In Transition: Wie große Transformationen gelingen

Transformationen leben von Transitionen. Harry Gatterer erklärt, weshalb wir in einer hypervernetzten Welt ein neues Verständnis von Übergängen brauchen, um die großen Transformationen zu realisieren. – Ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2022.

Panorama der Übergänge: Zeichnung von Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland (1805), © Zentralbibliothek Zürich

Die Zukunft wird durch Entscheidungen gemacht, das gilt für Individuen wie für Organisationen. Entscheidungen erschließen neue Möglichkeitsräume – und verschließen zugleich alte. Bewusst und konsequent getroffene Entscheidungen ändern unsere Pfade und starten neue Kapitel im Leben. Sie erzeugen ein Momentum in Richtung einer Zukunft. Damit lösen Entscheidungen etwas aus, für das wir noch viel zu wenig trainiert sind: Übergänge.

Übergänge zu meistern, fällt den meisten schwer. Zu fixiert sind wir auf Ergebnisse und Ziele. Statt den Wandel offen zu gestalten, lernen wir vor allem das Gegenteil, von der Bildung bis zur Arbeitswelt: das Denken in festen Rahmen und Gesetzen, in Kästchen und Stabilitäten. Auf Übergänge werden wir dagegen nur an wenigen Punkten im Leben vorbereitet – oder lernen gar, uns bewusst auf sie zu freuen, so wie etwa bei Schulabschlüssen oder Eheschließungen. Oft wird das Potenzial, das in Übergängen steckt, sogar verschwendet, etwa als schlechte Nachricht oder als „Wir müssen uns jetzt anstrengen“-Appell – denken wir nur an Phrasen wie „nötige Reformen“ oder die „digitale Transformation“.

Warum Transformationen nicht gelingen

Gerade der überstrapazierte Begriff der „digitalen Transformation“ zeigt deutlich, dass und wie die Fixierung auf einen künftigen Zustand die eigentlich notwendige Arbeit an den Übergängen erschwert. Sicher: Transformationen sind ein wesentliches Charakteristikum einer rapide komplexer werdenden Welt. Doch die Bezeichnung ist vor allem auf das Ende komplexer Prozesse ausgerichtet, nicht auf die Prozesse selbst. Der Kybernetiker Ross Ashby hat dies mit einem anschaulichen Vergleich beschrieben – dem Bräunen unserer Haut im Sonnenlicht. Dabei sind vier wesentliche Elemente zu beobachten: ein Operand (die Haut), ein Operator (die Sonne), eine Transition (von weißer zu brauner Haut) und ein Transformiertes (die gebräunte Haut). Die Transformation ist also das Resultat zahlloser Übergänge, die einen verwandelten Zustand herbeiführen.

Auch die viel beschworene „digitale Transformation“ legt den Fokus vor allem auf ein „Danach“ – und gerade weil dieses Danach so unkonkret ist, laufen in puncto „digitale Transformation“ viele Prozesse ins Leere. Man kann dann viel über diese Transformation sprechen, ohne viel dafür tun zu müssen. Die Belege dafür sind zahlreich: Parkautomaten, die auch im Jahr 2021 nur Münzen akzeptieren, Züge, in denen das Internet nicht funktioniert, ein Bildungsbegriff, der nur den Klassenraum kennt. Für die konkrete Operationalisierung von Technologie ist der Begriff „Transformation“, mit all seinen nötigen Bedingungen und Vernetzungen, nicht brauchbar. Es ist schlicht zu groß, zu kompliziert, zu diffus.

Was für die digitale Transformation gilt, lässt sich im Grunde auf alle Transformationen beziehen: Sie zielen vor allem auf veränderte Zustände und weniger auf die Prozesse, die das Erreichen dieser Zustände produktiv vorantreiben. Das gilt umso mehr, je unklarer und ungewisser sich „die Zukunft“ als solche zeigt. Im Endeffekt kann dann sogar das Form annehmen, was der Soziologe Zygmunt BaumannRetrotopia“ genannt hat: Die Transformationen unserer Zeit wirken so gewaltig, dass wir uns am Vergangenen orientieren. Wir sehnen uns nach dem Gestern – wir transformieren rückwärts.

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Von Übergängen und Aufbruchserzählungen

Wie aber lässt sich der Wandel in Worte fassen, ohne ihn durch den Begriff „Transformation“ von vornherein auszubremsen? Hierfür bietet sich der Begriff „Transition“ an. Es gilt, an den Übergängen anzusetzen, aus denen jede Transformation besteht. Denn sie implizieren kein Ziel, keinen Endpunkt, sondern im Gegenteil: Sie bilden eine Vielzahl von Startpunkten, die bewusst aktivierbar sind. Wir können Übergänge als „Ursprünge auf eine mögliche Zukunft hin“ auslegen, wie es die Medienwissenschaftlerin Gloria Meynen in „Inseln und Meere“ ausdrückt.

Wenn wir technologischer denken wollen – was wir im deutschsprachigen Europa durchaus tun sollten –, können wir diese Übergänge konkret identifizieren: der Übergang vom Münz-Parkautomaten zur Park-App, von der Wackel-WLAN-Bahn zum Highspeed-Internet-Zug, vom analogen Klassenraum zum Blended Learning. Transitionen sind deutlicher und klarer als Transformationen, sie bieten Ansatzpunkte zum praktischen Loslegen: eine Strategie der vielen kleinen Schritte anstelle eines einzigen Transformationssprungs, der so groß ist, dass man ihn gar nicht erst anzugehen wagt.

Verschwimmende Konturen   

Um uns in der Welt zu orientieren, brauchen wir Konturen, Abgrenzungen. Erst so können wir Unterscheidungen treffen, unsere „Um-Welt“ erkennen. Umgekehrt gilt: Wo die Konturen verschwimmen, schwindet die Orientierung. Ein Beispiel ist die Unterscheidung „links/rechts“ im politischen Feld, die längst an Schärfe verloren hat und kaum mehr zur Orientierung dient. Erschwerend kommt hinzu, dass unsere Informationskanäle heute auf den Bildschirm zugeschnitten sind – „die Welt ist ein Display“, wie die Wirtschaftsinformatikerin Sarah Spiekermann-Hoff bereits in ihrem Vortrag auf dem Future Day 2019 sagte. Ist die Kontur durch den Rand des Screens festgelegt, erscheint alles, was passiert, tendenziell gleichwertig. Es entsteht ein konturloser Informationsbrei.


Um uns auch im Rahmen des Displays orientieren zu können, müssen wir lernen, die Muster der Welt neu zu interpretieren. Dabei wird eine Vielzahl neuer Fragen aufgeworfen: Welche Konturen zeigen uns, wer und wo wir sind, wenn das Ich zunehmend über Bildschirme erfahren werden kann? Wie erkennen wir die Gegenwart, wenn sie sich nur mehr als Fragment digitaler Berechnungen zeigt – und zu einer Melange aus Vergangenem und Fiktivem verschwimmt? Welche Instrumente können uns helfen, unsere Weltwahrnehmung neu zu trainieren? Noch mehr Daten und Zahlen, noch mehr News und Bilder, noch mehr Storytelling und Design Thinking?

Eine wichtige Antwort auf dieses Fragen lieferte bereits Alexander von Humboldt. Auf seinen Reisen sah sich der Naturforscher zunehmend gezwungen, die vielen neuen Landschaftseindrücke nicht nur zu vermessen, sondern auch darzustellen. Dafür entwickelte er die Panoramatechnik: In aufwendigen Zeichnungen wurden Höhenschnitte skizziert, die Übergänge darstellen, etwa vom Meer über den Strand bis zu den Bergen Teneriffas. Längst hat sich diese Technik zur Identifizierung und Vermittlung von Übergängen in unseren Alltag fortgeschrieben: als das Prinzip der Karte, das uns Orientierung im Raum ermöglicht.

Karten als Werkzeuge der Zukunftsgestaltung

Auch für die Zukunft benötigen wir Karten. Allerdings keine Landkarten, sondern eine neue Form von Weltkarten: Karten, die Menschen, Organisationen und Gesellschaften helfen, die Welt zu verstehen, indem sie die relevanten Übergänge – und Brüche – aufzeigen. Was diese Weltkarten einmal zeigen werden, wenn die großen Transformationen unserer Zeit vonstattengegangen sind, lässt sich nicht im Vorhinein definieren. In Bezug auf die Zukunft helfen keine Worthülsen, keine linearen Berechnungen. Umso mehr sollten wir aber heute kartografieren und erkennbar machen, worauf es hier und jetzt ankommt.  

Dafür brauchen wir Werkzeuge, die uns helfen, die Gegenwart in ihrer ganzen Dynamik zu erfassen. Das heißt: die Übergänge zu identifizieren, die sich darin verdichten. Das Zukunftsinstitut hat mit der Megatrend-Map ein Instrument geschaffen, das diese Funktion erfüllt – auch in Form von individuell angefertigten Megatrend-Maps, die einzelnen Organisationen die relevanten Dynamiken für ihr Vorankommen markieren. Auch dieses Tool weist darauf hin, dass jeder Weg zu einer großen Transformation viele kleine Schritte verlangt. Die wahre Zukunftsherausforderung unserer Zeit besteht darin, sich den kleinen Transitionen zuzuwenden, um die großen Transformationen zu realisieren. Denn die Zukunft lebt von gelungenen Übergängen.


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Harry Gatterer

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Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, eröffnet Möglichkeitsräume, indem er Trends in unternehmerische Entscheidungen übersetzt.

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