Gesundheit nach Corona: Das System wird adaptiv

Gesundheit war bereits vor der Coronakrise der wichtigste Wert der Menschen. Doch die Wochen und Monate im Frühjahr 2020 gaben der Gesundheit einen Teilaspekt zurück, der in den vergangenen Jahren zunehmend in den Hintergrund getreten war: das Bewusstsein, dass Gesundheit zuallererst bedeutet, nicht krank zu sein.

Von Corinna Mühlhausen

Illustration: Julian Horx

Als „Gesundheit“ bei der Präsentation des aktuellen Werte-Index der Marktforscher von Kantar im Februar 2020 auf Platz eins im Top-Ten-Ranking landete, hatte das mit der Coronakrise noch gar nichts zu tun. Der Indikator zeigte vor allem an, dass die Menschen all dem, was mit Gesundheit gemeint ist, einen extrem hohen Stellenwert beimessen: Fitness und Leistungsfähigkeit, körperliches und mentales Wohlgefühl, Schönheit – all jene Attribute, die das Überleben in der multioptionalen Netzgesellschaft sichern. Diese Wertschätzung wird auch nach der Coronakrise bestehen bleiben – doch zugleich wird wieder deutlich, dass Gesundheit zuallererst die Abwesenheit von Krankheit bedeutet.

Woran das Gesundheitssystem krankt

Diese Entwicklung bedeutet auch, dass die Missstände, die die Coronakrise offenbarte, nun dringend angegangen werden müssen. In den Monaten der Aufarbeitung nach der Krise wird niemand in Abrede stellen können, dass unser Gesundheitssystem mehr als ausgereizt war – auch wenn deutsche Krankenhäuser nicht wie jene in Italien oder New York völlig kollabierten, sondern das Kliniksystem in kurzer Zeit auf den Krisenmodus umschalten konnte.

Das lag vor allem an den Menschen, den medizinischen Kräften in den Kliniken, Praxen und Notfallanlaufstationen. Sie sorgten mit ihrem Einsatz dafür, dass sich das System Gesundheit an die Bedingungen der Krise adaptieren konnte. Während sich der klassische PC-Arbeitende ernüchtert bis erleichtert ins Homeoffice zurückzog und die Erfahrung machte, dass sich seine Tätigkeit auch über Fernanwesenheit in Kurzarbeit erledigen lässt, führten die Beschäftigten in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen der Gesellschaft vor Augen, was der viel zitierte Begriff „systemrelevant“ wirklich bedeutet. Die immense Wichtigkeit von Pflegekräften wurde plötzlich so deutlich wie nie.

Ohne den Einsatz der Pflegenden und aller anderen Mitarbeitenden des Gesundheitssystems – inklusive der Putzkräfte –, die ihre so lebensnotwendige Arbeit unter denkbar schlechten Arbeitsbedingungen leisten müssen, würde ein Shutdown des öffentlichen Lebens leicht in die Abschottung der medizinischen Systeme führen: in eine Welt, die auf Isolation statt Vernetzung programmiert ist.

Entscheidend ist die Fähigkeit zur Adaption

Für das deutsche Gesundheitssystem gibt es daher nach der Coronakrise nur einen wirklich zukunftsfähigen Weg: Wir müssen das, was wir in den Wochen und Monaten der Unsicherheit bewiesen haben, weiter ausbauen, um die aufgedeckten Missstände auszugleichen. Das erfordert Aufklärung und Information, Vernetzung und Solidarität. Und auch den Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und einzusehen, wenn sich die äußeren Umstände geändert haben oder neues Wissen neue Wahrheiten schafft. Nur so kann ein resilientes Gesundheitssystem wachsen – innerhalb einer resilienten Gesellschaft. Diese Adaption setzt voraus, was für jedes System gilt: Nur flexible Systeme sind zukunftsfähig – wer sich nicht anpasst, zerstört sich selbst.

Damit unser Gesundheitssystem in seiner bestehenden Form eine Zukunft haben kann, muss es nach dieser Krise weiter reformiert werden. Dabei wird auch Geld fließen müssen, das dann womöglich an anderer Stelle abgezogen wird. Diese Neustrukturierung des Gesundheitssystems kann nur gelingen, wenn die Verantwortlichen auch die anderen treibenden Faktoren gesellschaftlicher Wandlungsdynamiken mitberücksichtigen. Adaption meint die Fähigkeit, einzelne Teilbereiche zu modifizieren, ohne das große Ganze zu zerstören. Zu Beginn der Coronakrise war das nicht der Fall – und vermutlich auch gar nicht möglich. Geht es um das nackte Überleben, stehen alle anderen Werte und Impulsgeber dahinter zurück.

Ein neues holistisches Gesundheitsverständnis

Das eingangs erwähnte Werte-Index-Ranking zeigt auch, dass neben der Gesundheit als oberstem Wert auch andere Begriffe ganz oben stehen, von Familie und Erfolg über Freiheit und Natur bis zu Gemeinschaft, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. All diese Werte prägen das Mindset der Menschen in unserem Land. Ganz entscheidend wird es daher sein, das System ganzheitlich zu reformieren, angepasst an die gesamtgesellschaftliche Realität im Post-Corona-Zeitalter.

Dabei gilt es auch, die Digitalisierung des Gesundheitssystems aktiv voranzutreiben, da sie die Adaptionsfähigkeit in kürzerer Zeit steigert. Konkret brauchen wir eine 10-Prozent-Puffer-Regelung: In guten Zeiten müssen wir es uns als Staat leisten, ein Zehntel der Kräfte, Betten und Materialien im Gesundheitswesen zu bevorraten, um in schlechten Die Coronakrise hat der gesamten Menschheit bewiesen, wie fragil das Konzept der individuellen Gesundheitsfürsorge ist. Zeiten darauf zurückgreifen zu können. Auch die Arbeitszeit von Krankenschwestern und Pflegern sollte um rund ein Zehntel reduziert, ihr Gehalt aber um mindestens diesen Anteil gesteigert werden. Das muss es uns als Gesellschaft wert sein.

Nicht zuletzt gilt es, den Schutz der eigenen Gesundheit um einen verstärkten Schutz von Umwelt und Natur zu ergänzen. Allein schon, weil auch die Luftverschmutzung zur Ausbreitung von Pandemien beiträgt, indem Feinstaubpartikel zum Träger für Viren werden. Die Coronakrise hat der gesamten Menschheit bewiesen, wie fragil das Konzept der individuellen Gesundheitsfürsorge ist. Ist unsere Welt als Ganzes in Gefahr, läuft auch jeder einzelne Mensch Gefahr, sein Leben, seine Freiheit, sein Wohlergehen und seinen Wohlstand zu verlieren. Wir sitzen gemeinsam in diesem Boot Erde und sollten schleunigst damit beginnen, Gesundheit nicht nur als Privatsache, sondern als gesellschaftliche und globale Herausforderung zu begreifen.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Trendstudie „Die Welt nach Corona. Business, Märkte, Lebenswelten – was sich ändern wird“. Die Studie dient als Leitfaden für die Post-Corona-Realität, auf die Unternehmen hinarbeiten können.



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Corinna Mühlhausen

Corinna Mühlhausen ist Autorin, Journalistin, Referentin und erfahrene Trend- und Zukunftsforscherin. Sie lässt ihre langjährige Expertise im Gesundheitsbereich in den nun regelmäßig im Zukunftsinstitut erscheinenden Health Report einfließen.