Made in the City: Urban Manufacturing

Die kreative Stadt im digitalen Zeitalter verschafft auch Manufakturen eine Renaissance: Gerade in den Metropolen finden sie Entfaltungsräume und Anhänger.

Quelle: Trend Update

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Immer mehr Konsumenten wollen genau wissen, wer wo „ihre“ Produkte herstellt. Sichtbar treibt dies den Bedarf an lokal Produziertem an. Zweifel in Sachen sozialer Gerechtigkeit, der Wunsch nach guter Qualität und ein gesteigertes ökologisches Bewusstsein sind seit einiger Zeit Städte erleben eine Renaissance als Ort der Handwerkskunst und Produktion als Treiber des „New Local“-Trends aktiv. Gerade in Zeiten von Leiharbeiterskandalen und dubiosen Produktinhalten wird immer mehr Menschen klar, dass Geiz eben nicht geil ist und billig auch nicht immer gut sein kann. Für einen Großteil der Bevölkerung bedeutet „lokal“ dabei zudem auch „in der Stadt“ – Deutschland weist eine Urbanisierungsrate von 74 Prozent auf.

Gerade die großen Metropolen können auch in Zukunft mit Bevölkerungswachstum rechnen. Nimmt man beide Elemente zusammen, erleben Städte nicht nur eine Renaissance als Wohnraum, sondern auch als Ort der Handwerkskunst und Produktion – als „Urban Manufacturing“ in unmittelbarer Nähe zum Konsumenten. Die wachsende Anzahl von Manufakturen belebt dabei nicht nur die urbane Arbeitswelt, sondern bietet für Stadt und Hersteller vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten.

Urban Hand-Made

Ob Lifestyle-Objekte, Bekleidung oder Möbel – Manufakturen in der Stadt produzieren hochwertige, design-orientierte Produkte. Sie sind die Pioniere, die die städtischen Räume als Produktionsstandort zurückerobern. Zwei entscheidende Faktoren bestimmen dabei die Wahl des Standortes. Das ist zum einen die Nähe zum Konsumenten. Denn gerade in den Städten leben jene, die diese Produkte begehren und wertschätzen. Und zum anderen ermöglicht die urbane Lage, bestimmte Herstellungsprozesse, wie beispielsweise Laserschnitte, mit anderen Manufakturen zu teilen. Das hält die Kosten in Zaum und bietet dennoch die vollkommene Kontrolle über die Fertigung. Konsequenterweise fußt der Trend des Urban Manufacturing auf Produkten, die für den Endkonsumenten von besonderer, oft persönlicher Bedeutung sind: maßgeschneidert, von außergewöhnlicher Wertigkeit und Qualität.

Matratzen-Manufaktur

Seit 2007 fertigt Daniel Heer in Berlin seine hochwertigen, exklusiven Lederwaren und Rosshaarmatratzen. Gelernt hat er sein Handwerk in der Sattlerei seiner Familie, die 1907 von seinem Urgroßvater in Luzern gegründet wurde. Daniel Heer aber transformiert die Handwerkskunst Die Produkte sind für den Konsumenten von besonderer, oft persönlicher Bedeutung und Produktwelt der Sattlerei weiter: Seine klaren, schlichten Sitzmöbel und die präzise verarbeiteten Matratzen und Taschen passen perfekt in die Konsumwelt der Lohas und Bobos. Im März 2013 wurde Heer mit seinen innovativen Produkten von Ketel One in Kooperation mit dem Lifestyle-Magazin wallpaper zum „Modern Craftman“ ausgezeichnet.

Comeback des Krawattenklassikers

Die Krawattenmanufaktur Edsor Kronen besteht seit über 100 Jahren. In den Goldenen Zwanzigerjahren erlangte der Hersteller internationale Reputation für seine feinen Krawatten und Schleifen. Ein wenig in modische Vergessenheit geraten, erweckt nun der neue Juniorchef Jan-Henrik Scheper-Stuke das Unternehmen aus seinem Dornröschenschlaf. Ganz alter Tradition verbunden, schneidern in Berlin-Kreuzberg noch immer die alteingesessenen Mitarbeiter aus exklusiven Stoffen die perfekten Accessoires für den Herrn. Die hohe Qualität und die gelungene Neuausrichtung des klassischen Bekleidungsstücks in die Gegenwart lässt die Modemagazine von Edsor Kronen schwärmen.

Leidenschaft für Longboards

Doch es sind nicht nur traditionelle Handwerkskünste, die zwischen Wohnhäusern und Bürogebäuden neue Nischen finden. Die Anfänge der Mainzer Longboard-Manufaktur Olsen Hekmati begannen 2007 in einer Garage. Aus purer Leidenschaft und Neugier bauten Oliver Dehmel und Björn Hekmati ihre Bretter selbst, experimentierten mit neuen Formen und Materialkonfigurationen. Selbst der Maschinenpark für die Board-Produktion war Marke Eigenbau. Im Laufe der Jahre entwickelten sie verschiedene Board-Linien und verkauften weltweit die handgemachten Custom-Made-Bretter. Heute betreiben die beiden jungen Unternehmer den eigenen Shop „Asphaltinstrumente“ mit angeschlossener großer Werkstatt im Zentrum von Mainz – ein Treffpunkt für alle Arten von Board-Liebhabern. Olsen Hekmati ist eine der bekanntesten und beliebtesten deutschen Longboard-Marken und zählt mittlerweile zu den größten deutschen Herstellern.

Urban Spirit

Ein Blick in die Vergangenheit macht deutlich, dass die Stadt an sich schon immer ein wichtiger Ort für die Produktion von Gütern war. Hier hatten die Produzenten Zugriff auf zahlreiche Arbeitskräfte und optimale Transportmöglichkeiten. Mit zunehmender individueller Mobilität der Arbeitnehmer und ihrer Vorliebe für das suburbane Einfamilienhaus veränderten sich auch die Standorte der Hersteller. Produktion und Fertigung benötigten vor allem verkehrs- und steuergünstige Lagen. Zudem bot sich in Suburbia ausreichend Platz für günstige, eingeschossige, charakterlose Hallen mit großen Spannbreiten.

Und nicht allein der pragmatische Gedanke, attraktiver für Fachkräfte zu sein, ist der Grund für einen städtischen Standort. Das Stadtimage und der Bezug zur Stadt wird selbst zum identitätsstiftenden Merkmal für Produkte und Unternehmen. Städte bieten der kreativen Klasse berufliche wie private Entfaltungsmöglichkeiten Wie bei der Preußischen Spirituosen-Manufaktur (www.psmberlin.de): Mitten in Berlin-Wedding werden wieder feine Schnäpse und Liköre aus hochwertigen Zutaten gebraut. Vor drei Jahren haben der Barmann Gerald Schroff und Ulf Stahl, Professor für Mikrobiologie und Genetik, die altehrwürdigen Anlagen übernommen und zu neuem Leben erweckt. Dafür bedienen sie sich nicht nur der alten Destillationsgeräte von 1874, sondern auch an 130 Jahren Fachwissen, das Destillateure seit fünf Generationen aufgeschrieben und überliefert haben.

Doch die Zeiten ändern sich: Städte gewinnen immer mehr Einwohner. Sie bieten in der individualisierten Gesellschaft Freiraum und eine hohe Lebensqualität. Und auch Unternehmen entdecken wieder die Vorzüge der Stadt. Denn hochqualifizierte Mitarbeiter werden Mangelware – besonders in ländlichen Regionen. In Städten aber findet die kreative Klasse berufliche wie auch private Entfaltungsmöglichkeiten. Schon jetzt erwartet das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung, dass immer mehr Mittelständler die Nähe zu Städten suchen werden, um für Fachkräfte attraktiv zu sein. Warum nach Buxtehude gehen, wenn man auch in Städten wie Berlin und München eine gute Anstellung findet?

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Im Immobilien Report 2015 lesen Sie, was in Zukunft Gültigkeit hat: die Inszenierung von Räumen hat eine ganz besondere Magie und verfügt über die Kraft, Begehrlichkeit zu wecken und Exklusivität auszustrahlen. Im Handel sehr wertvolle Eigenschaften, die in Zukunft eine neue Übersetzung benötigen werden.
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Made in the City

Urban Manufacturing schafft eine Win-Win-Situation für Stadt, Hersteller und Konsumenten. Quartiere erleben einen wirtschaftlichen Aufschwung, Hersteller können nachhaltiger wirtschaften und erhöhen ihre Attraktivität für Fachkräfte – während der Konsument von auflebenden Quartieren und lokalen Produkten profitiert. Zudem gewinnen die Hersteller durch die räumliche Nähe zu anderen Unternehmen und bauen neue, interdisziplinäre Partnerschaften auf.

Dabei kommen die wirtschaftlichen Interessen eine Win-Win-Situation für Stadt, Hersteller und Konsumenten der Stadtpolitik und die vielbeschworene kreative Klasse als wichtiger Innovationsfaktor zusammen. Wien fördert diesen Trend bereits seit 2007. Als Stadt mit zahlreichen Manufakturen und Traditionsgeschäften bekennt sie sich wieder zu ihren Wurzeln. Im Rahmen der Vienna Design Week werden junge Designer und Künstler der zahlreichen Hochschulen und Universitäten Wiens mit alteingesessenen Traditionsbetrieben und Manufakturen „gepaart“, um gemeinsam neue Produkte und Konzepte zu schaffen. So transportiert die österreichische Hauptstadt die Leidenschaft von Tradition und Handwerkskunst ins 21. Jahrhundert.

Auch New York City setzt auf lokale Verbundenheit. Mit dem Label „Made in NYC“ möchte die Stadt „ihre“ Manufakturen fördern und auszeichnen. Jede Manufaktur für sich mag zwar klein sein, zusammengenommen bieten sie aber gute, attraktive Arbeitsplätze: 6.000 Manufakturen produzieren in „Big Apple“ und schaffen für 81.000 Menschen Arbeit. Wer nachhaltige und lokale Produkte konsumieren will, findet auf der Webseite www.madeinnyc.org von Mode bis Metall über Nahrungsmittel jeglichen Hersteller.

Von urbanen Manufakturen zur urbanen Produktion

Urban Manufacturing macht bewusst, welche Möglichkeiten der Individualisierung die vielen kleinen Spezialisten in den Ladenlokalen und der Nachbarschaft bieten. Auch wenn die Produkte noch in Nischensegmenten wandeln – die Zukunft der Produktion liegt in der Stadt. „Heute ist Es entstehen neue wirtschaftliche Modellen abseits der Nische es vertretbar“, so Karin Wilhelm, Professorin an der TU Braunschweig, „wenn Betriebe wie beispielsweise Feinmechanik, Mode etc. in die gewachsenen Stadtareale/Wohngebiete zurückkehren und nun eine neue Kultur der Nähe von Wohnen und Arbeiten begründen.“ Denn Herstellungsprozesse werden zunehmend immissions- und lärmfrei. Neue Technologien und Spezialisierungen erlauben effizientere Raumnutzung. Die Nähe zu Forschungszentren und Universitäten fördert innovative Entwicklungen und ermöglicht einen dauerhaften Draht zu den künftigen Arbeitnehmern.

Die Entwicklung des Trends Urban Manufacturing ist durchaus vergleichbar mit jener des Urban Farming. Was zunächst aus dem Wunsch nach hochwertigen Produkten sowie transparenter und lokaler Herstellung erwuchs, entwickelt sich zu wirtschaftlichen Modellen abseits der Nische. Aus den privaten Stadtgärtnern werden urbane Bauern mit gewinnreichen Erträgen. Und neben urbanen Manufakturen entstehen immer mehr Produktionsstätten, bei denen zwar nicht mehr Hand angelegt wird, aber dennoch mitten in der Stadt attraktive Produkte hergestellt werden.

Literatur:

Bullinger, Hans-Jörg / Röthlein, Brigitte: „Morgenstadt. Wie wir morgen leben. Lösungen für das urbane Leben der Zukunft“, Carl Hanser Verlag 2012, S. 197ff.

Stiftung Neue Verantwortung (Hg.): „Future Urban Industries – Produktion, Industrie, Stadtzukunft, Wachstum. Wie können wie den Herausforderungen begegnen?“, in: Policy Brief 11/12, www.stiftung-nv.de

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Urbanisierung

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Wir befinden uns erst am Beginn einer neuen Stufe der Urbanisierung: Städte erfahren eine Renaissance als Lebens- und Kulturform. Die Städte der Zukunft werden vielfältiger, vernetzter, lebenswerter und in jeder Hinsicht „grüner“ sein als wir sie lange Zeit erlebt haben. Vor allem aber wandelt sich das Verhältnis und Bewusstsein der Menschen zu ihren Städten.