Von Sport zu Sportivity

In Zukunft wird es nicht mehr darum gehen, Rekorde zu brechen, sondern um ein neues Lebensgefühl für den Alltag: “Sportivity” ist der neue Sport.

Quelle: Trend Update 06/2014

hammett79/ Fotolia

Valery Rozov ist kein Mann für halbe Sachen. Am 5. Mai 2013 sprang er vom Mount Everest. Mit seinem speziellen Wingsuit brauchte er für den „Abstieg“ von 7220 Metern auf knapp 6000 Meter Höhe gerade mal eine Minute. Für den Mai 2014 hatte der Extremsportler Joby Ogwyn angekündigt, sogar direkt vom Gipfel des höchsten Bergs der Welt in die Tiefe zu springen. Zu Redaktionsschluss war er noch nicht gesprungen.

Stéphane Mifsud hingegen braucht für seine sportliche Grenzerfahrung 11 Minuten und 35 Sekunden. So lange bleibt der Weltrekord-Taucher mit einem einzigen Atemzug unter Wasser. Das sind die Superlative, mit denen man modernen Sport verbindet: Menschen, die Grenzen verschieben. Und zwar auf eine Art und Weise, dass der normale Mensch schwankt zwischen ungläubiger Ehrfurcht und tiefer Verachtung für so wenig Liebe zum Leben.

Welten scheinen zu liegen zwischen einer Hochleistungsmaschine im Profisport, dem Sky glotzenden Couch-Potato und dem ledrigen Marathon-Oldie. Berühren sich die Vorstellungen eines Triathleten und eines Slow-Walkers, wenn sie sich am Seeufer begegnen? Auf den ersten Blick kaum.

Und doch leben wir mitten in einer zunehmend „versporteten“ Kultur. In einer vorgeblich egalitären Gesellschaft wird der Sportler zum einzig akzeptablen Helden: Wenn gekämpft wird, dann um Zehntelsekunden. Wenn Macht ausgeübt wird, dann über den eigenen Körper. Längst Die Arbeitswelt wird sich des Sports als Form der freien, naturbedingten Bewegung wesentlich stärker annehmen müssen gehört es zum Kodex moderner Städter, mit Outdoor-Ausrüstung auszuschreiten, die einen höheren Sicherheitsstandard bietet als eine Weltraummission. Der Wunsch, „für alles gerüstet zu sein“, manifestiert sich im zugehörigen SUV (dem Sports Utility Vehicle), der alte Spaßkarossen von Cabrio bis Roadster ersetzt. Akzeptiert ist, wer „fit“ ist. Vorbei die Zeiten, als Vorstände von Dax-Unternehmen einen wohligen Barolo-Bauch tragen durften. Die Manager von heute messen mithilfe von Activity Trackern ihre täglichen, wöchentlichen und monatlichen Aktivitäten. Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain trägt ein solches Fitnessarmband ebenso wie Microsoft-Manager Scott Guthrie und Großbritanniens Premier David Cameron.

Sport ist ein weltumspannendes Phänomen – die Innovationsrate ist entsprechend hoch. Immer mehr Kombinationen oder Extremisierungen werden erfunden, immer mehr „softe Bewegungsformen“ als „sportlich“ erkannt. Beispielsweise der Waldspaziergang, der nicht nur gesundheitsfördernd wirkt, sondern bei vier Kilometern Strecke nicht wesentlich weniger Kalorien verbraucht, als wenn das Ganze joggend zurückgelegt wird.

Nur: Die meisten Menschen kommen in ihren komplizierten Leben nicht dazu. 59 Prozent der Deutschen sagen, sie hätten aus beruflichen und privaten Gründen keine Zeit, sich sportlich zu betätigen. Die bisweilen postulierte These einer grundsätzlichen Ablehnung von Sport oder der Überzeugung, Bewegung wäre unnötig, lässt sich nicht halten: Nur 7 Prozent der Menschen sagen, sie hätten kein Interesse an Bewegung.

Es gibt also eine andere Sportrealität als die aus YouTube-Filmen über immer noch spektakulärere Steilwandfahrten und tiefere Tauchgänge. Diese andere Realität wird den Sport der kommenden Jahre massiv verändern. Während Profisport und seine einbahnstraßenartigen Mega-Events zunehmend kritisch beäugt werden, ist alles, was als „Freizeitsport“ verkauft werden kann, grundsätzlich positiv konnotiert. Gerade der Wunsch nach Teilhabe wird auch beim sogenannten „Eventsportler“ deutlich. Immer weiter steigen die Umsätze aus Sponsoring, Rechten und Eintrittskarten, zugleich verlangen aber immer mehr Fans nach Mitsprache, familiengerechten Angeboten und Raum für eigene Kreativität.

Ein neues Paradigma fördert den Zusammenhang zwischen dem natürlichen Bedürfnis nach Bewegung und ihrem Defizit in einem von der bewegungsarmen Arbeitszeit geprägten Leben der 30- bis 55-Jährigen: Sport als Arbeit.

Die Zukunft des Sports ist die Arbeit

44 Prozent der Deutschen sitzen während der Arbeit durchgängig am Schreibtisch, weitere 26 Prozent bewegen sich nur mäßig auf dem Weg zum Kaffeeautomaten und zurück. Experten schätzen, dass die meisten Menschen in Deutschland zwischen 1700 und 5000 Schritte pro Tag zurücklegen – wünschenswert wären mindestens 10 000. Ein Call-Center-Agent kommt während seiner Arbeitszeit inklusive Pausen auf 1200.

Die Arbeitswelt wird sich des Sports als Form der freien, naturbedingten Bewegung wesentlich stärker annehmen müssen. Hier liegt ein immenses Potenzial, das HR-Abteilungen und Dienstleistungsanbieter immer intensiver in den Fokus rücken werden. Aus fun- und thrillgetriebenem Extremsport und moderater Freizeit-Aktivität wird künftig ein neuer Weg entstehen: Sportivity. Bewegung wird dabei wichtiger als Leistung, Keativität und Lebensenergie wichtiger als Pokale.

Die Lösung wird darin liegen, Bewegung auf eine neue Art und Weise in den Arbeitsalltag zu integrieren. In den kommenden Jahren wird der Druck durch die Individuen auf Arbeitgeber zunehmen, sich mit dem „Grundrecht auf Bewegung“ auseinanderzusetzen und neue Möglichkeiten für Bewegung im Rahmen der Arbeit zu schaffen.

Hier liegen die größten noch ungenutzten Ressourcen, um Lebensqualität merklich zu erhöhen. In allen Umfragen unter jungen Arbeitnehmern zeigt sich, dass drei Elemente für das Arbeitsleben im Zusammenklang eine herausragende Rolle spielen: Spaß, Sinn und die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben. Körperliche Betätigung erzeugt über die Endorphinausschüttung sinnhafte Erlebnisse. Was könnte intrinsische Motivation besser fördern als die Integration dieses Elements in die Arbeitswelt?

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Dossier: Sport

Dossier: Sport

Die Megatrends Konnektivität und New Work verändern große Bereiche unseres Lebens radikal - und erzeugen einen Mangel an Unmittelbarkeit, den der Sport kompensieren kann. Denn Sport ist zugleich das ideale Umfeld für die widersprüchlichen freien Bindungsmodelle des 21. Jahrhunderts.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Anja Kirig

Die Politologin und Journalistin ist seit 2005 für das Zukunftsinstitut als Autorin zahlreicher Studien tätig. Zu Anja Kirigs Schwerpunkten zählen Food, Freizeit, Gender, Gesundheit, Konsum, Neo-Ökologie und Tourismus.