Die Wohlstandswende

Alles wird immer teurer, Wohlstand wird immer schwieriger zu erreichen und zu erhalten. Doch das Ende des „alten“ Wohlstands eröffnet auch neue Perspektiven, die das Wesen des Wohlstands redefinieren. Die große Zukunftsfrage lautet: Welchen Wohlstand wollen wir? Ein Artikel von Nina Pfuderer aus dem Zukunftsreport 2023.

Wohlstand schien in Deutschland, so wie im ganzen „globalen Norden“, im Laufe der vergangenen zwei Jahrhunderte wie eine Art Perpetuum mobile zu funktionieren: Auf magische Weise schien er sich immer weiter zu vermehren. Am meisten profitierten von dieser Eigendynamik stets diejenigen, die bereits wohlhabend waren, doch auch die Mittelschicht surfte lange Zeit auf der rauschenden Wohlstandswelle. Nun aber häufen sich die Zeichen, dass die Erfolgsstory des immer weiter wachsenden Wohlstands ein jähes Ende findet. Spätestens die Auswirkungen der Coronakrise und des Ukraine-Krieges machen unmissverständlich klar: Der Wohlstand, wie wir ihn kennen, wird künftig immer schwieriger zu erreichen und zu erhalten sein – wir müssen unser Verständnis von Wohlstand radikal überdenken.

Die neue Ära der Krisen wirkt dabei wie ein Relevanzfilter: Sie zwingt uns, darüber nachzudenken, was uns wichtig ist und was wir wirklich brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Jetzt, wo wir am eigenen Leib spüren, dass Ressourcen endlich sind, dass Güter auch einmal nicht verfügbar sein können, werden wir vor eine Entscheidung gestellt. Wir können uns beschweren und klagen – oder uns bewusst machen, dass das alte Normal schon ein Unnormal war. Die Multikrise nötigt uns, den Wachstumszwang und die damit einhergehende Ökonomisierung unseres Denkens zu hinterfragen – und ein neues, zeitgemäßes Wohlstandsverständnis zu definieren.

Die neuen Wohlstandswerte

Im Zeichen der Krise erfahren die 3 Dimensionen von Wohlstandsindikatoren – materiell (Geld, Besitz), sozial (Teilhabe, Wohlbefinden, Lebensqualität) und ökologisch (Umweltschutz, Nachhaltigkeit) – eine grundsätzliche Verschiebung: Die sozialen und ökologischen Dimensionen rücken zunehmend in den Fokus. So plädiert die Transformationsforscherin Maja Göpel dafür, Erfolg und Wohlstand nicht an Geld und Gütern zu messen, sondern an Lösungen, die klar aufzeigen, dass und wie sie unser soziales, menschliches und ökologisches Vermögen regenerieren.

Konkrete Initiativen in diese Richtung sind etwa die Wellbeing Economy Alliance und der in Bhutan eingeführte Happiness Index, die das Bruttoinlandsprodukt durch inklusivere, ganzheitlichere Kennzahlen ersetzen, um Nachhaltigkeit, Gesundheit und Lebensqualität zu messen. Auch Wirtschaftsmodelle wie die Doughnut Economy, Konzepte wie das Bedingungslose Grundeinkommen oder die Aktivitäten von Genossenschaften und Solidarischen Landwirtschaften setzen Impulse für einen ganzheitlicheren, gerechteren Wohlstand.

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Dass die alten Wohlstandserzählungen schon heute nicht mehr funktionieren, zeigt sich besonders deutlich in der Arbeitswelt. Harte Arbeit macht uns nicht mehr zwangsläufig wohlhabend(er), sozialer Aufstieg wird immer schwieriger, und heutige Arbeitnehmende wissen heute bereits, dass sie mit der gesetzlichen Rente im Alter nicht über die Runden kommen werden. Die Mär von der Meritokratie wird umso unglaubwürdiger, je mehr wir uns unserer Privilegien bewusst werden. Bewegungen wie Quiet Quitting oder Lying Flat zeigen, dass immer mehr Menschen ihren Fokus in Richtung Zeitwohlstand verlagern.

Schon heute wird Wohlstand deshalb nicht mehr rein ökonomisch begriffen, sondern zunehmend auch als eine Frage der psychischen und physischen Gesundheit, der intakten Umwelt, des gelingenden Miteinanders, der kulturellen Teilhabe – und: der Sinnhaftigkeit. So wäre heute ein Drittel der Arbeitnehmenden einverstanden, weniger Geld zu verdienen, wenn sie das Gefühl hätten, mit dem Job etwas Sinnvolles beizutragen – unter den 18- bis 24-Jährigen sind es sogar 42 Prozent. Der Fokus verlagert sich immer mehr in Richtung Lebensqualität, hin zur Erfüllung von Sinnbedürfnissen.


Eine entscheidende Rolle spielt dabei der Faktor Zeit. Ein weitverbreitetes Symptom der herkömmlichen Wohlstandsgesellschaft ist der chronische Zeitmangel: Güter- und Zeitwohlstand verhalten sich umgekehrt proportional – je mehr wir besitzen, desto weniger Zeit haben wir. Einen Gegenentwurf zu dieser Zeitökonomie liefert der Begriff des Zeitwohlstands, der ein zeitsouveränes Handeln und einen zeitökologischen Lebensstil ins Zentrum stellt. Auch diese bewusste(re) Perspektive auf unseren Umgang mit Zeit trägt dazu bei, das Denken zu de-ökonomisieren und ein rein materielles Verständnis von Wohlstand zu verabschieden.

Wie die Wohlstandswende gelingt

Was braucht es, um die Wohlstandswende weiter voranzutreiben? Entscheidend sind nicht nur politische Regulierungen, die auch nichtmaterielle und nichtmonetäre Wohlstandsdimensionen erfassen und fördern: Auch mutige Interventionen von unternehmerischer Seite werden immer wichtiger – Firmen und Marken, die ihr Potenzial als Hebel des gesellschaftlichen Wandels erkennen und aktiv angehen.

Gerade im Arbeitsalltag kann auch jeder und jede Einzelne Akzente setzen, um ein neues Verständnis von Wohlstand zu fördern, seien es Vorstöße in Richtung Zeitwohlstand wie die 4-Tage-Woche oder sozial verträglichere Unternehmensmodelle wie das Verantwortungseigentum. Im Kleinen wie im Großen wird so immer deutlicher: Der Wohlstand von morgen wird viel mehr als Geld umfassen – und viele Themen, die wir heute noch nicht mit Wohlstand in Verbindung bringen, von Entschleunigung bis zu Lebensqualität, von Gesundheit bis zu Gerechtigkeit.