Green Logistics

Die Logistikbranche steht vor einer Neuausrichtung: Umweltverträgliche und nachhaltige Lösungen entstehen aus zukunftsweisendem Denken in Kreisläufen.

Quelle: Retail Report 2016

Flickr/ Walmart

Für den Güterverkehr vermeldet das Statistische Bundesamt ein Rekord-Transportaufkommen von 4,5 Milliarden Tonnen im Jahr 2014. Der Großteil davon rollt über die Straßen. Auch wenn der KEP-Markt nur für einen Bruchteil des gesamten Aufkommens sorgt, ist er doch dabei, den Verkehr in den Städten zu verändern. Der weiter wachsende Online-Handel wird die Frage nach der Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit der Logistik in den Mittelpunkt treten lassen.

Einerseits wird die Sensibilität in der Gesellschaft für nachhaltiges Konsumieren und Wirtschaften immer stärker. Andererseits lässt man sich immer öfter Produkte liefern – im Wissen, dass dies für ein größeres Verkehrsaufkommen und höheren CO2-Ausstoß sorgt. Während Städte auf den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und die Verbesserung der Infrastruktur für Radfahrer und Fußgänger setzen, verstopfen immer mehr Lieferfahrzeuge die Straßen, blockieren Gehwege und Zufahrten, was die Umwelt- und Lebensqualität massiv einschränkt.

Doch nicht nur der Effizienzdruck auf Paketboten steigt – möglichst viele Zustellungen in möglichst kurzer Zeit, am richtigen Ort. Vielmehr muss sich die Logistikbranche inzwischen auch darüber verstärkt Gedanken machen, wie sie ihren ökologischen und sozialen Reifenabdruck verringern kann. Zu einer nachhaltigen Ausrichtung gehören daher auch faire Arbeitsbedingungen und Löhne.

Fair Business: Kern grüner Logistik

Die Logistikbranche hat es in der Öffentlichkeit nicht leicht: Die Berichterstattung deckte zahlreiche Missstände auf. Und noch immer jagt ein Skandal den nächsten. Zusteller unter enormem Zeitdruck, Arbeiter in Logistikzentren, deren Job vormodernen Formen der Fließbandarbeit gleicht. Der Wettbewerbsdruck ist hoch, Amazon & Co. geben den Takt vor: möglichst schnell, möglichst günstig. Die Fairness bleibt dabei oft auf der Strecke. Der Ruf der Branche ist denkbar schlecht: Dem Ranking der Gesellschaft führender PR-Agenturen zufolge liegt das Transportwesen auf dem drittletzten Platz der vertrauensvollsten Branchen in Deutschland. Nur jeder Dritte in Deutschland hat Vertrauen in die Logistikindustrie. Obwohl der Umgang mit Mitarbeitern für die Deutschen inzwischen zum wichtigsten Kriterium bei der Beurteilung von Unternehmen gilt, scheint sich die Branche mit ihrer Schlusslichtposition abzufinden.

Dabei ist es höchste Zeit, an einem positiven Image zu arbeiten. Denn nachhaltige Logistikkonzepte sind nur glaubwürdig, wenn sie nicht auf Kosten der Mitarbeiter gehen. Wichtig hierfür ist eine authentische, ehrliche Kommunikation und Transparenz im Supply-Chain-Management. Die Automatisierung in Lager- und Logistikzentren schreitet zwar mit großen Schritten voran, und auch erste Untersuchungen mit selbstfahrenden Fahrzeugen werden gemacht. Doch qualifizierte Mitarbeiter werden weiterhin gebraucht. Bereits jeder zehnte Logistikunternehmer hat für 2015 den drohenden Fachkräftemangel auf dem Schirm (BVL 2015). Und letztlich hat die Logistik eine entscheidende vernetzende Funktion: Sie ist das Bindeglied zwischen Herstellern, Händlern und Kunden. Nur in Kooperation lassen sich nachhaltige Modelle entwickeln, von denen alle Beteiligten profitieren.

Alternative Mobilitätskonzepte

„Die Logistik generiert in der globalisierten Welt etwa 9 bis 10 Prozent des GDP. Wir sind uns unserer Verantwortung für das Wirtschaftswachstum, die Beschäftigungssicherung und die Reduktion von Treibhausgas-Emissionen als Sektor sehr bewusst“, betont Roman Stiftner, Präsident der Bundesvereinigung Logistik in Österreich. Laut dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik werden mehr als 5,5 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes durch die Logistik verursacht. Neue Lieferfahrzeuge als Alternative zu luftverschmutzenden Lkw und Transportern kommen verstärkt zum Einsatz. Damit kann sich die Logistikbranche als Treiber für innovative Mobilitätskonzepte etablieren.

Zero Emission

Für die Deutsche Post DHL waren nach eigenen Angaben 2013 rund 89.000 Fahrzeuge unterwegs, größtenteils Transporter, aber auch Pkw und Lkw. Davon sind mittlerweile gut 3.000 Fahrzeuge mit einem alternativen Antriebssystem ausgestattet (z.B. Biokraftstoff, Elektro- oder Hybridantrieb). Dass es DHL ernst meint mit der Umstellung auf saubere Fahrzeuge, zeigte jüngst der Kauf des Startups StreetScooter. Das junge Unternehmen entwickelt eigens auf die Anforderungen der DHL abgestimmte Elektrofahrzeuge. Bis 2016 sollen am Firmensitz in Bonn ausschließlich E-Fahrzeuge Pakete ausliefern. In neun europäischen Ländern setzt DHL Express bereits Fahrradkuriere in Städten ein. Im Herbst 2014 wurden auch in Frankfurt und Berlin Pilotprojekte dazu gestartet.

Hermes „Über kurz oder lang wollen wir die gesamte Innenstadt emissionsfrei mit Paketen versorgen“ ist hierbei bereits einen großen Schritt weiter: Pünktlich zur Vorweihnachtszeit überraschte der Logistiker 2014 mit der Meldung, ab sofort in London alle Sendungen an Endkunden und Paketshops mit insgesamt 44 Elektrofahrzeugen zuzustellen. Diese Umstellung auf eine 100 Prozent emissionsfreie Lieferung ist Bestandteil der Agenda der Londoner Regierung, das Verkehrsaufkommen und den CO2-Ausstoß drastisch zu verringern.

Eine ähnliche Partnerschaft zur City-Logistik der Zukunft starteten die Stadt Hamburg und der Logistikdienstleister UPS. Die Lieferfahrzeuge sollen nicht länger die Straßen in der Innenstadt blockieren. Hierfür setzt UPS auf Muskelkraft statt PS: Pakete werden zu Fuß, mit dem E-Bike oder mit der Sackkarre ausgeliefert. Frühmorgens werden mobile Container aufgestellt, in denen die Zusteller die auszuliefernden Pakete vorfinden. „Über kurz oder lang wollen wir die gesamte Innenstadt emissionsfrei mit Paketen versorgen“, beschreibt Frank Sportolari, Generalbevollmächtigter von UPS Deutschland, das Ziel. Auch Kooperationen mit anderen Paketdienstleistern und gemeinsame Paketzentren kann er sich vorstellen. „Letztlich muss allen klar sein: Der Einzelhandel lebt davon, dass die Versorgung zuverlässig funktioniert“ (Kopp 2015).

Entschleunigter Transport

Je schneller, desto schlechter für die Umwelt. Aus diesem Grund plädieren Verkehrsexperten für Slow Logistics, die Entschleunigung im Transportwesen, so dass die Kapazitätsauslastung optimiert werden kann. Slow Steaming ist im Bereich der Schifffahrt bereits gang und gäbe: Handelsschiffe fahren ihre Geschwindigkeit herunter, um Öl zu sparen. Für Online-Shopper gibt es meist nur die Liefervarianten Standard, Express oder Same Day. Eine Option zum nachhaltigen Langsamversand fehlt. „Wenn ein langsames Paket einen Euro weniger kostete als ein schnelles, zu welchem Anteil würden dann Konsumenten oder auch Versender im B2B- oder im B2A-Segment ein langsames Paket wählen?“ Diese berechtigte Frage stellt Richard Vahrenkamp, Professor für Produktionswirtschaft und Logistik an der Universität Kassel, in einer Untersuchung zum Thema „Slow Logistic“.

In einigen an Flüssen gelegenen europäischen Städten entwickeln sich aktuell alternative Auslieferungsmodelle über die traditionell langsameren Binnenwasserstraßen. Was in asiatischen Städten wie Bangkok seit Jahren praktiziert wird, um die heillos überfüllten Straßen der Mega-Metropole zu umschiffen, erlebt nun auch in Amsterdam, London oder Paris eine Renaissance. So bot das Startup Vert chez vous in Paris bis Herbst 2014 eine multimodale Anlieferung via Wasserweg und E-Bikes. Frühmorgens startete ein mit Gütern beladenes Schiff im Hafen von Tolbiac im 13. Arrondissement. Der Frachtkahn fuhr auf der Seine in die Innenstadt und legte an verschiedenen Kais an. Von dort aus ging die Auslieferung mit elektrisch betriebenen Dreirädern mit Transportboxen direkt zu den Geschäftskunden weiter.

So innovativ und ökologisch dieses Transportmodell auch ist, in der Summe blieb es für die Betreiber unrentabel. Aktuell wird an einem neuen Konzept für einen effizienteren Frachtkahn gearbeitet. Sowohl die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die mit ihrer Politik die Weichen für ein autofreies Paris stellen will, als auch die staatliche Wasserstraßenverwaltung Frankreichs und der Verbund der Häfen Le Havre, Rouen und Paris HAROPA wollen, dass Vert chez vous möglichst bald wieder auf dem Wasserweg ausliefert. Grüne Logistik kann in Städten nur funktionieren, wenn Logistiker, Händler und die kommunale Politik an einem Strang ziehen.

Urbane Hubs für kurze Wege

Kleine City-Logistik-Hubs dienen als Bindeglied zu den großen Logistikzentren außerhalb der Städte. Das bedeutet aber auch, dass Handelsunternehmen kooperieren, den Hub gemeinsam nutzen und Warenlieferungen gebündelt werden. Das Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik hat hierfür mit dem Forschungsprojekt zu Urban Retail Logistics im Rahmen des Effizienz-Clusters Logistik-Ruhr neue Ansätze für die urbane Logistik von morgen untersucht. „Das Hub ist ein infrastrukturoptimierter Logistikstandort, der den Warenumschlag für die Distribution in die Stadt besonders schnell und dennoch zu annehmbaren Kosten gewährleisten muss“, so die Einschätzung (Wöhrle 2014). Voraussetzung sind Kooperationen zwischen Retailern und Logistikern – auch Wettbewerbern. Dass sich ein Wandel von der Lieferkette hin zu gemeinschaftlichen Liefernetzwerken Wandel von der Lieferkette hin zu gemeinschaftlichen Liefernetzwerken ökologisch wie auch ökonomisch auszahlt, will das Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik mit einem Pilotprojekt in der Region Rhein-Ruhr beweisen.

Verpackung: Reduce, Reuse, Recycle

16,6 Millionen Tonnen Verpackung wurden 2012 in Deutschland verbraucht, davon 7,1 Millionen Tonnen Papier, Pappe und Karton. Tendenz steigend. Seit 2001 ist der Verbrauch von Pappverpackungen um ca. 1 Million Tonnen gewachsen. Das geplante Gesetz der EU zur Reduzierung von Plastiktüten wird Pappe als Verpackungsmaterial weiter in den Fokus rücken. Doch auch heute regt sich bereits Unmut gegen die mehrfache Pappverpackung im Versandhandel. Zudem sind Pakete häufig nur zur Hälfte gefüllt.

Während sich der Verbraucher wundert, warum für ein kleines Produkt solch eine große Verpackung verwendet wird, betonen Logistikexperten den Vorteil der Stapelbarkeit beim Transport. Logistikexperte Ingmar Böckmann vom bevh ist sich sicher: „Der Pappkarton wird das Verpackungsmaterial der Zukunft bleiben“ (Knapp 2015).

Doch zusätzlich zum Verdruss über Verpackungsberge und Füllmaterialien meldet sich bei immer mehr Konsumenten das grüne Gewissen. Vorreiter ist die inzwischen stetig wachsende Zahl an Lebensmittelgeschäften, die ihre Waren ohne Verpackung nach Stückware oder Gewicht verkaufen: Unpackaged in London war der Vorreiter, es folgten in Kiel der Erfolgsladen Unverpackt, in Wien Lunzers Maß-Greißlerei und im Herbst 2014 das über Crowdfunding finanzierte Projekt Original Unverpackt in Berlin.

Auch wenn der Trend zum Zero Waste – Müll erst gar nicht entstehen zu lassen – in der Versandindustrie noch einen langen Weg vor sich hat, ist ein Umdenken zu einer Reduktion der Verpackung auch unter Etailern erkennbar: Online-Händler legen laut der EHI-Studie „Versand- und Retourenmanagement im E-Commerce 2014“ Wert auf eine ökologische Verpackung: 77 Prozent geben an, auf überflüssige Verpackung zu verzichten; drei von vier achten auf die Verwendung von umweltfreundlichem Verpackungsmaterial.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Handel

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„Handel ist Wandel“ – das ist die Devise einer Handelslandschaft. Das Flächenwachstum im stationären Einzelhandel stößt an seine Grenzen, und im Internet wird die Handelswelt neu vermessen.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Theresa Schleicher

Ihr Fachgebiet ist die Markenkommunikation und der Handel in digitalisierten Zeiten. Als strategische Beraterin liefert Theresa Schleicher frische Ideen für innovative Unternehmenskulturen und Wandlungsprozesse.

Janine Seitz

Die studierte Kulturanthropologin ist seit 2008 Redakteurin des Zukunftsinstituts. Ihr Fokus: die Zukunft des Handels, Digitalisierungstrends und Global Sustainability. Als Projektleiterin verantwortet Seitz die inhaltliche Koordination der Branchen-Reports.