Insekten: Das Potenzial des anderen Fleisches

Wie Insekten den Sprung auf unsere Teller schaffen und welche Vorteile für Ernährung und Lebensmittelindustrie nicht ignoriert werden können. – Ein Auszug aus dem Food Report 2023 von Hanni Rützler.

Insekten sind in Asien, Afrika und Südamerika für mehr als zwei Milliarden Menschen traditionell eine wichtige Proteinquelle. Die boomende Alt-Protein-Industrie in den westlichen Industrieländern beginnt aber erst langsam die vielfältigen Potenziale von Insekten für Lebens- und Futtermittel sowie für die Umsetzung einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft zu nutzen. Das hat vor allem kulturelle Gründe. Trotz schlagender ernährungswissenschaftlicher und ökologischer Argumente, die für den Verzehr von Heuschrecken, Raupen und Larven – im Ganzen oder zu Pulver verarbeitet – sprechen, dominieren immer noch alte Vorbehalte gegenüber der Entomophagie, dem Verzehr von Insekten. Bis heute halten sich hartnäckige Nahrungstabus und zivilisatorische Ekelschwellen.

Über 2.000 Insekten als potenzielle Nahrungsmittel

Allerdings zählt ernährungsphysiologisch betrachtet ein Großteil der über 2.000 essbaren Insekten zu den wertvollsten Nahrungsmitteln. Dabei können sowohl der Proteingehalt, als auch der Gehalt an Vitaminen und Mineralien je nach Spezies, Fütterung und Lebenszyklus (Ei, Larve, Puppe etc.) stark variieren. Mit Weizenkleie gefütterte Heuschrecken weisen zum Beispiel einen doppelt so hohen Proteingehalt auf als ihre Artgenossen, die mit Mais gefüttert werden. Termiten und Ameisen sind zudem extrem energiereich (je nach Art zwischen 100 und 500 Kilokalorien pro 100 Gramm), der Energiegehalt von Mehlwürmern dagegen gleicht jenem von mageren Rindfleisch-Filets, der von Heuschrecken liegt wiederum deutlich darunter. Als Proteinlieferanten sind Insekten auch pflanzlichen Alternativen wie etwa Hülsenfrüchten, Getreide und Pseudogetreiden, Nüssen und Sprossen überlegen, da tierische Eiweiße dem Bedarf des menschlichen Körpers besser entsprechen.

Sowohl ökologisch, als auch aus Tierschutzaspekten spricht vieles für Insekten als „das andere Fleisch“. Bisher wissen wir zu wenig darüber, ob und wie schmerzempfindlich Insekten sind. Die übliche Tötung durch Einfrieren aber kommt dem „natürlichen Schicksal“ der Kaltblütler, die bei geringen Temperaturen in „Winterschlaf“ fallen, jedenfalls sehr nahe. So können viele Insektenarten auch unter Zuchtbedingungen in großen Mengen artgerechter gehalten werden als Schweine, Rinder und Geflügel.

Ein weiterer Vorteil ist die hohe Futterverwertungseffizienz von Insekten. Als wechselwarme Tiere benötigen sie keine Energie für Wärmeerzeugung, weswegen sie Nährstoffe viel effizienter verarbeiten können. Während Schweine und Rinder zwischen 5 und fast 20 Kilogramm Futter benötigen, um 1 Kilogramm Fleisch aufzubauen, reichen Insekten dafür durchschnittlich 2 Kilogramm. Auch der Wasserverbrauch, der bei der traditionellen Viehzucht sehr hoch ist, fällt bei der Insektenzucht gering aus.

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Weniger Vorbehalte als gegenüber der Entomophagie gibt es schon seit längerem gegenüber der Verwendung von Insekten für die Produktion von Futtermitteln. Laut der gemeinnützigen Organisation International Platform of Insects for Food and Feed werden etwa 90 Prozent der 3 Millionen Tonnen Insektenproteine, die bis 2030 in Europa produziert werden sollen, für Tierfutter oder Heimtiernahrung verarbeitet werden. Dies reduziert nicht nur den landwirtschaftlichen Flächenverbrauch für die Tierfutterproduktion, sondern eröffnet auch neue Möglichkeiten für eine effektive Kreislaufwirtschaft. Insekten können durch die Verfütterung von Rest- und Nebenstoffen aus der landwirtschaftlichen Produktion, von Lebensmittelabfällen wie überreifem Obst und Gemüse, von Fruchtfleischabfällen bei der Saftproduktion oder von Getreideresten, die beim Bierbrauen übrig bleiben, gezüchtet werden. Das österreichische Start-up Livin Farm will dieses Prinzip der Kreislaufwirtschaft bei der Insektenzucht umsetzen. Es plant, die Insekten-Zuchtanlagen neben Fabriken für die Futtermittelherstellung im europäischen und asiatischen Raum zu bauen.

Da verarbeitete Lebensmittel im Zuge des Booms veganer Fleischersatzprodukte von vielen Konsumierenden nicht mehr grundsätzlich mit Skepsis betrachtet werden, eröffnen sich auch für die Verarbeitung von Insekten zu Nahrungsmitteln in Zukunft ganz neue Perspektiven. Die Novel-Food-Verordnung, die EU-weit seit 2021 zumindest zwei Insektenarten – den Mehlwurm (die Larve des Mehlkäfers) und die Europäische Wanderheuschrecke (Locusta migratoria) – als Nahrungsmittel zulässt, hat dafür die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen. Derzeit prüfen EU-Behörden Anträge für fast ein Dutzend weiterer Arten. Damit hat der potenzielle Markt für proteinreiche Lebensmittel aus Insekten den lang erhofften Auftrieb erhalten, um den Startnachteil gegenüber pflanzenbasierten Fleischersatzprodukten langsam wieder zu egalisieren. Das amerikanische Marktforschungsunternehmen Meticulous Research prognostiziert daher, dass der Markt für essbare Insekten bis 2030 einen Wert von 9,6 Milliarden US-Dollar erreichen wird.

Verarbeitet finden Insekten den Weg auf den Teller

Snacks in Form von Protein-Bars sowie Burger-Patties und Pestos für Pastagerichte zeigen die Richtung an, wie sich Insekten in unsere Esskultur integrieren können. Und zwar in Form von verarbeiteten Lebensmitteln, denen man die Ausgangsprodukte nicht mehr ansieht. Ein Großteil der Unternehmen, die sich auf Insekten als Nahrungsmittel spezialisiert haben, sind noch kleine Firmen mit weniger als 20 Angestellten. Da aber auch große Unternehmen immer mehr auf die Umweltauswirkungen bei der Produktion ihrer Lebensmitteln achten, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis diese ebenfalls Grillen, Käfer, Mehlwürmer und Fruchtfliegenlarven in den Mix der Ausgangsstoffe für ihre Produkte aufnehmen). Und da vor allem jüngere Konsumierenden Nachhaltigkeit für ein wesentliches Kriterium bei der Wahl ihrer Nahrung betrachten, werden Insekten für die menschliche Ernährung in Zukunft auch in Europa eine immer größere Rolle spielen.

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