Regierungsauftrag: Resilienz!

Nach der Wahl ist vor der Krise: Die neue Legislaturperiode verlangt von der nächsten Bundesregierung eine neue Qualität von Krisenkompetenz. Die Leitfrage dabei lautet: Was macht die Gesellschaft im 21. Jahrhundert resilient? – Ein Kommentar von Christian Schuldt.

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Ob Klima- oder Corona-Krise, Flutkatastrophe oder zunehmende soziale Ungleichheit: Unter den Vorzeichen der globalen Vernetzung entwickeln sich gesellschaftliche Herausforderungen und Gefährdungen zu beständigen Risikofaktoren. Sie verstärken sich gegenseitig – und verlangen systemische Antworten. In der Ära Merkel wurde diese Aufgabe weitgehend versäumt: Anstatt die Ursachen von Krisen langfristig anzugehen, wurden vor allem die Symptome bekämpft. Die nächste Bundesregierung muss nun umso dringlicher Antworten finden auf die Frage: Was macht die Gesellschaft im 21. Jahrhundert handlungs- und zukunftsfähig? Die Post-Merkel-Ära verlangt eine Politik der Resilienz.

Der Zyklus der Resilienz

Resilienz bedeutet im Kern: die Fähigkeit, sich an wandelnde Umweltzustände anzupassen und konstruktiv auf Krisen zu reagieren. Die Grundlage dafür liefert ein vitales Zusammenspiel von Stabilität und Flexibilität. Das gilt auch für das soziale System Gesellschaft: Eine Gesellschaft, die für Krisen gewappnet sein will, muss daher beides können – das Bewährte bewahren und das Neue adaptiv erschließen.

Was bedeutet das konkret? Hier hilft ein Blick auf das Modell des Adaptive Cycle, auch Resilienzzyklus oder „Lazy Eight“ genannt. Das systemische Modell differenziert das resiliente Zusammenspiel von Robustheit und Dynamik in 4 zentrale Phasen:

  • Freisetzung: Während oder nach einer Krise setzt ein System zuvor gebundene Kapitalien frei – gelingt diese „kreative Zerstörung“ nicht, zerfällt es.
  • Kreation: In der Phase des Lernens und Improvisierens wächst die Resilienz wieder, das System passt sich kreativ an neue Umweltbedingungen an.
  • Expansion: In dieser Phase wächst das System stark, es werden neue Strukturen etabliert. Die Resilienz ist hier besonders hoch.
  • Kontrolle: In der Phase des Erhaltens werden Routinen aufgebaut, zugleich wird das System unflexibler und krisenanfälliger. Wichtig wird nun der Wiedereintritt in die Erneuerung.
Adaptive Cycle: Das Resilienzmodell veranschaulicht das dynamische Zusammenspiel von Stabilität und Flexibilität. (Quelle: Zukunftsinstitut und FASresearch, in Anlehnung an Lance H. Gunderson/Crawford S.)

Bezogen auf die Gesellschaft lautet die Kernaussage des Adaptive Cycle: Eine Gesellschaft ist dann resilient, wenn sie alle vier Phasen des Zyklus bespielen kann. Jede einzelne Phase liefert dabei wichtige Hinweise für die Erhöhung der gesellschaftlichen Resilienz. Was also muss auf der Resilienz-Agenda der neuen Regierung stehen? Im Kern, so zeigt das Modell, geht es darum, das soziale Zusammenwirken zu vitalisieren: Eine Politik der Resilienz schafft Räume und Formate, die Menschen dazu befähigt und motiviert, gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen und daraus zu lernen, immer wieder. Dieser Weg beginnt in unseren Köpfen – bei der Freisetzung festgefahrener Gedankenmuster.

I. Freisetzung: Gesellschaft neu denken

In Krisensituationen können sich Gesellschaften innerhalb kurzer Zeit tiefgreifend verändern. Werden diese Anpassungen aber nicht getragen von einem kollektiven Mindset, können sie nicht nachhaltig wirken. Dann droht vielmehr ein Jo-Jo-Effekt: Der Wandel wird als Zumutung empfunden und schon bald überkompensiert. Die Basis für gesellschaftliche Resilienz liefert deshalb ein Mindset, das auf Verbindung ausgerichtet ist: auf die Stärkung von Solidarität, Pluralität und mitmenschlichem Vertrauen.

Ein solches Mindset hat sich längst zu formieren begonnen. Angetrieben wird es vor allem von der großen Trenddynamik in Richtung Achtsamkeit und Resonanz. Zunehmend richtet sich der Blick auf das, was alle Menschen verbindet und unmittelbar betrifft: auf die überindividuelle Kraft sozialer Verbundenheit, auf die gemeinsame Existenz auf dem Planeten Erde. Es verbreitet sich die Erkenntnis, dass wir als Menschheit globale Krisen nur gemeinsam bewältigen können. Dabei hilft uns das Mindset eines „progressiven Wir“, das unterschiedliche Lebensentwürfe und Identitätskonstruktionen übergreift.

To-do für die nächste Regierung: Brücken bauen. Eine resiliente Politik basiert auf der Schaffung von Verbindungen zwischen unterschiedlichen – auch mentalen – Sphären. Die Voraussetzung dafür ist ein klares Bekenntnis zu einer Solidarität der Vielfalt.

II. Kreation: Neue Wege erschließen

Krisen entfesseln kreative Kräfte und eröffnen neue Gestaltungsfreiräume. Gerade in Zeiten akuter Krisen ist die Kraft der Kreativität im wahrsten Sinne systemrelevant für die gesamtgesellschaftliche Resilienz. Standorte, die über eine starke Kreativwirtschaft verfügen, profitieren auch in Krisenzeiten von intellektuellem und sozialem Kapital: Sie sind unabhängiger von Rohstoffen und können aus Krisen neue Potenziale schöpfen. Die Basis dafür bildet eine lebendige Kreativszene vor Ort.

Eng verknüpft damit sind soziale Innovationen: zivilgesellschaftliche Praktiken, die das gemeinschaftliche Miteinander verbessern wollen. Dazu zählen Guerilla-Gardening-Projekte ebenso wie Sharing-Initiativen, regionales Wirtschaften oder die dezentrale Energiegewinnung. Labs und Bürgerversammlungen, die Menschen lokal vernetzen, laden ein zur Diskussion und Lösung gesellschaftlicher Fragen. Sie initiieren aktiv Veränderungen – die wiederum von NGOs, Vereinen, Verbänden sowie Unternehmen weiter vorangetrieben werden können. Zugleich stärken soziale Innovationen die Unternehmensform des Social Business, das sozialen und ökologischen Nutzen fördert.

To-do für die nächste Regierung: Lernkulturen fördern. Um kreative Ressourcen zu erschließen, gilt es neue Formen des Lernens voranzutreiben. Das heißt nicht zuletzt: die Etablierung einer Fehlerkultur, die auch im Scheitern Wachstumspotenziale sieht.

Free Creativity: Die treibende Kraft in der Krise

Free Creativity: Die treibende Kraft in der Krise

Krisen stellen die Menschheit vor Herausforderungen: Neue Denkansätze und Lösungswege werden gebraucht, um Resilienz zu entwickeln und alternative Pfade einschlagen zu können. Dafür ist Kreativität die wirksamste Kraft des Menschen. In Folge der Coronakrise entstanden in kürzester Zeit neue Geschäftsmodelle und Konzepte. Was sagt das über die Grundbedingungen von Kreativität aus? – Ein Auszug aus der Trendstudie Free Creativity.

III. Expansion: Solidaritätssysteme stärken

Um gesellschaftliche Resilienz breitflächig zu erhöhen, ist es wichtig, solidarische Gemeinschaften zu schaffen: persönliche, soziale und politische Orte und Formate, die einen laufenden Austausch ermöglichen. Immer geht es darum, das Ich im Wir und das Wir im Ich sichtbar und erlebbar zu machen. Besonders wichtig ist dabei das praktische Zusammen-Machen, denn Haltungen und Mindsets verändern sich erst im gemeinsamen Tun nachhaltig. Sich aktiv auf andere Menschen einzulassen, erzeugt mehr Wirkkraft als „klassische“ Proteste und Revolten.

Unterstützt werden muss dieser Prozess von einem offenen, integrativen und interdisziplinären Wissensmanagement, eine Art kollektiver Intelligenz. Entscheidend ist ein freier und transparenter Zugang zu Informationen, Daten und Wissen. Eine solche Wissensvernetzung kann dann zum Beispiel dezentrale Versorgungsstrukturen schaffen, die es Regionen ermöglichen, sich weitgehend unabhängig zu entwickeln oder selbst zu versorgen. Soziale Bewegungen, Initiativen und Netzwerke unterstützen Wandlungsprozesse langfristig „von unten“.

To-do für die nächste Regierung: Begegnungsräume schaffen. Die Stärkung von Solidarität und Gemeinschaft braucht konkrete Orte der Begegnung, an denen der Austausch unterschiedlicher Perspektiven, Meinungen und Erfahrungen möglich wird.

IV. Kontrolle: Resilienzstrukturen erhalten

Damit all diese Resilienzpotenziale nachhaltig erschlossen werden können, müssen sie von verlässlichen institutionellen Richtlinien gestützt werden. Der Staat bildet dabei eine Art Konterpart zu den Dynamiken der Zivilgesellschaft. Eine seiner zentralen Aufgaben besteht darin, den wachsenden Wunsch der Bevölkerung nach mehr Teilhabe aktiv zu fördern und Räume für mehr Demokratie zu schaffen. Aussichtsreich erscheint zum Beispiel ein gemischtes institutionelles System aus Volksabstimmungen, Bürgerversammlungen und Wahlen.

In Zeiten zunehmender Unsicherheit und Krisenhaftigkeit steht die Politik also in der Verantwortung, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die Vertrauen, Kooperation und Selbstorganisation stärken. Gerade die globalisierte Gesellschaft ist auf staatliche Sicherungsstrukturen angewiesen, sei es im Gesundheitswesen, im Katastrophenschutz, in der Bildung oder in der Sicherung sozialer Gerechtigkeit. In diesem Kontext ist auch die Diskussion um die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) zu sehen: Als klares solidarisches Signal könnte ein BGE sogar den Grundstein eines fundamental neuen Gesellschaftsvertrags legen.

To-do für die nächste Regierung: Partizipation ermöglichen. Eine aktive Teilhabe der Bevölkerung an der Gestaltung der Gesellschaft erfordert die Öffnung politischer Entscheidungsfindungen – und vor allem: die Sicherung sozialer Gerechtigkeit.

Die Politik der Resilienz

Die Frage, was eine Gesellschaft resilient macht, führt nicht zu einer einfachen Antwort. Vielmehr eröffnet sie eine Vielzahl von Optionen, die im Optimalfall aufeinander einzahlen. Der rote Faden, der diese Vielfalt eint, ist die Förderung von Verbindung und Austausch, auch zwischen unterschiedlichen Wertewelten und Lebensmilieus. Dies wird eine der zentralen Aufgaben der nächsten Bundesregierung sein: die gezielte Unterstützung von partizipativen und solidarischen Kommunikationsformen und -foren, die helfen, neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

„Ein Paradigmenwechsel in Richtung einer Politik der Resilienz im 21. Jahrhundert wäre ein Akt der Klugheit“, sagt der Soziologe Andreas Reckwitz. Um diesen Paradigmenwechsel zu ermöglichen und den Weg zum gemeinsamen Handeln zu ebnen, muss die Politik auch auf eine neue Weise erlebbar werden. Verbindungen brauchen Verbindlichkeit, um zu gedeihen: Nur eine empathische Politik kann die Gesellschaft nachhaltig durch die Zeit der Krisen navigieren. Es ist zu hoffen, dass die nächste Bundesregierung diesen Akt der Klugheit vollzieht.

Dieser Text ist ein bearbeiteter Auszug aus der Studie Zukunftskraft Resilienz – Gewappnet für die Zeit der Krisen.