„Wir brauchen eine neue Diskurskultur”

 

Stefan Bergheim gab seine Karriere in einer großen Bank auf und gründete das „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“. Ein Portrait.

Quelle: TREND UPDATE 09/2014

fortschrittzentrum.de

“Mich treibt die große Hoffnung, dass wir in Deutschland künftig ein Gesamtpaket schnüren von Dingen, die Menschen wichtig sind – eines, das wir offensichtlich so noch nicht haben“,sagt Stefan Bergheim. Dazu zählt für ihn hohes Einkommen, Bildung, Gesundheit, aber auch Vertrauen in die Mitmenschen und hohe Lebenszufriedenheit. Der schlanke Mann Ende 40 spricht leise und präzise, jeder Satz ist sorgfältig formuliert. Als Volkswirt hat er mehr als 15 Jahre lang die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft im Auftrag internationaler Banken analysiert. Heute quillt sein kleines Büro beinahe über von all dem, was er und sein Team in den letzten Jahren in eigenem Auftrag gelernt und erarbeitet haben. Bücher, Studien und Berichte über Politik, Wohlstandsmessung und Zukunftsforschung mischen sich in­ zwischen mit Publikationen zu Change Manage­ment, Dialog und Großgruppenveranstal­tungen.

„Wir brauchen für das Thema Lebens­qualität eine andere Art gesellschaftlicher Entscheidungsfindung und eine neue Diskurs­kultur“,so Bergheim. Auf seinem Schreibtisch ganz obenauf liegt der Abschlussbericht vom Zukunftsdialog 2012 der Bundeskanzlerin. Die Arbeitsgruppe zu Lebensqualität hat Stefan Bergheim selbst geleitet – und einen großen Erfolg erzielt: Dass es Bürgerdialoge zu Lebens­qualität geben soll, ist im neuen Koalitions­vertrag festgeschrieben. Seinem Ziel, das Thema auf die Agenda von Unternehmen, Organisa­tionen und Politik zu setzen, ist Bergheim damit einen riesigen Schritt näher gekommen.

Vision “Lebenswerte Stadt”

Mit einem Team ehrenamtlicher Mitarbeiter hat er 2013 ein lokales Lebensqualitätsprojekt ins Leben gerufen. „Schöne Aussichten – Forum für Frankfurt“ heißt es. Das Ziel: Mit Bürgern der Stadt in einem lebendigen Dialog ein Bild von einer lebenswerten Stadt entwickeln. Das Projekt soll dabei mehr sein als Träumen von einer schönen Zukunft. Gemeinsam mit allen Interessierten soll eine Vision erarbeitet werden, die sich messen lässt, die also unterlegt werden kann mit Indikatoren für die Ver­besserung der Lebensqualität – den Fortschritt. Andere Lebensqualitätsprojekte aus der ganzen Welt haben das bereits vorgemacht.

So unprätentiös, wie er davon erzählt, ist auch seine Erscheinung. In Jeans und Pullover sitzt er da, mit einem Fahrrad vor der Tür statt einem Dienstwagen und ohne Vorzimmer, das ihn abschirmt von der Welt. Solcherlei Isolation könnte er sich auch gar nicht leisten, denn was ihn seit ein paar Jahren immer intensiver beschäftigt, ist die Frage, wer für das Thema Lebensqualität verantwortlich ist – und welche Prozesse man ganz konkret braucht, um die Beteiligten in einen fruchtbaren Austausch zu bringen. Gerade noch hat er für das Frankfurter Projekt mit einem Sozialarbeiter telefoniert, der die Migranten betreut, die er am Abend zuvor getroffen hat. Für den nächsten Tag steht ein Besuch beim Kinderbüro an. Danach wartet eine Gruppe Senioren auf ihn, mit denen er diskutieren will, was für sie Lebensqualität ausmacht.

Dass er für seine Arbeit einen langen Atem braucht, ist ihm klar. Als ehemaliger Triathlet bringt er eine gewisse Ausdauer mit. Und als Idealist eine große Offenheit. Auch dafür, dass sich seine Arbeit ganz anders ent­wickelt als ursprünglich geplant. Eine Denk­fabrik nach amerikanischem Vorbild wollte er aufziehen, in der geforscht, publiziert und beraten Statt Geld bekommt Bergheim jede Menge Engagement wird. Doch die Finanzierung erwies sich als schwieriger als gedacht. Stattdessen schlos­sen sich ihm immer mehr Menschen an, die etwas bewegen wollten. Entstanden ist ein Netz­werk mehrerer Hundert Unterstützer. Einige arbeiten mittlerweile im Vorstand des Zentrums, das als gemeinnütziger Verein organisiert ist. Andere unterstützen als inhaltliche Sparrings­partner, knüpfen wichtige Kontakte zu Wirt­schaft und Politik oder unterstützen Veranstal­tungen wie die „Fortschrittsfabriken“, Dialog­veranstaltungen zu Lebensqualität quer durch Deutschland.

Statt Geld bekommt Bergheim also jede Menge Engagement. Und mit jeder neuen Partnerschaft eine Gelegenheit dazuzulernen – auch in den Projekten jenseits des Vereins, mit denen er seinen Lebensunterhalt finanziert. Ob als Berater der Gesellschaft für inter­nationale Zusammenarbeit (GIZ), im Beirat des Happiness Instituts, als Dozent an der Uni­versität in St. Gallen oder als Lehrbeauftragter in Finnland – Stefan Bergheim lebt, wovon er spricht. Leise und kompromisslos steht er für seine Überzeugungen ein – und ermuntert jeden Tag auch andere, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

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Praxisnah und inspirierend zeigt die Beraterin, wie der Wandel der Arbeitswelt das Business verändert, wie Trend zu mehr Kollaboration neue Formen von Leadership schafft – und welche Rolle Frauen für die Zukunft spielen.