Die Megatrends nach Corona: Zeit für eine Revision

Megatrends sind die größten Treiber des Wandels. Sie erzeugen epochale Veränderungen, indem sie alle Aspekte von Wirtschaft und Gesellschaft maßgeblich beeinflussen. Corona hat einige Megatrends befeuert, einige ausgebremst und die Stoßrichtung wieder anderer Megatrends verändert. – Ein Auszug aus der Studie Wirtschaft nach Corona.

Von Lena Papasabbas und Nina Pfuderer, Illustrationen von Julian Horx

Megatrend Individualisierung

Individualisierung ist das zentrale Kulturprinzip der westlichen Welt, das seine Wirkungsmacht zunehmend global entfaltet. Der komplexe Megatrend hat in vielen Wohlstandsnationen seinen Zenit bereits überschritten und ist Basis unserer Gesellschaftsstruktur geworden. Individualisierung prägt Wertesysteme, Konsummuster und Alltagskultur gleichermaßen. Im Kern bedeutet Individualisierung die Freiheit der Wahl, aber ihre Auswirkungen sind komplex und bringen sowohl scheinbare Gegentrends wie eine Wir-Kultur als auch neue Zwänge hervor. Vor allem während der Corona-Krise wurden Solidarität und Gemeinschaft zunehmend wichtiger als Abgrenzung und Individualität – so hat die Pandemie den Shift hin zur Post-Individualisierung weiter befeuert.

Megatrend Gender Shift

Das Geschlecht verliert im Zeichen des Gender Shift das Schicksalhafte, egal ob bei der Berufs- oder Kleiderwahl. Noch nie zuvor hat die Tatsache, ob jemand als Mann oder Frau geboren wird, weniger darüber ausgesagt, wie eine Biografie verlaufen wird. Dieses Aufbrechen der Geschlechterstereotype sorgt für einen radikalen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft – und schafft eine neue Kultur des Pluralismus. Die Corona-Krise trägt dazu bei, indem sie bestehende Missstände sichtbar macht: Für die kollektive Reflexion einer vermeintlich gleichberechtigten Gesellschaft wirkt die Krise als Katalysator.

Megatrend Silver Society

Rund um den Globus wird die Bevölkerung älter – und gleichzeitig bleiben die Menschen länger gesund. In dieser Silver Society entsteht eine völlig neue Lebensphase im letzten Drittel des Lebens. Dieser Lebensabschnitt verlängert sich und bietet Raum für Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung im hohen Alter. Ein neues Mindset bereitet dabei den Weg für eine Gesellschaft, die gerade durch die veränderte Altersstruktur vitaler wird: der Abschied vom Jugendwahn und eine grundlegende Umdeutung von Alter und Altern. Die Corona-Krise war ein Backlash für diesen Trend zum Free Aging: „Alter“ wurde plötzlich gleichbedeutend mit „Risikogruppe“.

Megatrend Wissenskultur

Die Welt wird schlauer: Der globale Bildungsstand ist heute so hoch wie nie. Vor allem im Zusammenhang mit dem Megatrend Konnektivität verändert sich unser Wissen über die Welt und auch die Art und Weise, wie wir mit Informationen umgehen – unsere Wissenskultur. Die Corona-Krise hat Bildung endgültig digitalisiert, kooperative und dezentrale Strukturen zur Wissensgenerierung vorangetrieben und innovatives Denken angekurbelt.

Megatrend New Work

Der Megatrend New Work beschreibt einen epochalen Umbruch, der mit der Sinnfrage beginnt und die Arbeitswelt von Grund auf umformt. Das Zeitalter der Kreativökonomie ist angebrochen – und es gilt Abschied zu nehmen von der rationalen Leistungsgesellschaft. New Work stellt die Potenzialentfaltung eines jeden einzelnen Menschen in den Mittelpunkt: In Zukunft geht es um die gelungene Symbiose von Leben und Arbeiten. Die Corona-Krise erweist sich hier als wahrer Trendbeschleuniger, der unsere Arbeitswelt agiler, flexibler und digitaler macht – ein Effekt, der von Dauer sein wird.


Megatrend Gesundheit

Gesundheit ist das Synonym für ein gutes Leben. Als zentrales Lebensziel hat sich der Megatrend tief in das Bewusstsein, die Kultur und das Selbstverständnis von Gesellschaften eingeschrieben und prägt sämtliche Lebensbereiche. Gesundheit und Zufriedenheit sind dabei kaum noch voneinander zu trennen. Die Corona-Pandemie hat den Fokus unseres Gesundheitsverständnis als endloses Selbstoptimierungsprojekt zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Gesundheit wird wieder stärker als die Abwesenheit von Krankheit gesehen – und als etwas, das nicht allein das Individuum betrifft.

Megatrend Neo-Ökologie

Umweltbewusstsein ist vom individuellen Lifestyle zur gesellschaftlichen Bewegung geworden. Der Megatrend Neo-Ökologie bewirkt nicht nur eine Neuausrichtung der Werte der globalen Gesellschaft, der Alltagskultur und der Politik. Er erschüttert unternehmerisches Denken und Handeln in seinen elementaren Grundfesten. Durch die Corona-Krise erhält der Megatrend eine neue Aufmerksamkeit – Covid-19 rief uns auf erschütternde Weise ins Gedächtnis, dass wir Teil der Natur sind und sie nicht wirklich kontrollieren können. Der Reset ebnet den Weg für eine von Nachhaltigkeit und Entschleunigung geprägte Post-Corona- Gesellschaft.

Megatrend Konnektivität

Das Prinzip der Vernetzung dominiert bereits seit Jahren den gesellschaftlichen Wandel und eröffnet ein neues Kapitel in der Evolution der Gesellschaft. Digitale Kommunikationstechnologien reprogrammieren soziokulturelle Codes und lassen neue Lebensstile und Verhaltensmuster entstehen. Diese einschneidende Entwicklung der Konnektivität verstärkte sich nochmals, als während der Corona-Krise persönliche Begegnungen vielerorts durch Virtualität ersetzt wurden. Corona hat die Digitalisierung vollends von der Zukunft in die Gegenwart geholt.

Megatrend Globalisierung

Die Welt wird durch die Globalisierung oft als fragmentiert und kompliziert wahrgenommen – Handelskriege, diplomatische Eklats, Cyberhacking und globale Mega-Unternehmen, die nationalstaatlichen Regulierungen trotzen. Wie gehen wir mit dieser hypervernetzten, überkomplexen Welt um? Das zentrale Dilemma besteht darin, dass wir versuchen, globale Prozesse und Probleme mit nationalstaatlichen Mechanismen zu regulieren. Das verdeutlichte auch die Corona-Krise – die zugleich den Trend in Richtung Glokalisierung, also neuartiger Verbindungen globaler und lokaler Elemente und Perspektiven, stark vorangetrieben hat.

Megatrend Urbanisierung

Die Stadt als Lebensraum hat sich durch Corona stärker verändert als das Leben auf dem Land. Zuvor war der Alltag von Städterinnen und Städtern von hoher Mobilität geprägt, die Lebensqualität ergab sich aus den zahlreichen Angeboten der Metropolen. Die Pandemie hat die Vorteile des städtischen Lebens teilweise ins Gegenteil verkehrt. In Zeiten des Lockdowns wurde das Zuhause zum wichtigsten Lebensraum, das öffentliche Leben kam zum Erliegen. Auch wenn sich Gastronomie und kulturelle Angebote in Städten langsam wieder erholen, bleibt ungewiss, wann sich das urbane Leben wieder voll entfalten kann. Die Bedeutungsverschiebung der eigenen vier Wände bleibt und wird den Megatrend Urbanisierung begleiten.

Megatrend Mobilität

Kein Megatrend wurde durch das Corona-Virus so ausgebremst wie Mobilität. Die vernetzte Gesellschaft ist gekennzeichnet durch einen stetig wachsenden Mobilitätsbedarf und eine wachsende Vielfalt an Mobilitätsformen: Die Mobilität der Zukunft ist vernetzt, digital, postfossil und geteilt. Vor Corona war Mobilität ein Teil des Alltags der meisten Menschen – der sich tendenziell beschleunigte und komplexer wurde. Geschlossene Grenzen und eingeschränkte Infrastrukturen bewirkten nun eine plötzliche Entschleunigung, zum Teil sogar eine Vollbremsung. In der Welt nach Corona wird unsere Erfahrung von Mobilität nicht
mehr dieselbe sein.

Megatrend Sicherheit

Die Gesellschaft befindet sich im Daueralarm: Eine Krise jagt die nächste, und auch das Corona-Virus hat unmissverständlich klargemacht, wie unsicher und fragil unser Leben und unsere Umwelt sind. Sicherheit wird dadurch mehr denn je zum obersten Gebot, für Individuen wie für die gesamte Gesellschaft – und zu einem wichtigen Verkaufsargument. Eigentlich jedoch trügt die Wahrnehmung, dass die Welt immer unsicherer wird – denn tatsächlich leben wir in der sichersten aller Zeiten.


12 Megatrends – Die Dokumentation

Die Megatrend-Dokumentation ist die größte und detaillierteste Sammlung zu den globalen Veränderungsprozessen in Wirtschaft und Gesellschaft. Holen Sie sich die Antworten auf Ihre Zukunftsfragen!


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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Corona-Krise

Dossier: Corona-Krise

Das Corona-Virus erschüttert die Grundlagen unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Miteinanders – auf unbestimmte Zeit. Wir erleben ein unkontrollierbares Kollabieren unseres Alltags und der Welt, wie wir sie kannten. Nun geht es darum, mit dem neuen Ausnahmemodus zurechtzukommen – auf dem Weg zur Bewältigung der Krise. Das Zukunftsinstitut hat 4 mögliche Szenarien entwickelt und zeigt mithilfe von verschiedenen Tools, wie wir mit der Krise umgehen können.

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Megatrends verändern die Welt - zwar langsam, dafür aber grundlegend und langfristig. Aus diesem Grund ist es entscheidend, zu wissen, welche Chancen und Risiken in diesen Trendentwicklungen liegen.