Slow Business

In immer mehr Wirtschaftsbereichen wird Wachstum nicht mehr durch Schnelligkeit, sondern durch eine neue Achtsamkeit erreicht: Fünf Branchen im Überblick.

Von Christian Rauch (11/2016)

Stocksnap / Meri Sorgaard / CC0

Jahrzehntelang ist der Fortschritt vom Streben nach Beschleunigung bestimmt gewesen: Wer im Wettbewerb halbwegs bestehen will, muss schnell sein, wer siegen will, der Schnellste, so die gängige Überzeugung. Management-Entscheidungen, Reisen, Immobilienprojekte, Innovationsprozesse, kreative Geistesblitze, ganz zu schweigen von den Medien: Dauerte etwas zu lange, war es schlecht. Nach Fast Food kam Fast Fashion usw.

Doch allmählich wird klar, dass die Logik nicht mehr zum Ziel führt. Die Ära, in der das Tempo den Pulsschlag der Ökonomie bestimmt, geht zu Ende. Im neuen Zeitalter der Achtsamkeit ist Schnelligkeit nicht mehr das Maß der Dinge. In vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft macht sich Entschleunigung bemerkbar. Was mit der Slow-Food-Bewegung begann, setzt sich in immer mehr Branchen fort.

Architektur

Die Zukunft des Bauens wird zusehends von einer Architektur geprägt, die schrittweise und organisch entsteht. Mit Slow Architecture werden erfolgreiche Gegenentwürfe zu konventionellen Gebäuden realisiert, die schnell errichtet werden und keine umfassenden Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen. Neben der Verwendung natürlicher Materialien spielt bei der "generischen Architektur" die Einbettung von Bauten in ihre Umgebung eine entscheidende Rolle. Die Architektur fügt sich bestenfalls in die Landschaft ein, unterstützt durch Baustoffe oder baukulturelle Spezifika der Region.

Weil Slow-Architecture nicht auf Lebensfreude, Komfort und Ästhetik verzichtet, werden sich entsprechende Konzepte zunehmend gegenüber dem schnellen und "kurzsichtigen" Bauen durchsetzen. So werden neue Gebäude und ganze Stadtteile entstehen, die nicht nur ökonomisch effizient sind, sondern auch spezielle kulturelle und historische Charakteristika aufweisen – und vor allem auch sozial nachhaltig funktionieren.

Medien

In der Medienwelt ist Schnelllebigkeit wie nirgendwo sonst zum Alltag geworden. Der Kampf um die Aufmerksamkeit ist vermeintlich nicht anders als durch rasantes Tempo zu gewinnen. Tatsächlich aber ist die Branche nicht nur von Beschleunigung geprägt. Immer öfter werden durch Slow Media erfolgreiche Innovationsimpulse gesetzt. Vom boomenden Buchmarkt über die wachsende Vielfalt an Zeitschriften samt Slow-Journalism-Magazinen bis hin zu Slow-TV – gerade im Online-Zeitalter werden mehr und mehr Medienangebote entwickelt, die uns runter- und weiterbringen.

Ihre Ausbreitung wird nicht dazu führen, dass der technologische Fortschritt, die digitale Vernetzung, Multimedialität, Schnelllebigkeit und Informationsflut der Medienlandschaft zum Stillstand kommen. Doch es häufen sich die Vorstöße einer Gegenströmung zur medialen Beschleunigung. Slow Media setzt mit breiter Wirkung Kontrapunkte zum bislang Gewohnten. Als gefragte Alternativen zu den "schnellen" Medien sind Slow-Media-Angebote Ausdruck eines veränderten Zeitgeistes. Dieser wird sich künftig immer öfter Bahn brechen, weil Menschen nach Ruhe suchen, in Stoffe eintauchen möchten und dabei die Möglichkeit haben wollen, die Zeit zu vergessen.

Handel

Der Slow-Trend sorgt auch im Handel für facettenreiche Nischenphänomene. Sein Erfolg basiert auf einem Angebot, das kein Produkt ist: Resonanz. Sinnstiftung statt Shiny Showrooming, lautet die Devise bei diesem Gegentrend zur gängigen, auf immer schnellere Prozesse ausgerichteten Strategie in der Handelslandschaft. Kuratierung statt Überfülle, Local Commerce, das Comeback der Tante-Emma-Läden und der Märkte als Community Hubs – all das zeigt, wie Entschleunigung stationären Händlern die Chance bietet, nicht immer weiter im Preiskampf zu versinken.

Vor allem lokale Unternehmen profitieren vom Slow-Retail-Trend. Die Rückbesinnung auf Werte und Traditionen spricht insbesondere Kunden an, die der Praxis global agierender Ketten und der Anonymität beim Shopping überdrüssig sind. Ihnen geht es um ein gutes Gefühl beim Einkaufen. Sie sind auf der Suche nach Bedeutung in einer entfremdeten Handelswelt, die den Bezug zum Menschen weitgehend verloren hat. Immer öfter finden sich in den Innenstädten inzwischen wieder Händler, die sich auf Kunden einlassen, sich Zeit nehmen und Orte schaffen, an denen sich Konsumenten wohlfühlen. Sie zeigen, dass Handeln weit mehr ist als ein reiner Verkaufsakt, nämlich ein hochgradig emotionaler, kommunikativer Austausch.

Reisen

Die Tourismusbranche hat ihre Strukturen in der Vergangenheit auf Schnelligkeit und Effizienz hin entwickelt – und stößt damit an ihre Grenzen. Jenseits von Pauschalurlaub, Massentourismus und Jetset-Mythos etabliert sich daher mit Slow Travel erfolgreich eine neue Form von Genuss- und Erlebnisreisen. Auch in Zukunft werden wir nicht weniger verreisen. Das heißt aber nicht, dass alles immer schneller wird. Im Gegenteil: Wir werden tendenziell sogar noch häufiger unterwegs sein, aber dafür öfter auch wieder langsamer.

Was bisher die Erlebnisgesellschaft im Tourismus auszeichnete, nämlich möglichst viele neue Eindrücke und maximale Attraktion in möglichst kurzer Zeit, verliert allmählich seinen Reiz. Wer heute langsam und achtsam unter dem Aspekt "less is more" verreist, sucht nach Ruhe, Entschleunigung und Entspannung, nach einer neuen Klarheit und dem Gefühl, anschließend wieder fokussiert den Alltag bewältigen zu können. Der Trend wird zu spürbaren Veränderungen im Mainstream der Tourismus- und Freizeitbranche beitragen. Daher ist es für die Touristiker wichtig, Gästen eine breite Palette an Möglichkeiten anzubieten, um Qualitätszeit individuell zu erleben und zu gestalten.

Design

Auch in der Designbranche bewirkt der Slow-Trend einen wirkungsvollen Wandel. Eine wachsende Zahl an Konsumenten orientiert sich verstärkt an neuen Qualitätsmaßstäben von Nachhaltigkeit, Individualität, Regionalität und Transparenz. Der Megatrend Neo-Ökologie und die Do-it-yourself-Kultur sorgen nicht nur für einen Wachstumsmarkt grüner Produkte, sondern für die Weiterentwicklung und Wertschöpfung innovativer Designkonzepte. Wie kaum etwas anderes stehen Selfmade-Produkte für Slow Design. Sie bewegen sich aus der Nische der Super-Kreativen und reinen Freizeitbeschäftigung heraus. Doch Slow-Design ist mehr als Handarbeit. Was sich in der Do-it-yourself-Bewegung am deutlichsten manifestiert, beeinflusst künftig weite Bereiche der Produktgestaltung.

Slow Design macht deutlich, dass es alternative Trends zur Smart Production, der inzwischen viel beschworenen Industrie 4.0, gibt. Nicht als großer Gegentrend, sondern als kleine, parallel verlaufende Strömungen eines ebenso modernen Zeitgeistes. Damit steigen wieder die Chancen für kreative Designer, kleine Werkstätten und Manufakturen. Neben dem Mainstream der Fast Economy erleben ausgefallene, handgefertigte Qualitätsprodukte lokaler Hersteller eine Renaissance. In der Verbindung von Tradition und Handwerkskunst mit innovativem Lifestyle und Design liegt die erfolgreiche Strategie für eine wachsende Nachfrage.

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