Postlandwirtschaftliche Revolution

Wüsten dehnen sich aus, Arten sterben, Meere werden saurer, wärmer und leerer an Lebewesen, aber dafür reicher an Plastikmüll. Die globale Lebensmittelproduktion ist gleichzeitig Treiber und Leidtragende dieses Wandels. Sie muss sich grundlegend verändern, um eine Katastrophe zu verhindern. – Ein Szenario von Oliver Stengel

Illustration: Sabrina Katzenberger

Die Erde befindet sich in einem grundlegenden Wandel: Das Klima und die Umwelt verändern sich. Die vermutlich folgenreichste Spannung bildet sich auf globaler Ebene im Bereich der Lebensmittelproduktion, denn diese wird immer unsicherer. In einigen Regionen regnet es schon seit Jahrzehnten im Durchschnitt weniger, zum Beispiel auch in Deutschland, und Dürreperioden nehmen an Häufigkeit und Länge zu; in anderen Regionen regnet es zu viel.

Die Konsequenz in beiden Fällen sind Ernteverluste: Von 1981 bis 2019 folgte das globale Ertragspotenzial für Mais, Winterweizen, Sojabohnen und Reis einem konsequenten Abwärtstrend. So verzeichnen die verschiedenen Sorten Reduzierungen von bis zu 8 Prozent gegenüber dem Ausgangswert: 5 bis 6 Prozent (Mais), 1 bis 2 Prozent (Winterweizen), 4 bis 8 Prozent (Sojabohnen) sowie 1 bis 8 Prozent (Reis). Nachdem die Anzahl unterernährter Menschen längere Zeit auf dem Rückmarsch war, steigt sie inzwischen wieder an – und die Erwartung ist, dass das so bleibt. Denn zum einen wächst die Weltbevölkerung zahlenmäßig, zum anderen beschleunigt sich die klimatische und ökologische Verschlechterung.

Rund 40 Prozent der eisfreien Erdoberfläche sind heute Acker- oder Weidefläche. Auf diesen Flächen gediehen einst vielfältige Ökosysteme. Eine so großflächige Umgestaltung der Planetenoberfläche bleibt nicht ohne Folgen – und die treffen nun auch die Land- und Viehwirtschaft selbst: Kein oder zu viel Regen begünstigen Missernten und das Verenden großer Viehherden. Das führt kurzfristig zu steigenden Lebensmittelpreisen und mittelfristig zu sozialen Unruhen, die rasch gewalttätig werden können und Migrationen vom Land in die Städte, in Nachbarländer oder gen Norden auslösen. Durch diese Wanderungen entzünden sich neue Konflikte. Menschen, denen es an Wasser und/oder Lebensmitteln mangelt und die keinen Grund zum Zukunftsoptimismus haben, werden zudem anfälliger für den Einfluss extremistischer Gruppen. Von den betroffenen Menschen könnte es bald Hunderte Millionen geben, wodurch sich auch die internationale Sicherheitslage verschärft.

Megatrend Neo-Ökologie

Megatrend Neo-Ökologie

Ob Kaufentscheidungen, gesellschaftliche Handlungsmoral oder Unternehmensstrategien: Der Megatrend Neo-Ökologie etabliert ein neues Werte-Set, das in jeden Bereich unseres Alltags hineinreicht. Das Nachhaltigkeitsparadigma reprogrammiert die Codes der globalen Gesellschaft, der Kultur und der Politik – und richtet unternehmerisches Handeln sowie das gesamte Wirtschaftssystem fundamental neu aus.

Lebensmittelproduktion: Revolution hat begonnen

Missernten, Unterernährung, soziale Konflikte – das kommt auf uns zu, wenn die globale Lebensmittelproduktion nicht grundsätzlich verändert wird. Selbst wenn weltweit weniger Lebensmittel verschwendet und viel weniger tierische Produkte konsumiert werden, verschlechtert der Klimawandel die agrarwirtschaftlichen Bedingungen. So bleibt vor allem eine Option: Die Produktion tierischer wie pflanzlicher Produkte zu revolutionieren. Tatsächlich hat eine solche Revolution in den letzten zehn Jahren bereits begonnen.

Die Lösung besteht, verkürzt gesagt, darin, tierische und pflanzliche Produkte ohne Tiere und Pflanzen herzustellen: Fleisch, Fisch, Leder, Milch, Palmöl, Holz – diese (und weitere) Produkte lassen sich postlandwirtschaftlich und postforstwirtschaftlich auf der Basis von Zellen herstellen. Das geht, weil Holz, Fleisch, Fisch aus nichts anderem als Zellen bestehen und andere Produkte (Milch, Palmöl) mithilfe von Zellen hergestellt werden können. Um tierfreies Fleisch zu gewinnen, müssen Muskelzellen im Biotank vermehrt werden. Die Zellen presst man anschließend zu Frikadellen oder umhüllt sie mit einem essbaren Gel und verwandelt sie so in „Biotinte“, die man anschließend mit speziellen 3D-Druckern, die bereits in der Medizin angewandt werden, in bestimmte Formen, zum Beispiel die eines Steaks, drucken kann. Das sogenannte Clean Meat ist bereits in Israel und Singapur zugelassen und steht in den USA kurz davor. Auf diese Weise kann Fleisch einer jeden Tierart, auch Fische und Meeresfrüchte, tierfrei produziert werden.

Milch wird hergestellt, indem die Proteine und Fettsäuren der Milch durch genetisch veränderte Hefezellen produziert werden. Dazu muss man das jeweilige Gen für das jeweilige Protein oder die jeweilige Fettsäure in das Genom der Hefe integrieren und die Hefezellen anschließend im Tank vermehren. Zwar wurden die Hefezellen genetisch verändert, da ihnen die Proteine und Lipide anschließend jedoch wieder entnommen werden, ist das Endprodukt gentechnisch unverändert. Die Proteine und Fettsäuren werden anschließend mit Glucose (Kohlenhydrat der Milch) und Wasser vermischt, aus denen Milch zu rund 90 Prozent besteht – und fertig ist die zwar unnatürlich hergestellte, am Ende jedoch naturgleiche Milch. Optional kann auch die Laktose weggelassen werden, was den vielen Menschen entgegen käme, die laktoseintolerant sind. Aus dieser Milch kann man sodann alle handelsüblichen Milchprodukte herstellen. In den USA sind die ersten tierfreien Milchprodukte bereits erhältlich.

Die tierfreie Herstellung hat immense Vorteile: Keine tierethischen Bedenken, ein über 90 Prozent geringerer Flächenverbrauch, ein um die 90 Prozent geringerer Wasserverbrauch. Es braucht keine Düngemittel, keine Pestizide, keine Antibiotika wie in der Massentierhaltung. Werden die Biotanks zusätzlich mit erneuerbaren Energien versorgt – Muskelzellen benötigen eine Temperatur von 37°C –, dann ist auch die Klimabilanz erheblich besser. Zudem können die redundant gewordenen Weideflächen der Natur zurückgegeben werden, was neue Lebensräume für viele Arten schafft und der Atmosphäre CO2 entzieht. Da auf einem Drittel der globalen Ackerfläche Viehfutter angebaut wird, kann auch ein Großteil dieser Flächen aufgegeben werden.

Mittels genetisch modifizierter Algen- oder Hefezellen lassen sich auch die Fettsäuren der Ölpalme herstellen. Da für Palmölplantagen große Flächen tropischen Regenwaldes geopfert wurden und Palmöl in einer unüberschaubaren Anzahl von Produkten enthalten ist, ist die zelluläre Herstellung des Palmöls ein Imperativ. Im Labormaßstab funktioniert diese alternative Herstellung bereits. Die Herausforderung – und dies gilt auch für die zelluläre Herstellung von Fleisch und Milch – liegt in der kostengünstigen großtechnischen Umsetzung. Diese wird seit 2021 angegangen und sollte zu Durchbrüchen in den nächsten Jahren führen.

Wenn der Tipping Point erreicht ist

Inzwischen arbeitet eine stetig steigende Zahl von Start-ups, ausgestattet mit oft großzügigen Investitionen, aus Nordamerika, Europa und Ostasien an den zellulären Verfahren, zumal hier enorme Umsätze in Aussicht stehen. In jüngerer Zeit ist der zelluläre Ansatz auch auf die Produktion weiterer pflanzlicher Erzeugnisse erfolgreich angewandt worden, beispielsweise, um baumfreies Holz herzustellen.

Nun nutzt die großtechnische Herstellung zellulärer Produkte dem globalen Ökosystem und damit auch der Menschheit wenig, wenn diese neuen Produkte nicht anstelle der konventionellen Produkte konsumiert werden. Internationale Umfragen deuten aber an, dass eine hinreichend große Nachfrage gegeben sein wird. In Nordamerika sind die Konsumenten experimentierfreudiger, in Asien technikfreundlicher, aber selbst im kritischen Deutschland scheint die kritische Masse von 25 Prozent rasch erreicht zu werden. Übernehmen 25 Prozent einer Gesellschaft eine neue Norm, etwa tierfreies Fleisch zu essen, ist ein Tipping Point erreicht: Die Mehrheit folgt dann meist rasch. Wenn sich die Umweltbedingungen weiter verschlechtern und dadurch auch soziale Konflikte zunehmen, wächst außerdem der Druck und mit ihm die Legitimation, den Anbau von Lebensmitteln zu diversifizieren – und das bedeutet, Lebensmittel unter umweltunabhängigen, kontrollierbaren Bedingungen zu erzeugen, zum Beispiel in Biotanks.

Weil sich die globalen Umweltbedingungen auch in den nächsten Jahrzehnten verschlechtern und die Folgen krasser werden, wird das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Neo-Ökologie werden, mit einem kollektiven grünen und technologieaffinen Zeitgeist – und dieser wird zellulär erzeugte Lebensmittel zur neuen Norm machen. Die landwirtschaftliche Revolution hat die Biosphäre der Erde in den letzten 12.000 Jahren grundlegend umgestaltet – mit negativen Folgen für die Umwelt. Die postlandwirtschaftliche Revolution kann die Biosphäre innerhalb eines Jahrhunderts erneut grundlegend umgestalten. Dieses Mal mit positiven Folgen für Mensch und Natur. 

Dieser Text ist ein Auszug aus der Studie Progressive Provinz – Die Zukunft des Landes.

Der wichtigste Megatrend unserer Zeit

Der wichtigste Megatrend unserer Zeit

Neo-Ökologie ist der Megatrend, der die 2020er prägen wird wie kein anderer: Umweltbewusstsein wird vom individuellen Lifestyle zur gesellschaftlichen Bewegung. Nachhaltigkeit vom Konsumtrend zum Wirtschaftsfaktor. Und die Klimakrise zur Grundlage einer neuen globalen Identität.


Über den Autor

© Oliver Stengel

Um Klimakrise und Artensterben in den Griff zu bekommen, sind radikale Änderungen erforderlich. Etwa die halbe Erde müsse dazu der Natur zurückgegeben werden, fordern Expertinnen und Experten. Doch wie soll das gehen? „Indem wir die Landwirtschaft abschaffen!“, sagt Dr. Oliver Stengel und entwirft mit seinem Buch „Vom Ende der Landwirtschaft“ eine provokante Zukunftsvision, in der Lebensmittel und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse aus dem Labor kommen – und sich auf Äckern und Weiden die Natur wieder ausbreiten darf. Oliver Stengel studierte Soziologie, Psychologie und Politik. Er arbeitet und forscht zu globalen Transformationen und nachhaltiger Entwicklung an der Hochschule Bochum.