KI in China: Starker Zug zum Tor

China will Nummer eins der Welt bei Künstlicher Intelligenz werden. Und das schon bis 2030. Ob China dieses ambitionierte Ziel punktgenau erreicht, ist gar nicht so wesentlich. Entscheidend für Europa ist, dass China alles daran setzt, seine Bevölkerung zu diesem Quantensprung der Entwicklung zu befähigen. – Ein Beitrag von Verena Nowotny, China-Expertin und Partnerin bei der Strategieberatung Gaisberg Consulting.

Der 9. März 2016 brachte für China einen „Sputnik-Moment“. Das von Googles Deep Mind entwickelte Programm AlphaGo besiegte Lee Sedoul, einen der besten Go-Spieler aus Südkorea, in fünf Spielen 4:1. Lee hatte im Februar vor dem Event erklärt, er werde „haushoch“ gewinnen. Nach der dritten verlorenen Partie erklärte Lee, er sei geschockt vom Spiel des Computers, und dass er sich nach den ersten beiden verlorenen Spielen stark unter Druck gesetzt fühlte.

Ähnlich ging es wohl der chinesischen Regierung, die aus diesem Ereignis den Schluss zog, dass Künstliche Intelligenz (KI) nun zu einer absoluten Priorität der nationalen Politik werden müsse. 

China hat einen Plan – und setzt ihn um 

Im Juli 2017 veröffentlichte Chinas Führung dann eine umfassende KI-Strategie, die deutlich ambitionierter war als frühere Digitalisierungspläne und als klares Ziel vorgab: wir werden führend in KI – und zwar in Theorie, Standardisierung, technologischer Entwicklung und Anwendung. China greift dazu tief in die Budgettaschen und lockt mit millionenschweren Förderungen: Während beispielsweise Frankreichs Präsident Emmanuel Macron einen nationalen F&E-Fonds mit 1,5 Milliarden Euro dotiert, gewährt Chinas Regierung einer einzelnen Stadt, Tianjin, eine KI-Förderung in der Höhe von 13,5 Milliarden Euro. 

Erste Erfolge zeigen sich schon bei den Patentanmeldungen: 2018 meldete China 30.000 Patente im KI-Bereich an, zweieinhalb Mal so viele wie die USA. Ein Drittel der weltweit erfolgreichsten Unicorns (Start-ups mit einer Markbewertung von über einer Milliarde Dollar) sind in China beheimatet; die meisten von ihnen verdanken ihren Aufstieg dem Einsatz von KI. Etwa Bytedance, das Apps zum Gestalten und Teilen von Videos und News betreibt, täglich 800 Millionen Nutzer auf seinen Plattformen zählt und mittlerweile das wertvollste Unicorn der Welt ist.

Wie immer geht China seine Ziele umfassend an. Die Ausbildung von qualifiziertem Personal steht ganz oben auf der Prioritätenliste der Regierung. Im Bereich Digitalisierung, und speziell bei KI, plant China konsequenterweise die Einrichtung von 50 akademischen und Forschungsinstituten bis 2020. 

Ideale Rahmenbedingungen für Start-ups 

Was landläufig unterschätzt wird, ist, wie viel Freiheit China seinen Forschern und Start-ups einräumt. Es gilt das Motto: „First innovate, then regulate.“ Dass dem tatsächlich so ist, konnte die Weltöffentlichkeit Ende 2018 mitverfolgen, als der junge Forscher He Jiankui stolz die ersten genmanipulierten Babys präsentierte. Der Aufschrei – auch in China – war gewaltig, allerdings konnten Kritiker in China nicht notgedrungen einen Regelverstoß festmachen. Erlaubt ist, was Erfolg verspricht.

Hinzu kommen noch andere Faktoren, die Start-ups in China gegenüber Mitbewerbern aus Europa oder den USA generell begünstigen: Chinas Regierung forciert sämtliche Bereiche der Digitalisierung und ist dementsprechend großzügig mit Förderungen, aber auch mit dem Ausbau der Infrastruktur


Strategie-Reise

Wer über die Zukunft lernen möchte, muss nach China schauen. Das Zukunftsinstitut und Gaisberg Consulting haben darum mit ihren chinesischen Partnern ein Reiseformat entwickelt, das vor allem eine Frage beantworten soll: In welchen Bereichen haben chinesische Entwicklungen für mich und mein Unternehmen Relevanz?


Wer in China lebt, findet die Betonung, dass es ein flottes Gratis-Wlan gibt, eher absurd – das hat in China so ziemlich jede Mini-Teestube, auch am Land. Weiters gibt es in China das, was für KI unabdingbar ist, wirklich in rauen Mengen: Big Data. Nicht nur im Gefolge der chinesischen Datenkraken AlibabaTencentZTE oder Huawei entwickeln sich zahllose Unternehmen, die aus den Daten neue Applikationen entwickeln; die schiere Bevölkerungszahl (die über China hinausgeht, da auch Menschen in anderen asiatischen Staaten chinesische Anwendungen nutzen) eröffnet enorme Möglichkeiten. Und die Menschen in China sind extrem technikaffin bzw. offen für neue Anwendungen, sei es die chinesische Variante von UberDidi Chuxing, oder bargeldloses Zahlen, wie es von Alipay angeboten wird. 

Einsam an die Spitze?

China möchte – gerade angesichts der Auseinandersetzungen mit den USA unter Präsident Donald Trump – im Bereich der Digitalisierung so autark wie möglich sein. Dennoch muss auch die chinesische Führung zur Kenntnis nehmen, dass die KI-Forschung und -Entwicklung international und grenzüberschreitend ist. Dementsprechend haben die großen Digitalkonzerne wie AlibabaTencent und Baidu bereits Spin-off-Unternehmen für Forschung und Entwicklung im Silicon Valley und zunehmend auch in Europa etabliert. Diese Zentren bieten natürlich auch attraktive Arbeitsplätze für europäische Forscher – ein Braindrain auf europäischem Boden nach China ist damit eine durchaus realistische Perspektive. 

Europa wird sich jedenfalls rasch eine Strategie auch für den Bereich KI überlegen müssen – denn Chinas Zug zum Tor ist stark und konsequent. Die europäische Realität lässt jedoch befürchten, dass wir mit unserer Nabelschau – Stichwort Postenbesetzungen, Brexit, eventuell vorgezogene Wahlen in Deutschland – in Europa noch mindestens bis Ende des Jahres beschäftigt sind, bevor strategische Beschlüsse überhaupt denkbar sind. In China wird währenddessen emsig weiter im Bereich KI geforscht, entwickelt, ausprobiert. Und so kommt man seinem selbstgesteckten Ziel immer näher: zur Nummer eins der Welt zu werden. 

Über die Autorin

Credit: Peter Rigaud

Verena Nowotny ist Gesellschafterin und Prokuristin bei Gaisberg Consulting. Sie war über zehn Jahre als Sprecherin für die österreichische Bundesregierung tätig, u. a. als außenpolitische Sprecherin von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. 2007/08 lebte und arbeitete sie in Shanghai. 2014 brachte sie gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Roland Benedikter das Buch „China. Situation und Perspektiven des neuen weltpolitischen Akteurs“ (Springer VS) heraus.

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