Was der Overview-Effekt über die Welt sagt

Die Globalisierung führt dazu, dass wir Menschen den Überblick verlieren. Umso wichtiger wird künftig die Herstellung sinnvoller neuer Überblicke.

Quelle: Trendreport (2015)

Young boy and New York skyline, Oneinchpunch / fotolia.com

Für die meisten Menschen ist die Globalisierung auch ein Verlust des Überblicks: Wo geschieht was, wer ist verantwortlich, wie hängt alles zusammen? Nicht umsonst hat die Globalisierung jede Menge gegenläufige Entwicklungen hervorgebracht. Von den „Gegnern“ der Globalisierung bis hin zu einem ganz neuen Regionalismus, der sich an vielen Stellen unserer Gesellschaft zeigt. Paradoxerweise werden zum Beispiel gerade urbane Umfelder immer häufiger zu „neuen Nachbarschaften“ inszeniert. Der Ort, den Menschen früher wegen der Chance auf Anonymität aufsuchten, um einen Lebensstil zu entwickeln jenseits der gesellschaftlichen Zwänge kontrollierender Nachbarschaftskultur, dieser Ort wird zum neuen Kristallisationspunkt maximaler Nähe.

Der kollektive Garten auf der Brachfläche, der geteilte Parkplatz, das Freundesauto, der Honig, der auf dem städtischen Flachdach erzeugt und an die Hausgemeinschaft verteilt wird. Im Wort „Glokalisierung“ gipfelt diese Entwicklung – „glokal“ meint bekanntlich lokal und global zur gleichen Zeit. Zurück zum Ursprung, zur Natur, Erdung; Heimatbezug über volkstümliche Inszenierung, regionale Produkte (wo man noch weiß, wo es herkommt). All dies sind Zeugen dieser Rekursionsentwicklung.

Überblick als Sinngarant

Der Netzwerk-Wissenschaftler Harald Katzmayer wendet diesen Trend auch auf Organisationen an. In jedem Unternehmen können die darin arbeitenden Mitarbeiter nur mehr fragmentarische Informationen wahrnehmen. Katzmayer geht noch weiter, jeder Mitarbeiter sei nur mehr Fragment unter Fragmenten: Niemand, nicht mal die Führungsmannschaft, hat alle Informationen. Was wir, so Katzmayer, aber brauchen, ist Überblick. „Ohne Überblick fehlt uns der wesentlichste Baustein, um Sinn zu erfahren.“ Und wenn wir Menschen keinen Sinn erleben in dem, was wir tun, können wir uns auch nicht entwickeln. Unternehmen, in denen Mitarbeiter den gesamten Zusammenhang der Organisation nicht erkennen, erkranken sozusagen als Struktur, Unternehmen, in denen Mitarbeiter den gesamten Zusammenhang der Organisation nicht erkennen, erkranken strukturell denn sie leiden über die Mitarbeiter an einem immanenten Mangel an Sinn. Der Überblick verschafft uns Ruhe und Sicherheit, auch in „unsicheren“ Zeiten. Wo aber soll er herkommen, der Überblick, wenn die Inputs allgegenwärtig, die Veränderung permanent und die Kanäle so vielfältig sind?

Stellen Sie sich folgende Szene vor: Sie stehen mitten in einem Rohbau, die Kabel hängen aus der Decke, es wird gearbeitet, der Boden ist erst eine Betonfläche, überall stolpert man über Säcke, Werkzeug, Materialien... Nur die Fenster sind schon eingebaut. Wenn Sie nicht gerade Ingenieur in der Real-Estate-Branche sind, wird Ihnen diese Szene nicht unbedingt gefallen. Auf eine nicht so angenehme Art erinnert es Sie ein bisschen an den Alltag – jedes Projekt eine Baustelle, nie ist man ganz fertig, und man hofft, dass es doch jemanden gibt, der einen Plan hat. Nun aber befindet sich diese Baustelle im vierzigsten Stockwerk eines neuen Hochhauses. Und da die Fenster schon eingebaut sind, können Sie ohne weiteres bis ganz an diese herantreten. Und haben was? Überblick.

Es ist ein faszinierender Blick, weil Sie sehen, was unter Ihnen alles geschieht. Sie sehen die Stadtgrenzen und die Autos, die sich durch die engen Straßen quälen. Sie sehen die Altstadt mit den Prunkbauten und den Fluss, der sich zwischen den Häusern hindurchschlängelt. Sie haben also einen Blick über das Geschehen, was für Beruhigung und Faszination gleichermaßen sorgt. Ganz vergessen ist plötzlich, dass Sie sich auf einer Baustelle befinden und dass es hier noch jede Menge zu tun gibt.

Dieser Effekt, der sich einstellt, wenn man sich Überblick verschaffen konnte über etwas, das man für gewöhnlich nicht „zusammen“ oder „als eins“ sieht, fasziniert uns. Er euphorisiert uns Menschen regelrecht emotional und erzeugt eine Erfahrung, die automatisch zu einem anderen Erleben der Welt führt. Natürlich, wenn man wieder unten ist, also den Überblick hinter sich lässt, kann dieser Eindruck auch wieder verblassen.

Der „Overview Effect“ lehrt Ehrfurcht

Der amerikanische Autor Frank White veröffentlichte 1987 das Buch „Overview Effect“. Darin schildert er die spezielle Form der Erleuchtung, die den ersten Raumfahrern widerfuhr: Sie sahen das erste Mal den Planeten, auf dem sie aufgewachsen waren und den sie als ihre Heimat bezeichneten, als das Eine und Ganze – im Überblick. Sie sahen die Erde von außen und im Kontext des großen, schwarzen Nichts darum herum. Plötzlich wurde deutlich, wie „klein und zerbrechlich“ das System Erde ist. Wie verloren wir als Wesen im Kosmos sind und wie klein auch die alltäglichen Problemchen sind. Ein solcher „Overview“, wie ihn White beschreibt, hinterlässt einen solchen Eindruck, dass die Welt danach nicht mehr dieselbe ist wie ehedem.

Dieser Begriff hat sich seither durchgesetzt und ist bei den Astronauten wohlbekannt: Diese eindringliche Erfahrung des Alls verändert die Perspektive auf die Erde und die Menschen, die darauf leben. „Grundlegende Merkmale sind ein Gefühl der Ehrfurcht, ein tiefes Verstehen der Verbundenheit allen Lebens auf der Erde und ein neues Empfinden der Verantwortung für unsere Umwelt“, weiß Wikipedia dazu.

Dieses Gefühl wurde von der Raumfahrt auch auf die Menschen auf dem Planeten übertragen. Erst durch die von außen gemachten Fotos der Erde konnten wir diese eindringliche Erst die vom All gemachten Fotos der Erde ließen uns die eindringliche Wahrheit über Zusammenhänge erkennen Wahrheit über Zusammenhänge wirklich erkennen. Dass das Umweltbewusstsein gerade nach dem Beginn der Raumfahrt massiv gestiegen ist, lässt sich nicht ausschließlich auf diesen Effekt zurückführen – aber auch. Denn erst durch die Bilder des Planeten waren wir imstande zu verstehen, welche Dimension unser Handeln auf dem Planeten hat, was in einer wunderbaren Essenz auf einem Schild an einer Straße zu sehen war: „Don‘t throw it away, there is no away.“

Für die nächsten Jahre wird es ganz massiv darum gehen, diesen Overview-Effekt vermehrt einzuführen. Während dies aber in vielen Belangen unseres privaten Lebens und der Gesellschaft ein uralter Traum ist – über Philosophie, über Religion, über Gesellschaftsmodelle Überblick und Sinn zu erzeugen –, ist es als zentrale Aufgabe in den Unternehmen neu. Der Überblick über die Zusammenhänge unserer beruflichen Umwelt lässt uns Sinn erfahren, was eine immer wichtigere Dimension der Arbeit wird. Das Verrückte daran ist die Umkehrung des alten Experten-Ansatzes: Je mehr Detailwissen wir aufbauen, umso schwieriger wird das Erkennen von Sinn, von Zusammenhängen und Mustern.

Ein digitales Abbild der Erde

Auch hierin bekommen wir Unterstützung aus dem Weltraum. Noch nie zuvor umkreisten so viele Satelliten den Planeten, ausgestattet mit Kameras und Sensoren. Zunehmend sind mittlerweile auch kleine, private Unternehmen imstande, solche Orbit-Kreisler zu installieren und sich mit Daten und Bildern über den Planeten zu versorgen. Ergänzt man diese mit den Daten, welche wir „hier unten“ durch die gigantische Masse an Bildern, Videos und Sensoren – denken Sie nur an Ihr Smartphone Der Overview-Effekt ist das erstrebenswerte Ziel, wenn es um globale Veränderungen geht – erhalten, erzeugt dies ein unglaubliches digitales Abbild der Erde. Dies kann in den nächsten Jahren dazu führen, dass wir erneut einen Überblick erhalten, der bislang unmöglich war. Und daher zu einem Overview-Effekt führt, der auch Nicht-Raumfahrern zugänglich ist. Entscheidend dabei ist das Bestreben, diese Masse an Information auch zum Überblick zu nutzen. Der Overview-Effekt ist das erstrebenswerte Ziel, wenn es um globale Veränderungen geht; oder um den ganz normalen Alltag in Unternehmen! Überblick und Heuristik sind in Zeiten hoher Komplexität erheblich bedeutender als zu viel Detailinformationen.

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Harry Gatterer

Harry Gatterer ist Geschäftsführer des Zukunftsinstituts. Sein Spezialgebiet ist die Integration von Trends in unternehmerische Entscheidungsprozesse. Er berät Unternehmen dabei, relevante Trends zu erkennen und zu nutzen.