle wird von Männern getragen – um ihrer selbst Willen. Sie sind die zentralen Player im Kampf gegen ein System, das wenigen nützt.

So stellen das Coming-out des Profifußballers Robbie Rogers oder des ehemaligen NBA-Spielers Jason Collins bedeutsame Meilensteine dar, nicht nur für die LGBTQ-Community, sondern für die gesamte Gesellschaft. Sportler, die sich öffentlich als homosexuell outen – etwa auch der Fußballer Thomas Hitzlsperger, der Eishockey-Profi Luke Prokop, der Footballer Carl Nassib oder Wasserspringen-Olympiasieger Tom Daley – helfen nicht nur anderen Sportlern, sondern Menschen überall auf der Welt. Wenn die männlichsten aller Männer auch schwul sein können, dann beginnt die Gültigkeit tradierter Männlichkeit endgültig zu bröckeln.

Genauso sind Spitzensportler, die sich schwach und verletzlich zeigen, extrem wichtige Vorbilder für Jungen und junge Männer. Wenn der NBA-Star DeMar DeRozan über seine Depressionen twittert oder sein NBA-Kollege Kevin Love öffentlich über Angstzustände und Panikattacken spricht, dann leben diese Sportler eine neue Offenheit vor, die von enormer Bedeutung ist – insbesondere angesichts der hohen Suizidrate unter jungen Männern. Auch im Fußball brechen Spieler wie Martin Hinteregger oder Francisco Rodriguez Tabus und sprechen über psychische Probleme, andere trauen sich vor laufender Kamera so richtig zu heulen, so wie der beliebte Tennisstar Roger Federer.

Reflektierte Rapper

Aktuell brechen über Jahrzehnte gewachsene Normen zusammen. Neue Vorbilder, seien es Sportler, Influencer oder Filmstars, spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, die entstehenden Leerstellen zu füllen. Die neuen Männer sind überall. In der männlich dominierten Comedy-Szene, in der das Repertoire so mancher Darsteller sich in den immer gleichen Typisch-Mann/typisch-Frau-Witzen erschöpfte, betreten neue Player wie Moritz Neumeier oder Bo Burnham unbekanntes Terrain. Burnham besingt selbstironisch die Probleme der „Straight White Males“, Neumeier bringt die Krise männlicher Identitäten urkomisch auf den Punkt und leistet ganz nebenbei Aufklärungsarbeit.


Selbst die letzte Bastion der Hypermaskulinität, die testosterongeladene Rap-Szene, wird von neuen, jungen und sanften Künstlern wie Kelvyn Colt, Chance the Rapper, Kendrick Lamar und J Cole ins Wanken gebracht, die über Gefühle, Depressionen, Ängste und die Zwänge der Männlichkeit rappen, statt pausenlos ihre Potenz, ihren Besitz und ihre Gewaltbereitschaft zu zelebrieren. In der deutschen Szene setzen Künstler wie Audio88, Yassin und die einflussreiche Antilopen Gang neue Standards in der kritischen Reflexion der eigenen Privilegien.

Fluide Identitäten

Keine Frage, Männer sind in vielem privilegiert, vom Orgasm Gap bis zum Pay Gap – vom Bett bis zum Büro gibt es kaum einen Ort, wo Frauen nicht härter für das Gleiche kämpfen müssen. Das Patriarchat nützt Frauen nicht. Doch den meisten Männern eben auch nicht.

In Zukunft wird das Geschlecht weniger verbindlich sein, Identitäten werden fluider, weicher und freier sein. Das Angebot der möglichen Zugehörigkeiten wird breiter, bunter und flexibler. Männlichkeit und Weiblichkeit verlieren ihre Essenz, ihre Notwendigkeit, und büßen damit ihre Macht ein, Ungleichheit zu reproduzieren.


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Lena Papasabbas

Lena Papasabbas

Zukunftsforscherin Lena Papasabbas beschreibt die Megatrends und insbesondere den Wandel der Netzwerkgesellschaft, der Geschlechterrollen und Technologien.

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