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Ist die Welt endgültig aus dem Ruder gelaufen? Erodiert die Gesellschaft, weil die Menschen neuen Gesetzen der Irrationalität gehorchen? Ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2017.

Von Matthias Horx (12/2016)

Vor 250 Jahren formulierte Immanuel Kant die Grundfragen des Zukunftsdenkens – und legte die Grundlagen der Moderne als Utopie einer ständigen graduellen Verbesserung. Höchste Zeit, diese Fragen neu zu stellen: Was hätte der Denker der Aufklärung über die Perspektiven des Jahres 2017 gesagt?

Die übererregte Gesellschaft: Kommt das postfaktische Zeitalter?

Im September 2016 nahm Angela Merkel das Wort zum ersten Mal in den Mund: "Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen", sagte die Bundeskanzlerin. "Postfaktisch" umschreibt jene Stimmungslage des mentalen Aufschäumens, die aus den Shitstorms des Internets in die öffentliche Sphäre drängt. Alles wird Skandal, alles wird Hass, alles wird in die Polarisierung getrieben; Gerüchte und Befürchtungen, Verdächtigungen und Beschimpfungen schwemmen den rationalen Diskurs hinweg. Wie es neulich ein Diskutant in einer deutschen Talkshow formulierte: "Man hat das Gefühl, es ist alles lauter Irrsinn hier!"

"Postfaktisch" bedeutet auch die Rückkehr despotischer Macht im Namen propagandistischer Strategien. Überall auf der Welt versuchen Despoten, Halbdiktatoren und semifaschistische Politiker, Wahrheit und Wirklichkeit in ihrem Sinne zu manipulieren. Die neuen Kriege sind Meinungskriege, die das Gefühl ständiger Unsicherheit und Unklarheit verbreiten.

Wie kommt das alles zustande?

Das Resonanzprinzip

In seinem Hauptwerk "Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehungen" hat der Soziologe Hartmut Rosa das Grundprinzip beschrieben, das uns als Menschen mit der Welt verbindet. Wenn wir geboren werden, sind wir auf den Blick und die Zuwendung der Eltern angewiesen. In den Stürmen der Pubertät suchen wir Bestätigung in der Clique und testen unsere Wirksamkeit in der Rebellion. Als Erwachsene bleiben wir nur dann lebendig und gesund, wenn wir in ein dichtes Netz sozialer Resonanz – Freunde, Familie, Arbeit, Sinn – eingebunden sind. Soziale Resonanz ist überlebenswichtig, weil Menschen durch und durch Beziehungswesen sind, die in ihrer ganzen Existenz auf Erkannt- und Gewollt-Werden ausgerichtet sind. Darin spiegelt sich ihre existenzielle Verletzlichkeit, aber auch ihre außergewöhnliche Fähigkeit zur Sozialität.

In der radikalen Vernetzung durch die sozialen Medien entsteht nun eine vollkommen neue Logik der Resonanz. Dabei gelten nicht mehr die klassischen linearen Gesetze der Medienwelt (etwa Reichweite, Auflage, Quote), sondern exponentielle Skalengesetze. Wenn sich eine Gruppe von 20 oder 100 Menschen vernetzt – das konnten auch unsere Jäger- und Sammler-Vorfahren schon –, hat das wenige Konsequenzen für die Umwelt. Nun sind es plötzlich Millionen Individuen, die sich in Meinungsblasen, Hass-Stürmen, Hate Bubbles vereinen können.

Aufmerksamkeit steuert die gesamte Ökonomie und Metaökonomie des Netzes: Wie viel für einen Klick bezahlt wird, wie hoch das placement bei Google geratet wird, wie hoch die Einschaltquoten bei Fox oder Anne Will liegen, all das wird letztlich vom Gefühlslevel bestimmt. Gefühle wie Hass und Abneigung sind das, was das menschliche Hirn primär erreicht und erregt. Auf Gefühle, nicht auf "Informationen", reagieren wir mit Resonanz.

Die Märkte der verletzten Gefühle

Was aber ist das wichtigste und begehrteste Gefühl von allen? Folgen wir Rosas Resonanzthese, ist es nicht eigentlich der ablehnende und ausgrenzende Hass, sondern die Zugehörigkeit. Tatsächlich haben alle Konflikte und Krisen, die wir derzeit erleben, etwas mit dieser Frage zu tun: Zu wem gehören wir? Werden wir akzeptiert, wahrgenommen, wertgeschätzt? Wer setzt uns herab?

Trumps Unterstützer fühlen sich durch die urbanen Eliten beleidigt. Putins Bürger durch den Westen. AfD-Anhänger durch Pluralität und Globalität. Sie alle suchen nach einem neuen, mächtigen, monolithischen "Wir", das ihre Ohnmachtsgefühle kompensieren kann. Selbst in der Strategie des IS-Terrorismus schwingen jene Beleidigungsgefühle mit, die man in der Psychologie auch den Othering-Effekt nennt: Menschen definieren ihre Identität über die Konstruktion von feindlichen "anderen", die es zu bekämpfen gilt.

Der mentale Schwindel, der uns heute erfasst, ist also das Resultat von Resonanzkatastrophen: Katastrophen, die auf Aufschaukelungs- und Selbstverstärkungsprozesse zurückzuführen sind – und die oft in übervernetzten Systemen stattfinden. Das gewaltige Konnektom des Internets wirkt wie ein Echoraum für unterdrückte Gefühle und Angstbereitschaften.

Die große Nostalgie

Immanuel Kant hat diese Irrationalität, die den Fortschrittsprozess immer wieder gefährdet, vorausgesehen. In seiner 1770 erschienenen Schrift "De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis – Ueber die Form und die Prinzipien der Sinnen- und Geisteswelt" unterscheidet er zwischen der sinnlichen Erkenntnis der Erscheinungen der Dinge (Phänomene) und der Erkenntnis der Dinge.

Kant wusste: Nicht die Welt "an sich" formt unser Weltbild, sondern die kognitive Dissonanz. In der modernen Gesellschaft erleben wir eine Diskrepanz zwischen Erwartung und Erleben. Wir erwarten: ständig mehr Ruhe und Sicherheit, konstante Zuwächse an Einkommen und Komfort, Zugewinne an Kaufkraft und Zinsen. Fortschritt soll stattfinden – aber bitte ohne das Bewährte zu verändern.

Der deutsche Philosoph Odo Marquard spricht vom Fahrstuhleffekt: Je höher wir in der Kabine (des Wohlstands) nach oben steigen, desto tiefer scheint die Welt zu sinken – unter uns öffnet sich ein drohender Abgrund. Das wiederum führt zum Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom:

"Wo Kulturfortschritte wirklich erfolgreich sind und Übel wirklich ausschalten, wecken sie selten Begeisterung. Sie werden vielmehr selbstverständlich, und die Aufmerksamkeit konzentriert sich dann auf die Übel, die übrig bleiben. Dabei wirkt das Gesetz der zunehmenden Penetranz der Reste: Je mehr Negatives aus der Welt verschwindet, desto ärgerlicher wird – gerade weil es sich vermindert – das Negative. Knapper werdende Übel werden negativ kostbarer." (Odo Marquard, Skepsis und Zustimmung, Stuttgart 1994)

Wir leben nicht in einer "immer schlechteren Welt", sondern leiden unter einem Expectation Hangover, einem Erwartungskater. Es geht uns immer besser, im Privaten, im Familiären, im Ökonomischen. Aber da die Fortschrittsgewinne nicht mehr so deutlich und signifikant ausfallen können wie früher, scheint sich die Zukunft zu verflüchtigen. Stellen wir also die Fragen, die Immanuel Kant der Welt zu Beginn der Aufklärung stellte, auf neue Weise an die Zukunft:

Was können wir wissen?
Was dürfen wir hoffen?
Was sollen wir tun?
Was ist der Mensch?

Was können wir wissen?

Ist die Welt verloren? Müssen wir sie dringend retten? Welche fundamentalen Trends prägen die Zukunft? In einer Informationsgesellschaft sollte niemand diese Frage besser beantworten können als die neuen Meister des Datenraums: die Big-Data-Götter.

Hans Rosling zum Beispiel. Auf seiner Webseite Gapminder.org hat der große, alte, witzige Statistiker aus Stockholm die Daten der globalen Welt in dynamische Bilder gefasst. Bei Vorträgen kommt Rosling bisweilen mit einer Waschmaschine auf die Bühne, um zu demonstrieren, wie sehr sich das Leben durch Technik verbessert hat. An seiner geistigen Seite kämpft Max Roser, der Hardcore-Statistiker aus Oxford, der mit seinem Projekt OurWorldInData.org jedem Skeptiker des Weltuntergangs Herz und Seele stärkt.

Beide kommen zu denselben Schlüssen, die den Wahrnehmungen der öffentlichen Meinung widersprechen: Things get better! Langsam, aber sicher verbessert sich die Welt:

  • Die Kurve der Gewalt zeigt langfristig nach unten, sowohl was Kriege und Konflikte betrifft als auch hinsichtlich der kriminellen Gewalt in den Metropolen.
  • Armut nimmt aus globaler Perspektive ab. Auch die Unterschiede zwischen den Ländern der Erde, die noch vor zwanzig Jahren gigantisch waren, werden kleiner. Die chinesische Mittelschicht ist heute so groß wie die von Europa und den USA zusammen. In den Wohlstandsnationen spreizen sich teilweise die Einkommen – aber dabei profitieren meist auch die Armen.
  • Demokratien haben es bisweilen schwer, sie sind aber keineswegs "im Untergang”. Für jede neue Despotie gibt es anderswo Erfolge in der demokratischen Beteiligung. Verfällt die Türkei in die Halbdespotie, gelingen die Wahlen in fünf afrikanischen Ländern. Gewinnt auf den Philippinen ein Populist, siegt in Indonesien ein toleranter Demokrat.
  • Gesundheitsstatus, Bildung, sogar die Umweltqualität verbessern sich weltweit mit konstanten Raten. Die Weltgeburtenrate hat sich in 30 Jahren halbiert. Noch nicht in Niger, aber in 80 Prozent aller Länder. Die Millennium-Ziele, die die Vereinten Nationen bis 2015 als benchmark für die globale Entwicklung gesetzt haben, wurden zum größten Teil erreicht. Heute haben mehr Menschen Zugang zu Trinkwasser als im Jahr 2000, es gehen mehr Kinder in die Schule, und die Säuglingssterblichkeit hat sich weltweit halbiert.

Die Welt erlebt einen echten Netto-Fortschrittsgewinn. Jedes Jahr werden in den maßgebenden Daten Verbesserungen sichtbar. Aber warum ist dieses Wissen so wenig verbreitet? Warum ist es so wertlos, zu wissen, dass etwas besser wird?

Kant wusste: Was unser Weltbild ausmacht, ist die Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Weltzusammenhang. Man darf den "inneren und äußeren Sinn" (intuitione pura), nicht mit der Empfindung (sensatio) verwechseln. In der Welt-Wahrnehmung zählt vor allem die Sensation, die Abweichung von der Norm. Und in der totalen Mediengesellschaft wird alles zur Abweichung, zur skandalösen Enttäuschung umcodiert. Als 1883 in Indonesien der Vulkan Krakatau explodierte, 36.000 Menschen tötete und eine dreijährige Kälteperiode einleitete, brachten die Zeitungen kaum zehn Zeilen Bericht. Heute erzeugt die Scheidungsmeldung eines Prominentenpaares oder ein von allen Seiten gefilmter Amoklauf das Gefühl der ewigen Vergeblichkeit.

Die Aufgabe der Zukunft wird also in einer neuen metakognitiven Aufklärung bestehen: Wir müssen lernen, das Negativity Bias zu überwinden. Wir glauben zum Beispiel, Korruption nehme "immer mehr zu", wenn es mehr Verhaftungen und Verfahren wegen Korruption gibt. Dabei kann das Gegenteil der Fall sein: Dass immer mehr Fälle aufgedeckt werden, ist ein Fortschritt im Kampf gegen die Korruption.

Im Verstehen dieser Mechanismen können wir lernen, die Welt mit den Augen der möglich besseren Zukunft zu betrachten. Erst Probleme führen zur möglich besseren Zukunft. Hans Rosling nennt das den Possibilismus: die Welt, definiert als Möglichkeitsraum.

Was dürfen wir hoffen?

Ohne Hoffnung fehlt der existenzielle Spannungsbogen, der uns mit der Welt in ein kreatives Verhältnis bringt. Ohne Hoffnung fehlt die Vitalität des Lebendigen, die Vorwärtsgerichtetheit, die dem Menschen als Sehnsucht eingeschrieben ist. Kant sah sich am Beginn der Aufklärung als Apologet dieser Hoffnung. Er setzte seine Zuversicht auf furchtlose Vernunft.

Die überwältigende Macht des Medialen droht, diesen Spannungsbogen zu zerstören. Allgegenwart und Gleichzeitigkeit – alles geschieht im selben Moment – zerstören die Unterscheidungsfähigkeit unseres Verstandes. In der Hyperkonnektivität bleibt kein Platz für Bewegung, für geistige Vitalität. Wo alles lärmt, ist nichts mehr wichtig. Diese existenzielle Zukunftslosigkeit ist die wahre Krankheit unserer Zeit.

Utopien können die Lücke nicht mehr füllen. Utopien sind finale Zustände ohne evolutionäre Entwicklungsmöglichkeit. Wir können jedoch unsere Verbundenheit mit der Welt im Sinne der Zukunft neu verstehen lernen. Die amerikanische Filmemacherin Tiffany Slain brachte das in ihrem Film "Connected" mit einer "Abhängigkeitserklärung" auf den Punkt: "We declare our interdependence!"

Wir dürfen hoffen, dass die Dinge in und durch Krisen besser werden können. Im persönlichen Leben kennen wir das durchaus: Erst die Turbulenz lässt die Dinge in positive Bewegung geraten. Selten wächst die Liebe zum Partner über sich selbst hinaus, wenn sie nicht durch Versuchungen herausgefordert wird. Selten bringen Großunternehmen echte Innovationen auf den Weg, wenn es der Bilanz (zu) gut geht. Das Neue ist immer das Ergebnis des Scheiterns, oder einer bewältigten Bedrohung. Demokratie ist ein Ergebnis von Myriaden von failed states im Laufe der Geschichte. Gute Technik ist das Produkt von Unfällen.

Wir dürfen hoffen, dass selbst große Probleme überraschend gelöst werden können. Wer im Kalten Krieg aufgewachsen ist, kann sich noch gut an das Gefühl apokalyptischer Ausweglosigkeit erinnern. Oder denken wir an "Weltkrisen" wie Aids, die "Megaseuche, die die Welt in den Abgrund stößt", wie es in den Zeitungsberichten der 1980er-Jahre oft hieß. Aids ist heute nicht "gelöst", aber statt Homosexuelle an den Rand der Gesellschaft zu drängen, war Aids Auslöser einer Toleranzwelle, vielleicht sogar der faktischen Integration der Homosexuellen. Kann uns dies nicht auch mit Global Warming gelingen?

Wir dürfen hoffen, dass die Vernetzung der Welt irreversibel ist. Parag Khanna, ein Politikwissenschaftler und "Konnektograf", zeigte unlängst in einem TED-Vortrag die Realvernetzung der Welt. Das feine Geflecht der Straßen und Wasserwege, die die Welt verbinden, wird überlagert von den Infrastrukturen der Energie und der Kommunikation. Globale Netzwerke lösen die Grenzen auf, auch wenn grölender Nationalismus immer wieder das Gegenteil behauptet. Die Fähigkeit zur Empathie erzeugt auch die Gegenkräfte: Differenzierung, Anerkennung des Anderen, globalisierte Toleranz. Kosmopolitische Netzwerke können sich nicht auf dem gleichen Erregungsniveau bewegen wie der Hass selbst. Sie sind notwendigerweise komplexer gestrickt, differenzierter. Und nie war der kosmopolitische Geist mächtiger als heute. Netzwerke wie TED zeigen, dass die Macht der positiven Ideen ungeschlagen ist.

Es gibt unglaublich viel Güte und Gelingen. Wie toll können Städte sein! Wie gut funktionieren viele Firmen! Wie großartig ist das, was Menschen täglich in ihrem Leben leisten! Wie viel Kooperation es gibt! Wie viel Frieden, Alltag, Liebe, soziales Engagement! Und wie viel Schreckliches passiert nicht! Wie viel mehr Terroranschläge könnte es geben, wie viele Scheidungen finden nicht statt, wie viele Unfälle sind verhindert worden! Dass 40.000 Passagierflugzeuge pro Tag sicher starten und landen, ist keine Meldung wert, aber dennoch ein Wunder. Wer so denkt, leugnet nicht das Negative, sondern verabschiedet sich von der Erwartung des Heils, die in jedem Schatten den Beweis für den Sieg der Dunkelheit sieht. Die Next Society ist längst im Gange. Wir müssen nur hinschauen und uns entschließen, Teil der Veränderung zu werden, anstatt Teil des Problems zu bleiben.

Was sollen wir tun?

Erleuchtete Ignoranz
Eine Prognose ist zu wagen: In den nächsten Jahren wird es zu einem breiten und anhaltenden Medien-Exodus kommen, vor allem in den gebildeten Schichten. Der Aufforderung des Kognitionspsychologen Rolf Dobelli, "die Medien abzuschalten, um das Leben wiederzugewinnen", folgen schon heute und in Zukunft immer mehr Menschen. Die erste Handlung, um die innere Freiheit zu regenerieren, ist der Druck auf den Aus-Schalter. Denn die Droge der täglichen Erregung zerstört unser mentales Immunsystem und verwandelt uns in hysterische Ängstlinge.

Es geht aber nicht darum, sich damit zu isolieren. Die Devise lautet nicht "disconnect", sondern "reconnect": Das Ziel ist eine neue Medienkompetenz in einer reizüberfluteten Kultur. Das meinen wir mit dem Trendbegriff OMline: im digitalen Zeitalter die informelle und kommunikative Balance wiederzufinden. Gerade in den USA, dem Mutterland der digitalen Reizüberflutung, findet derzeit ein breiter Prozess der Korrektur des Medienverhaltens statt – "Digital Dieting" ist in aller Munde.

Mentaler Widerstand
In W. H. Audens poetischem Szenenstück "The Age of Anxiety" (1948) – das Zeitalter der Angst – konfrontieren sich vier Personen in einer Bar der Nachkriegszeit mit dem Schrecken der Weltgeschichte. Alles beginnt düster, das Grauen der Welt scheint die Wirklichkeit und die Zukunft zu bestimmen. Doch dann beginnen die Protagonisten zu begreifen, dass die Angst verschwindet, indem man die inneren Bindungskräfte stärkt, die Sympathie untereinander – in gegenseitiger Liebe zu sich selbst, zum Fremden und zur Welt.

Die Politologin Esra Küçük sprach neulich in einer Rede von dem Mut, keine Angst zu haben. Man könnte auch von der Pflicht zur Zuversicht sprechen. In einer hysterisierten Kultur wird Gelassenheit eine Tugend, eine begehrte Kulturtechnik der Zukunft.

Evolutionäre List
"Veränderungen müssen listig angegangen werden", schreibt der Soziologe Armin Nassehi in seinem Essay "Die große Weltveränderung": "Listig in dem Sinne, dass man ihnen eine Chance geben muss, sich von den Intentionen der Beteiligten unabhängig zu machen. Wenn sich die Dinge bewähren, kommen die Intentionen schon hinterher."

Ein solcher Handlungsansatz kehrt die Kausalität des Wandels um. Im evolutionären Denken ist Wandel kein Zwangsprogramm mehr, entstanden aus den finalen Gründen und Zwecken der Weltrettung oder der Utopie. Veränderungen werden vielmehr lokal, pragmatisch, im Hier und Jetzt angegangen. Kant 2.0 sozusagen. Nassehi schreibt weiter:

"Paradox ist, dass es offenbar nicht möglich ist, Veränderung durch Aufklärung anzuregen, sondern umgekehrt: Aufklärung durch Veränderung. Das ist ein pädagogischer Gedanke: Verhältnisse einzurichten, in denen sich anderes Verhalten so bewähren kann, dass es sich normalisiert."

Nassehi nennt diese Art des Wandels eine Restabilisierungsstrategie. Der evolutionäre Ansatz des Handelns setzt auf die Selbstorganisationsfähigkeit von Systemen – gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen. Er traut Menschen und Systemen eine heilsame Autonomie zu. Dieser neue Vitalismus vertraut der Zukunft als formende Kraft in der Gegenwart.

Resilienter Humor
Ironie ist und bleibt die wirksamste Waffe gegen die Herrschaft des Grölens. Wer achtsam lacht, versteht, dass die Welt immer mehrere Seiten hat. Er schlägt sich auf die Seite des Eingeständnisses, das die Welt nicht zu retten, wohl aber zu verstehen und zu verbessern ist.

Was ist der Mensch?

Für Kant ist der Mensch ein ewig Suchender und Irrender. Er kommt nicht leicht aus der "selbstverschuldeten Unmündigkeit" heraus. In Kants Nachlass erschien ihm die Welt als ein "Narrenspital". Er wirft die Frage auf, "ob nicht alle Menschen in gewisser Weise gestört sind", und der Mensch nicht "ein zweideutig Mittelding von Engeln und Vieh" sei. Sein Menschenbild ist alles andere als positiv: Die Menschen "reden von Grundsätzen", sind aber "vollgepfropft von Torheit". In der menschlichen Natur stecke eine "große Portion Wind", die "in allen Teilen derselben ihren Sitz genommen hat".

Kant sieht den Menschen als Bewohner des Zwischenverhältnisses, eines Spannungsfeldes. Er ist das "mittlere Wesen", das zwischen dem Kosmos und dem Mikrokosmos lebt, und in dem sich die Kräfte der Komplexität verbinden. Der Mensch vereinigt in sich nicht nur Physikalisches und Biologisches, sondern auch Geistiges. Die Spannungen dieser verschiedenen Einwirkungen entwickeln die "Person" des Menschen. Durch das Geistige ist der Mensch den anderen Lebewesen überlegen, doch die Dreiheit von Physik, Biologie und Geist gibt ihm auch Schwäche. Biologische Gesetze regieren über physische, geistige über biologische. Auch ein biologisches Gesetz kann über ein geistiges regierten, sodass Instinkte und Triebe zum Vorschein kommen.

Das Bild der Aufklärung, dem sich Kant verpflichtet fühlte, definierte den Menschen als Bürger eines Staates, der zugleich Teil eines Weltstaates sein sollte. Vernunft und die Gesetze der Ratio würden auf Dauer einen ewigen Frieden hervorbringen, denn der "in Vernunft gesetzte" Staat würde keinen Grund mehr haben, Krieg zu führen. Diese Hoffnungen haben sich noch nicht erfüllt. Aber sie bleiben die Richtung der Zukunft.

Aggressive Altruisten
Ist der Mensch ein Wolf, der bei passender Gelegenheit, wenn die "Kruste der Zivilisation" abplatzt, seine wölfische Natur enthüllt? Dieses uralte Bild wird derzeit wieder stark aktualisiert.

Menschen sind Bindungswesen, die Kooperation vorziehen, wenn diese Kooperation Vorteile verspricht. Menschen sind auch soziale Wesen der Empathie. Freiheit und Bindung sind die Pole unserer Existenz. Es kann auch zu viel Bindung und zu viel Emotion geben, und zu wenig Freiheit. Der Psychologieprofessor Paul Bloom hat dies in seinem Essay "Against Empathy" ausgeführt. Menschen mit hohem Erregungspotenzial, so Bloom, neigen dazu, sich umstandslos emotional mit anderen zu identifizieren. Sie definieren ein hermetisches Wir in einem Othering-Prozess. Indem wir andere ausschließen und entwerten, definieren wir uns als homogene Gruppe. Genau das ist das Prinzip des Populismus.

Die heutigen Hass-Infektionen sind in Wirklichkeit Epidemien fehlgelenkter Empathie. Bloom nennt das auch "Pathologischen Altruismus":

"Empathie ist ein Bauchgefühl, das einen wegschwemmt. Empathie und Ärger haben vieles gemein. Beide entstehen in der frühen Kindheit und existieren in jeder Gesellschaft. Beide sind sozial. Und beide sind moralisch (...). Wenn wir uns über die irrationalen, willkürlichen und selbst-destruktiven Eigenschaften des Ärgers Gedanken machen, sollten wir eine Menge Intelligenz, Selbstkontrolle und Sinn für Gerechtigkeit entwickeln." (übersetzt nach Bloom 2014)

Bloom empfiehlt als Gegenbegriff zur Empathie das Mitgefühl. Im Mitgefühl verbinden wir uns mit der Welt, ohne uns von Emotionen überwältigen zu lassen. Mitgefühl ist die Achtsamkeit des Wir. Mitgefühl ist die Empathieform der Zukunft. Menschen sind Zukunftswesen. Wir haben ein Bewusstsein von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und wir können unser Handeln für eine bessere Zukunft einsetzen. Diese Grundüberzeugung trieb schon Kant an. Im Jahr 2017 ist sie nötiger und wichtiger denn je.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2017.

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