Liquid Youth: Jugend neu beobachten

Wie lässt sich Jugend in einer hochkomplexen, spätindividualistischen Gesellschaft beschreiben? Das Intro unserer Jugendstudie “Youth Economy”

Quelle: Youth Economy

Jugend fasziniert. Die jugendliche Lebensphase hat sich zu einer universalen Idealfigur für die gesamte Gesellschaft entwickelt: Jugendliche Lebensstile gelten heute als Maßstab für ein gutes, attraktives Erwachsenenleben. Eine paradoxe Entwicklung zeichnet sich ab: Während die Gesellschaft kontinuierlich altert, werden ihre kulturellen und körperlichen Leitbilder immer jugendlicher. Jugendliche rücken deshalb immer stärker in den Fokus unternehmerischer Entscheidungen, sei es als zukunftsweisende Mitarbeiter von morgen oder als Pioniere gesellschaftlicher Trends.

Im 21. Jahrhundert umgibt Jugendlichkeit die Aura des heiligen Grals: Wer ihr Geheimnis lüftet, dem winkt Glückseligkeit – und ewige Jugend. Die meisten Jugendbeschreibungen unterliegen dabei der Versuchung, das komplexe Phänomen auf einfache, griffige Zuschreibungen zu reduzieren. Auf jugendliche Lifestyles kann heute altersübergreifend zugegriffen werden Das wird besonders deutlich bei der inflationären Verwendung des Begriffs „Generation“, der zu einer unverbindlichen Zuschreibungsformel jugendlicher Befindlichkeiten geworden ist. Hinzu kommt: Eltern, Pädagogen und Soziologen neigen dazu, Jugend wertend zu beobachten – meist als soziales Integrationsrisiko, das es zu entschärfen gilt, um gegenwärtige Verhältnisse zu sichern.

All das wird der Lebensphase Jugend nicht gerecht. Sie ist wie kaum eine andere Lebensphase von strukturellen Ambivalenzen geprägt, die mit eindimensionalen, linearen Deutungsansätzen nicht erfasst werden können. Erst recht nicht im Kontext einer hochkomplexen, sich fundamental wandelnden Gesellschaft.

 


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„Die“ Jugend gibt es nicht

Unsere Gesellschaft ist geprägt von einem enormen Komplexitätszuwachs. Die fortschreitende Digitalisierung schafft ständig neue, flexible Verbindungen. Klare und fixe Kategorisierungen werden in diesem Kontext immer unplausibler. Das Denken in Entweder/oder-Abgrenzungen wird abgelöst von einem Sowohl-als-auch-Mindset. Auch Jugendliche sind deshalb immer weniger mit simplen Schemata beschreibbar.

Das gilt auch für das Verhältnis zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. War es traditionell von einer wechselseitigen Abgrenzung geprägt, durchdringen sich beide Sphären immer stärker. So existieren heute verschiedenste Formen von Jugendlichkeiten, die auch von Älteren angezapft werden können: Neue, hybride Sozialkonstrukte, die allesamt das Label „jugendlich“ tragen. „Die“ Jugend gibt es deshalb schon lange nicht mehr. Jugendlichkeit ist zu einem generationenübergreifenden Lifestyle-Prinzip geworden. „Alte“ leben zum Teil jugendlicher als „Junge“.

Wie lässt sich die vielschichtige, flüchtige Jugend adäquat beschreiben? Und wie lassen sich daraus plausible Zukunftsperspektiven entwickeln? Voraussetzung ist ein umfassender Ansatz, der die komplexen Kontexte der Netzwerkgesellschaft nicht ausklammert, sondern intensiv einbezieht. Es gilt, das Phänomen Jugend in einem Rahmen zu untersuchen, der ebenso vielschichtig ist wie die Jugend selbst – und zugleich elementar für jede Form von Sozialisation: Jugend als Teil ihrer gesellschaftlichen Umwelten.

Am Anfang muss deshalb die Frage stehen, welche gesellschaftlichen Veränderungen und Prozesse unsere Lebensführung prägen und prägen werden. Von zentraler Bedeutung ist dabei der Megatrend Konnektivität, der einen neuen Gesellschaftstypus hervorbringt: die Netzwerkgesellschaft.

Jugend in der Netzwerkgesellschaft

Diese Gesellschaftsform unterscheidet sich von der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts „wie die Elektrizität von der Mechanik“, so der Soziologe und Systemtheoretiker Dirk Baecker. Ihre hypervernetzten Strukturen machen funktionale Zugehörigkeiten immer flexibler und optionaler. Dadurch verändern sich auch die Formen und Funktionen von Jugend und Jugendlichkeit. Die Vernetzung löst traditionelle demografische Zielgruppen auf und verändert, was wir als „jugendlich“ definieren. Auf jugendliche Lifestyles kann heute altersübergreifend zugegriffen werden, von 20- wie von 70-Jährigen.

Und klassische biografische Muster werden abgelöst von flexibilisierten Lebensläufen und „Multigrafien“. So hat sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal geändert, was etwa in der Lebensphase zwischen 20 und 30 Jahren passiert: Heute ist es normal, dass Frauen mit Ende 20 ihr erstes Kind bekommen, vor wenigen Dekaden galten sie noch als späte Mütter. Nicht zuletzt erfordert auch der demografische Wandel ein neues, zukunftsfähiges Verständnis von Jugend: Welche Rolle spielt Jugend im Kontext einer älter werdenden Gesellschaft, in der Jugend zu einer immer knapperen, wertvolleren Ressource wird? Was verraten uns die heutigen Jugendlichen über die „alte“ Gesellschaft von morgen?

Liquid Youth

Der Soziologe Zygmunt Bauman beschrieb die neuartige Flexibilität und Kontingenz unserer Lebensverhältnisse bereits vor 15 Jahren als „liquide“. Bauman zufolge befinden wir uns im Übergang von einer „festen“ zu einer „flüssigen“ Moderne, einer „Liquid Modernity“, in der herkömmliche Ordnungen wegfallen und Individuen immer flexibler und anpassungsfähiger sein müssen.

Diese Beobachtungen decken sich mit den Realitäten der hochkomplexen Netzwerkgesellschaft. Die heutige Jugend wächst nativ in diese kontingenten Kontexte hinein und kann sich sehr viel besser als andere Gesellschaftsgruppen auf die neuen, flüssigen Verhältnisse einstellen. Das macht es plausibel, heutige Jugendliche als „Liquid Youth“ zu bezeichnen.

Anders als Bauman verwenden wir „Liquid“ aber nicht mit einer kritischen Konnotation, sondern neutral: Als Signum einer hochkomplexen Zeit, in der eine ebenso komplexe Jugend aufwächst. Das verweist auf eine strukturelle Analogie zwischen Jugend und Gesellschaft: Die individuellen Entwicklungsprozesse der Liquid Youth korrelieren mit dem Wandlungsprozess der entstehenden Netzwerkgesellschaft. Auch deshalb ist ein ganzheitliches Verständnis von Jugend so wichtig: Ihre Rolle kann nur verstanden werden als Teil des gesellschaftlichen Wandels. Und sie zeigt über ihre Lebensweise die Zukunftspotenziale, die unsere Welt verändern werden.


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Christian Schuldt

Der Systemtheoretiker und Autor beleuchtet in Publikationen und Vorträgen den digitalen Kultur- und Medienwandel. Sein Blick ist geschult für die kommunikativen Muster, die Menschen und Unternehmen verbinden.