Die Zukunft der Events: Real-digitale Resonanz

Virtuelle und hybride Events sind inzwischen fester Bestandteil der neuen Normalität. Damit verändern sich zugleich die Spielregeln der Event-Branche: In Zukunft müssen Formate passgenau auf individuelle Motive und Bedürfnisse angepasst werden, analysiert Anja Kirig. – Ein Auszug aus der Studie „Valuetainment – Die transformative Kraft der Unterhaltung“.

Events haben als gesellschaftliches Phänomen in den vergangenen Jahrzehnten einen enormen Schub an Popularität, Relevanz und Wertschätzung erfahren – und bilden heute einen festen Bestandteil in nahezu allen Sektoren und Industrien. Während der Coronakrise bewies die Veranstaltungsbranche ihre Flexibilität und Innovationskraft: Allein im Frühling 2020 stieg die Anzahl digitaler Events um 1.000 Prozent an. Es begann – gezwungenermaßen – eine neue Ära der Begegnung und des Events, die Vokabel „hybrid“ avancierte zum Synonym für Zukunftsfähigkeit.

Analog, digital, hybrid – in der postpandemischen Welt werden alle drei Veranstaltungsformen ihre Berechtigung haben. Viel entscheidender als die Aufteilung in unterschiedliche Sphären ist eine andere, grundlegende Perspektive: die Frage nach den Motiven der Teilnehmenden und nach der Ermöglichung von Resonanzerfahrungen. Im Zentrum steht dabei das Wissen um die individuellen und kollektiven Erwartungen und Motive, mit denen Menschen Veranstaltungen buchen und besuchen. Erst dieses Verständnis ermöglicht es, Events passgenau zu gestalten und zu bespielen – von exklusiven, nur analog zugänglichen Veranstaltungen über niederschwellige, real-digitale Zugänge bis zu vollständig virtuellen Events im Metaversum.

Neue Dimensionen des Erlebens

Ein zentraler Treiber für die Ansprüche an das Event der Zukunft ist der Hunger nach physischer Begegnung: der Austausch, das spürbare Teilen eines gemeinsamen Raums, einer gemeinsamen Erfahrung. Besonders hoch ist dieses Resonanzerleben, wenn ein „affiliative social engagement“ stattfindet: wenn die gefühlte Zugehörigkeit zu einer Gruppe auch eine körperliche Reaktion initiiert, im besten Fall synchron mit anderen Teilnehmenden, etwa als gemeinsames Lachen, Klatschen oder Sich-Erschrecken.

Solche Formen des physischen Spürens, der kollektiven Spontaneität und der Raumerfahrung lassen sich primär im Analogen erfahren, sind aber zunehmend auch im Kontext von virtuellen Events möglich – die längst nicht mehr auf Webcams und Headphones beschränkt sind. Technologien der Extended Reality – die Verknüpfung von realen und virtuellen Umgebungen – sowie komplexe Mensch-Maschine-Interaktionen ermöglichen neue räumliche und sinnliche Erfahrungen.

So unterstützen Virtual Reality und Augmented Reality Veranstaltende nicht nur dabei, Inhalte weltweit anzubieten, sondern erschließen Teilnehmenden durch immersives Erleben auch neue Dimensionen von Resonanzerfahrungen. Im „Internet der Sinne“ soll sogar das Fühlen, Riechen und Schmecken virtuell erlebbar werden. Dies eröffnet auch neue Perspektiven für touristische und kulturelle Events. Mittels immersiver Technologien wird etwa die Aura kultureller Schätze – insbesondere Objekte oder Orte, die gefährdet, bereits zerstört oder überlaufen sind –, auf neue Weise sinnlich erlebbar, inklusive kollektiver räumlicher Erfahrungen, etwa mithilfe von Blue-Screen-Räumen.

Zukunft des Entertainments: 4 Potenziale

Die Zukunft des Entertainments: 4 Potenziale

Entertainment bedeutet in Zukunft mehr als „nur“ Unterhaltung: Es ist mächtiger Treiber und Hebel für die Lösung sozialer und planetarer Herausforderungen.

Die Pandemie als Event-Erweiterer

Im Zuge der Coronakrise durchliefen viele kulturelle Events einen Demokratisierungsprozess. Weltweit konnten Interessierte an virtuellen Museumstouren und Fachdiskussionen teilnehmen – und so an Kunst- und Kulturerlebnissen teilhaben, die ihnen zuvor verschlossen geblieben waren. Die zahlreichen kreativen Ideen und Konzepte, die im Kontext der Pandemie verwirklicht wurden, haben die Kultur- und Museumslandschaft nachhaltig verändert.

Zwar hatten Museen schon lange vor Corona ihren Wirkradius erweitert – als Event-Locations für Musik, Workshops, Tastings oder Wissensvermittlung, etwa in Form von nächtlichen Taschenlampenführungen oder den legendären „Lates“ der Londoner Museen, die Drag Art präsentieren und politische Statements setzen. Die Pandemie hat diese „entertainigen“ Zugänge zu Wissen und Kultur aber noch einmal stark erweitert, durch neue Layer und Verzahnungen zwischen Real und Digital sowie ein fortführendes Storytelling, das mehrere Ebenen und Orte übergreift. So können Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „Monets Garten“ im Berliner Museum Alte Münze in das Werk und die Lebensgeschichte des französischen Malers Claude Monet eintauchen – Installationen und interaktive 360-Grad-Projektionen machen die Gemälde des Impressionisten auf neue Weise „immersiv“ erlebbar.

Auch das Museum Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt verknüpft verschiedene Beobachtungs- und Erfahrungsebenen miteinander – und erweitert das reale Museum durch ein digitales und interaktives Archiv zur Alltagskultur in der DDR: Beide Räume bilden Alltagsobjekte ab, die gleichzeitig individuelle Geschichten und kollektive Erfahrungen rund um die DDR transportieren. Auf der digitalen Plattform können Besucherinnen und Besucher persönliche Erzählungen, Kommentare und Fotografien zu den Sammlungsobjekten hinzufügen, und durch Veranstaltungen wie Stadtführungen, Workshops, Depotführungen oder Schulprojekte lädt auch der reale Museumsort zur Interaktion ein.

Im Kontext der Krise erprobten auch Ausstellungen und Theateraufführungen neue Formen von Performances. So reflektierte die digitale Ausstellung „Reimagine Public Arts“ die Folgen der Pandemie für die Kunst im öffentlichen Raum – und lenkte zugleich den Blick auf die Rolle der Kunst als Sprachrohr sozialer Veränderungen. Andere Online-Events ließen die Reaktionen des Publikums direkt in die Performance einfließen, und auch Präsenzveranstaltungen eroberten sich den öffentlichen Raum neu. So inszenierte das Staatstheater Kassel den Roman „Tausend deutsche Diskotheken“ als 18-teilige Serie in Bars, Clubs und Kneipen – das Publikum konnte von Ort zu Ort folgen.

Zwischen Auftanken und Abtauchen

Die kreativen Event-Impulse aus der Kunst- und Kulturszene eröffnen auch anderen Branchen neue Perspektiven für die Gestaltung mehrdimensionaler Events. In diesem Prozess lösen sich alte Grenzen zunehmend auf: Das Museum wird zum Festival, das Festival zum politischen Event, das politische Event zum sozialen Happening, das soziale Happening zum Teil des wissenschaftlichen Arbeitens. Die Event-Kultur wird komplexer – so wie die vernetzte Gesellschaft selbst.

An das Event der Zukunft werden deshalb vor allem zwei neue Erwartungen gestellt. Zum einen wird von Events künftig zunehmend Orientierung erwartet. Dieses neue Bedürfnis nach Visionen und Transformationserfahrungen spiegelt sich auch in einem stark wachsenden Interesse an Events aus dem Bereich Citizen Science: Veranstaltungen, die Begegnungen mit wissenschaftlichen Themen und Objekten sowie den Forschenden selbst ermöglichen.

Ein Beispiel ist das Projekt „UndercoverEisAgenten“ des Alfred-Wegener-Instituts: Mithilfe von Drohnen sammeln Citizen Scientists sowie Schülerinnen und Schüler im kanadischen Inuvik aktuelle Daten über das Auftauen des Permafrosts und werten sie anschließend in Deutschland aus. Die Bandbreite dieser Events und Projekte ist so groß wie das Lerninteresse der Teilnehmenden, die sich aktiv an der Forschung beteiligen. Sei es, indem sie Vögel zählen oder indem sie ihr Wissen beim Citizen-Science-Pub-Quiz „Pub forscht“ unter Beweis stellen und erweitern.

Sextainment

Sextainment als achtsam-individuelles Vergnügen

Im Zeichen des Me-tainments wird Selfness ganz neu definiert: Aus Selbstliebe wird Sexual Healing – und damit hippes Trendthema.

Zum anderen zeichnet sich ein Gegentrend zu dieser neuen Wissenslust ab: der Wunsch nach einem größtmöglichen Abschalten angesichts der hyperkomplexen Veränderungen und Herausforderungen unserer Zeit – das Aufgehen in der Masse, das temporäre Ausblenden der unaufhörlichen Arbeit an der eigenen Individualität. Hier wird der Event-Raum zu einem Zufluchtsort für unkontrollierten Lustgewinn, jenseits der alltäglichen Selbstdisziplin und Bedingtheiten. Es geht darum, für einen Moment das Ich zu vergessen.

Die Zukunft der Events manifestiert sich im Umgang mit diesen diversen, einander teilweise sogar diametral entgegensetzten Bedürfniskulturen. Wer als Veranstalter künftig erfolgreich sein will, muss die Kunst beherrschen, auf verschiedenste Bedürfnisse – von Information und Austausch bis zu Spaß und Ablenkung – mit passgenau zugeschnittenen Event-Formaten zu antworten: exklusiv oder inklusiv, analog, digital oder hybrid. Und stets mit dem Fokus auf die Event-Währung von morgen: Resonanzerfahrungen.


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Anja Kirig

Anja Kirig

Zukunftsforscherin Anja Kirig ist u. a. Expertin für Tourismus- und Freizeitkultur, Neo-Ökologie und Gender. In ihrem Fokus stehen soziokulturelle Entwicklungen und Lebensstile.

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