Urban Waters: Stadt im Fluss

Der Naturraum Wasser zählt zu den stärksten Anziehungsfaktoren urbaner Individualisten - und schafft neue Standards städtischer Lebensqualität

Sunset Landscape of Portland - Oregon, Josemaria Toscano / fotolia.com

Wasser war schon immer ein Ort der Sehnsucht: ein Spaziergang am Meer, die romantische Sommeridylle am Badesee oder ein Bootsausflug – Sinnbilder idealer Freizeit- und Erholungserlebnisse stadtgestresster Menschen. Wann immer es möglich war, fuhr man in die „Natur“. Als Alternative wurde das Freibad erfunden. Einst zur Körperertüchtigung gedacht, entwickelte es sich in Zeiten der Spaßgesellschaft zu Freizeit-und Erlebnisbädern. Vor 30 Jahren passten sie perfekt zu dem geregelten Alltagsleben und waren eine kleine Flucht vor der „dreckigen“ Stadt. Das cyanfarbene Becken ließ das Wasser blauer schimmern als in der Karibik, ein Bademeister sorgte für Ordnung, und dank Chlor und Desinfektionsduschen war die Badefreude auch garantiert keimfrei.

Urbanscapes

Nun verlangt eine neue Badekultur an den Ufern von Flüssen und Seen in den Städten nach neuen kulturellen und sozialen Hotspots – und definiert damit einen neuen Standard urbaner Lebensqualität. Mit der Renaissance der Stadt, dem Wandel in „Creative Citys“ und dem parallel fortschreitenden Megatrend Neo-Ökologie verändert sich das Verständnis von Die neuen „Stadtlandschaften“ sind angepasst an die veränderten Bedürfnisse einer mobilen, spontanen und vor allem individualisierten Gesellschaft. Landschaft und Naturräumen. Fernab verklärter „Bambiromantik“ von vermeintlich ursprünglicher Natur entsteht derzeit eine enorme Vielfalt an Freizeitangeboten und Erholungsmöglichkeiten, die Arbeit und Freizeit ebenso durchgängig machen wie Stadt versus Natur. Urban Gardening kreiert neue Oasen der Ruhe auf ehemaligen Brachflächen. Lineare Parks auf nicht mehr benötigten Gleisanlagen, wie beim Highline Park in New York City, werden zum Treffpunkt für romantische Zweisamkeit über den pulsierenden Straßen der Stadt. Urbane Stadtstrände bieten 24h-Instant-Urlaubsfeeling. Die neuen „Stadtlandschaften“ sind angepasst an die veränderten Bedürfnisse einer mobilen, spontanen und vor allem individualisierten Gesellschaft. Sie verbinden Abschalten und Abenteuer, Rückzugsraum und Flanierfläche – zu jeder Zeit und ohne Hausordnung. Und nirgendwo ist all dies besser möglich als am und vor allem im Wasser!

Kopenhagen: Swimming in the City

Schneller als andere Städte erkannte Kopenhagen sein „Urban Waters“-Potenzial. Mit dem Rückgang der Industrie und der Verlegung des Hafenbetriebs setzte die Stadt sich das Ziel, nicht nur attraktive Uferzonen zu gestalten, sondern auch Badewasserqualität in allen Gewässern der Stadt zu erreichen. Damit ist Kopenhagen nicht nur die Radfahrer-Hauptstadt Europas, sondern auch die Stadt mit dem größten urbanen Badespaß.

Wem diese Badeanlagen zu viel „Sehen und Gesehen-werden“ sind, der kann einfach auch zu Hause bleiben – und von dort direkt ins Wasser springen. Der Sluseholmen ist ein ehemaliger Industriehafen, der zu einem Wohngebiet transformiert wurde. Das Neubaugebiet ist mit Kanälen durchzogen und ermöglicht "Bahnen ziehen“ zwischen den Häusern und Gärten der Nachbarn jedem Anwohner einen direkten Zugang zum Wasser. Aber anders als beim Vorbild Amsterdam kann man nicht nur mit dem Boot vor der Haustür anlegen, sondern auch ins Wasser springen. Kein blau gestrichenes Becken, kein Chlorwasser, kein zum Scheitern verurteilter Versuch, „Natur“ nachzubilden – sondern „Bahnen ziehen“ zwischen den Häusern und Gärten der Nachbarn.

Im Harbour Bath von BIG Architects stürzt man sich direkt nach einer Shoppingtour ins kühle Nass. Das Holzdeck bildet den Rahmen für mehrere Becken. Liege- und Aufenthaltsflächen bietet die angrenzende Uferzone. Von den Anwohnern wird diese auch als „Fleischtheke“ bezeichnet: Die Dichte an attraktiven jungen Menschen ist ungewöhnlich hoch und damit ein ausgesprochen ästhetischer Beitrag zur Stadtverschönerung. Ein Beispiel für ideales Stadtmarketing. 2009 wurde die erste Anlage dieser Art eröffnet. Weitere sind in Planung, da der Andrang nicht mehr zu bewältigen ist.

Gerade erst wurde das Coral Bath fertiggestellt und wird – sobald die Badesaison beginnt – sofort in Beschlag genommen werden. Anders als das Harbour Bath ist es direkt an ein Wohngebiet angeschlossen, das auf einem ehemaligen Hafengelände erbaut wurde. Gegenüber des Coral Bath ist auch noch ein „aktives“ Hafenareal mit allem, was dazugehört: Schiffen, Kränen und Containern. Hierzulande würde wohl jede Behörde in Ohnmacht fallen: „Wenn dann jemand in das Fahrwasser schwimmt!“ Doch die neue urbane Badekultur trägt zu einem entspannten Umgang mit diesen technokratischen Bedenken bei. Zumindest sind die Kopenhagener davon überzeugt, dass ein jeder selbst für sich Verantwortung übernehmen kann.

 

Baden in Berlin

Auch Berlin, der Hotspot der Stadtstrände und Beachpartys, entdeckt seine Spree neu. Pragmatisch wie der Berliner ist, hat er Schiffsrümpfe ins Wasser gelassen – die Spree selbst ist zum Baden noch zu belastet. Das Badeschiff (www.arena-berlin.de/badeschiff.aspx) ist ein echtes „Arm-aber-sexy“-Berlin-Erlebnis: Improvisation und unkonventionelle Ideen schaffen mehr Anziehungskraft als Standardlösungen. Im Winter werden die drei Rümpfe zu einer Saunalandschaft umfunktioniert.
Bereits mit dem Nachhaltigkeitspreis der HOLCIM Foundation ausgezeichnet Es entsteht eine neue Badekultur in der Spree ist das Projekt Flussland von dem Büro „realities united“ aus Berlin (www.realities-united.de/#PROJECT,110,3). Sie planen für 2018, den Spreeabschnitt entlang der Museumsinsel zum Schwimmen und Baden zugänglich zu machen. Das Spreewasser wird durch eine Kombination aus Veränderungen am Abwasserkanalsystem entlang des Flussabschnitts und einem 780 Meter langen Pflanzenfilterbecken im oberen Kanalabschnitt auf Badegewässerqualität gebracht. Der Fluss wird zum aktiven Tool der Stadtgestaltung und bietet zahlreiche Entwicklungsperspektiven. Gerade in dieser zentralen Lage, einem der touristischen Hotspots der Stadt, wird die Möglichkeit eines Badevergnügens die Attraktivität der Stadt erheblich stärken.

Das Badeschiff markierte den Anfang einer neuen Badekultur in der Spree. Gerade im Bau ist die Pilotanlage des Forschungsprojektes SPREE2011 (www.spree2011.de). Ziel des Projektes ist es, die Spree an möglichst vielen Stellen wieder „bebadbar“ zu machen. Dahinter steckt die Idee, das Einleiten von Abwasser in den Fluss durch „Auffangpontons“ wesentlich zu reduzieren. Auf diese werden Plattformen für verschiedene Nutzungen wie Café, Kiosk, Liegedeck installiert. Sie ermöglichen den Zugang zum Wasser. Das System ist nicht nur für Berlin geeignet, sondern für eine Vielzahl von Städten mit einer Mischkanalisation.

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