Vieles ist digitalisiert, aber kaum etwas wirklich transformiert

Responsive Innovation statt Silicon-­Valley-­Imitation: Johannes Kleske, Co-Founder der Berliner Digital­beratung Third Wave, über die wachsende Be­deutung eines nachhaltigen Innovationsverständnisses in vernetzten Zeiten. Ein Auszug aus der Trendstudie „Hands-on Digital“.

Das Interview führte Christian Schuldt

Herr Kleske, Sie beraten Unternehmen in digitalen Transformations- und Innovationsprozessen. Was verstehen Sie dabei unter „Digitalisierung“?

Digitalisierung umfasst aus unserer Sicht weitaus größere Kontexte als digitale Technologie. Das beste Beispiel ist das Smartphone: Entscheidend ist nicht primär die Technologie, sondern vor allem, was sie verändert, wie wir auf Basis dieser neuen Technologie kommunizieren, arbeiten, miteinander vernetzt sind. Digitalisierung verändert grundlegend, wie unsere Welt funktioniert, und wir sind gerade erst dabei, Antworten darauf zu finden. Über Angela Merkels „Neuland“ haben sich viele lustig gemacht, aber tatsächlich befinden wir uns in einem permanenten Neuland, in dem wir erst lernen, uns konstant neu zu orientieren. Dafür müssen wir jetzt Ansätze entwickeln.

Wie verändert dieses digitale Neuland das unternehmerische Verständnis von Innovation?

Bislang war Innovation immer eine Art Werkzeug für Unternehmen: Man entwickelt neue Ideen, um daraus neue Produkte zu machen, die neue Absatzmärkte erschließen und die Umsätze Innovation ist heute etwas, das man eigentlich in Anführungszeichen setzen muss steigern sollen. Die digitale Vernetzung hat diesen Prozess radikal verstärkt, sodass Innovation zu einem eigenen Prädikat geworden ist. Es geht heute nicht mehr darum, ein besseres Produkt zu entwickeln, sondern auch immer mehr um die Frage, ob man als „innovativ“ wahrgenommen wird. Dies erscheint als Voraussetzung, um überhaupt noch existieren und ernst genommen werden zu können. Innovation ist also etwas, das man eigentlich in Anführungszeichen setzen muss – und das einen großen Druck auf Unternehmen ausübt.

Welche Konsequenzen hat dieser Innovationsdruck heute für das unternehmerische Handeln?

Er führt dazu, dass Unternehmen das Thema Innovation immer weniger reflektiert angehen – und dabei auch neue Möglichkeiten für wirklich bessere Produkte oder Anwendungen übersehen. Innovation wird dann wahrgenommen als etwas, das einem passiert, nach dem Motto „Ich muss mich jetzt auch mal damit beschäftigen, denn es führt ja kein Weg mehr dran vorbei“. Durch den gefühlten Zwang von außen geht die eigene Handlungsfähigkeit verloren. Es entstehen immer mehr „Innovationen“, die stark auf Technologie setzen, aber eigentlich keine sind. Technologie ist dann eine Antwort, ohne dass es eine echte Frage gäbe. Hier gilt es, die Perspektive zu ändern: Gerade in Sachen Innovation müssen Unternehmen lernen, eigene Entscheidungen wieder selbstbewusst zu treffen.

Sie sprechen in dem Zusammenhang auch von „responsiver Innovation“. Was genau verstehen Sie darunter?

Der wichtigste Ratschlag lautet: Beachtet den Kontext! Auf was hat eine Innovation Auswirkungen, worüber denke ich vielleicht noch gar nicht nach? Gibt es vielleicht in Zukunft Regulierungen, Bedürfnisse, gesellschaftliche Themen, die von Anfang an miteinbezogen werden müssen? In der Praxis bedeutet das, dass man sich ganz bewusst etwas langsamer bewegt, aber dafür die Umwelten im Blick behält und einbezieht. Das ist der Kern der responsiven Innovation: den gesellschaftlichen Kontext konsequent beachten, die Scheuklappen bewusst ablegen und einen systemischen Blick anwenden. Es geht nicht nur darum, das Auto zu antizipieren, sondern auch den Stau. 

Erst wenn ich diese möglichen Auswirkungen in den Innovationsprozess miteinbeziehe, kann ich tatsächlich nachhaltig innovieren und Dinge schaffen, die als Teil der vernetzten Welt funktionieren.

Was wäre ein Beispiel für eine responsive Innovation?

Google musste auf die harte Tour lernen, was responsive Innovation heißt: 2012 wurde Google Glass als Produkt für den Massenmarkt entworfen und dann nach starkem Gegen­wind, insbesondere Privacy-Bedenken, schnell wieder eingestellt. In professionellen Bereichen aber, in der Medizin, in Fabriken, in der Anlagenwartung, war und ist Google Glass ein echter Erfolg! Der Markt ist also da – nur eben kein Massenmarkt, sondern ein sehr spezifischer, in dem das Produkt Sinn macht. Google scheint daraus gelernt zu haben – auch deshalb steht bei Googles Design-Framework für ein „Human-Centered Machine Learning“ nun der Mensch im Zentrum. Wir sagen Unternehmen deshalb: Macht die Fehler nicht auf dem Markt, sondern macht einen responsiven Innovationsprozess, der genau diese ­Dinge antizipiert.

Wie können Unternehmen sich in diesem Sinne responsiver positionieren?

Ein wichtiger Punkt besteht darin, digitale Technologien nicht als Bedrohung wahrzunehmen, sondern auch als Chance. Und das gelingt nur, indem man sie selbst mitgestaltet, anstatt immer aufs Silicon Valley zu schauen und zu versuchen, irgendwie hinterherzukommen. Die zentrale Frage für Unternehmen lautet: Was ist unser eigener Weg, unsere eigene Haltung, und wie können wir auf dieser Grundlage Innovation schaffen? Wir sollten anfangen, über die Zukunftsbilder zu sprechen, die wir selbst wollen.


Johannes Kleske ist Strategieberater und kritischer Zukunftsforscher. Seit 2010 zusammen mit Igor Schwarzmann das Berliner Unternehmen Third Wave. Die Digitalberatung an der Schnittstelle von Zukunftsforschung und Unternehmensberatung hilft Unternehmen und Organisationen, die digitale Welt zu verstehen und zu gestalten.

Ein Auszug aus der Trendstudie „Hands-on Digital“.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Konnektivität

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Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Christian Schuldt

Der Systemtheoretiker und Autor beleuchtet in Publikationen und Vorträgen den digitalen Kultur- und Medienwandel. Sein Blick ist geschult für die kommunikativen Muster, die Menschen und Unternehmen verbinden.