Mut zum Handeln!

Nicht nur das Bessere zu denken, sondern auch das Bessere zu tun – das wird darüber entscheiden, wie die Zukunft wird. Der Mut zum Handeln ist das letzte Puzzlestück, das einen Wandel der inneren Leitbilder und Denkweisen erfolgreich in die Welt kommen lässt. Wenn wir unsere Kräfte wieder gebündelt haben und die Marschrichtung klar ist, steht uns nichts mehr im Wege, eine Zukunft zu gestalten, die wir gut und lebenswert finden!

Von Harry Gatterer

Illustration: Sabrina Katzenberger, Material: Kyle Johnson/unsplash

Auch wenn man oft den entmutigenden Eindruck gewinnen könnte, dass die Zukunft schon geschrieben ist – das ist sie nicht. Künstliche Intelligenz (KI), autonome Fahrzeuge und ein verändertes Weltklima werden Teil unserer Zukunft sein, keine Frage. Aber: Was wann genau kommt und wie wir als Gesellschaft damit umgehen, ist noch sehr undeutlich. Daher braucht es Mut, sich der Zukunft in all ihrer Offenheit zu stellen. Mut ermöglicht es, sich über die Konventionen des zeitgeistigen Denkens hinwegzusetzen und ein neues Denken anzunehmen und einzuüben. Mit Mut können wir zu Zukunftsgestaltern werden!

Es gibt zunächst zwei Arten von Zukunft: die abwesende und die anwesende Zukunft. Die abwesende „Dabei ist Mut nichts Heroisches, Großartiges. Mut ist etwas sehr Persönliches.“ ist jene Form der Zukunft, die in den meisten Fällen gemeint ist, wenn es um Zukunft geht. Wir sprechen ja auch von einer Zukunft, die „auf uns zukommt“. Wir spekulieren darüber, was diese Zukunft bedeuten wird und wie wir schon heute darauf reagieren können. Dann nehmen wir einen beliebigen Zeitraum an, etwa das Jahr 2030, und imaginieren. Diese abwesende Zukunft ist und bleibt abstrakt und distanziert. Wir schreiben fort, was wir gerade erleben. Und wir klären, was wir über diese Zukunft schon wissen können. Doch ein großer Teil dieser abwesenden Zukunft ist unbekannt. Das erzeugt Unsicherheit.

Es gibt aber auch Gewissheiten über die abwesende Zukunft: So wird es weiterhin Tag und Nacht geben, wir werden mit Entscheidungen aus der Vergangenheit leben müssen, und wir können uns vieler systemischer Bedingungen nicht entledigen, von der Erwärmung des Weltklimas bis zum aktuellen technologischen Fortschritt. Dieser „bekannte“ Teil der abwesenden Zukunft ist es, dem sich ein Großteil der Zukunftsforschung widmet.

Was lässt sich nun demgegenüber unter der anwesenden Zukunft verstehen? Auch sie verfügt über bekannte und unbekannte Variablen. Auf der bekannten Seite befindet sich zum Beispiel das Wissen über unser Potenzial, das wir jederzeit einsetzen können. Oder unsere Fähigkeiten: Wir wissen, dass wir die andere Seite der Straße erreichen können, wenn wir uns aufrichten, den Verkehr beachten und losgehen. Auch die bewusst wahrgenommenen Emotionen zur Zukunft gehören dazu: Hoffnung (auf etwas hin) oder Angst (vor etwas) sind die stärksten. Hoffnung treibt uns in der Gegenwart an, Angst hält uns in Schach und verengt. Auch unsere Denkmodelle, unsere Leitbilder und Mind Frames zur Zukunft zählen zur bekannten Seite der anwesenden Zukunft: Wie treffen wir Entscheidungen, worin sind wir sicher?

Zur unbekannten Seite der anwesenden Zukunft gehören dagegen Phänomene und Eigenschaften, die uns selbst verdeckt sind: blinde Flecken, nicht erkannte Potenziale oder nicht entdeckte Manipulationen anderer, die uns in Richtung einer ganz bestimmten Art von Zukunft drängen wollen.

Diese anwesende Zukunft ist immer gegenwärtig – und doch so selten Teil unserer Zukunftsüberlegungen. Dabei ist diese Zukunft für uns eigentlich viel greifbarer und hat unmittelbar mit jedem Einzelnen zu tun. Sie nährt sich aus der Melange aus Erfahrungen und Intuitionen, Talenten und Fähigkeiten. Sie ist die eigentlich viel interessantere Zukunft, weil wir mit ihr direkt arbeiten können. Wir können sie beeinflussen – und sogar unsere Vorstellungen der abwesenden Zukunft wandeln.

Irreführungen: Die vergangene und die gemachte Zukunft

Wenn wir unsere Wahrnehmung und unser Denken über die Welt verändern, verändern wir unsere Welt. Dasselbe gilt für die Zukunft. Doch dafür brauchen wir ein Bewusstsein, eine Idee von uns selbst, als Mensch – was wir sind, sein wollen und sein können. Dafür müssen wir uns freimachen von äußeren Einflüssen, die uns von diesem Weg abbringen.

Oftmals bewirken die für viele bedrohlich wirkenden Verheißungen der (abwesenden) Zukunft ein Verrücken unserer Erwartungen. War die Zukunft lange Zeit ein Sehnsuchts- und Hoffnungsraum, so hat sich das in den vergangenen zwei Jahrzehnten brutal gedreht. Die (abwesende) Zukunft verheißt Unsicherheit und Ärger, sodass wir uns liebend gern von ihr verabschieden wollen. „Great Again“ ist aus Marketingsicht genial: Wenn ganze Nationen wieder „zurück“ wollen, kann die Zukunft nur noch hinter uns liegen. Die anwesende Zukunft wendet sich mit ihrem Potenzial dann nicht der abwesenden zu, sondern dreht sich um und wünscht sich das Vergangene wieder herbei. Damit fühlen wir uns sicher, aber es ist kein wirklicher Ausweg und keine echte Antwort für oder auf die Zukunft.

Ein weiterer hinderlicher Einflussfaktor sind die vielen Screens, die uns begleiten. Screens sind die idealen Medien für unser Hirn: Was auf ihnen geschieht, dringt unmittelbar und ohne Umwege in unser Denken ein. Man muss sich schon sehr dagegen wehren, will man die bildgewaltigen Inhalte auf Screens ignorieren. Wir alle kennen das: Hängt ein Screen in einem Lokal, schaut man immer wieder unvermittelt hin. Uns selbst aber hält das in einem Korridor meist irrelevanter Information gefangen. Wir werden aus jeglicher aktiver Wahrnehmung der Welt (und der Zukunft) gedrängt, unsere inneren Bilder werden zunehmend zu Abbildern von Screens – der Blick auf die bekannte Zukunft (anwesend wie auch abwesend) wird verstellt. Das Unbehagen steigt, und die ureigene Fähigkeit des Menschen, sich die Zukunft vorstellen zu können, gerät ins Wanken. Dann kommen wir so weit, dass wir die Zukunft als programmiert und gegeben annehmen. Die irrelevanten Bilder der Screens werden schrittweise und unbewusst zu unserer Repräsentanz der Zukunft. Dann ist die Zukunft schon gemacht.

Die eigene Idee von Zukunft

Keine Frage: Die Zukunft ist verstellt, verdreht und verrückt. Aber gemacht? Mitnichten! Um eine eigenständige Idee von der Zukunft, eigene Leitbilder und mentale Frames zu haben, braucht es vor allem eines: eine eigene Vorstellung der Zukunft in allen vier Dimensionen: abwesend, anwesend, bekannt, unbekannt. Je breiter wir eigenständige Zugänge, Bildwelten und Erfahrungen sammeln, desto weniger sind wir von den irrelevanten Bildwelten der Screens abhängig. Je mehr wir die anwesenden Dimensionen der Zukunft für uns selbst erkunden, desto differenzierter und klüger können wir mit der abwesenden Zukunft agieren. Dann brauchen wir der Marketingwelt des Silicon Valley nicht umfassend zu glauben. Dann brauchen wir keine Angst zu entwickeln angesichts scheinbar unüberwindbarer Herausforderungen. Dann können wir Entscheidungen treffen, die sich nicht der Kakofonie des Business-Boulevards anschließen, sondern solche, die klug, stark und visionär sind.

Da wir heute aber eingelullt sind in einen ganzen Strom von Irrelevanz, benötigt dies den Mut jedes Einzelnen, sich gegen die Masse und Beeinflussungen von außen zu stellen und für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Dabei ist Mut nichts Heroisches, Großartiges. Mut ist etwas sehr Persönliches. Für den einen bedeutet Mut, sich mit einer Gitarre in der Hand vor seine Familie zu stellen, für den anderen geht es um das Erklimmen eines Viertausenders. Mut ist individuell und persönlich. Im Kern bedeutet Mut die Überwindung einer bislang für sich selbst gesetzten Grenze, und sei sie noch so klein.

Die Zukunft fühlen

Unsere Emotionen helfen uns dabei, von unseren Überzeugungen ins Handeln zu kommen. Emotionen sind sowohl treibende als auch hinderliche Kräfte, sie sind wertend und berührend. Auch sind sie die Triebwerke für die Zukunft und mit ihnen können wir herausfinden, zu welchem Zukunftsbild wir auch eine emotionale Verbindung haben. Folgende Fragen im Hinblick auf die Zukunft helfen, das zu erkennen:

  • Was macht Hoffnung, was Angst?
  • Was bringt Freude, was Leid?
  • Wie wirkt Mitgefühl, wie Schadenfreude?
  • Was macht stolz, und wofür entsteht Scham?

Emotionen machen sichtbar, welche Leitbilder und Mind Frames bereits zu unseren inneren Bildern geworden sind. Wenn wir mit diesen inneren Bildern, nennen wir sie Visionen, nach Außen blicken, auf das Abwesende, dann entdecken wir dort völlig neue Facetten und Möglichkeitsräume. Dann haben wir auch die Kraft, eine Resonanz nach außen und in Gruppen zu erwirken. Visionen erschaffen kongruente Vorstellungen der Zukunft, die motivieren und orientieren. Nach den eigenen Visionen zu handeln ist nicht trivial und ist oft eine Arbeit wider den Zeitgeist. Aber sie ermöglichen uns, die Zukunft als offen und motivierend wahrzunehmen – und mutig loszugehen, um unsere Zukunft zu gestalten!

Dies ist ein Auszug aus dem Buch „Nur Mut!“. Das Buch versammelt verschiedene Texte des Zukunftsinstituts, die anhand von 4 Leitbildern und 14 Denkweisen zeigen, wie wir in der Post-Corona-Ära eine bessere Zukunft gestalten können. Jetzt im Shop erhältlich!