Wir sind Zukunft.
Krieg ist eine Entscheidung!


„Erhellen was kommen wird, abhängig von dem was gekommen ist.“
François Jullien

Die Zukunft hat sich geändert — erneut. Der Einmarsch Russlands in die Ukraine ist eine menschliche und gesellschaftliche Katastrophe. Menschen sterben für die Fantasien einer kleinen Politelite. Der Großteil der Welt sagt: Das ist unvorstellbar. Und doch ist es wahr. Mit dieser Entscheidung Putins dringt ein für mich fremdes Außen in mein Innerstes: Krieg. Satelliten, Streams und Screens führen dieses Außen unweigerlich in mein Innen. Nun spüre ich Krieg: Er hat mich erreicht.

Vollumfänglich und im twitter-tik-tok-Takt bin ich informiert über die Ereignisse in der Ukraine. Ich schwimme in einem Strudel an Splitter-News. Beim Versuch, die Einzelteile zu einem Bild zusammenzusetzen, scheitere ich. Wie sollte es anders sein. Es bleibt mir die Emotion: Wut, Trauer, Leere.

Ich erkenne die eigene Zerbrechlichkeit, den momentanen Richtungsverlust. Ich spüre in Corona-erschöpften Zeiten auch die Grundlagen des westlichen Lebens in Frage gestellt. Ist all mein Alltag wirklich so wichtig, wie ich dachte? Ein emotionales Wechselbad durchdringt mich: Europa als alternde Idee an einem, Europa als überragende Gemeinschaft am nächsten Tag. Und immer wieder erfasse ich die tiefgreifende Einsicht, dass das, was wir allesamt als sicher erachteten, nicht Sicherheit bedeutet.

In meiner Profession folge ich dem Geist des Konstruktivismus. Ich habe mich dem systemischen Denken verschrieben. Ich möchte im Möglichkeitsraum Zukunft das gestalterische Momentum nutzen. In jeder Situation, so François Jullien, liegt auch ein Potential. Und so überwinde ich die Emotion und versuche mein Bestes. Rasch wird mir deutlich: Als Europas Gesellschaft werden wir aus diesem Ereignis lernen: Schneller und tiefgreifender als in zwei Jahren Corona. Wir werden unsere Abhängigkeiten erkennen und diese neu Kalibrieren. Dabei entsteht eine feinfühlige Wahrnehmung für den Begriff der Grenzen und ihrer umfassenden Bedeutungen — gerade in komplexen, digitalen Zeiten. Wo finde ich Europa, was ist Europa — ein Territorium, ein Konzept, eine Haltung oder gar eine Kompetenz?

Ich bin überzeugt, dass wir eine neue Ernsthaftigkeit von Entscheidungen erleben werden. Daher: Welche Macht wird wo ausgeübt? Was lassen wir uns nicht mehr gefallen? Auf welche Stärken werden wir setzen? Welche Partner benötigen wir?

Die Gemeinschaften Europas haben sich umfassend und schnell zu einem Point of View synchronisiert. Selbst die Schweiz hat ihren neutralen Standpunkt verlassen. Dies alles ist möglich, weil wir in einer real-digitalen Wirklichkeit leben. Doch in dieser verschwimmt unser Möglichkeitsraum. Die Zusammenhänge verdichten sich zur Kakophonie. Armin Nassehi meint: „Je stärker die Fragilität institutioneller Arrangements ins Bewusstsein gerät, desto stärker wird der Identitätsaspekt entscheidend für die Beschreibbarkeit der eigenen Situation.“ Schon meine Zeilen machen dies klar. Ich versuche, der Fragilität eine klare Perspektive abzuringen: Meine Worte formuliere ich als stolzer Europäer. Das Konzept Europa — was auch immer dies genau ist — wird zum Ausgangspunkt meiner Situationsbestimmung.

Die Intervention Russlands hat nicht nur in meinem wahrgenommenen Außen – der Ukraine – eine massive Ein-Wirkung entfaltet. Sie hat auch mein Innen schlagartig und tiefgreifend berührt und gewandelt. Meine Identität wurde über Nacht um ganz neue Facetten erweitert: Möglichkeitsräume in Richtung europäischer Gemeinschaft und gemeinsamen Fortschritt haben sich manifestiert. Aber auch eine klare Fokussierung auf Sicherheit und auf eine europäische Wettbewerbsfähigkeit. Meine Identität leitet meine Aufmerksamkeit in Richtung Zukunft. Auf dass aus meiner Identität eine vereinte Identität wird.

Als Teil des Zukunftsinstituts ist mir klar: Die Wirtschaft Europas wird sofort belastet und beflügelt zugleich. Die Entscheidungsvorlagen des nächsten Jahrzehnts liegen vor uns. In technologischen Entwicklungen wird eine Beschleunigung vollzogen — diese ermöglicht Europa, wieder am internationalen Spiel teilzuhaben. Die Sicherstellung der Energieversorgung wird Altbekanntes verlängern und zugleich einen Push der blauen Energiewende forcieren. Aus der Regel- und Debattier-Kultur Europas wird eine neue Entscheidungskompetenz erwachen, die auch in Unternehmen spürbar wird. Dem alltäglichen Informationschaos wird der Anspruch an Zusammenhangswissen und Informationsgüte gegenübergestellt. Qualität setzt sich durch. Das Netzwerk Europa wird sich mehr und mehr als wirksames Ökosystem etablieren und das Fundament für Fortschritt, Zusammenarbeit und Zukunftsfähigkeit legen.

In meiner europäischen Identität blicke ich auf die Zukunft und sehe Entscheidungen und die vor uns liegenden Übergänge. Es ist, als würden wir aufwachen. Die Antigravitation der letzten Jahrzehnte bekommt neue Fluchtlinien der Orientierung. Es ist ernst.

Es ist – oder wäre – nicht das erste Mal in der Geschichte der Welt, dass Katastrophen zu gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Fortschritt führen. Ich will keinen Krieg, um weiter zu kommen, ich verabscheue ihn zutiefst. Als gesamtes Board und Team des Zukunftsinstituts blicken wir traurig und voller Anteilnahme in die Ukraine. Es ist falsch, Punkt.

Trotz aller Betroffenheit sehe ich auch ein Momentum, um die Potentiale der Situation ernst zu nehmen. Die Zukunft gibt es nur im Hier und Jetzt. Sie wartet nicht auf uns. Vielmehr liegt sie in unseren Köpfen und Herzen. Sie ist das Ergebnis unserer Vorstellungen. Ich werde mich genauer denn je prüfen: In der Reflexion der gemeinsamen Vorstellungen entsteht die Zukunft. Denn sie ist ein kulturelles Konstrukt. Und für mich ist sie Europa.

Wir sind Zukunft.


Harry, Stephanie und Stefan
Zukunftsinstitut Board