Senior Robots: Die Pflege-Maschinen

Im Pflegesektor finden Roboter ihre Bestimmung: Sie werden nicht müde - und können sowohl Maschinen-Jobs als auch menschliche Aufgaben übernehmen.

© Rainer Bez / Care-O-Bot

In 15 Jahren werden rund 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland über 65 Jahre sein, acht Prozent sogar über 80 Jahre. Zudem wird die Anzahl von pflegebedürftigen Menschen um die Hälfte ansteigen. Was heute noch wie Zukunftsmusik klingt und heftige ethische Debatten hervorruft, wird dann Realität sein: der Einsatz von Robotern in der Altenpflege.

Nicht nur im Pflegesektor nimmt die Automatisierung ihren Lauf. Schon heute werden etwa die Päckchen von den Logistikzentren des Onlinehändlers Amazon mit Unterstützung von Robotern zum Kunden versendet. In den USA kommen bereits 15.000 Roboter an zehn Amazon-Standorten zum Einsatz. Am Flughafen in Düsseldorf werden Autos von Robotern geparkt. In bestimmten Lagerbereichen kommen bereits selbstfahrende Fahrzeuge zum Einsatz. DHL plant, selbstfahrende Autos auch zur Auslieferung von Paketen auf öffentlichen Straßen einzusetzen.

Kollege Roboter

Längst sind sie unter uns, auch wenn sie uns nicht mit großen Kulleraugen anschauen und mit zarten Stimmen sprechen. Der Einsatz von Robotern gehört bereits in vielen Wirtschaftszweigen zum Alltag. Solange Roboter keine menschenähnlichen Züge haben, nutzen wir sie hierzulande als tatkräftige Helfer. Staubsauger-Roboter mögen zwar als niedlich belächelt werden, doch erinnern sie weder an eine menschliche Putzkraft noch an ein Haustier. Sie sollen schlicht einen Zweck erfüllen – die Wohnung reinigen.

Computerprogramme machen weniger Fehler, sie werden nicht müde oder sind schlechtgelaunt – und wie häufig war nicht „menschliches Versagen“ Ursache für Katastrophen? Roboter arbeiten nach Programmierung – aber was ist, wenn doch einmal etwas schief läuft? Wer übernimmt dann die Verantwortung, wem kann die Schuld zugewiesen werden? Heute gibt es hierfür noch keine klare Antwort. Doch genau diese rechtlichen Regelungen müssen künftig gefunden werden. Roboter erlangen zudem im europäischen Kulturraum nur gesellschaftliche Akzeptanz, wenn ihr äußeres Erscheinungsbild nicht an den Menschen erinnert. Roboter sind Maschinen, basta.

In Japan ist schon heute ein Viertel der Bevölkerung über 65 Jahre. Da in Krankenhäusern und Seniorenheimen die Mitarbeiter fehlen, setzt man auf Pflegeroboter. So kommt im Pflegeheim Fuyo-En in Yokohama der Unterhaltungsroboter Parlo zum Einsatz. Der 40 Zentimeter große Roboter von der japanischen Firma Fuji Soft kann 365 Programme abspielen, z.B. Rhythmusspiele oder Rätselraten. Parlo zählt zu den Servicerobotern, denen eine glorreiche Zukunft prognostiziert wird.

Auch hierzulande bereiten sich Unternehmen bereits auf das Ausscheiden der geburtenstarken Generation der Babyboomer (geboren zwischen 1955 und 1965) aus dem Arbeitsleben vor. Diese werden im Jahr 2030 älter als 65 Jahre sein. Szenarien gehen trotz sinkender Bevölkerungszahl (2030: ca. 77 Millionen) von wachsenden Krankenhausbehandlungen aus. Dabei werden Menschen bis 60 Jahre im Schnitt seltener im Vergleich zu heute ein Krankenhaus besuchen, die Über-60-Jährigen dafür häufiger. 3 bis 3,4 Millionen Menschen in Deutschland sind dann voraussichtlich pflegebedürftig, Tendenz weiter steigend.

RoboAssistants statt Pflegekollaps

Bereits heute kommen Roboter in der Chirurgie zum Einsatz. 2012 sind nach Schätzungen des IFR 450.000 Operationen weltweit mit Medizinrobotern getätigt worden. Roboter im medizinischen und pflegerischen Bereich sollen Fachpersonal nicht ersetzen, sondern ihm unterstützend unter die Arme greifen. Schätzungen zufolge könnten im Jahr 2030 bis zu 500.000 Pflegekräfte alleine nur in Deutschland fehlen. Pflegepersonal wird nicht nur – wie die meisten sozialen Berufe – schlecht bezahlt, hinzu kommen der Schichtdienst, Erkrankungen wie Rückenbeschwerden durch das Heben und Lagern von Patienten und Burn-out aufgrund der hohen psychischen Belastung. Auf hundert Über-80-Jährige kommen laut OECD schon heute gerade einmal elf Altenpfleger. Im europäischen Vergleich zum Personalschlüssel in Krankenhäusern schneidet Deutschland zusammen mit Spanien am schlechtesten ab: Auf eine Pflegekraft kommen zehn Patienten.

Der deutsche Berufsverband für Roboter sorgen für eine angemessene Pflegequalität Pflegeberufe spricht sogar von einem „Pflegekollaps“ und hat in einer Meinungsumfrage festgestellt, dass in der ambulanten Pflege täglich 16, im Krankenhaus 23 und im Pflegeheim 28 Personen betreut werden müssen. Roboter leisten hier nicht nur eine enorme Entlastung des Personals, sondern sorgen für eine angemessene Pflegequalität. Dabei werden ihre Dienste heute und in naher Zukunft weniger im Bereich der Unterhaltung benötigt, sondern um handfeste Tätigkeiten und Routinearbeiten auszuführen. In der Immanuel Klinik Rüdersdorf bei Berlin können Transportroboter bis zu 500 Kilogramm schleppen. Sie bringen Essen, Sterilgut oder Wäsche zu den jeweiligen Stationen und legen dabei täglich bis zu 28 Kilometer zurück. Entwickelt wurden die Krankenhausroboter Transcar LTC 2 von der Schweizer Firma Swisslog. Sie sind in der Lage, Hindernisse zu erkennen, kurze Sätze wie „Bitte gehen Sie zur Seite“ zu sprechen und Aufzug zu fahren.

Die Immanuel Klinik ist eine der modernsten deutschlandweit, in den Neubau aus dem Jahr 2009 wurde von Anfang an der Technikeinsatz integriert. Je mehr arbeitserleichternde Technik zum Alltag des Pflegepersonals gehört, desto höher wird die Bereitschaft der Krankenhausbetreiber, in die kostenintensive Anschaffung von Servicerobotern zu investieren und desto größer wird die Akzeptanz seitens Patienten.

Serviceroboter mit Zukunft

Während Technologieunternehmen bereits vor gut zehn Jahren die ersten Serviceroboter für den Einsatz im Pflegesektor entwickelt haben, ist jetzt der Tipping-Point für die Nutzung erreicht. Der Bedarf an Pflegepersonal und unterstützenden technischen Lösungen wächst aufgrund des demografischen Wandels. Andererseits wanderten zahlreiche Krankenhausbetriebe von öffentlicher in private Hand und müssen sich den Kriterien der Wirtschaftlichkeit stellen. Kostenreduktion durch Personalabbau und sinkende Verweildauer von Patienten spitzen die Lage in der Pflege weiter zu. Robotersysteme, die Transporte erledigen und Botengänge übernehmen, sorgen langfristig für reduzierte Kosten. Zudem kommen künftig vermehrt Roboter mit Erinnerungsfunktion sowie zur Unterstützung und Überwachung von Regenerationsfortschritten zum Einsatz. Dabei ist der Roboter hierzulande eine intelligente Maschine, die Service und Support auf technologischer Basis bietet. Humanoide Züge wird sie in Europa nicht annehmen.

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Janine Seitz

Die studierte Kulturanthropologin ist seit 2008 Redakteurin des Zukunftsinstituts. Ihr Fokus: die Zukunft des Handels, Digitalisierungstrends und Global Sustainability. Als Projektleiterin verantwortet Seitz die inhaltliche Koordination der Branchen-Reports.