Virtuelle Währungen: Pop-up-Money

Die Finanzkrise verschärft die Suche nach Alternativen zum Zentralbankgeld. Neue alternative Währungen, die vor allem im Internet entstehen, bieten große Chancen für Unternehmen.

Quelle: Trend Update 02/2012

Igor / fotolia.com

Geld ist etwas Virtuelles. Das ist heute, da sich an den Börsen Milliarden- und Billionen-Buchwerte in Sekunden verflüchtigen, eine Binsenweisheit. Über die Frage, wann das anfing, herrscht hingegen Uneinigkeit. Viele Kommentatoren sehen den Umschlagpunkt im Jahr 1971, als die Goldbindung des Dollars aufgegeben wurde und das Bretton-Woods-Währungssystem auseinanderbrach. Die Vorstellung, dass Geld nur aus wertlosem Papier oder gar elektronischen Nullen und Einsen bestehen soll, will uns trotzdem nicht so recht in den Kopf. Nicht von ungefähr kontern Kreditkartenunternehmen dieses Unbehagen in jüngster Zeit, indem sie ihre VIP-Karten wie die American Express Platinum Card aus echtem Edelmetall fertigen lassen – so wird die Abstraktion der Abstraktion symbolisch zumindest wieder zum Sachwert.

Geld besteht seit jeher aus reiner Konvention

Dabei bestand das Tauschmedium Geld seit jeher aus reiner Konvention, wie der Historiker Niall Ferguson in seiner groß angelegten Geschichte „Der Aufstieg des Geldes“ herausstreicht: „Tatsächlich gab es außer dem historischen Zufall keinen Grund dafür, dass Geld in der Vorstellung des Westens mit Metall gleichgesetzt wurde. [...] Geld ist kein Metall, sondern aufgeprägtes Vertrauen. Das Trägermaterial scheint kaum eine “Geld ist kein Metall, sondern aufgeprägtes Vertrauen” Rolle zu spielen: Ob es sich um Silber, Ton oder Papier oder einen Monitor aus Flüssigkristallen handelt, alles kann als Geld dienen, von den Kaurimuscheln auf den Malediven bis zu den riesigen Steinscheiben, die auf den Inseln von Yap im Pazifik benutzt wurden. Und im heutigen elektronischen Zeitalter scheint auch ein Nichts als Geld dienen zu können.“ In der Weltgeschichte, so Ferguson, war Geld in all seinen Ausformungen aufgrund seiner Funktionen als Verrechnungseinheit und Wertspeicher vor allem eines: „transportable Macht“. Dadurch ist das Vertrauen in die Macht des Geldes einzige Quelle seiner Werthaltigkeit, und in Zeiten digitalen Geldes schwirrt diese Macht mit Lichtgeschwindigkeit um den Globus.

Akzeptiert man diesen Abstraktionsgrad, dann versteht man, dass Geld weitaus mehr sein kann als die per Zentralbankmonopol mühsam kontrollierte Menge offizieller Zahlungsmittel. Denn durch den galoppierenden Vertrauensverlust in die staatlichen Währungen des Westens erodiert die Macht der Zentralbanken, die Flucht aus Dollar, Euro und Pfund befeuert die Suche nach alternativen Wertspeichern und Zahlungssystemen. Die Digitalisierung leistet ein Übriges bei der Entstehung eines wahren Zoos konkurrierender und komplementärer Zahlungs- und Abrechnungssysteme, die zum Großteil noch auf den offiziellen Währungen aufsetzen, zum Teil aber schon eigene, abgeschlossene Währungsräume im Virtuellen formen.

Fiatgeld und Ketchup-Inflation

Heutiges Zentralbankgeld wie Dollar und Euro ist Fiatgeld (lat. fiat = „es werde“): Es wird aus dem Nichts geschöpft und ist gleichzeitig alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel im jeweiligen Währungsraum (im Geldmonopol der Zentralbanken liegt übrigens auch die größte juristische Hürde für alternative Währungen). Das kann eine Weile lang gut gehen, wie bei der D-Mark über Jahrzehnte. Aber Fiatgeld hat eine eingebaute Tendenz zur Inflation und neigt zu Blasenbildung, wenn die Notenbank nicht äußerste Disziplin walten lässt. Der wahre Auslöser der Finanzkrise von 2008 war die vorangehende Ära des billigen Geldes und der überbordenden Liquidität. In der Amtszeit von Alan Greenspan als Fed-Chef zwischen 1987 und 2006 wuchs die Geldmenge (M3) in den USA um knapp 300 Prozent auf über 10 Billionen US-Dollar. Heute versucht man mit denselben Mitteln der europäischen Staatsschuldenkrise Herr zu werden, indem man den Markt mit Liquidität flutet, Staaten und Banken mit Zentralbankgeld „druckbetankt“.

Noch ist die Inflation in der Eurozone nicht spürbar, weil sich die expansive Geldmenge und die rezessiven Tendenzen ausbalancieren und die Liquidität im Bankensystem absorbiert wird. Aber das ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Kurz- oder mittelfristig wird das eherne Gravitätsgesetz greifen, das die Menge des in Umlauf befindlichen Geldes zur Menge der realen Güter und Dienstleistungen ins Verhältnis setzt – und die Preise werden steigen.

Kenneth Rogoff, Star-Ökonom und Ex- Chefvolkswirt des IWF, hält den „Griff in den Giftschrank“ der Notenpresse gar für unausweichlich und spricht gelassen aus, was die Politik bislang noch energisch dementiert: dass eine Inflationsrate von vier bis sechs Prozent das einzige Mittel ist, um die „Schuldenbombe zu entschärfen und um uns durch den Entschuldungsprozess zu helfen“. Abgesehen davon, dass Inflation ohnehin die unsozialste und undemokratischste Art ist, die Last der Staatsschulden auf die Bürger abzuwälzen und selbst moderat klingende Inflationssätze über Jahre akkumuliert einen gewaltigen Unterschied machen, könnte es auch ganz anders kommen, wenn der Geist erst einmal aus der Flasche ist, nämlich abrupter und massiver als erwartet. Ökonomen sprechen von „Ketchup-Inflation“: Wie beim Umdrehen einer Ketchupflasche passiert lange Zeit gar nichts, bevor sich alles in einem Schwall auf den Teller ergießt. Im Falle der Inflation wird das Essen dadurch nicht ungenießbar, sondern unbezahlbar – was man den Deutschen als ultimative Angst nicht erst soufflieren muss.

Schwundgeld und Alternativwährungen

Die Gallionsfigur der weltweiten Bewegung für alternative Währungen ist Bernard Lietaer, ehemaliger belgischer Zentralbanker, der heute als Professor in den USA forscht und lehrt. Sein Credo, das er bereits vor zehn Jahren in seinem in 18 Sprachen übersetzten Buch „The Future of Money“ niedergelegt hat und seither elaboriert, lautet: „Wir müssen uns von der globalen Monokultur des Bankengelds als einzigem Zahlungsmittel verabschieden.“ Nach Lietaers Analyse rührt die Krisenanfälligkeit des heutigen Finanzsystems genau daher, dass es zu sehr auf Effizienz getrimmt Komplementärwährungen als Mittel der Krisenabsicherung sei. Natürliche Ökosysteme dagegen seien deshalb tolerant gegenüber externen Schocks, also resilient, weil sie zugunsten von Diversität auf Effizienz verzichteten. Deshalb propagiert Lietaer nicht die Abschaffung des Zentralbankgeldes, sondern dessen Ergänzung durch einen Mix aus Komplementärwährungen, die auf unterschiedlichen Ebenen ganz unterschiedlichen Zwecken dienen: eine inflationssichere globale Komplementärwährung, mehrere Business-to-Business-Währungen, die Cash-flow-Problemen und Kreditengpässen entgegensteuern, und eine Fülle kommunaler Währungen zur Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe.

In der Neuzeit hat die Suche nach Alternativen zum vorherrschenden Geld-, Zins- und Finanzsystem zumeist Weltverbesserer, Romantiker und Spinner angelockt und fasziniert. Viele Konzepte oder real ausgeführte Experimente beziehen sich auf den Ökonomen und Sozialreformer Silvio Gesell, der Anfang des letzten Jahrhunderts das „Freigeld“ oder „Schwundgeld“ als wirksames Mittel zur Stabilisierung regionaler Wirtschaftsräume propagierte. Durch einen eingebauten Wertverlust sollte die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes erhöht und die lokale Wirtschaft angekurbelt werden. Der Bezug von „leistungslosem Einkommen“ über Zinsen und die Neigung zur Geldhortung sollten dadurch erstickt werden. Die meisten praktischen Versuche, solche Systeme zu installieren – der berühmteste fand 1932/33 in Wörgl/Tirol statt und konnte tatsächlich die Folgen der Weltwirtschaftskrise lokal abfedern –, scheiterten nach kurzer Blüte oder dümpeln auf bescheidenem Niveau. Die Mainstream-Ökonomie stand der Idee eines Systemwechsels hin zu einer stabileren Ökonomie durch eine Reform des Geldsystems ohnehin immer skeptisch gegenüber.

Aber die Mainstream-Ökonomie hat auch die Finanzkrise nicht antizipieren, geschweige denn verhindern können. Die Zeit scheint reif für Experimente und eine neue Vielfalt an Währungen; der „Tipping Point“ für das Thema könnte in den nächsten Jahren erreicht sein. Auch Unternehmen und Handelshäuser, die nur in einer Währung wirtschaften und nur klassisches Geld akzeptieren, könnten dann schnell alt aussehen. Bernard Lietaer, selbst ein Freund von Gesells Ideen, ist überzeugt: Komplementärwärungen befinden sich derzeit im selben Stadium wie Mikrokredite und Open-Source-Software vor zehn Jahren. Noch würde sich eine kleine Minderheit intensiv damit beschäftigen, aber die Lawine rollt. Im Übrigen sei es naiv zu glauben, dass im Informationszeitalter das wichtigste aller Informationsmedien, Geld, nicht auch revolutioniert würde.

Corporate Currencies

Tatsächlich entstehen Komplementärwährungen heute überall wie von selbst in großer Zahl. Flugmeilen, Bonuspunkte oder CO2-Zertifikate sind Beispiele für „Virtual Currencies“, Derivatwährungen, die nicht von der Zentralbank ausgegeben werden. Sobald solche Rabattpunkte, Einkaufs- oder Geschenkgutscheine auch außerhalb der Unternehmensgrenzen akzeptiert werden oder in reale Währung zurückkonvertiert werden können, erhöht sich tatsächlich die in Umlauf befindliche Menge an Zahlungsmitteln.

Welche Formen und Ausmaße das annehmen kann, lässt sich in Kenia studieren, wo die Mobilfunkfirma Safaricom mit Vodafone 2007 das System M-Pesa eingeführt hat. Damit wird das Mobiltelefon zur Geldbörse und zum Girokonto-Ersatz M-Pesa: Gesprächsguthaben als Ersatzwährung in einem Land, wo Bankfilialen und Geldautomaten rar sind und die Inflationsrate bei etwa 26 Prozent liegt. Die „Airtime“ genannten Prepaid-Gesprächsguthaben lassen sich per SMS von einem Handy zum anderen transferieren und erfüllen damit die Funktion einer Ersatzwährung. Ein Jahr nach dem Start hatte M-Pesa bereits über 1,6 Millionen Nutzer, heute sind es 14 Millionen. Monatlich wird ein Volumen von 200 Millionen Euro über M-Pesa überwiesen, auch Löhne und Gehälter werden bereits ausgezahlt. In manchen abgeschnittenen Landstrichen hat die plötzliche Existenz einer funktionierenden Bezahl-Infrastruktur gar einen bescheidenen Wirtschaftsboom ausgelöst.

Vom Erfolg ermutigt, hat Vodafone das System bereits in andere afrikanische Länder und nach Afghanistan ausgedehnt. Die Nachahmer kommen aus allen Ecken: Nokia hat im Sommer dieses Jahres seinen lange angekündigten Bezahldienst Nokia Money für Entwicklungs- und Schwellenländer testweise in Indien gestartet. Auch die Kreditkarten-Riesen Visa und Mastercard interessieren sich auf einmal für die ehemalige Dritte Welt. Die Rechnung ist einfach: Rund vier Milliarden Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern haben zwar Zugriff auf ein Mobiltelefon, aber kein Konto. Am Sockel der Pyramide wartet ein riesiges Geschäft – wer wissen will, wie die Zukunft des dezentralen mobilen Zahlungsverkehrs aussehen könnte, der muss nach Afrika schauen.

Gold Farming und Facebook Credits

Ein weiterer sprudelnder Quell virtuellen Geldes ist das Internet – genauer gesagt: Online-Communitys und Computerspiele. Massively Multiplayer Online Games wie Second Life, Entropia Universe oder World of Warcraft verfügen über eigene In-Game-Währungen, die für den Warentausch mit virtuellen Gütern eingesetzt werden und außerhalb des Spiels über eigene Tauschbörsen in reales Geld konvertiert werden können. So war es möglich, dass zu Hochzeiten von Second Life Menschen mit dem Verkauf virtueller Häuser und Grundstücke ein reales Monatsgehalt verdienen konnten. Und so kommt es, dass in asiatischen Internet-Sweatshops Teenager die World-of-Warcraft-Avatare reicher Amerikaner „hochspielen“ und dafür mit „Gold“, der virtuellen Währung des Spiels, entlohnt werden. Bereits 2005 schätzte die New York Times, dass allein in China 100.000 Spieler hauptberuflich vom „Gold Farming“, sprich: vom Verkauf virtueller Güter wie Schwerter oder Kleidung in Online-Rollenspielen, leben – bei einem Durchschnittsgehalt von 145 US-Dollar. Mit Gold Farming und den ökonomischen Folgen beschäftigen sich auch die Science-Fiction-Romane „For The Win“ von Cory Doctorow und „Reamde“ von Neal Stephenson.

Auch wenn nichts Physisches produziert wird, handelt es sich bei solchen Ökonomien doch um eigene Währungsräume, die durchaus mit den Volkswirtschaften kleiner Staaten vergleichbar sind. Für 2007 taxierte der Autor Julian Dibbel das „Bruttosozialprodukt“ aller virtuellen Welten Virtuelle Parallelwährungen können nationale Geldmärkte destabilisieren zusammengenommen auf knapp 30 Milliarden Euro, was etwa der Größenordnung von Sri Lanka entspricht. Auch wenn diese Form der Schattenwirtschaft weitgehend unerforscht und unreglementiert ist, warnte die australische Marktforscherin Mandy Salomon in ihrem Artikel „Why Virtual-World Economies Matter“ 2010: „Parallelwährungen in virtuellen Welten haben das Potenzial, nationale Geldmärkte zu destabilisieren.“ Erste Finanzbehörden sind schon aufgewacht und eingeschritten. So wurde die schwedische Spielefirma MindArk, die das Entropia Universe mit verschiedenen virtuellen Welten betreibt, von den schwedischen Behörden zur Bank erklärt und muss nun die strikten Banking-Aufl agen der EU erfüllen. 2009 verbot Peking den Umgang mit virtuellen Währungen außerhalb der jeweiligen Spielwelt. Auslöser war, dass die Netzwährung QQ des Internet-Portals Tencent so viel Geldverkehr auf sich zog, dass die Notenbank unruhig wurde.

Damit nicht genug: Der Gorilla im Raum der Corporate Currencies heißt Facebook, das mit seinem Bezahlsystem Credits eine eigene Hauswährung für seine über 800 Millionen Bewohner geschaffen hat. Seit Juli 2011 sind diese Guthaben, die in den USA bereits an Supermarktkassen erworben werden können, alleiniges und verbindliches Zahlungsmittel für alle Transaktionen innerhalb von Facebook-Apps. Bislang werden sie hauptsächlich zum Kauf virtueller Güter eingesetzt und verbleiben damit im Facebook-Kosmos. Mit dem Trend zum Social Commerce zeichnet sich aber ab, dass Facebook zunehmend zur Handelsplattform wird und somit auch reale Güter wie Turnschuhe und Smartphones mit Credits gekauft werden.

Open money und Bitcoins

Angesichts des Booms widmete die Wirtschaftswoche dem Thema im November 2011 eine Coverstory mit dem reißerischen Titel „Vorsicht, Cyber-Geld!“ und wirft darin große Fragen auf: „Werden Cyber-Währungen eines Tages eine Alternative zu Euro oder Dollar? Wie stabil sind solche Systeme? Wie resistent sind sie gegen Hackerangriffe? Und wie sähe das ideale Bargeld für das Internet-Zeitalter aus?“ Im Artikel selbst heißt es: „Digitales Bargeld, das sich auf Handys und Computer laden und speichern ließe, wäre für den Online-Handel eine enorme Erleichterung – und die größte Geldinnovation seit Erfindung der Banknote in der chinesischen Tang-Dynastie.“

Es liegt auf der Hand, dass eine weltumspannende Währung für das Internet weder von einer nationalen Zentralbank noch von einem kommerziellen Unternehmen ausgegeben werden kann und sollte. Wie aber dann? Unter dem Label „Open Money“ sind diverse Initiativen wie OpenCoin.org oder das „Open Universal Digital Currency“-Project (UDC) auf der Suche nach einer Lösung, die das Problem digitalen Geldes knackt, indem sie sich an die Prinzipien von Open-Source-Software anlehnt. Das real-virtuelle Kollaborations-Netzwerk Hub Culture gibt seit 2007 die virtuelle Währung Ven aus, um Transaktionen unter seinen rund 25.000 Mitgliedern zu ermöglichen. Neben einem Warenkorb aus Gütern und Dienstleistungen ist der Ven mit Kohle hinterlegt und damit an die Preisentwicklung fossiler Brennstoffe gebunden.

Der derzeit aussichtsreichste Kandidat aber ist gleichzeitig der abenteuerlichste: eine Währung, die kein reines Fiatgeld ist, auch nicht mit Sachwerten wie Gold oder Rohstoffen hinterlegt ist – sondern mit schierer Rechenleistung; eine Währung, die dezentral und von jedem erzeugt werden kann, der über entsprechende Rechenkapazitäten verfügt, aber nicht beliebig inflationiert werden kann. Auf der Suche nach Lösungen für das Problem des digitalen Geldes Die absolut fälschungssicher ist, aber dennoch anonym und komplett an den Banken vorbei zirkulieren kann. Sie heißt Bitcoin, existiert seit Anfang 2009 und geht auf einen Vorschlag und eine Software eines mysteriösen Japaners namens Satoshi Nakamoto (vermutlich ein Pseudonym) zurück, dessen Grundregeln bis heute befolgt werden. Anders als Corporate Currencies, die letztlich auf Zentralbankgeld rekurrieren, ist Bitcoin eine Crypto-Währung, die auf mathematischen Verschlüsselungsverfahren basiert. Das heißt, man kann Bitcoins „minen“ – schürfen – durch das Lösen komplizierter Rechenaufgaben. So entstehen ständig dezentral neue Einheiten, wobei der Rechenaufwand zur Erzeugung neuer Bitcoin-Blocks mit der Zahl der sich im Umlauf befindlichen steigt. Die Gesamtsumme ist limitiert auf 21 Millionen Stück, wovon etwa ein Drittel bereits existiert. Das Bitcoin-Gesamtvolumen belief sich im Juli 2011 umgerechnet auf etwa 120 Millionen US-Dollar, das tägliche Transaktionsvolumen auf über eine Million US-Dollar, wobei der Wechselkurs gegen Dollar und Euro starken Schwankungen unterliegt.

Risiken und Nebenwirkungen

Bitcoins sind keine Dateien oder Programme, sondern bestehen aus einem Protokoll getätigter Transaktionen, das nicht zentral gespeichert wird, sondern auf jedem angeschlossenen Rechner. Zusammen funktionieren die digitalen Geldbörsen wie ein Peer-to-peer-Network wie Napster und machen das System robust. Allerdings nicht unangreifbar. Im Sommer 2011 brachen Hacker in eine Bitcoin-Tauschbörse ein und plünderten Nutzerkonten, um sie zu versilbern. Der Kurs brach damals dramatisch ein und pendelt heute um 2,50 Euro pro Bitcoin. Ganz geheuer ist Bitcoin selbst Teilen der Internet-Gemeinde Der praktische Nutzen von Bitcoin ist noch relativ überschaubar nicht, seitdem Kriminelle es entdeckt haben, um damit anonym Drogen-, Waffen- und Geldwäsche-Geschäfte abzuwickeln. Der Blogger und Internet-Unternehmer Jason Calacanis hält es gar für „das gefährlichste Open-Source-Projekt aller Zeiten“. Die CIA hat Bitcoin unter verschärfte Beobachtung genommen, und auch die Zentralbanken dürften bei einer weiteren Ausbreitung Alarm schlagen.

Auf der anderen Seite ist der praktische Nutzen noch relativ überschaubar. Während Porno-Websites und Online-Casinos als erste auf den Zug aufgesprungen sind, ist der klassische E-Commerce noch zögerlich – auch wegen des komplizierten Handlings und des Wechselkursrisikos. Erste Online-Shops und sogar Gastronomie-Einrichtungen akzeptieren aber bereits Bitcoins. Die Enthüllungsplattform WikiLeaks rief zu Bitcoin-Spenden auf, nicht zuletzt weil PayPal, Visa und weitere Finanzunternehmen die Geschäftsbeziehungen zu WikiLeaks eingestellt hatten und so konventionelle Spendenwege blockiert waren. Ob sich Bitcoins nun durchsetzen oder nicht – auf jeden Fall liefern sie die Blaupause dafür, wie eine unabhängige und globale Internet-Währung konstruiert sein müsste. Oder, wie Clemens Cap, Informatik-Professor aus Rostock, formuliert: „Wir wissen, dass Bitcoin funktioniert, aber wir wissen nicht genau, warum.“

B2B und Bartering

So spektakulär Facebook Credits und Bitcoin daherkommen, könnte das eigentlich revolutionäre Potenzial alternativer Währungen im Hintergrund schlummern: nicht im Konsumentengeschäft, sondern im Bereich Business-to-Business. Indem sie Liquiditätsengpässe überbrücken, lockern B2B-Währungen die Abhängigkeit der Unternehmen von den Banken und machen so Zuliefer-Deals möglich, die andernfalls nicht zustandegekommen wären. Auch Bartering, die ursprünglichste Form des Tauschhandels, bei dem gar kein Geld involviert ist, erlebt weltweit eine Renaissance.

Bis zu einem Viertel des Welthandels, so schreibt Bernard Lietaer in „The Future of Money“, besteht heute schon aus Barter-Geschäften: „Pepsi-Cola zum Beispiel erzielt seine Profite Bargeldlose Ringtauschgeschäfte durch B2B-Komplementärwährungen in Russland in Form von Wodka, den sie dann in der EU verkaufen. Die Franzosen haben Kernkraftwerke in den Mittleren Osten gegen die Zahlung in Öl geliefert.“ Auf solchen Zulieferbeziehungen setzen B2B-Komplementärwährungen auf, indem sie ein Verrechnungssystem bieten, das auch bargeldlose Ringtauschgeschäfte ermöglicht. Das älteste und reifste ist das der WIR-Bank in Basel, hervorgegangen aus der 1934 gegründeten Wirtschaftsring-Genossenschaft. Die Komplementärwährung WIR ist wertmäßig an den Franken gekoppelt und ermöglicht zinslose Kredite und Zahlungsabwicklungen zwischen den rund 70.000 Teilnehmern, meist kleine und mittelständische Unternehmen. 2009 wurde so ein Gegenwert von 1,6 Milliarden Schweizer Franken in WIR umgesetzt. Nicht nur Schweizer Industrieunternehmen akzeptieren das Geld der WIR-Bank, sondern zahlreiche Restaurants, einige Autohändler, selbst Immobilienfirmen.

Ähnlich, nur mit globalerem Fokus, funktioniert Bartercard aus Australien, laut Eigenauskunft heute die weltgrößte Barter-Handelsplattform. Mit einem Transaktionsvolumen von akkumulierten 25 Milliarden US-Dollar wächst das Unternehmen schnell und expandiert derzeit in Malaysia, Sri Lanka, Thailand und im Mittleren Osten, hat aber auch Europa im Visier. Bartercard-Teilnehmer akzeptieren die Restriktion, dass sie mit ihren Trade Dollars nur bei angeschlossenen Unternehmen einkaufen können, dafür eröffnet sich die Chance, neue Kunden zu gewinnen, Kapazitäten besser auszulasten und unabhängiger von Banken zu werden.

Gerade in Krisenzeiten bieten Bartersysteme aufgrund ihrer Abgeschirmtheit einen robusten Rückhalt gegen die Volatilität der Weltmärkte. In Griechenland sprießen als Reaktion auf die Finanzkrise lokale Bartersysteme aktuell nur so aus dem Boden – und treten damit in die Fußstapfen archaischer Tauschnetzwerke, die sich etwa in der griechischen Landwirtschaft bis heute erhalten haben. Das TEMSystem in Volos oder die Ovolos in Patras sind eine Mischung aus Barter-Plattform, Alternativwährung, Wochenmarkt und Zeitbank und erlauben es auch Privatpersonen, bargeldlos den elementaren Bedarf an alltäglichen Gütern und Dienstleistungen zu decken. Befeuert durch die Pleite des Landes, wird Griechenland so zum Labor für das, wovon Anhänger alternativer Währungen schon ewig träumen.

Tauschringe und Zeitbanken

Viel belächelte Klassiker unter den Alternativwährungen sind lokale Tauschringe, die vor allem mit den Anfängen des Internets in den späten 90er-Jahren einen Boom erlebten und letztlich eine formalisierte Form der Nachbarschaftshilfe bedeuten. Allein in Deutschland ist ihre Zahl auf über 300 gestiegen, auch international verzeichnen die „Local Exchange Trading Systems“ (LETS) ein zahlenmäßiges Wachstum, wenn auch ihre absolute ökonomische Bedeutung bislang marginal ist.

Zu ihren Grundprinzipien gehört, dass die Währung, egal ob sie Talente, Taler oder Batzen heißt, eine Entsprechung in investierten Arbeitsstunden hat – und dass jede Arbeitsstunde gleich viel wert ist. Eine Stunde Haareschneiden ist gleich eine Stunde Mathe-Nachhilfe Im Zeittausch-System sind die Arbeitslosen “reich” ist gleich eine Stunde Webdesign. Das setzt eine gewisse idealistische Überzeugung voraus, was ihre Reichweite limitiert, wie der Ökonom Klaus Pias im Sammelband „Viele Gelder“ feststellt: „In diesem System sind die Arbeitslosen ‚die Reichen‘, weil sie eine Angebots-Zeit-Disposition haben, die Einkommensbezieher aus der Freizeit herausschneiden müssen.“ Im Klartext: Für Menschen, die richtiges Geld verdienen und gut bezahlte Jobs haben, sind Tauschringe in der Regel unattraktiv. Umgekehrt können sie in wirtschaftlich schwachen Regionen einen alternativen Arbeitsmarkt schaffen und dabei den sozialen Zusammenhalt stärken. „Das geldlose Geld der LETS ist kommunikatives Geld, oder genau genommen: kommunikationsgeneratives“, schreibt Klaus Pias: „Arbeit und Anbahnung sozialer Kontakte fließen ineinander.“

In akuten Wirtschaftskrisen können LETS, wie sich in Griechenland zeigt, dazu beitragen, das öffentliche Leben am Laufen zu halten. Darüber hinaus entwächst die Idee dank des technischen Fortschritts gerade den Kinderschuhen: Die Open-Source-Software Cyclos läuft im Hintergrund vieler Regionalwährungen und steht jedem zur Verfügung, der sein LETS aufsetzen und eine Zeitwährung in Umlauf bringen will. Dadurch hat sich die Usability bei der Kontoverwaltung und dem Onlinebanking mit alternativen Währungen enorm erhöht.

Auch wächst der Flickenteppich regionaler Währungen allmählich zusammen. Über Clearing-Plattformen wie den Ressourcentauschring (RTR), die Verrechnungsstelle für Tauschringe (VesTa) oder das Community Exchange System (CES) werden die Währungen einzelner Tauschringe konvertierbar und nicht-ortsgebundene Leistungen wie Übersetzungen überregional oder transnational handelbar. Eine neue Generation von Zeit-Tauschbörsen verzichtet ganz auf den regionalen Fokus. Das spanische „Knowledge Exchange Network“ Communitas.org etwa ist von vornherein auf den stundenbasierten Austausch internationaler Wissensarbeiter ausgerichtet.

Zeit für ein komplementäres System der Altersvorsorge?

Legt man den Vektor der demographischen Entwicklung und die daraus resultierende Überforderung der Sozialsysteme an, dann könnte die Idee der Zeitbanken im politischen Diskurs bald noch eine viel gewichtigere Rolle spielen – als komplementäres System der Altersvorsorge. Jedenfalls machen der ehemalige CDU-Ministerpräsident Lothar Späth und der ehemalige McKinsey-Chef Herbert Die Zeit-Währung könnte die Bürgergesellschaft stärken Henzler diese Idee der Zeit-Rente als Ergänzung zur Geld-Rente in ihrem Buch „Der Generationen-Pakt“ stark: „Neben dem Geld brauchen wir eine weitere Währung für die Altersvorsorge, nämlich Zeit: Für jede Stunde des Helfens wird eine Stunde gutgeschrieben für den Fall, dass man später selbst Hilfe braucht.“

Auch wenn das Thema bisher nicht im Zentrum der politischen Debatte angekommen ist und sich für die praktische Umsetzung einige Hürden ergeben, hat der Vorschlag doch einigen Charme. Eine durch Umlage von Zeit ergänzte Pflegeversicherung könnte den Druck aus dem inhumanen Pflegesystem nehmen und so die Bürgergesellschaft stärken. Die Zeit-Währung macht hier unmittelbar Sinn, weil nicht Äpfel mit Birnen verrechnet werden: eine Stunde Pflegezeit ist eine Stunde Pflegezeit. Vor allem aber wäre so ein System sicher gegen Inflation und Staatsschuldenkrisen geschützt.

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