Teamplay mit Technologie: Die Zukunft gehört der ­Allianz von Mensch und Maschine

Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine wird unsere Zukunft bestimmen. Eine erfolgreiche digitale Transformation bedeutet für ein Unternehmen daher immer auch die Integration reibungsloser Schnittstellen zwischen Mensch und Technologie. Ein Auszug aus der Trendstudie „Hands-on Digital

Von Lena Papasabbas

Künstliche Intelligenz (KI) ist das Buzzword unserer Tage – die Durchbrüche im Machine Learning, insbesondere im Deep Learning, bereiten den Weg für eine Zukunft, in der Technologie unsere Alltags- und Arbeitswelt noch umfänglicher prägen wird. Um sich für diese Entwicklung zukunftsweisend aufzustellen, gilt es zunächst, die Frage zu beantworten: Was bedeutet Künstliche „Intelligenz“ überhaupt – jenseits dystopischer Auslöschungsängste (die Robocalypse naht) und naiver Technik-Begeisterung (Machbarkeitswahn des Silicon Valley)?

Bezogen auf die Anwendung von Technologie in unternehmerischen Kontexten lässt sich zumindest eines sagen: Intelligent ist es, menschliche und maschinelle Intelligenz produktiv miteinander zu verknüpfen. Denn Mensch und Maschine sind im Team erfolgreicher als für sich allein. Um Technologie nicht als Konkurrenz, sondern als Partner anzusehen, ist es wichtig, die kategorischen Unterschiede zwischen menschlicher und Künstlicher Intelligenz zu begreifen.

Zunächst das Offensichtliche: Menschen fühlen, Maschinen nicht. Das hat weitreichende Auswirkungen, denn nur wer fühlt, entwickelt Intentionen und kann wirklich ­kreativ sein und kontextuelles Wissen anwenden. „Computer sind nutzlos, sie können uns nur Antworten Mensch und Maschine sind im Team erfolgreicher als für sich allein geben“, wusste schon Pablo Picasso. Anders gesagt: Nur Menschen können die richtigen Fragen stellen, den Sinn verstehen. Es sind die Berührungspunkte zwischen beiden Domänen, in die Unternehmen investieren müssen. Die Qualität dieser Schnittstellen ist dann entscheidend für die gelingende Kooperation: Die Gestaltung von User Interfaces bestimmt nicht nur die User Experience, sondern auch das Maß der Synergie zwischen der „kalten“ Maschinenintelligenz und der „warmen“ menschlichen Intelligenz.

Die Zusammenarbeit mit Maschinen will erlernt sein – und muss ständig neu gelernt werden. Um als Unternehmen wirklich zukunftsfähig zu agieren, muss sich daher die Unternehmenskultur grundlegend wandeln: weg vom Perfektionismus einer Null-Fehler-Kultur, die davon ausgeht, irgendwann „fertig“ zu sein, hin zu einem ständigen Wandel, der Fehler nicht nur toleriert, sondern als Wissensquelle willkommen heißt. Wer ständig befürchtet, etwas falsch zu machen, wird den Sprung ins Digitale nicht schaffen und auch keine zukunftsweisende Verbindung mit Technologie aufbauen können.

Ein unschlagbares Team

Das Computerprogramm AlphaGo Zero der Google-Tochter DeepMind kann das hochkomplexe asiatische Brettspiel Go spielen – und zwar völlig selbstständig. Während die Vorgängerversion AlphaGo, die 2017 den besten menschlichen Go-Profispieler besiegte, noch durch Millionen Stellungen und Positionen menschlicher Partien geschult wurde, lernt AlphaGo Zero komplett ohne menschliches Vorwissen: durch Deep Learning.

Das Programm lernt im Spiel gegen sich selbst, indem es Tausende Varianten möglicher Züge ausprobiert und entsprechend evaluiert. Mit jedem Zug und jeder Partie steigt die Qualität der Zugvorschläge, innerhalb von drei Tagen erreichte AlphaGo Zero damit Profistatus. Ein klassisches Beispiel für Deep Learning – das ähnliche Erschütterungen hervorrief wie 1996 der Sieg des Computerprogramms DeepBlue über den Weltmeister Garri Kasparow im Schachspiel.

Seither waren Maschinen den Menschen im Schach stets überlegen – bis zum Jahr 2005, als beim PAL/CSS Freestyle Tournament wieder Menschen und Computer gegeneinander im Schach antraten. Doch diesmal durften sie Teams bilden, und zwar nicht nur Menschen und Maschinen untereinander, sondern gemischte Teams. Zwei menschliche Spieler im Team mit drei Computern gewannen das Turnier haushoch.

Das Beispiel belegt: Es ist das Teamwork der menschlichen mit der Künstlichen Intelligenz, das zum Erfolg führt. Und dieses Teamwork kann nur gelingen, wenn die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine funktioniert. Dies sollten Unternehmen zur Prämisse machen, wenn sie über den Einsatz von KI nachdenken.

Die nächste Streaming-Dimension

Entscheidend für die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine ist die Schnelligkeit, mit der die Maschine reagieren kann. Jede winzige Verzögerung der Reaktion oder Antwort führt bereits zu einer leichten Irritation. Das Gefühl von Fremdheit, das den Nutzer dabei beschleicht, unterbricht den Fluss des Dialogs. Um diese Fremdheit aus der Interaktion mit Maschinen zu entfernen, braucht es vor allem eine solide Infrastruktur. Mit dem neuen Breitbandnetz 5G steht hier auf technischer Seite ein Durchbruch bevor.

Das 5G-Netz ist ein laufendes Projekt von Mobilfunkfirmen und -ausrüstern zur Entwicklung der nächsten Mobilfunkgeneration. Die „Waben“ (Funkzellen) werden dabei parallel zur „Device-to-Device“-Kommunikation wesentlich engmaschiger ausgebaut, um Verbindungen nicht abreißen zu lassen und Latenzzeiten zu senken. Mit diesem neuen Standard werden Antworten aus der Cloud in Echtzeit möglich Es ist das Teamwork der menschlichen mit der Künstlichen ­Intelligenz, das zum Erfolg führt sein, auch wenn man unterwegs ist.

Leistungsstarke industrielle Kommunikationsnetzwerke sind eine wichtige Voraussetzung für die Digitalisierung der Industrie: Der Erfolg des bevorstehenden Transformationsprozesses ist unmittelbar von der Unternehmenskommunikation abhängig. Diese Systeme sind die Adern der digitalen Fabrik, die Basis für die Umsetzung einer Industrie 4.0. Dabei geht es nicht nur um die Kommunikation von Maschinen untereinander, sondern auch um die ortsunabhängige Verfügbarkeit relevanter Daten über die Cloud und die perfekte Anpassung der Kommunikationstechnik an die Bedürfnisse der Anwender.

Eine starke digitale Infrastruktur durch 5G, immer nahtlosere Mensch-Maschine-Schnittstellen und weitere technologische Innovationen wie etwa der 3-D-Druck beschleunigen die nächste industrielle Revolution, in der Smart Factorys nach der Losgröße eins produzieren und smarte Supply Chains perfekt ineinandergreifen. Erst diese Kombination der einzelnen Entwicklungsstränge macht das „Internet der Dinge“ produktiv.

Human Machine Learning

Unternehmen, die auf Augenhöhe mit dem Megatrend Konnektivität sein wollen, brauchen zweierlei: Um ein optimales Nutzererlebnis zu erzeugen, müssen sie die Bedürfnisse und Verhaltensweisen des Nutzers kennen – nicht nur der Privatkunden, sondern insbesondere auch anderer Organisationen, mit denen sie zusammenarbeiten. Und sie müssen sich von der Idee des „Ankommens“ verabschieden. Denn nach 5G wird 6G kommen, und danach 7G.

Zwar mag Moore’s Law – das regelmäßige exponentielle Wachstum der Rechenleistung – nach Jahrzehnten langsam seine Gültigkeit verlieren. Aber bloßes Abwarten ist in Bezug auf technischen Fortschritt keine Option. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in Zukunft nicht in der Vorsicht, sondern im Mut zum Experiment und zum unternehmerischen Pioniergeist.

Google und Facebook haben schon unzählige Projekte wieder eingestellt, aber fühlen sich deshalb nicht als Versager. Im Gegenteil: Dinge auszuprobieren und daraus zu lernen, ist in digitalen Zeiten der Schlüssel zum Erfolg – und „Misserfolge“ sind ein essenzieller Teil davon. Ein Unternehmen wird erst dann im digitalen Zeitalter ankommen, wenn die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen, kein bloßes Lippenbekenntnis des Managements ist. Beziehungsweise wenn „Fehler“ gar nicht mehr als solche betrachtet werden. Diese neue Lernkultur ist etwas, was wir uns von den Maschinen abschauen können: ein Machine Learning für Menschen.

Dieser Text ist ein Auszug aus der Trendstudie „Hands-on Digital

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Megatrend Konnektivität

Megatrend Konnektivität

Konnektivität ist der wirkungsmächtigste Megatrend unserer Zeit. Das Prinzip der Vernetzung dominiert den gesellschaftlichen Wandel und eröffnet ein neues Kapitel in der Evolution der Gesellschaft. Digitale Kommunikationstechnologien verändern unser Leben grundlegend, reprogrammieren soziokulturelle Codes und lassen neue Lebensstile und Verhaltensmuster entstehen. Um diesen fundamentalen Umbruch erfolgreich zu begleiten, brauchen Unternehmen und Individuen neue Netzwerkkompetenzen und ein ganzheitlich-systemisches Verständnis des digitalen Wandels.

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Lena Papasabbas

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin und begleitet seit 2014 für das Zukunftsinstitut Projekte im Research-Bereich. Ihr Schwerpunkt ist die redaktionelle Arbeit bei Auftragsstudien.