Online-Dating: Vom Suchen und Finden im Netz

Online-Dating revolutioniert die Suche nach dem passenden Partner: Trotz immer mehr Nischen-Plattformen bietet der Markt weiter Platz für neue Angebote.

Quelle: Trend Update 05/2013

Konstantin Sutyagin / fotolia.com

Der erste Online-Dating-Rechner wurde 1964 von einem Buchhalter und einem IBM-Programmierer in New York erfunden. Lewis Altfest und Robert Ross nannten ihr Projekt TACT, die Abkürzung für Technical Automated Compatibility Testing. Für fünf Dollar konnten Kunden einen umfangreichen Multiple-Choice-Bogen mit über 100 Fragen ausfüllen. Die Antworten wurden auf Lochkarten übertragen, TACT spuckte anschließend durch entsprechende Übereinstimmungen fünf Partnervorschläge aus – für Frauen auf blauen, für Männer auf rosa Karten.

Heute ist das Internet längst zum entscheidenden Tool geworden, um nicht nur Beruf und Freizeit zu verwalten, sondern auch das Beziehungsleben auf Vordermann zu bringen. Ein Markt, der vom mächtigsten Antrieb des Menschen – nach dem Überlebenswillen – profitiert: Die Diversifizierung der Dating-Agenturen spiegelt die Pluralisierung der Lebens- und Liebesformen dem Auffinden des besten genetischen Partners. Online-Dating-Portale überschwemmen das Netz. Sei es für die Vermittlung des Partners fürs Leben, für eine nette Liaison zwischendurch oder für einen außerehelichen Seitensprung, die Branche hat mittlerweile alles zu bieten. Alleinerziehende, Behinderte, Sadomasochisten, Fetischisten, Veganer, Pferde- und Hundefreunde oder sogar Asexuelle können im World Wide Web auf die Suche nach dem „perfect match“ gehen. Im gleichen Maße, wie die Pluralisierung der Lebens- und Liebesformen voranschreitet, setzt sich die Diversifizierung der Dating-Agenturen am Markt fort.

Online-Partnerbörse ist nicht gleich Online-Partnerbörse

Neben den Marktführern wie FriendScout24, Parship oder Neu.de kann inzwischen jeder im Internet genau den Anbieter finden, der zu seinen individuellen Lebensumständen und Bedürfnissen passt. Egal ob „Singles mit Niveau“, Alleinerziehende und Singles mit Familiensinn, 40- oder 50-plus-Singles, Dating für Tierfreunde, schwul oder lesbisch, ob mit ernsthaften Absichten oder für den organisierten Seitensprung: Online-Partnerbörse ist nicht gleich Online-Partnerbörse. Man unterscheidet mittlerweile zwischen vier grundsätzlichen, verschiedenen Arten von Plattformen: Singlebörsen, Casual-Dating, Partnervermittlungen und Nischen-Dating.

Was die Digitalisierung technisch zur Verfügung stellt, wird durch den Megatrend Individualisierung maßgeblich angetrieben. Die neue Vielfalt möglicher Intimbeziehungen, neue Freiheiten und wachsende Ansprüche Der Megatrend Individualisierung lässt die Partnersuche komplizierter werden machen die Suche nach dem „passgenauen“ Partner zu einem immer anspruchsvolleren und schwerer zu lösenden Unterfangen, mit dem wir in Zukunft einen großen Teil unseres (Liebes )Lebens verbringen werden. Hinzu kommt, dass in der globalen Gesellschaft zwar die Anzahl der möglichen Liebespartner theoretisch ins Unermessliche steigt, in einer älter werdenden Gesellschaft zugleich aber Zeit und Gelegenheit zum „Anbandeln“ schwinden. Das Oxford Internet Institute hat 2012 in einer global angelegten Umfrage ermittelt, dass gerade Männer und Frauen mittleren Alters (40–69) am meisten Online-Dating-Plattformen nutzen – 36% gaben an, dabei erfolgreich ihren derzeitigen Partner gefunden zu haben.

Liebe auf den ersten Klick

Mithilfe von präzisen Persönlichkeitstests und diversen Voreinstellungen versprechen Parship, Elitepartner & Co. den perfekten Partner. Offenbar mit Erfolg, denn die Branche boomt. Aktuell sind rund 40% der europäischen Singles auch im Internet auf Partnersuche, mehr als 7 Millionen deutsche Singles tummeln sich pro Monat auf Dating-Portalen, weitere 3 Millionen sind gezielt auf der Suche nach Sexkontakten. 2010 gaben bereits 16% der Paare in Deutschland an, sich im Internet kennengelernt zu haben. Was früher nur etwas für Verzweifelte war und weithin verpönt, findet inzwischen breite Akzeptanz. 70% der Deutschen würden heute offen zugeben, sich aus dem Internet zu kennen, konstatiert man bei Parship.

Parship ist neben dem Anbieter Elitepartner wohl die etablierteste Plattform. Die Online-Partneragentur wirbt mit dem Slogan: „Wir verlieren täglich Kunden. Und das gerne und immer nur paarweise.“„Matching-Algorithmen“ suchen nach hohen Übereinstimmungen in Wünschen und Interessen der Suchenden. Bei Marktführer Parship (55 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2010) muss hierfür zur Anmeldung ein Fragebogen ausgefüllt werden. Dieser besteht aus 74 Fragen mit mehr als 400 Antwortmöglichkeiten, die auf 32 Persönlichkeitsmerkmale zulaufen und nach 136 Regeln mit denen eines anderen Menschen verglichen werden. Die Parship-Kunden sind meist 30 bis 55 Jahre alt, mit einem gehobenen Bildungs- und Einkommensstand – darunter viele nach einer Scheidung oder Trennung.

Online-Dating als Abkürzung zur Liebe

Der Platzhirsch der Branche versorgt seine Mitglieder und all jene, die es noch werden könnten, kontinuierlich mit Infos rund um das Thema „Liebe und Beziehung“. Besucht man die Parship-Website, findet man Artikel zum „Flirten“, erfährt dabei, „worauf Männer Wert legen“, und bekommt außerdem eine Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile des Zusammenziehens Die meisten Online-Dating-Nutzer sind „return customers“ geliefert. Tipps zu „erotischen Rezepten“ werden ebenso vorgestellt wie Tricks vom Single-Coach – denn „wenn gemeinsam gespeist wird, muss nicht nur das Essen kochen“. Prof. Hugo Schmale, der für Parship den Fragebogen entwickelt hat, sagt dazu: „Die Menschen wollen ihr Leben rationalisieren, kontrollieren. Sie wollen sich nicht verlieben und nach 14 Tagen wieder in den Keller fallen, dafür haben sie heute gar keine Zeit mehr.“ Online-Dating als zeitsparende Abkürzung des Wegs zur Liebe.

Zeit scheint ohnehin ein entscheidender Faktor bei der Online-Dating-Community zu sein. Die US-Soziologin Alicia Cast konnte nachweisen, dass Online-Dater schneller eine Ehe eingehen. Konventionelle Paare heiraten im Schnitt nach drei, Onliner bereits nach eineinhalb Jahren.

Sex-Dating

Erotische Interessen und Seitensprünge können auf diversen Seiten im Internet ausgelotet werden. Beispiel: Eine lasziv dreinblickende Blondine, die auf einer durchtrainierten Männerbrust liegt und dem User zuzuraunen scheint: „Lebe Deine Phantasie“, erwartet den Besucher der Homepage von secret.de. Wie bei Parship wird Wert darauf gelegt, zu betonen, dass den Kunden nur „niveauvolle Partner“ für die erotischen Abenteuer erwarten. Per Checkliste kann die geneigte Betrachterin abhaken, was sie auf der Seite alles erleben könnte: Spiele Deine geheime Seite aus. Check. Sei aufregend und geheimnisvoll. Check. Bleibe anonym und sicher. Check. Erlebe knisternde Erotik nach Deinen Regeln. Check. Die geheimen Abenteuer, die zwischen Mitgliedern seit dem 1. Januar 2011 stattfinden, werden über Echtzeitsimulation auf der Website präsentiert. Die Zahlen wachsen im Sekundentakt, eine Fieberkurve der Aktivität.

Mit angeblich 21.908.761 aktiven Kontakten (Stand letzter Aufruf: 21.3.13, 16:50 Uhr) kommt der Branchenumsatz in Deutschland auf geschätzte 203 Millionen Euro – mit Großbritannien (211 Mio. Euro) und Frankreich (122 Mio. Euro) bildet Deutschland die drei umsatzstärksten Online-Dating- Märkte in Europa. Damit hat sich der Umsatz seit den Anfängen der meisten Partnerbörsen im Jahr 2003 verachtfacht. Ein Grund hierfür ist sicher, dass die meisten Online-Dating-Nutzer „return customers“ sind, sagt Greg Blatt, CEO der Dating-Seite Match.com.

Besonders die Frauenwelt öffnet sich den amourösen Abenteuern im Netz, und so vermelden zahlreiche Dating-Portale eine drastisch steigende Frauenquote. Bei „Lovepoint“ und „C-Date“ machen die weiblichen Mitglieder bereits 50 Prozent aus. Auch bei „Flirtfair“ sind die Männer nur um zehn Prozent in der Mehrheit. Die Zahl der Neuanmeldungen weiblicher User bis Ende September 2011 war auf diesem Portal rund dreimal so hoch wie im Vorjahr.

“You‘ve got a bangin‘ match!“

Für Furore sorgt aktuell die Sex-App „Bang with friends“. Das Prinzip ist denkbar einfach: Mit der App kann der Facebook-User aus seiner Freundesliste Kontakte auswählen, mit denen er sich einen One-Night Stand vorstellen könnte. Wenn der Wunsch-Sex-Kontakt auch angemeldet ist und ebenfalls Interesse bekundet, erhalten beide eine E-Mail mit dem unmissverständlichen Hinweis: „Hey there, sexy! You‘ve got a bangin‘ match!“ Weiterführende Services wie die iPhone- App „Bang on the go“ sind bereits in Planung. Während sich Facebook lautstark über die verletzten Jugendschutz-Richtlinien beschwert, bedient sich das Business-Portal LinkedIn des gleichen Prinzips und schwimmt im Fahrwasser des Medienrummels mit. Mit der App „Bang with Professionals“ wird der etablierte Mahnsatz „Never fuck the company!“ ad absurdum geführt.

Online- und Sex-Dating ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dies misst sich nicht zuletzt daran, dass hinter der Website secret.de ein Großkonzern steht, der zumindest mittelbar keinen Geringeren als den deutschen Staat als Anteilseigner nennen kann: die Deutsche Telekom.

Kein Business ohne Betrug

Jedes florierende Geschäft bringt auch Betrüger auf den Plan. Immer mehr Flirtabzocker locken mit Online-Profilen junger Frauen (meist ältere) Männer an, die ihr Junggesellendasein satt haben. Online-Liebesavancen von schönen Russinnen lassen vor allem deutsche Männerherzen höher schlagen – und ihre Sinne vernebeln. Denn hinter Namen wie Svetlana, Ludmilla und Natascha verbergen sich immer häufiger junge Männer, die verführerische und herzerwärmende Nachrichten schreiben und dann – ganz plötzlich – in große Geldnot geraten.

Ein solches Netzwerk hat sich in einem kleinen Dorf im tiefsten Russland etabliert, dessen Namen plötzlich auf diversen Online-Plattformen aufgetaucht ist. Reporter des ZDF-Magazins „Frontal 21“ deckten auf, dass es sich hierbei um organisierte Banden handelt, die junge Männer damit beauftragen, Fake-Profile junger Schönheiten zu erstellen. Ein Opfer des Liebesschwindels überwies 13.000 Euro an seine Herzensdame – zu groß war der Wunsch nach der wahren Liebe.

Die Zukunft des Online-Datings

Macht Online-Dating nun wählerisch oder promiskuitiv? Die Antwort fällt bei jedem Einzelnen nach wie vor unterschiedlich aus, doch gibt es klare Tendenzen. Die Multi-Optionsgesellschaft erfasst künftig in wachsendem Maße auch das Liebes-, Sex- und Beziehungsleben. Für viele ist nichts schlimmer, als um die fast unbegrenzten sexuellen Freiheiten und Möglichkeiten zu wissen, gleichzeitig aber das Gefühl mit sich herumzutragen, irgendeine sexuelle Erfahrung verpasst, irgendein erotisches Abenteuer ausgelassen zu haben. Dieses moderne Dilemma lösen in Zukunft immer mehr Menschen digital – egal ob in einer Beziehung, verheiratet oder nicht – und steigern zugleich die Marktchancen professioneller Produkt- und Serviceangebote im Erotik-Business.

Jeder Trend löst aber auch einen Gegentrend aus. Die New York Times prognostizierte in dem Artikel „The New High-Tech Dating Technology? Meet in a Bar“ Auch der smarteste Matching-Algorithmus kann nicht riechen im Sommer 2012, dass die Zukunft den Plattformen gehört, die Menschen wieder auf althergebrachte Weise zusammenbringen, indem sie zum Beispiel Single-Partys organisieren. Die Begründung: Offline lässt sich der potenzielle Dating-Partner viel schneller identifizieren. Online werden hingegen oft viele Stunden Nachrichten ausgetauscht, um dann beim persönlichen Treffen innerhalb von Sekunden festzustellen, dass man sein Gegenüber gar nicht riechen kann. Denn die oft entscheidende Unbekannte hat immer etwas mit Pheromonen zu tun, die auch mit den mathematisch ausgeklügeltsten Matching-Algorithmen nicht vorhersehbar sind. Dieser Trend wird zukünftig auch die erfolgsverwöhnten klassischen Dating-Plattformen neu aufwirbeln.

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