„Für uns war die Flughöhe der Megatrends absolut richtig“

Rosenbauer, weltweit führender Hersteller für Feuerwehrtechnik im abwehrenden Brand- und Katastrophenschutz, baut seit Jahren auf die Megatrends. Im Interview sprechen Head of Innovation Technology and Research Alexander Ronacher und Innovationsmanager Georg Pilsner über die Übersetzung der Megatrends für spezifische Anwendungsfelder und in konkrete Produkte.

Sie beschäftigen sich seit 2012 intensiv mit den Megatrends. Welchen Stellenwert haben sie bei Rosenbauer?

Alexander Ronacher: Für uns sind sie eine exzellente Basis, die uns in unserer Arbeit irrsinnig weiterhilft. Wir holen uns als Innovationsteam viel Input aus verschiedenen Netzwerken, challengen die Arbeit des Zukunftsinstituts auch mit anderen Quellen, betreiben eine eigene Technologie-Erhebung etc. – aber ich würde sagen, die Megatrends und die Arbeit des Zukunftsinstituts bilden mit etwa 70 Prozent die größte Säule unserer Quellen.

Georg Pilsner:
Insbesondere bei Neuentwicklungsansätzen nehmen wir uns die Megatrends immer wieder zur Brust. Zudem sind sie natürlich ganz wesentlich für unsere Forschungs- und Entwicklungsabteilung, um die richtigen Schwerpunkte zu setzen und zu wissen, auf welche Fragen wir in 10 Jahren eine Antwort haben müssen. Das war der ursprüngliche Ausgangspunkt, warum wir begonnen haben, uns professionell mit Zukunft zu beschäftigen.

Was hat die Arbeit mit den Megatrends in Ihrem Konzern bewirkt?

Ronacher: Die Megatrends beeinflussen unsere Gedankenwelt ganz wesentlich. „Uns war wichtig, die Zukunft und ihre Möglichkeiten für unser Business und unsere Branche besser einschätzen zu können.“ Dazu muss ich vielleicht ein wenig ausholen: Als Rosenbauer sein Innovationsmanagement strukturierter aufsetzen wollte, war es eigentlich unser Auftrag, Zukunftsstudien bzw. -konzepte anzufertigen, so wie man sie aus der Automobilindustrie kennt. Es war uns aber zu wenig, einfach diverse Ideen zusammenzutragen. Uns war wichtig, die Zukunft und ihre Möglichkeiten für unser Business und unsere Branche besser einschätzen zu können. So sind wir auf das Zukunftsinstitut und die Megatrends gestoßen, haben uns näher damit beschäftigt und erkannt: Es gibt diese großen Megatrends, aber gibt es nicht auch einen Konnex zur Feuerwehr, eine Zeitverzögerung, eine Hysterese zu dem, was in Ableitung von den Megatrends im Feld der Feuerwehr passiert? Wir haben gesehen, dass das Grundgerüst der Megatrend-Map funktioniert, der Feuerwehrbereich aber noch einmal andere, konkretere Begrifflichkeiten braucht.

Die Geburtsstunde der Feuerwehr-Trend-Map.

Pilsner: Damit haben wir begonnen, die Erkenntnisse der Megatrends für den Bereich der Feuerwehren zu übersetzen. Die Megatrends sind natürlich die große Flughöhe, wir konkretisieren diese mit unserer Map, indem wir die Megatrends mit Technologietrends verknüpfen und daraus ein Fundament für die Arbeit im Feuerwehrbereich generieren. Mittlerweile gibt es die vierte Generation der Feuerwehr-Trend-Map mit etwa 120 feuerwehrspezifischen Makrotrends. Eigentlich war sie ja nur intern als Inspiration für neue Innovationen gedacht, aber mittlerweile hat sich die Map auch bei unseren Kunden als operantes Mittel etabliert. Feuerwehren können sich damit selbst auf die organisatorischen, strukturellen und technischen Herausforderungen der nächsten Jahre vorbereiten.

Grafik: Rosenbauer

Welchen Impact hat das in der Branche?

Ronacher: Die Map schafft ein Bewusstsein dafür, wie sich die Feuerwehr mittel- und langfristig entwickelt und wie sie sich schon entwickelt hat. Gender Shift, Womanomics, New Work, Urbanisierung, Kommunikation, Konnektivität, … das sind Schlagworte, die Feuerwehren wachrütteln und dazu bringen, sich mit Zukunftsthemen auseinanderzusetzen. Beispielsweise arbeiten einige österreichische Landesfeuerwehrverbände mit der Map und konfrontieren ihre Führungskräfte in speziellen Workshops mit den Trends. So können sie erkennen, welche Makrotrends für ihre jeweilige Region, Stadt oder Gemeinde wirklichen Impact haben und für welche Themen sie Lösungen finden müssen. Die Präsentation des Concept Fire Truck hat da plötzlich noch einmal eine enorme Nachfrage im Markt hervorgerufen. Beim Berliner Vize-Landesbranddirektor Diplom-Physiker Karsten Göwecke beispielsweise hängt die Feuerwehr-Trend-Map riesig in seinem Büro. In ganz Deutschland arbeiten mittlerweile viele Verantwortliche der Feuerwehrverbände damit.

Der Concept Fire Truck gilt als Feuerwehrauto der Zukunft. Wie viel Megatrend steckt im CFT?

Pilsner: Die Welt verändert sich, auf diese Veränderung brauchen wir eine Antwort – und die Antwort ist der CFT. Ohne die Megatrends bzw. die Feuerwehr-Trend-Map-Arbeit im Vorfeld wäre er in seiner finalen Ausprägung, in seinen logischen Zusammenhängen und Ableitungen, nicht möglich gewesen.

Ronacher: Warum ist Urbanisierung für uns relevant? Wenn immer mehr Menschen in die Städte ziehen, wird die Einsatzherausforderung ganz anders streuen. Mobilität wird verdichtet – wie kommen wir dann überhaupt noch zum Einsatzort? Thema Konnektivität: Wie wird in Zukunft Information verfügbar gemacht? Wie kann die Feuerwehr permanent auf ein sinnvolles Netzwerk an Informationen zugreifen und dieses für den Emergency Code nutzbar machen? Die Konzeption des CFT greift viele Erkenntnisse aus den Megatrends auf. Cockpit und Kabine etwa sehen in Berücksichtigung von Anforderungen der Kommunikation, Kollaboration und Konnektivität plötzlich ganz anders aus als bei heutigen, militärisch, althierarchisch konzipierten Fahrzeugen. Das Antriebskonzept muss den neuen Umweltanforderungen gerecht werden … Es gibt eine ganze Reihe an Argumenten, warum wir die Elemente des CFT genau so gestaltet haben, wie sie sind. Vor dem Hintergrund, dass wir Produkte machen wollen, die für die Zukunft relevant sind – nicht nur für das Geldbörserl, sondern die wirklich einen Nutzen bringen – waren die Megatrends tatsächlich unsere Basis, um dieses Fahrzeug so konzipieren zu können. 

Noch einmal zurück zur Flughöhe der Megatrends: Wie haben Sie diese erlebt?

Ronacher: Diese vielen „Kunstworte“ waren zunächst nicht meine Lieblinge. Wir mussten uns erst einmal mit jedem Wort auseinandersetzen und fragen: Was heißt denn das eigentlich? Ich dachte mir anfangs; das muss doch einfacher gehen, es muss doch für jeden Begriff ein passendes Schlagwort aus dem Feuerwehrbereich geben. Zurecht meinte Herr Pilsner aber, dass diese Begriffe in den Megatrends einfach mehr bedeuten. Sie haben uns quasi dazu genötigt, uns intensiver damit auseinander zu setzen. Was sind die Main Messages, was heißt das, welche Fragestellungen ergeben sich daraus? Erst wenn alles wirklich verstanden und durchdrungen ist, kommt man zu dieser Öffnung, um zu erkennen: Da ergeben sich ganz andere Kombinationen und Zusammenhänge im Feuerwehrkontext. Ich glaube, dass genau das für uns auch der riesige Vorteil war. Etwas von vornherein ganz konkret Niedergeschriebenes würde ja zu einer Bequemlichkeit führen, in der man sagt; das nehmen wir einfach so hin und das wird schon passen. So aber muss man sich aktiv mit Verknüpfungen, mit Zusammenhängen auseinandersetzen.

Pilsner: Wir haben uns ehrlich gesagt teilweise sehr schwer getan beim Durchackern der Megatrend-Dokumentation, ehe wir das Verständnis hatten, was da eigentlich dahinter steckt. Bevor wir das nicht verinnerlicht hatten, hätten wir ja niemandem groß erzählen können, was nun die Feuerwehrtrends sind. Aber dieser Prozess hat bewirkt, dass wir durch die intensive Auseinandersetzung auf den einen oder anderen Aspekt in Kombination mit dem Feuerwehrbereich gekommen sind und einiges ableiten konnten. Somit entwickelte sich auch ein klareres Verständnis. Unsere Feuerwehr-Trend-Map schafft eine Art Übersetzung, denn ich glaube, wenn man die Megatrend-Map 1:1 hernimmt und – salopp gesagt – einfach nur ein Feuerwehrauto in den Hintergrund malt, wäre die Akzeptanz bei den Feuerwehren vermutlich nicht so ausgeprägt. Wenn man sich mit den Begrifflichkeiten zuvor nicht auseinandergesetzt hat, tut man sich einfach schwer.

Ronacher:
Umgekehrt war für uns diese Flughöhe und diese Abstraktheit aber absolut richtig, weil genau damit der Einstieg in ein Level gelungen ist, der uns angespornt hat, darüber nachzudenken und dadurch letztlich neue Kombinationen und Innovationen ermöglicht wurden.


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