Kollege KI: Wer steuert die Arbeitswelt von morgen?

Die neue Ordnung der Wirtschaft: Was ändert sich in einer von KI geprägten Arbeitswelt? Ein Beitrag von Dirk Nicolas Wagner, Professor für Strategisches Management an der Karlshochschule International University.

Wie in allen Zukunftsfragen zeichnen die Prognosen auch mit Blick auf die Zukunft der Arbeit sehr unterschiedliche Kurven. Mal sind es fast 50 Prozent der heutigen Jobs, die an Maschinen verloren gehen, mal deutlich weniger – oder die wegfallenden Arbeitsplätze werden durch neue kompensiert (vgl. Frey et al 2017, WEF 2018). Einig sind sich alle darin, dass Maschinen immer mehr Aufgaben übernehmen, und dass der Grad an Differenzierung und Spezialisierung in der Wirtschaft rasant zunimmt.

Zählte der US-amerikanische Arbeitsmarkt zu Beginn der Industrialisierung noch rund 300 Berufe, waren es 2010 schon mehr als 800. Seither beschleunigt die Digitalisierung den Prozess der Arbeitsteilung immer weiter, allein bis 2016 stieg die Anzahl der Berufe auf 1.100 (vgl. BLS 2018). Heute herrscht eine nie dagewesene Produkt- und Dienstleistungsvielfalt. In den USA bietet allein Amazon ein Sortiment von weit über 500 Millionen Produkten an – vor nicht einmal zwei Jahrzehnten waren es in einem gut sortierten Warenhaus gerade mal 50.000 Produkte. Auch das ist nur möglich, weil hinter den Kulissen von Handel und Industrie Algorithmen werkeln.

In dieser von Technologie geprägten Wirtschaft transformiert sich die Arbeitswelt zu „Human-Agent Collectives“ (Jennings et al. 2014): Es bilden sich Organisationsformen aus, in denen sich Menschen und Maschinen in spezialisierten, sich dynamisch entwickelnden Rollen die anfallenden und entstehenden Arbeiten teilen. Künstliche Intelligenz (KI) wird zum neuen Kollegen. Spezialisten gehen davon aus, dass diese Zusammenarbeit durch flexible Autonomie und agile Teamarbeit geprägt sein wird: Mal hat die Software das Sagen, mal der Mensch. Für die Ordnung der Wirtschaft tauchen damit neue Fragestellungen auf.  

Zunächst gilt es, KI-Akteure in die Organisation, in das Unternehmen zu integrieren. Konnten klassische Automatisierungsprojekte noch ganz tayloristisch auf deterministische Algorithmen und „Command & Control“ setzen, erfordern lernende und autonom agierende Systeme neue Ansätze. So wie menschliche Mitarbeiter haben auch die neuen Kollegen Freiheiten und treffen dezentral Entscheidungen – und die Lücke, die fehlende Instruktionen und Befehle hinterlassen, ist durch grundlegende Regeln zu füllen. Diese können je nach Rolle im Unternehmen unterschiedlich sein, sind jedoch allesamt auf den Zweck der Organisation ausgerichtet. Viele dieser Regeln sind unausgesprochen und vage: Menschliche Mitarbeiter verstehen normalerweise sehr schnell, „wo es langgeht“ – KI-Akteuren steht dieser Lernprozess noch weitestgehend bevor.

Und wenn sie diesen meistern, werden sie dann die besseren Mitarbeiter? Die Freiheiten der menschlichen Kollegen, die Unternehmen seit jeher Kopfzerbrechen bereiten, beschreibt die Ökonomie als „Prinzipal-Agenten-Problem“: Der Angestellte nutzt bestehende Freiheiten zum eigenen Vorteil, bummelt, drückt sich, erledigt private Dinge, lässt Büromaterial mitgehen – nicht selten als Retourkutsche für schlechte Führungsarbeit und Machtmissbrauch auf höheren Ebenen. KI könnte sicher helfen, solche menschlichen Schwächen zu minimieren – doch auch KI-Akteure werden sich opportunistisch „Mit dem Einsatz von KI im eigenen Unternehmen kommt es zu einer neuen Form der Arbeitnehmerüberlassung.“ verhalten, denn sie entstammen in den seltensten Fällen dem eigenen Unternehmen, sondern werden selbstverständlich extern eingekauft.

Mit dem Einsatz von KI im eigenen Unternehmen kommt es also zu einer neuen Form der Arbeitnehmerüberlassung. „Software Agents as a Service“ (SAaaS), die Zeitarbeit der Zukunft. Damit hat der künstliche Akteur zwei Herren zu dienen, dem Verleiher und dem Entleiher. Bei aller Kundenorientierung sind hier Interessenskonflikte im wahrsten Sinne des Wortes vorprogrammiert. Schon deshalb, weil die Machtverhältnisse in diesem Zeitarbeitsmarkt der Zukunft ganz anders verteilt sein werden als heute. Allein in Deutschland gibt es heute mehr als 11.000 Zeitarbeitsunternehmen für menschliche Arbeitnehmer. Die bisher beobachtbare Ökonomik der digitalen Wirtschaft mit ihrer Marktanteilskonzentration auf GoogleAmazon & Co. spricht dafür, dass der Markt für SAaaS eher von einer Handvoll Anbieter geprägt wird.

Vor diesem Hintergrund stellt sich einmal mehr die Frage „Wem gehört die Zukunft?“ (vgl. Lanier 2014) Die Suche nach Antworten kann beginnen bei einem der geistigen Väter des deutschen Wirtschaftswunders, dem Ordnungstheoretiker Walter Eucken: Für ihn war es stets zentral, wirtschaftliche Macht zu begrenzen – im Interesse der Wahrung der Freiheit des Individuums.

Literatur:
Bureau of Labor Statistics (BLS) (Hg.): Employment Projections. In: bls.gov, 30.1.2018
Eucken, Walter: Grundsätze der Wirtschaftspolitik. Stuttgart 1952/2004
Frey, Carl Benedikt und Osborne, Michael A.: The Future of Employment: How Susceptible Are Jobs to Computerisation? In: Technological Forecasting and Social Change, 114, 2017, S. 254–280
Jennings, N./ Moreau, L./ Nicholson, D./ Ramchurn, S./ Roberts, S./ Rodden, T. und Rogers, A.: Human-Agent collectives. In: Communications of the ACM 57 (12), 2014, S. 80–88
Lanier, Jaron: Wem gehört die Zukunft? Hamburg 2014
World Economic Forum (WEF) (Hg.): The Future of Jobs Report 2018. Genf 2018

Über den Autor

Dirk Nicolas Wagner ist Professor für Strategisches Management an der Karlshochschule International University in Karlsruhe und Geschäftsführer des Karlshochschule Management Instituts. Zuvor war er in Deutschland und Großbritannien in leitenden Positionen in der Industrie tätig. Seit den 1990er-Jahren beschäftigt Wagner sich mit Fragestellungen rund um das Thema Mensch und Maschine.

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Dirk Nicolas Wagner

Dirk Nicolas Wagner ist Professor für Strategisches Management an der KIU und Geschäftsführer des KMI. Seit den 90er-Jahren beschäftigt Wagner sich mit Fragestellungen rund um das Thema Mensch und Maschine.