Ungendered Lifestyle: Rollenmuster verlieren ihre Relevanz

Weder gesellschaftliche Rollen noch scheinbare biologische Tatsachen sind festgeschrieben. Der Gender Shift bricht das binäre Geschlechtermodell langsam auf.

Von Lena Papasabbas

Menschen jeden Geschlechts wollen selbstbestimmt leben und die gleichen Rechte haben. Der Trend geht hin zu mehr Freiheit für alle und weg von gesellschaftlichen Restriktionen, die Menschen in ihrer Lebensqualität, aber auch in der Entfaltung ihrer Potenziale, beruflich wie privat, bisher gehemmt haben.

Die Lust am Spiel mit der Identität jenseits von starren Rollen wird in Zukunft zunehmen. Besonders junge Menschen mit höherem Bildungsgrad verstehen Gender schon jetzt als Spielfeld, auf dem man sich ausprobieren und experimentieren kann. Geschlecht wird in Zukunft kein Schicksal mehr sein, das bei Geburt schon festgelegt ist, sondern ein weites Spielfeld für individuelle Vorlieben und unterschiedliche Lebensphasen.

Damit legt Geschlecht in Zukunft auch nicht mehr fest, wer in der Gesellschaft Macht hat und wer nicht. Die alten Zuordnungen von Männer- und Frauenarbeit lösen sich auf. Die Zukunft ist weder männlich noch weiblich. Sie gehört vor allem einem Ungendered Lifestyle. Das bedeutet nicht, dass alle Menschen künftig androgyner werden oder es verpönt ist, als Mann Fußball zu mögen und sich als Frau die Nägel zu lackieren. Es geht mehr darum, dass diese Attribute oder Vorlieben „Besonders junge Menschen mit höherem Bildungsgrad verstehen Gender schon jetzt als Spielfeld, auf dem man sich ausprobieren und experimentieren kann.“ sich für alle Geschlechter öffnen und damit unabhängiger von Geschlecht existieren.

Das Individuum ist durch sein Geschlecht nicht mehr auf bestimmte Verhaltensweisen, Berufe oder Hobbys festgelegt. Stattdessen werden beim Ungendered Lifestyle sämtliche Lebensbereiche wie die Ausbildung, Berufswahl, Kindererziehung, Freizeitaktivitäten oder Konsumpräferenzen nach Interessen, Funktionalität und Geschmack ausgestaltet. Eltern auf der ganzen Welt beginnen damit, ihre Kinder bewusst geschlechtsneutral zu erziehen, um zu verhindern, dass sie von Geburt an mit geschlechtsspezischen Erwartungen und Zuschreibungen konfrontiert werden. Die Vorschule „Egalia“ in Schweden zum Beispiel verfolgt schon seit 2010 ein geschlechtsneutrales Konzept. Die Kinder dort werden nicht als Mädchen oder Jungen bezeichnet, sondern es wird das geschlechtsneutrale Pronomen „hen“ benutzt. Die Kinder werden ermutigt, zu tun, was sie wollen, ohne durch ihr biologisches Geschlecht eingegrenzt zu werden. Die Medienauswahl in der Vorschule wird aus diesem Grund begrenzt: Märchen, die Klischees reproduzieren, gibt es beispielsweise nicht. Noch werden solche Konzepte sehr kontrovers diskutiert. Doch der Bedarf an progressivem Umgang mit Gender wächst – nicht nur in der Kindererziehung.

Gleichberechtigung als ökonomische Notwendigkeit

Im Zuge des Gender Shift zählen künftig Individualität und Persönlichkeit, nicht mehr tradierte Geschlechterrollen. Das löst auch die alten Frontlinien auf. Der Begriff „Geschlechterkampf“ bekommt eine gestrige Konnotation. Es geht nicht mehr in erster Linie darum, dass Frauen sich Rechte erkämpfen müssen und Männer dadurch etwas verlieren. Statt eines verbitterten Geschlechterkampfs gibt es nun teilweise humorvolle Debatten im Internet, Memes, die Geschlechterrollen karikieren, und Initiativen, die beispielsweise auf die Unterrepräsentation von Musikerinnen im Line-up von Festivals verweisen. Durch die allgegenwärtige Konnektivität kann sogar das kleinste Anliegen publik gemacht werden, lassen sich Gleichgesinnte, Aufmerksamkeit und Unterstützung finden. Stars wie die US-amerikanische Sport- und TV-Ikone Caitlyn Jenner, Fernsehshows wie „RuPaul’s Drag Race“, in der Amerikas nächste Drag Queen gekürt wird, und Männer, die sich öffentlich für Feminismus einsetzen, tun ihr Übriges, um den Gender-Diskurs aus der Nische in die breite Öffentlichkeit zu tragen.

Natürlich ist immer noch viel zu tun. Der Global Gender Gap Report 2017 des World Economic Forum, der den Fortschritt hin zu einer allgemeinen Geschlechtergleichheit in 144 Ländern weltweit untersucht, zeigt: In allen Dimensionen, von wirtschaftlicher Teilhabe und Chancengleichheit über Bildungs- und Gesundheitsleistungen bis hin zum politischen Empowerment, ist der Gender Gap bislang erst zu 68 Prozent geschlossen. Ein Drittel des Weges bis zur vollständigen Angleichung ist also noch zu gehen.

Deutschland erzielt im Bildungs- und Gesundheitsbereich Bestwerte, in der Wirtschaft und der Politik dagegen ist noch viel aufzuholen. Hierzulande muss vor allem der Fortschritt im Bereich der Wirtschaft zu denken geben: Beim gegenwärtigen Tempo braucht es weitere 217 Jahre, um gleiche Verhältnisse für alle zu erreichen. Die ökonomische Tragweite des Problems ist enorm. Wirtschaftliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern könnte Schätzungen zufolge in Deutschland eine Erhöhung des BIP um mehr als 275 Milliarden Euro bedeuten, in den USA ließe sich sogar eine Steigerung um 1,75 Billionen Dollar erreichen (World Economic Forum 2017). Ließe sich der Gender Gap in der wirtschaftlichen Beteiligung – global betrachtet – bis zum Jahr 2025 nur um 25 Prozent schließen, könnte das ein Plus der weltweiten Wirtschaftsleistung von schätzungsweise insgesamt 5,3 Billionen Dollar in diesem Zeitraum bedeuten.

Dieser Text ist ein Auszug aus der aktuellen Megatrend Dokumentation.

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Megatrend Gender Shift

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Innovation schlägt Tradition, das Geschlecht verliert das Schicksalhafte, die Zielgruppe an Verbindlichkeit. Noch nie hat die Tatsache, ob jemand als Mann oder Frau geboren wird und aufwächst, weniger darüber ausgesagt, wie Biografien verlaufen werden. Der Trend veränderter Rollenmuster und aufbrechender Geschlechterstereotype sorgt für einen radikalen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft. Das starke Ich schlägt das alte Frau/Mann-Schema und schafft eine neue Kultur des Pluralismus.

Megatrend Individualisierung

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Individualisierung ist das zentrale Kulturprinzip der westlichen Welt und entfaltet seine Wirkungsmacht zunehmend global. Der komplexe Megatrend hat in vielen Wohlstandsnationen seinen vorläufigen Peak erreicht und ist Basis unserer Gesellschaftsstrukturen geworden. Der Megatrend codiert die Gesellschaft um: Er berührt Wertesysteme, Konsummuster und Alltagskultur gleichermaßen. Im Kern bedeutet Individualisierung die Freiheit der Wahl. Ihre Auswirkungen sind jedoch komplex und bringen sowohl scheinbare Gegentrends wie eine Wir-Kultur als auch neue Zwänge hervor. Individualisierung ist eng mit den Megatrends Urbanisierung, Gender Shift und Konnektivität verwoben.

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Lena Papasabbas

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin und begleitet seit 2014 für das Zukunftsinstitut Projekte im Research-Bereich. Ihr Schwerpunkt ist die redaktionelle Arbeit bei Auftragsstudien.