Future Learning: Kreativ und flexibel

Know-how wird situativ: Problemlösungskompetenz ist die wertvollste Ressource der Wissensgesellschaft von morgen.

Quelle: Trend Update 05/2013

Lassedesignen / fotolia.com

Biografien sind längst zu „Multigrafien“ geworden, zu Lebensläufen der Optionen. In einer Gesellschaft, die uns immer mehr individuelle Freiheiten gibt, uns aber auch immer stärker unter Entscheidungsdruck setzt, verändern sich Werte: Es ist nicht mehr das Pflichtbewusstsein gegenüber Familie, Religion und Vaterland, das die Menschen antreibt, sondern die Suche nach dem eigenen, persönlichen Glück. Das verändert auf der ganzen Welt die Art, wie Menschen leben und arbeiten. Denn mit dem Warum ändert sich auch Patchwork-Lebensläufe und Zickzack-Karrieren verlieren den Ruch der Orientierungslosigkeit das Wie der Arbeit. Patchwork-Lebensläufe und Zickzack-Karrieren verlieren den Ruch der Orientierungslosigkeit. Das umfassende Portfolio, das im Laufe einer solchen „Nicht-Karriere“ entsteht, wird zum neuen Statussymbol der kreativen Ökonomie. Denn es gilt beides: Viele unterschiedliche Erfahrungen zu sammeln ist der Wunsch des Individuums auf seiner Suche nach Selbstverwirklichung, zugleich aber auch eine immer zentralere Anforderung des volatilen Arbeitsmarktes.

Das „lebenslange Lernen“ ist vor diesem Hintergrund seit Jahren ein Schlagwort der Politik, ebenso wie die vielbeschworene „Wissensgesellschaft“. Doch mit Blick auf die Statistik wunderte man sich bislang, warum dann der zu erwartende Boom der beruflichen Weiterbildung ausbleibt. Das ändert sich jetzt: Arbeitgeber in Deutschland fangen an, in das Know-how ihrer Mitarbeiter zu investieren. In Zukunft jedoch wird Weiterbildung zu einem großen Teil auf informellen Kanälen stattfinden: Weiterbildung wird unsichtbar. Sie findet auf einer Ebene statt, die nicht so einfach auf dem Papier zu dokumentieren ist, denn sie entwickelt sich gleichsam organisch aus der ganzheitlichen Lebenserfahrung.

Die Individualisierung der Arbeit

Die neuen Kreativ-Arbeiter sind flexibel; sie denken nicht mehr in Karrieren, sondern situativ. Flexibilität statt „Stabilität“, progressive Entwicklung im nie endenden Experimentierstadium statt der ewigen Suche nach dem „richtigen“ Status quo prägen die Berufsbiografien junger Menschen. Das manifestiert sich in sogenannten Slash/Slash-Lebensläufen. Anstatt sich für immer auf einen einzigen Beruf festzulegen, gehen die Kreativen mehreren Erwerbstätigkeiten und Leidenschaften nach, die gleichberechtigt nebeneinander stehen – in geschriebener Form üblicherweise durch einen „Slash“, also einen Schrägstrich, getrennt.

Die Selbstbeschreibung dieser Generation liest sich in einem Blog der Werbeagentur Saatchi & Saatchi wie folgt: „Wir sind die Slash/Slash-Generation – eine Gruppe von Menschen, die sich selbst nicht über eine einzige Beschäftigung, sondern über die Vielfalt ihrer Erfahrungen, Leidenschaften und Netzwerke definiert. Anstatt aus unseren Leben einen geraden und stetig nach oben verlaufenden Karriereweg “Unser Lebensstil ist uns wichtiger als unsere Karriere” herauszuarbeiten, versuchen wir, so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln, die zu unserem vielfältigen Lebensstil beitragen können. Unser Lebensstil ist uns wichtiger als unsere Karriere. Und je facettenreicher er ist, desto besser. Ich habe einen Freund, der sich selbst nicht als ‚Apotheker‘, sondern als ‚Wissenschaftsnerd/Pianist/Musikproduzent/ professioneller Pokerspieler/ Amateurpolitiker/Naturbursche/ Leckermäulchen‘ bezeichnet. Wie die meisten Vertreter unserer Generation möchte er nicht in eine bestimmte Typologie einsortiert werden. Er ist er selbst, ein einzigartiges Individuum mit einer vielschichtigen Identität.“ (Nisha Gupta)

Wie gemeinnützige Arbeit den Portfolio- Arbeitern der kreativen Slash/Slash-Generation zugutekommt, zeigt das Beispiel Raise5. Das Ziel der Plattform besteht darin, mit kleinen, meist kreativen Projekten fünf USDollar zu verdienen und gemeinnützigen Zwecken zukommen zu lassen. Auf Raise5 können kleine Jobs angeboten werden, die über PayPal oder Kreditkarte bezahlt werden. Den Lohn können die Anbieter an eine gemeinnützige Organisation ihrer Wahl (z.B. Ärzte ohne Grenzen) weiterleiten, 75 Cent der gespendeten fünf Dollar gehen an die Plattform selbst. Bei den angebotenen Jobs reicht das Spektrum von der grafischen Gestaltung von Visitenkarten über das Promoten von Webseiten in Sozialen Medien bis hin zum Tanz im Bärenkostüm. Eine wunderbare Gelegenheit für junge Kreative, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln und zur Schau zu stellen – und dabei noch etwas Gutes zu tun.

Anstatt einen festen „Wissensschatz“ aus der Jugend als Rechtfertigung zu nutzen, „Arbeitsplatzinhaber“ zu sein, entwickelt die Slash/Slash-Generation lieber ihre Fähigkeiten weiter, und zwar am liebsten in der praktischen Anwendung. Erfahrungen werden immer wichtiger, Arbeitsproben das zentrale Instrument, um die Karriere voranzutreiben.

Hohe Ansprüche

Doch handelt es sich dabei wirklich um einen gesamtgesellschaftlichen Trend? Sind das nicht nur einzelne, verwöhnte junge Menschen, deren Leben sich um das Luxusproblem Selbstverwirklichung dreht? Was ist aus den klassischen Tugenden – Pflichtbewusstsein, Disziplin und Fleiß – geworden? Und spiegelt die Forderung, der Arbeitsmarkt habe sich gefälligst den eigenen Bedürfnissen anzupassen, nicht Arroganz und bestenfalls schnöde Faulheit?

Die Zahlen sprechen dagegen: Der demographische Wandel ist auf der Seite der jungen Arbeitnehmer. Mit der sinkenden Geburtenrate wird der „Talentpool“, auf den Unternehmen zurückgreifen können, kleiner, die Arbeitskraft des Einzelnen wertvoller. Kreative Arbeiter stellen hohe Ansprüche, weil sie es sich leisten können. Dazu kommt, dass Arbeitgeber im Gegenzug weniger bieten können als noch ein paar Jahrzehnte zuvor. Aufstieg und Sicherheit sind nicht länger garantiert, also setzen junge Arbeitnehmer auf die Entfaltung der eigenen Talente statt auf Firmenwagen und ein exorbitantes Gehalt als Ziel ihrer beruflichen Entwicklung. „Sie wollen nicht um jeden Preis nach oben und ihre Balance, ihr privates Glück, aufgeben. Darin unterscheiden sie sich deutlich von früheren Generationen“, so der Manager Michael Ensser im Interview mit dem „Handelsblatt“.

Verwöhnt oder nicht: Diese Erwartungen der jungen Kreativen prägen den Arbeitsmarkt. Das ist längst die wirtschaftliche Realität in Deutschland, und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen.

Selbstverwirklichung mag in erster Linie ein Thema für hochgebildete Menschen sein. Dabei ist aber ein veränderter Ansatz zu beachten. Die Hochgebildeten sind in Deutschland Die Hochgebildeten sind in Deutschland längst nicht mehr nur die „oberen Zehntausend“, sondern durchaus breite Masse längst nicht mehr nur die „oberen Zehntausend“, sondern durchaus breite Masse. 2001 machten 175.000 Menschen in Deutschland ihren Hochschulabschluss, 2010 waren es 300.000. Die Geburtsjahrgänge werden schmaler, aber die Uni-Absolventenquote steigt. Der Anteil von Menschen mit Hochschulabschluss an einem Geburtsjahrgang lag in Deutschland 2010 bei 30 Prozent. Damit liegt Deutschland zudem immer noch unter dem OECD-Durchschnitt von 39 Prozent.

Open Education

Studien wie der Bildungsbericht 2012 des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung prognostizieren, dass sich die Zahl der Uni-Absolventen (nach dem durch doppelte Abiturjahrgänge und dem Wegfall des Wehrdienstes bedingten Peak) auf hohem Niveau einpendeln wird. Wir leben längst in einer Hochbildungsgesellschaft, und das hat auch mit der Volatilität der Arbeitsmärkte zu tun. Denn hohe Bildung ist immer noch die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit:Nur 2,8 Prozent der Deutschen mit Hochschulabschluss werden von der Statistik als „erwerbslos“ geführt. Und die Anforderungen eines Arbeitsmarktes in der kreativen Ökonomie kommen diesen Ansprüchen junger Arbeitnehmer entgegen: Sorgfältig, eigenverantwortlich und seriös mit Wissensinhalten umgehen zu können ist eine Kompetenz, die immer mehr Menschen für ihr Arbeitsleben brauchen. Und bisher vermittelt niemand diese Kompetenz so umfassend und gründlich wie die Hochschulen.

Hochbildung als Massenphänomen verändert heute die Hochschulen in Deutschland. Sie sind keine Elfenbeintürme mehr, sondern entwickeln sich unter den Forderungen nach „Open Hochschulen wandeln sich zu Qualifizierungsanstalten Education“ zu Qualifizierungsanstalten für ein Gros der Bevölkerung. Denn Universitäten sind nicht mehr für eine Industriegesellschaft da, die nur eine kleine bürgerliche Elite von Ärzten, Anwälten, Lehrern und Pfarrern akademisch ausbildet, sondern für die umfangreichere, aber volatilere Wissens- und Kreativökonomie.

Die Hochschulen öffnen sich in vielerlei Hinsicht:

  • Sie öffnen sich zur Wirtschaft hin, deren Nachwuchstalente auszubilden eine ihrer Hauptaufgaben geworden ist und deren Fördermittel für Forschung sie gern in Anspruch nimmt, um den Boden für lukrative Innovationen zu bereiten.
  • Zugleich öffnen sie sich der internationalen Öffentlichkeit, im Rahmen von Crowdsourcing-Projekten sogar wissenschaftlichen Laien.
  • Und die einzelnen akademischen Fächer öffnen sich einander unter dem Vorzeichen der Transdisziplinarität.

Kulturelle Techniken

Wenn von Bildungsreformen die Rede ist oder von den Anforderungen der Wissensgesellschaft von morgen an Bildungseinrichtungen von heute, dann besteht die reflexartige Reaktion von (Hoch-)Schulen meist darin, dass sie ein neues Computer-Labor einrichten, Beamer aufstellen statt Overhead-Projektoren und, wie jüngst die thailändische Regierung, laut darüber nachdenken, Tablet-Computer an Schüler zu verteilen.

Diese Veränderungen sind gut gemeint und auch sicher notwendig. Doch leider sind sie sehr oberflächlich. Denn was sich zwischen Gegenwart und Zukunft verändert und damit auch relevant ist für die Bildung, die junge Menschen auf das vorbereiten soll, was kommt, sind nicht die Medien. Es sind die Mediennutzungsgewohnheiten und die kulturellen Techniken, die damit einhergehen. Ob man für das Lösen einer Rechenaufgabe einen Computer verwendet oder Zettel und Stift, ist weniger wichtig als die Frage, ob die Rechenaufgabe an sich überhaupt sinnvoll ist. Was lernt der Schüler dabei? Versteht er, worum es geht? Ist er motiviert? Ist er neugierig? Hat er Erfolg damit?

Die Öffnung der Bildung (und damit die Veränderung der akademischen Lehre) zeigt sich in den Interdependenzen zwischen neuen Medien und den Kulturtechniken des Lehrens und Lernens. Die Innovationen, die aus diesem Spannungsfeld entstehen, sind manchmal überraschend radikal. Das Konzept des „Flipped Classroom“ zum Beispiel hält, was es verspricht, und stellt die uralte Tradition des Frontalvortrags im Klassenzimmer, kombiniert mit Hausaufgaben, auf den Kopf. Flipped Classroom bedeutet, dass der Lehrer seinen Vortrag den Schülern Die Öffnung der Bildung zeigt sich in den Interdependenzen zwischen neuen Medien und den Kulturtechniken des Lehrens und Lernens als Online-Video zur Verfügung stellt. Der Schüler kann ihn sich zuhause ansehen – und zurückspringen, wenn er etwas nicht verstanden hat. Die „Hausaufgaben“ werden stattdessen vom heimischen Schreibtisch ins Klassenzimmer verlagert: Die praktische Anwendung des im Online-Video Gelernten wird im Klassenzimmer, in der Gruppe geübt. Hier ist auch der Lehrer vor Ort, falls es Rückfragen gibt. Das klassische Modell „Frontalunterricht in der Schule – Hausaufgaben zuhause“ wird damit umgekehrt, eben „flipped“.

Professor Christian Spannagel von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg ist einer der deutschen Universitätsprofessoren, die das Konzept „Flipped Classroom“ auf ihre Vorlesungen anwenden. Seine Vorlesung hören die Studenten online, in der Uni werden dann gemeinsam die dazu gehörenden Aufgaben gelöst. „Über 90 Prozent der Studierenden würden dieses Veranstaltungskonzept weiterhin wählen, wenn man sie vor die Wahl stellen würde“, wird der Mathematik- Didaktiker Spannagel in einer Pressemitteilung der Universität zitiert.

The One World Schoolhouse

Bildung hat immer auch eine politische Dimension, weil von ihr der spätere soziale und ökonomische Status von Personen und Gesellschaften abhängt. Bildungsgerechtigkeit wird dadurch zur Voraussetzung einer gerechten Gesellschaft überhaupt. Deutschland ist in dieser Hinsicht leider immer noch Entwicklungsland: Hat mindestens ein Elternteil einen Universitätsabschluss, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind studiert, bei 81 Prozent. Bei Kindern von Eltern, die ohne beruflichen Abschluss sind oder eine Lehre gemacht haben, liegt sie mit 62 Prozent erheblich niedriger.

In der globalen Perspektive und vor dem Hintergrund des Megatrends Konnektivität bekommt das Thema Bildungsgerechtigkeit aber eine radikal neue Dynamik. Vielleicht ist das, was wir erleben, der Beginn einer globalen Meritokratie, in der der Fischersohn aus Somalia studieren darf, die Zahnarzttochter aus Heidelberg aber nicht – wenn er begabter ist und sich mehr anstrengt als sie. „The One World Schoolhouse“ heißt das Buch, das der ehemalige Hedgefonds-Manager Salman Khan geschrieben hat: Plötzlich sitzt die ganze Welt in einem einzigen Klassenzimmer. Als „Big Picture“ sind das die gesellschaftlichen Auswirkungen, die eine unscheinbare Medien-Innovation wie das Online- Video haben kann.

Salman Khan lud im Jahr 2006 sein erstes Video-Tutorial auf YouTube hoch, um seinen Cousins und Cousinen Mathe-Nachhilfe zu geben. Die Reichweite ging aber schnell über den Familienkreis hinaus, und Khan, von so viel Nachfrage zunächst überrascht, gründete schließlich seine eigene Online-Uni: die Khan Academy. Seine Vision: Bildung auf Universitätsniveau für alle. Wirklich alle. Menschen, die in ländlichen Regionen von Schwellenländern oder in den Slums der Megacitys leben, eingeschlossen.

Der Stanford-Professor und für Google tätige KI-Forscher Sebastian Thrun begegnete Salman Khan auf der TED-Konferenz in Long Beach im Jahr 2011. Seit Thrun einen seiner Kurse öffnete, indem er ihn gleichzeitig online abhielt, ist in der Hochschulwelt nichts mehr wie zuvor. 160.000 Studenten nahmen an Thruns Online-Seminar teil. 23.000 von ihnen legten erfolgreich die Abschlussprüfung ab, über 400 Online-Studenten Massive Open Online Courses revolutionieren die akademische Bildung auf der ganzen Welt waren besser als der beste Stanfordstudent. Thrun verließ daraufhin Stanford und gründete mit zwei Kollegen die offene Lernplattform Udacity – Thrun selbst ist also ein Vertreter der kreativen Arbeiter, die zu unvorhersehbaren Karriereschritten neigen, wie zum Beispiel eine Stanford-Professur aufzugeben zugunsten eines Startup-Experiments mit ungewissem Ausgang. Doch der erste Erfolg gibt ihm Recht: Von Februar bis April 2012 wurden die Udacity-Kurse von über 90.000 Teilnehmern verfolgt. Und unter dem Stichwort „MOOC“, Massive Open Online Course, revolutioniert diese Idee seither die akademische Bildung auf der ganzen Welt.

Zwei weitere Stanford-Professoren, Daphne Koller und Andrew Ng, gründeten ebenfalls ihr eigenes Unternehmen: Coursera. Der Unterschied zu Udacity besteht in der fachlichen Ausrichtung: Während Udacity sich auf Informatik spezialisiert, sollen bei Coursera auch Geistes- und Sozialwissenschaften gelehrt werden. Die Bewertung der Leistungen der Schüler wird dadurch erschwert, zumal die Informatiker sich bei ihren Multiple-Choice-Tests eher auf die Auswertung mithilfe von Künstlicher Intelligenz verlassen können. Aber wie soll ein Computer ein Gedicht bewerten?

Die Lösung heißt: Peer-Grading-Studenten bewerten einfach andere Studenten. Dabei werden die Richtlinien durch den Professor vorgegeben, und natürlich sind die Bewertungen anonymisiert. Auf diese Weise kann sich Coursera von numerischer Bewertung lösen und Studenten ein „echtes Feedback“ geben. In Testläufen waren die Peer-Bewertungen sehr nah an den Noten, die auch ein Professor vergeben hätte.

Die Ivy-League-Universitäten sind unter dem Label edX auf den Zug aufgesprungen. Harvard und das Massachusetts Institute of Technology haben das Non-Profit-Unternehmen edX gegründet und bieten jetzt unter den Namen MITx und Harvardx kostenlose Online- Seminare an. Inzwischen ist eine ganze Universität auf Ivy-League-Niveau geplant, deren Lehrbetrieb vollständig im Internet stattfinden wird. 2015 will das Minerva-Projekt online gehen.

Kreativität ist Problemlösungskompetenz

Bildung hat aber auch immer eine wirtschaftliche Dimension, weil sie der Schlüssel zu der wichtigsten Ressource der Wissens- und Kreativökonomie ist. Doch worin genau besteht diese Ressource? Ist es nur die schiere quantitative Masse an angehäuftem Wissen, die in der „Wissensgesellschaft“ über Erfolg und Misserfolg entscheidet?

Massive Open Online Courses, wie Udacity und Coursera sie anbieten, sind derzeit ein großes Thema in den Medien. Doch viel grundlegender ist die damit einhergehende Veränderung in der Bildungskultur: Wissensarbeit wird in Zukunft situativ. Das bedeutet, dass es wichtiger wird, ad hoc Probleme lösen zu können, als über viel theoretisches Wissen zu verfügen. Diese spontane Problemlösungskompetenz, die von der Situation her gedacht wird, ist es, was die vielbeschworene Kreativität für die Arbeitswelt der Zukunft eigentlich bedeutet. Und Lehr- und Lernvideos revolutionieren nicht nur die Universitäten, sondern auch den alltäglichen Umgang mit situativem Know-how. Wer heute unter dreißig ist und, sagen Es wird wichtiger, ad hoc Probleme lösen zu können, als über viel theoretisches Wissen zu verfügen wir, auf seinem Balkon Erbsen anbauen will, belegt ganz sicher keinen Volkshochschulkurs zum Thema Gemüseanbau allgemein. Vielmehr schaut er sich das Video-Tutorial eines Gärtners aus Nebraska oder Island an, in dem es um den Anbau von Erbsen – und nur darum! – geht. Damit überspringt er theoretische und wissenshistorische Grundlagen und alle anderen Gemüsearten. Er investiert keine Zeit in den Erwerb von Wissen, das er nicht braucht. Sein Wissenserwerb ist situativ und auf das konkrete Problem gerichtet.

Dieses situative Wissensmanagement ist eine so grundlegende Kulturtechnik, dass es vom privaten Bereich längst auf den Beruf übergreift. Auch bei fachlichen Problemen, die während der Arbeit auftreten, greifen junge Menschen selbstverständlich auf die spezifizierbaren Suchalgorithmen und die Sozialen Netzwerke des Internets zurück. Die Mitarbeiter von ihrem Netz abzuschneiden ist der Unternehmensintelligenz in Zukunft also keineswegs zuträglich.

Ob privat oder beruflich: Dieses Prinzip wird die Art, wie wir uns Wissen aneignen, radikal verändern. Digitale Massenkollaboration, nichthierarchische Selbstorganisation, Open Source und der Austausch über Soziale Netzwerke halten Einzug in den Bildungssektor und machen den etablierten Bildungsinstitutionen Konkurrenz.

Bildung? Hacking!

Die Veränderung der Bildungsinhalte vom theoretischen Allgemeinwissen hin zum situativen Anwendungswissen geschieht auch vor dem Hintergrund des Hacking-Trends. Etwas zu „hacken“ hat längst nicht mehr nur etwas mit dem Programmieren von Computern zu tun, sondern durchdringt alle Gesellschaftsbereiche. Die Generation, die mit dem Netz groß geworden ist und die dortigen Praktiken wie Teilen, Tauschen und Transformieren gelernt und verinnerlicht hat, trägt nun „Hacking“ als Kulturtechnik in den Alltag. Hacking löst bestehende Hierarchien auf und beschreitet unkonventionelle Wege, um kreativ Probleme zu lösen. Dabei bedeutet Hacking nicht notwendigerweise Zerstörung, sondern rüttelt aktiv und produktiv am Status quo – und eben längst nicht mehr nur im Umfeld von IT und Internet. Auch IKEA-Möbel, Hamburger und das eigene Leben werden inzwischen „gehackt“. Die Hacker- Bewegung im Internet hat sich mit der DIY-Bewegung verbündet, die unter aufklärerischen Vorzeichen das Individuum von den Zumutungen der Massenkonsumgesellschaft befreien will.

Das Magazin „Make:“ erscheint vierteljährlich und bietet zahlreiche DIYAnleitungen für die unterschiedlichsten Technologien. „MAKE celebrates your right to tweak, hack, and bend any technology to your will.“ Die Anleitungen reichen vom selbstgebauten Roboter und Geigerzähler über das Hacking der Microsoft Kinect-Technologie bis zur Eigenproduktion von Seife. Die Ausgabe 31 widmet sich unter dem Titel „Punk Science“ der DIY-Wissenschaft.

„Lifehacker“ ist ein gefeiertes Weblog mit einem eigenen Redaktionsteam, das unter dem Motto „Tips and downloads for getting things done“ Menschen auf der ganzen Welt das Leben leichter macht. Das inhaltliche Spektrum reicht dabei von Bauanleitungen für DIY-Projektoren, die den Bildschirm von Smartphones auf eine große Leinwand übertragen können, über Steuertricks bis hin zu How-to-Anleitungen für mentale Techniken gegen Stress und Depressionen. Lifehacker wurde 2005 mit einem Sponsoringvertrag des Technologie- Unternehmens Sony gelauncht.

In der Hacking-Kultur entsteht eine Art von Bildung, die auf situative Problemlösungskompetenz abzielt und nichts mehr damit zu tun hat, „in die Schule zu müssen“. Der „Schüler“ wählt In der Hacking-Kultur entsteht eine Art von Bildung, die auf situative Problemlösungskompetenz abzielt die Inhalte selbst und schaut sich an, was ihn interessiert, ohne dass ein Lehrplan ihm vorschreibt, was er zu lernen hat. Es ist nicht nur der Wandel der kulturellen Techniken durch die neuen Medien, der diese Entwicklung so tiefgreifend macht, sondern auch die Umstellung von einer Bildungskultur, die durch äußeren, autoritären Zwang bedingt ist, hin zu einer Art von Wissensaneignung, die durch das individuelle Interesse des Lernenden motiviert ist.

Bildung als Hacking ist die Bildung für die Kreativgesellschaft, die das Industriezeitalter hinter sich gelassen hat. Diese individualisierte, situative Wissensaneignung hat sich vom Standarddenken der alten Bildungssysteme gelöst. Die neue Aufgabe von Bildungssystemen, angefangen von der Kinderkrippe bis hin zur Universität, lautet also: Strukturen schaffen, in denen Schüler eigenverantwortlich lernen können und vor allem auch wollen. Ihre intrinsische Motivation zu fördern und Inhalte punktgenau auf die jeweilige Situation hin bereitzustellen, das ist die neue Herausforderung für etablierte Bildungsinstitutionen. Was Schulen leisten könnten, leisten inzwischen längst schon andere.

„Reparaturcafés“ werden vom niederländischen Staat unterstützt und sollen den Bürgern einen Treffpunkt bieten, wo neben Small Talk und Kaffeetrinken auch technisches Know-how gefördert wird. Denn in den Reparaturcafés können die Kunden ihre kaputten Stereoanlagen, Fahrräder und Kleidung von anderen Kunden reparieren und sich dabei alles erklären lassen. Ehrenamtliche Schneider, Schuster, Mechaniker und clevere Amateure geben in den Reparaturcafés ihr Wissen weiter. Diese Treffpunkte bleiben nicht auf die Niederlande beschränkt: Im November 2012 eröffnete ein Reparaturcafé in Düsseldorf.

Das Netz bietet von Wikis bis zu Howto-Videos bislang ungeahnte Möglichkeiten, sich autodidaktisch eigene Curricula, Inhalte, Methoden und Lernressourcen zusammenzustellen, um die selbstgesteckten Lernziele selbstbestimmt und im eigenen Rhythmus zu verfolgen – alleine oder im Austausch mit anderen. Die anti-institutionelle Bewegung der Selbstlerner hat in den USA bereits einen Namen: EduPunks. Der EduPunks-Guide von Anya Kamenetz ist eine How-to-Anleitung für anerkannte Weiterbildungszertifikate, die man im Internet erwerben kann – bisher leider nur für die USA.

Der Anteil von Arbeitnehmern, die an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen, stagnierte bis 2010 in Ost- und Westdeutschland bei etwa 42 Prozent. Laut Bildungsbericht liegt das vor allem an den betrieblichen, also von den Unternehmen initiierten Weiterbildungsmaßnahmen, deren Teilnehmerquote zwischen 2007 und 2010 von 29 auf 26 Prozent sank. Doch mit dem Aufschwung der deutschen Wirtschaft begannen hiesige Firmen, in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren: Im Jahr 2012 lag der Anteil der Arbeitnehmer, die sich offiziell fortbildeten, in Deutschland insgesamt (Ost und West) bei 49 Prozent. Der „AES Trendbericht“, eine Erhebung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), aus dem diese Zahl stammt, nennt als Hauptgrund die Zunahme der betrieblichen Weiterbildungsmaßnahmen. Das BMBF verbucht diese Zahl als Erfolgsmeldung: Bis zum Jahr 2015 hatte sich das Ministerium zum Ziel gesetzt, dass die Hälfte aller deutschen Arbeitnehmer an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen.

Doch welche Maßnahmen sind das genau? Die Daten dieser Berichte stammen aus der „Adult Education Survey“ (AES) der Europäischen Union. Diese unterscheidet zwischen formalen, nicht-formalen und informellen Weiterbildungsmaßnahmen, entsprechend dem internationalen Klassifizierungsstandard ISCED.

  • 1. Formale Bildungsmaßnahmen umfassen institutionalisierte, geplante Bildungsmaßnahmen, wie sie in Schulen und manchmal in der Erwachsenenbildung stattfinden.
  • 2. Nicht-formale Bildungsmaßnahmen stellen institutionalisierte Ergänzungen zur formalen Bildung dar. Das klassische Weiterbildungsseminar mit Zertifikat fällt in diese Kategorie.
  • 3. Informelle Bildungsmaßnahmen umfassen Lernformen, die zielgerichtet, aber nicht institutionalisiert sind. Typischerweise finden sie in der Familie oder am Arbeitsplatz statt – oder im Internet – und gehen vom Lernenden selbst aus. Solche Bildungsmaßnahmen geschehen auf eigene Initiative.

Es ist die dritte dieser Kategorien, die für die Zukunft der Weiterbildung die entscheidende Rolle spielen wird. Informelle Bildungsmaßnahmen entsprechen nicht nur den neuen Kulturtechniken, die durch die digitale Revolution hervorgerufen wurden, sondern sind auch extrem kostengünstig – und damit konjunkturresistent. Ein großer Teil des beruflichen Lernens findet längst auf diesen Wegen statt: Wenn ein Mitarbeiter nicht weiter weiß, belegt er keinen Kurs, sondern liest in einem Online-Forum nach, schaut sich ein Video-Tutorial an oder fragt Kollegen. Das Know-how, das Menschen für ihre Arbeit tatsächlich verwenden, stammt größtenteils aus diesen informellen Wissensquellen:

  • Das EFMD Business Magazin zitiert eine Studie, nach der Mitarbeiter 75 Prozent ihrer Fähigkeiten auf informellem Weg erworben haben: Durch Diskussionen mit Kollegen, Selbststudium und Mentoren. Nur ein Viertel ihrer Fähigkeiten seien das Ergebnis formaler Weiterbildung.
  • Der Weiterbildungsanbieter Good-Practice führte 2010 eine Studie durch, in der über 200 Führungskräfte nach den effektivsten und häufigsten Lernmethoden befragt wurden. Das informelle Gespräch mit Kollegen kam dabei auf 80 Prozent, direkte Anleitung während der Arbeit durch Kollegen oder den Chef auf 45 Prozent.

 

 

 

Bildung durch die Hintertür

Natürlich war das schon immer so. Gute Personalchefs und -chefinnen aus jeder Generation wissen, dass Qualifikation – die wirkliche Qualifikation, die im Beruf tatsächlich benutzt wird – nicht auf Zeugnissen und Zertifikaten zu finden ist, sondern durch Erfahrung entsteht. Learning-by-Doing entzog sich dem Papier schon immer. Doch diese alte Tatsache erfährt vor dem Hintergrund des Wandels der Berufswelt einerseits und dem technologisch getriebenen Wandel der Bildung andererseits eine neue Dynamik. Lernen ent-institutionalisiert sich immer mehr, nicht nur im staatlichen Bildungssystem, sondern auch in der beruflichen Weiterbildung. Das, was offiziell als „Weiterbildung“ erfasst und gefördert wird, löst sich immer mehr von dem, was am Arbeitsplatz wirklich geschieht und worauf es dort ankommt.

Das bloße Ansammeln von Wissen in Weiterbildungskursen erscheint als Bildungsstrategie von gestern, zumal die wichtigste Leistung von Kreativarbeitern darin besteht, Informationen miteinander zu verknüpfen, anstatt sie nur im Gehirn „abzuspeichern“. Diese Verknüpfungen herzustellen ist eine Kreativleistung und so komplex, dass sie von Person zu Person verschieden abläuft und verschiedene Ergebnisse hat. Es ist also die einzigartige Persönlichkeit, die „Uniquability“ des Mitarbeiters, auf die zukunftsfähige Weiterbildung den Schwerpunkt setzt, nicht das „Wiederkäuen“ von theoretischem Wissen, das sowieso jederzeit nachgeschlagen werden kann. 2006 ergab eine Langzeitstudie der Carnegie Mellon Universität, dass Beschäftigte nur noch 10 Prozent des Wissens, das sie für die Arbeit brauchen, im Kopf gespeichert haben. 1997 waren es noch 20 Prozent, 1986 75 Prozent.

Der Technologie-Journalist Jerry Michalski hat sein komplettes Gehirn ins Internet gestellt. So jedenfalls die humorvolle Bezeichnung der Mindmapping-Software „The Brain“, mit der Michalski bisher 190.000 Einträge dokumentiert hat, die untereinander 345.000 Verbindungen aufweisen. Sein Exo-Gehirn verlinkt aber nicht nur einzelne Gedanken und Ideen miteinander, sondern auch mit Wikipedia-Einträgen, Zeitungsartikeln und anderen externen Quellen.

Die institutionalisierte Entinstitutionalisierung

Das Problem ist die Validierung: Was nicht auf dem Papier steht, hat keinen Einfluss auf die berufliche Mobilität des Einzelnen. Während die kreative Das bloße Ansammeln von Wissen in Weiterbildungskursen erscheint als Bildungsstrategie von gestern Ökonomie als Unterströmung längst spürbar geworden ist, hinken Institutionen dem Trend hinterher. Das informell Gelernte hilft bei der Bewerbung auf einen neuen Job im Großen und Ganzen nicht weiter, auch wenn Auswahlverfahren wie etwa Assessment-Center versuchen, auch die informell erworbenen Skills des Bewerbers zu erfassen.

Die Politik hat dieses Problem erkannt und reagiert; langsam, aber doch. In einer Stellungnahme des Bundesinstituts für Berufsbildung zum Berufsbildungsbericht der Bundesregierung, der im April erschienen ist, heißt es: „Die Validierung non-formalen und informellen Lernens hat in der Bundesrepublik Deutschland noch wenig Gewicht. Qualifikationsnachweise beruhen weitgehend auf formalisierten Bildungsgängen und Prüfungen. Lernen, das sich außerhalb der formalisierten Bildung in offenen Kontexten vollzieht, wird nur in geringem Maße dokumentiert. Dabei erfordern Arbeitskonzepte in den Unternehmen eine umfassendere Kompetenzentwicklung und damit ein Lernen im Prozess der Arbeit. Die heutigen Berufsbiografien verlaufen nicht mehr linear, und formale Zeugnisse geben immer weniger Auskunft über die berufliche Handlungskompetenz einer Person. Sie geben nur einen veralteten Stand von erworbener Bildung wieder.“

Die EU hat ihre Mitgliedsstaaten aufgefordert, deshalb bis 2018 Konzepte zur Validierung non-formaler und informeller Kompetenzen zu entwickeln. In fünf Jahren! Die Mühlen der Verwaltung mahlen langsam. Für den Herbst 2013 ist jedoch die Veröffentlichung der PIAACStudie geplant, eine Art PISA-Studie für Erwachsene, und es wird sich zeigen, ob die Ergebnisse dieser Studie die Entwicklung beschleunigen werden.

Weiter-Bildung Plus

Lebenslanges Lernen ist längst Realität, doch ein guter Teil davon vollzieht sich außerhalb der Wahrnehmung von Politik und Human-Resources-Abteilungen. Die Gesellschaft hat noch keine Sensoren entwickelt für das, was neu und anders ist. Die wirklichen Reichtümer der Wissensgesellschaft bleiben vorerst im Dunkeln: Die Leidenschaft und Open-Mindedness der kreativen Arbeiter, die heute die Wirtschaftswelt erobern. Sie sind neugierig im wahrsten Sinne des Wortes, immer bereit, etwas Neues zu erfahren. Kreative lernen ununterbrochen, aber sie lernen „by doing“, aus der Situation heraus. Blitzschnell und aus eigener Motivation eignen sie sich die Fähigkeiten an, die eine spezifische Situation erfordert. Was kluge Personaler tun können, ist, ihnen die Strukturen zu bieten, die sie dafür brauchen: Netzwerke und Freiräume.

Wie könnten diese Strukturen konkret aussehen? Berufliche Weiterbildung rückt jetzt schon näher an die Hochschulen heran, das duale Studium ist sicherlich ein Erfolgsmodell. In Zukunft sind intelligente Bildungsmodelle gefragt, die akademische Aus- und Weiterbildung clever mit der Erwerbstätigkeit kombinieren. Vor dem Hintergrund des Megatrends Individualisierung werden sich Fern- und Teilzeitstudium als Modell bewähren, aber auch weiterentwickeln.

Der Trend zum E-Learning befindet sich derzeit in einem Hype-Stadium: Onlinekurse sind gut und wichtig, doch entscheidend sind nicht das Medium oder die Technik, sondern die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen, die sie auslösen. Wissensarbeit wird durch diesen Trend individualisiert, und sie wird zunehmend situativ. Konkrete Problemlösungskompetenz ist in der Kreativ-Ökonomie wichtiger als eine große Menge an theoretischem Wissen, und das liegt auch daran, dass die Hacking-Kultur unsere Bildungs-Paradigmen verändert.

Paradoxerweise rückt in dieser digital revolutionierten Bildungs- und Arbeitswelt der physische Ort wieder stärker in den Vordergrund. Seit Marissa Mayer die Yahoo-Mitarbeiter aus dem Home Office wieder ins Büro zurückholte, tobt eine öffentliche Diskussion Paradoxerweise rückt in dieser digital revolutionierten Bildungs- und Arbeitswelt der physische Ort wieder stärker in den Vordergrund über Sinn und Unsinn der Telearbeit. Hauptargument der Home-Office-Gegner: der Stellenwert, den Plaudereien mit Kollegen für die gesamte Unternehmensintelligenz haben. Denn die Schlüsselqualifikationen für die Kreativ-Ökonomie von morgen – Kontextwissen, Kreativität, Persönlichkeit, soziale Skills und intrinsische Motivation – werden nicht nur im Internet, sondern vorrangig vor Ort und in Kontakt mit anderen Menschen entwickelt. Die zentrale Rolle, die das Face-to-Face-Gespräch mit Kollegen für die berufliche Qualifizierung spielt, ist ein Zeichen dafür. Für Kreativarbeiter ist der Austausch mit Kollegen entscheidend, aber auch mit Menschen aus anderen Branchen.

Die „Dritte Welle des virtuellen Arbeitens“

Um auch gedanklich neue Perspektiven entwickeln zu können, müssen Kreative auch zeitweise den physischen Ort wechseln. Die Beraterin Tammy Johns und die Professorin Lynda Gratton sehen im „Workspace“, in dem selbstständige und angestellte Telearbeiter verschiedener Firmen sich treffen, die „Dritte Welle des virtuellen Arbeitens“ verwirklicht. Denn ein Workspace ist Netzwerk und Freiraum zugleich und damit ein idealer Nährboden für die informelle Weiterbildung in der kreativen Ökonomie.

Auch ein konventionelles Büro kann zu einem solchen Ort werden, aber das allein genügt natürlich noch nicht, um die unsichtbaren Schätze der Wissensgesellschaft zu heben. Das bewusste Vermitteln von Kompetenzen, das Weiterbildungs- Seminar also, wird auch in Zukunft gebraucht werden, doch mit den neuen Anforderungen verändert sich auch die Form. Denn das beste Training für die situative Wissensarbeit ist das Schaffen von Situationen, die Problemlösungskompetenz erfordern. Das ist es, was Weiterbildungsangebote leisten können, die ihre Teilnehmer herausfordern, anstatt sie frontal zuzutexten.

Literatur

„Vielen Talenten fehlt die Motivation“. Interview mit Michael Ensser, Handelsblatt Nr. 40, 23.2.2013
OECD: Education at a Glance 2012
Bildung in Deutschland 2012. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur kulturellen Bildung im Lebenslauf. Bertelsmann 2012
„Vorlesung verkehrt, aber richtig“. Pressemitteilung der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, 31.05.2012
Salman Khan: The One World Schoolhouse. 2012
AES 2012 Trendbericht: Weiterbildungsverhalten in Deutschland
ISCED 2011. UNESCO Institute for Statistics 2012
Charles Jennings: „Workplace Learning: An Introduction“ Global Focus: The EFMD Business Magazine, Special supplement, Vol. 06, Januar 2012
Stellungnahme des Hauptausschusses des Bundesinstituts für Berufsbildung zum Entwurf des Berufsbildungsberichts 2013 der Bundesregierung. Anhang zur BIBB-Pressemitteilung Nr. 10/2013 vom 14.03.2013
Tammy Johns, Lynda Gratton: The Third Wave of Virtual Work. In: Harvard Business Review Vol. 91, 1. Januar 2013

Empfehlen Sie diesen Artikel!

Der Artikel hat Bezug zu folgenden Formaten:

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Wissenskultur

Megatrend Wissenskultur

Der Megatrend Wissenskultur wirkt ungebrochen. Insbesondere das Zusammenspiel mit dem Megatrend Konnektivität verändert unser Wissen über die Welt und die Art und Weise, wie wir mit Informationen umgehen. In dezentralen Strukturen werden enorme Mengen an Wissen generiert, es entstehen neue Formen der Innovation und des gemeinsamen Forschens. Wissen verliert seinen elitären Charakter und wird zunehmend zum Gemeingut, der globale Bildungsstand ist heute so hoch wie nie. Komplexere, unvorhersehbare Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt und neue, kollaborative Formen der Wissensaneignung verlagern zudem den Fokus: hin zum lebenslangen Lernen, zur Vermittlung von Methoden – und zu den Soft Skills.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Cornelia Kelber

Die studierte Germanistin und Journalistin ist seit 2010 für das Zukunftsinstitut tätig. Kelber arbeitet an Studienprojekten. Ihre Schwerpunktthemen: Marketing, Wertewandel und die Theorie der Zukunfts- und Trendforschung.