Quo Vadis Smartphone

Happy Birthday - 10 Jahre begleitet uns nun das geliebt-gehasste Smartphone schon, wenn man die Keynote von Steve Jobs zur Vorstellung des ersten iPhones im Jahr 2007 als seine Geburtsstunde sehen möchte. Ein angemessener Anlass, um in die Vergangenheit und in die Zukunft des jederzeit kontrovers diskutierten Geräts zu sehen.

Von Florian Kondert

Zukunftsinstitut Benedikt Eisenhardt, Florian Kondert

Das Smartphone als Feature-Wunder ist, wie wir es heute nutzen, am Ende seines Evolutionspotenzials angelangt. Es wird sich dennoch in den kommenden Jahren in drei Richtungen entwickeln:

  1. wandelt sich das Smartphone hin zum Smart Home für die pseudointelligenten Apple-Siris und Google-Assistants als digitaler Sekretär, Alltagsmanager und möglicherweise auch zum Therapeuten oder Flirtpartner wie in Her von 2013.
  2. wird es verstärkt als Hardware-Komponente für Augmented oder Virtual Reality eine wichtige Rolle spielen, da die virtuellen Layer in Zukunft für viele Bereiche eine Ausdehnung von Handlungsoptionen im Privat- und Berufsleben sorgen dürften. Insbesondere auch den Wunsch nach möglichst spontan verfügbaren Wegen in die Selbstvergessenheit wird das Smartphone bedienen müssen.
  3. wird das Smartphone an vielen Stellen immer mehr Vernetzung und Konsolidierung unseres Lebens übernehmen – Stichwort Health-Tracker, Steuerung des Internet of Things, Bezahlfunktionen, Medienkonsum... Die wichtigste Entwicklung aber wird hoffentlich sein, dass das Smartphone noch viel mehr Menschen auf der Welt Zugang zu didaktisch ausgereiften Bildungsumgebungen ermöglichen wird. 

Das Smartphone vor Augen

Rund um die physische Interaktion mit dem Smartphone hat es unlängst eine interessante Beobachtung in die Mediendebatten geschafft: Warum haben viele - vor allem jüngere - Nutzer das Gerät nun plötzlich mehr vor der Nase als am Ohr? Die Digitale Evolution bedeutet weit mehr als die Transformation analoger Prozesse in hochauflösende, bunte Displays. Die Werkzeuge, die wir entwickeln, ändern auch unser Verhalten. Im Kontext bedeutet das: Vor Augen im wahrsten Sinne des Wortes haben wir heute eine Geräte-Gattung, die eine beliebige Fülle von Kommunikationsformaten anbietet. Von all den Angeboten sind die meisten ausgerichtet auf die bereits oft und fälschlicherweise zum Niedergang prognostizierten Textbasierten Kommunikationsformen. Warum?

Kontrollierte Dialoge

Wir schätzen die Option, zu kommunizieren, wann wir es wollen und können. Das Wollen ermöglicht uns Selbstoptimierung und Autonomie getrieben durch den Megatrend Individualisierung. Das Können ist stark dem mobiler werdenden Alltag zuzuschreiben, welcher nicht immer optimale Rahmenbedingungen zur Telefonie anbietet.

Im Durchschnitt interagieren junge Erwachsene zwischen 18 und 22 Jahre 85x täglich mit ihren Smartphones (siehe Trend Update | Mindful Business). Die Live-Kommunikation per Telefon hat aber je nach Altersgruppe nur noch einen zu vernachlässigenden Anteil. Die körperliche, automatisierte Zuwendung zum Smartphone orientiert sich dann natürlicherweise hin zur häufigsten Position, welche zur Nutzung der Angebote optimal geeignet ist: Vor Augen und nicht am Ohr. Deswegen lässt sich auch an der Handhabung der Geräte die tendenziell nativ digitale Generation benennen. Menschen über 35 nutzten noch häufig das Festnetztelefon und diese Konditionierung veranlasst diese Personengruppe, das Smartphone eher zum Ohr zu führen.

Quelle: Megatrend Dokumentation

Eine Forsa-Studie in Zusammenarbeit mit Bitkom im Jahr 2014 zeigte, dass Jugendliche immer mehr via Text kommunizieren. 10% der Befragten gaben gar an, das Smartphone überhaupt nicht zum Telefonieren zu nutzen. Interessanterweise hat sich der Trend mit der Einführung von Audionachrichten durch den Anbieter WhatsApp wieder gewandelt, bzw. erlebt zumindest eine Format-Evolution. Die Funktion ist nicht neu, aber mit einer WhatsApp-Community von derzeit rund 450 Millionen Personen, von denen ca. 70% den Dienst täglich nutzen, und monatlich ungefähr eine Million neuen Usern - bekommt der Dienst eine beeindruckende Bühne.

Und was “uns Erwachsenen” auf den ersten Blick skurril bis unsinnig erscheint, wenn wir unsere Kinder beobachten, wie sie sich Nonstop kleine Audio-Fragmente hin und her schicken, wo sie doch einfach ein Telefongespräch führen Die Erwartungshaltung an ausgedehnte Informationspassagen ist nicht mehr gegeben. könnten, ist in Wahrheit eine bewusste oder unbewusste Maßnahme, reflektiert Kommunikation zu betreiben. Denn so entsteht die Möglichkeit, über Information nachzudenken und erst dann zu reagieren, wenn sich der Empfänger bewusst zu einer Stellungnahme bereit fühlt - eigentlich eine durchaus begrüßenswerte Entwicklung für zwischenmenschliche Kommunikation. Dass hierbei kein fließender Dialog zustande kommt, welcher möglicherweise auch eine höhere Dichte an Authentizität oder emotionalem Kontext entwickelt, mag an anderer Stelle diskutiert werden. Aber mit der bereits lange praktizierten Textlastigen Kommunikation ist die Erwartungshaltung an ausgedehnte Informationspassagen ohnehin nicht ausgeprägt.

Quo Vadis Smartphone

Vielleicht hat Paola Antonelli, die leitende Kuratorin des Museum of Modern Art in New York den richtigen Ausblick für die Zukunft des Smartphones: folgen wir Ihrer Einschätzung in einem Interview über Technik und Design (Spiegel Online, August 2016), so wird das Smartphone wie viele Technologie-Träger vor ihm als haptisches Instrument von der Bildfläche verschwinden und die innewohnenden zentralen Funktionen werden in unseren Alltag unsichtbar einfließen. Zwar fällt uns diese Vorstellung im Moment nicht leicht, aber denken wir an die Entwicklung im Bereich Smartwatches, Nanotechnologie, die gestiegene Rechenleistung von Micro-Chips und Bemühungen prominenter Forschungsinstitutionen Das Smartphone wird als haptisches Instrument von der Bildfläche verschwinden. wie DARPA. Es ist keineswegs Science-Fiction, an kleine Hochleistungscomputer in unseren Körpern zu denken, welche die heutigen Funktionen von Smartphones übernehmen und die Steuerung der Applikationen über alternative Wege wie Sprachsteuerung oder Gesten ermöglichen. Allerdings: In welchem Ausmaß das stattfinden wird, wann dies passiert, oder ob wir das überhaupt wollen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Glücklicherweise zeigt die Geschichte, dass nicht jede technologische Möglichkeit auch zur zwingenden Anwendung kommt, denn: Zukunft ist ein Gestaltungsraum, vor allem geprägt durch gesellschaftliche Bedürfnisse.

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Digitale Erleuchtung

Dossier: Digitale Erleuchtung

Der Hype um die "Digitalisierung" hat einen Peak erreicht. Digitale Medien sind omnipräsent – und besetzt mit unzähligen Hoffnungen und Ängsten. Immer wichtiger wird deshalb ein umfassendes Verständnis der Digitalisierung, eine "digitale Erleuchtung": ein neues Mindset, das sich der vernetzten Komplexität öffnet und ihre Zukunftspotenziale erschließt.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Florian Kondert

Der Kommunikationswirtschafter und Wissensmanager leitet die Digitale Welt und Informationsarchitektur des Zukunftsinstituts. Sein Arbeitsfeld: die Wechselwirkung zwischen Mensch und Technologie.