Digitale Pathologien

Corona hat uns noch digitaler gemacht als wir sowieso schon waren. Manchmal nimmt unser Umgang mit den Screens sogar krankhafte Züge an. Das sind die digitalen Pathologien unserer Zeit.

Von Lena Papasabbas

Foto: Shane/unsplash

1. Handy-Tic

Der Zwang, jede aufkommende Pause mit Smartphone-Aktivitäten zu füllen. Die Homepage lädt zu langsam, der Partner kommt zu spät, die Bahn fährt gerade los und – zack, wandert die Hand zum Handy. Jede noch so kleine Unterbrechung an sozialen Stimuli wird sofort mit dem Blick auf das Smartphone überbrückt. Dieses Verhalten kann suchtähnliche Züge annehmen. So manch ein Smartphone-Besitzer hat schon Bekanntschaft mit unangenehmen Entzugserscheinungen gemacht, etwa Phantom-Vibrationen. Der Tic schädigt mittelfristig die Resonanz zur eigenen Umgebung – und zu den Mitmenschen. Studien zeigen, dass es ein Gespräch sogar negativ beeinflusst, wenn das Smartphone nur sichtbar auf dem Tisch liegt.

  • Lösung: Achtsamkeit

Die Heilung der Handy-Neurose liegt in der Achtsamkeit. Der Fokus zurück aufs Hier und Jetzt kann (wieder) gelernt werden. Der Boom der Achtsamkeitsratgeber, -seminare und -trainings ist nicht zuletzt ein Versuch, die verlorene Resonanz wiederherzustellen – zur Umwelt, zu anderen, vor allem aber zu sich selbst: in der räumlichen Gegenwart.

2. Hollow Flow

Ist der Blick einmal auf einen Screen gerichtet, setzt die krankhafte Automatisierung im Verlauf eines Endlos-Loops ein. Sie beginnt beim noch halb-bewussten Abklappern der verschiedenen Inboxes, von WhatsApp und E-Mail bis zu Social Media und News – und dann wieder von vorn. Wie das zwanghafte Hin-und-her-Laufen von zu lange eingesperrten Zootieren. Von Link zu Link, von Content zu Content, von Stream zu Stream klickt man sich wie in Trance durch die endlosen Weiten des Digitalen. Oder man schickt die Links ungelesen weiter, wie es immer mehr Heavy User tun. Man wollte eigentlich nur die Uhrzeit checken – und findet sich eine halbe Stunde später im vierten Katzen-Video wieder.

  • Lösung: Digitale Disziplin

Die Lösung liegt im Trainieren einer digitalen Disziplin, denn nur bewusste Reflexion des eigenen Online-Verhaltens kann diesen Kreis durchbrechen. Wer schon zu tief drinsteckt, dem bieten jetzt die Tech-Giganten wie Apple und Google selbst Tools an, die den Zugriff nach voreingestellten Timings begrenzen.

3. FOMO

Nach einer anstrengenden Woche den Freitagabend einfach mal ganz unspektakulär vor dem Fernseher verbringen? Geht gut – bis zu dem Punkt, an dem Instagram darüber informiert, dass scheinbar der halbe Freundeskreis sich gerade in der neuen Bar um die Ecke verabredet, Tinder vier neue Matches anzeigt und Facebook an das Konzert erinnert, zu dem man eigentlich unbedingt gehen wollte. FOMO („fear of missing out“) ist die digital getriebene Angst, etwas zu verpassen. Das Unbehagen, das einen befällt, wenn man von der Couch aus die Freizeitaktivitäten anderer verfolgt.

  • Lösung: JOMO

Der Trick liegt darin, die Perspektive umzudrehen und das Verpassen bewusst zu genießen: JOMO („joy of missing out“), ein Begriff, der ausgerechnet von Google geprägt wurde. JOMO ist ein Riesenerfolg – paradoxerweise auch online: Auf Instagram finden sich derzeit mehr als 85.000 Bilder zum Hashtag #jomo.

4. Digitale Impotenz

Die ersten sexuellen Erfahrungen machen Teenager heute vor dem Bildschirm. Unmengen an pornografischen Angeboten verstärken und erzeugen Lüste, die oft kaum noch mit zwischenmenschlicher Sinnlichkeit, Erotik oder Sexualität zu tun haben. Die Folge ist immer häufiger sexueller Frust. Nicht nur sind Pornos ein denkbar schlechter Ratgeber für weibliche Lustbefriedigung. Die Kopplung von Sexualität an rein visuelle Reize führt im schlimmsten Fall auch dazu, dass echte menschliche Begegnungen nicht mehr anmachen. Dazu kommt ein immenser Performance-Druck durch Stereotype, wie dem superpotenten, immer bereiten Muskelpaket. Alles zusammen führt dazu, dass es mit der echten Intimität nicht mehr so gut klappt.

  • Lösung: Sex-Positivismus

Sexpositive Workshops, Events, Online-Plattformen und Content aller Art wirken der digital induzierten Impotenz entgegen. Enthaltsamkeitskonzepte können helfen, die No-Porn-Bewegung breitet sich aus. Auch neue Hedonismusbewegungen vertreten eine pornobefreite Sexualität – und feiern moderne Orgien und körperlichen Genuss mit Fokus auf einen achtsamen Umgang mit sich und anderen.

5. Insta-Gram

Erste Studien zeigen den Zusammenhang zwischen Selbstwertkomplexen und in sozialen Medien verbrachter Zeit (vgl. Economist 2018). Insbesondere bei jungen Menschen treten immer häufiger Selbstzweifel auf. Auf Instagram strahlen ihnen von morgens bis abends attraktive Influencer entgegen. Perfekte Körper, perfekte Beziehungen, perfektes Leben. Kaum jemand ist gefeit gegen die bedrückenden Selbstzweifel, die diese Bilder auslösen. Überhöhter Social-Media-Konsum hat sogar schon einen neuen Zweig in der Schönheitschirurgie hervorgebracht: „Selfie Surgeries“ sind Eingriffe, die vornehmlich dazu dienen sollen, auf Selfies besser auszusehen.

  • Lösung: Digital Wisdom

Die Lösung für dieses Problem liegt in der Reflexion und Aneignung eines weisen Umgangs mit Digitalität. Das beinhaltet die Kenntnis der eigenen narzisstischen Verletzlichkeit. Es gibt Content, der guttut – und solchen, der eher schadet. Digitale Weisheit heißt, zu lernen, beides zu unterscheiden um die eigenen Streams aktiv zu pflegen und Negativ-Input auszusortieren.

6. Forever Single

Tinder, Parship und Co. schaffen unendlich viele Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Wir führen heute mehr Beziehungen als je zuvor – allerdings immer kürzere. Einer der Gründe ist Perfektionismus: Es wird verglichen und abgewogen, die Steigerung des eigenen Marktwerts hat höchste Priorität. Die Versuchung, auf ein noch besseres Match zu warten, ist hoch. Ebenso wie die Bereitschaft, eine schwierige Beziehung zugunsten eines neuen, potenziellen Traumpartners zu opfern. So steigt die Zahl der Singles seit Jahren – was wiederum die Matching-Industrie füttert. Laut einer aktuellen Studie von Parship gibt es aktuell fast 17 Millionen Alleinlebende in Deutschland – die allermeisten davon unfreiwillig (vgl. Parship 2018).

  • Lösung: Pragmatische Passion

Natürlich liegt es nicht allein am Online-Dating, dass der Anteil der Singles und kurzlebigen Beziehungen steigt. Doch wer die große Liebe sucht und nicht findet, dem hilft es sicher, sich vom überhöhten Anspruch des romantischen Liebesideals zu lösen, die eigenen Projektionen zu hinterfragen und zugleich Gefühle wieder wahrzunehmen.

7. Alarmismus

Alarmismus ist im Grunde eine sorgsam gepflegte Angststörung mit psychologischer Verwandtschaft zu wahnhaften Zuständen. Sie äußert sich in der Überzeugung, dass die Welt dem Untergang geweiht ist und dass die Menschen dumm oder böse sind – oder beides. In der Folge führt das zu Resignation und Empathielosigkeit. Dieses Grundgefühl basiert zum einen auf einer medialen Erregungskultur, die uns im Wettbewerb um Klicks mit bedrohlichen Schlagzeilen, mitleiderregenden Bildern und Horror-Headlines bombardiert. Zum anderen auf den Mechanismen vieler sozialer Netzwerke, die dem Nutzer immer den Content zeigen, der starke Emotionen hervorruft.

  • Lösung: Faktivismus

Dagegen hilft nur ein genereller Faktencheck. Der Fokus auf Leid, Terror und Gewalt verzerrt unser Weltbild. Wie es anders gehen kann, zeigen progressive Projekte und zukunftsweisende Ansätze wie der faktenbasierte und konstruktive Journalismus im Stile von Gapminder (gapminder.org), Perspective Daily (perspective-daily.de) oder Our World in Data (ourworldindata.org).

8. Slacktivismus

Wenn „Slacking“ (Herumhängen) auf Aktivismus trifft: Das kommunikative Internet führt uns in die Illusion, etwas getan zu haben, wenn wir uns nur moralisch aufregen. Wir „meinen“ ständig etwas, regen uns über Unkorrektheiten auf, verursachen oder wehren uns gegen Shitstorms, aber all das hat für die wirkliche Welt nur minimale Relevanz. Es hält uns von wahrem Engagement und wirklichen Beziehungen ab und führt zu einer zynischen Welthaltung. Der Aktivisten-Narzissmus rotiert als Feedback-Loop-System im Leeren.

  • Lösung: Go Glocal

Statt sich unter medienwirksamen Hashtags über Rassismus, Sexismus oder schlechte Rechtschreibung im ortlosen Internet zu echauffieren, lautet die heilsame Alternative: glokales Engagement! Jedes Problem, auch globale Krisen, lassen sich lokal angehen: Nachbarschaftshilfe leisten, sich gegen Klimawandel engagieren, für eine belästigte Kollegin einstehen oder beim Weihnachtsessen mit der Familie nicht wie sonst die rechtsgesinnten Onkel ignorieren.

9. Truthiness

Erfunden von US-Comedian Stephen Colbert, benennt dieser Begriff den unwiderstehlichen Hang, Gefühltes als wahr zu erklären – angetrieben von der Sehnsucht nach Bestätigung und Empörung und im Kokon der eigenen Urteile und Vorurteile. Dieser radikale Emotions-Subjektivismus verwandelt die Welt in eine Verlängerung innerer Zustände – eine Art Hyper-Narzissmus, der leicht ins Infantile kippt.  

  • Lösung: Emotionale Emanzipation

Wer seine momentanen Zustände mit der gesamten Welt verwechselt, verwechselt auch seine gesamte Gefühlswelt mit sich selbst. Unser Selbst besteht nicht nur aus Emotionen und „Gefühltem“, sondern auch in Selbst-Konstruktionen, die Vernunft, Abwägung und Erfahrung beinhalten. Humor hilft bei der Distanzierung von den eigenen Gefühlen. Das Ziel ist eine psychologische Selbstwirksamkeit, in der man die eigenen Gefühle moderieren kann.

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