Serendipity: Wieso Zufälle gut sind

Zufall heißt für uns oft Willkürlichkeit und ist eher negativ besetzt. Doch wenn wir „glückliche Zufälle“ als solche zu erkennen vermögen, dann eröffnen sich uns neue Welten. Den Zufall mit offenen Armen willkommen zu heißen, hilft dabei, die Welt von morgen neu und besser zu gestalten. – Ein Auszug aus dem Buch „Nur Mut!“.

Illustration: Sabrina Katzenberger, Material: Annie Spratt, Justus Menke/unsplash

Kreative Veränderung durch Zufälle

Das Neue lebt von der Offenheit für den Zufall. Bei dieser Feststellung geht es nicht um den Versuch, den Zufall methodisch zu instrumentalisieren, sondern um die evolutionäre Erkenntnis, dass organisches Wachstum nicht ohne spontane, also zufällige Mutationen, Variationen und Rekombinationen möglich ist, von denen einige sich als schlechtere Variante des Bestehenden herausstellen, andere aber auch als bessere – als eine sinnhafte Weiterentwicklung. Um solche „glücklichen Zufälle“ auch in unserem Leben erkennen und für das Gute nutzen zu können, hilft uns ein Serendipity-Mindset: die Achtsamkeit für zufällige Entdeckungen.

Dieses Mindset ist unmittelbar mit der Kreativität des Menschen verknüpft, denn auch hier spielt es eine essenzielle Rolle: Im kreativen Prozess werden die Strukturen von Realität, bestehend aus Sinneseindrücken, Emotionen, aber auch mentalen Konstrukten, immer wieder spielerisch de-konstruiert und mit Offenheit für den Ausgang neu re-konstruiert – dabei entstehen neue Perspektiven auf die Welt. Diese wiederum sind Voraussetzung für das Entdecken neuer Handlungsspielräume. Kreativität ist also die Basis kultureller Entwicklung –  sie ist das Erfolgsgeheimnis menschlicher Evolution.

Zufälle als gute Gelegenheiten

Dem kreativen Dekonstruieren und Rekonstruieren wohnt dabei ein essenzielles Element inne: der Zufall. Durch ihn ist das Ergebnis immer unbestimmt. Kreativität funktioniert wie das Grundprinzip der Evolution, und das lautet, wie es der Psychologe Joachim Funke zusammenfasst: „Schaffe zufällige Mutationen und schaue, was sich bewährt“. Sie ist also nicht leider, sondern notwendigerweise mit dem Zufall verheiratet und ihrem Wesen nach durch und durch anarchisch. Dennoch oder gerade deswegen bringt Kreativität als eine ungerichtete, unkontrollierbare Energie die Menschen als (Über-)Lebenskünstler voran und treibt Gesellschaften zur Weiterentwicklung an. Die gesellschaftliche Entwicklung ist dabei nicht zwingend eine lineare Bewegung, sondern verläuft häufig zyklisch – in wechselweise bessere und schlechtere Richtungen.

Niklas Luhmann bezeichnete Kreativität auch als „Fähigkeit zum Ausnutzen von Gelegenheiten“ beziehungsweise als „Verwendung von Zufällen zum Aufbau von Strukturen“. Diese Zufallskompetenz gewinne insbesondere „in hochkomplexen, nicht mehr zentral koordinierbaren (‚heterarchischen‘) Systemen wie Gehirnen oder Gesellschaften mit steigender Komplexität“ an Relevanz. Unsere komplexe Gesellschaft von heute ist dabei das Paradebeispiel für eine solche Umgebung, in der „alles zentrale Planen missglückt“. Immer wichtiger wird daher genau jetzt ein Gespür für die „Differenz von Zufall und Struktur“: die bewusste Nutzung von Zufällen durch den „Einsatz systemeigener kombinatorischer Möglichkeiten“.

Serendipity-Mindset in Unternehmen

Der Weg zu sinnhaften Neuerungen in dieser Welt braucht den Mut zum Experiment: (Spiel-)Räume für subjektives Empfinden, die nicht in Strukturen und Regeln gegossen sind – aber strukturell relevant werden können. Wie das in der Wirtschaft und im unternehmerischen Kontext aussehen kann, zeigen Organisationen, die bewusst Bedingungen schaffen, um den Ideen-Mix ihrer Beschäftigten zu ermöglichen. Nicht als „Zwangskreativität“ in Form von Creative Labs oder mit punktuellen Wellnessmaßnahmen wie Kreativitätsworkshops. Sondern indem die Beschäftigten freie Zeit für eigene Ideen und Projekte jenseits des Arbeitsalltags erhalten, zum „Spinnen“ und Entwickeln verrückter Ideen. Alles kann, aber nichts muss.

Eine Unternehmenskultur, die Freiraum für kreative Innovation gibt, ohne sie einzufordern, lebt von Vertrauen – und von einem neuen Führungsverständnis. Das bedeutet: Kontrolle abgeben, Spielräume schaffen, Selbstorganisation fördern. Führung wird damit indirekter und subtiler – und zugleich relevanter und anspruchsvoller, weil soziale, kommunikative und systemische Kompetenzen ins Zentrum rücken. Führungskräfte, die Möglichkeitsräume für Kreativität schaffen, bauen externen Druck ab und unterstützen soziale Resonanzerlebnisse. Auch indem sie mit gutem Beispiel vorangehen und sich selbst Freiräume für kreatives Denken gewähren. Ein Unternehmen, das ein gelöstes, ungezwungenes Verhältnis zu Kreativität gefunden hat, ist daher immer auch „Human-centered“, geprägt von einem Klima der Offenheit und des wechselseitigen Respekts. Es geht um Freiheit. Und das heißt auch: um ein Bekenntnis zum Zufall.

Dieser Text ist ein gekürzter und veränderter Auszug aus der Trendstudie „Free Creativity“: Die Studie setzt sich kritisch mit der vermeintlichen Allzweckwaffe Kreativität auseinander. Sie entwirft Zukunftsbilder, in denen Kreativität nicht mehr Heilsbringer aller Probleme ist, sondern freie gestalterische Kraft des Menschen.


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