Wir brauchen eine konstruktive KI!

Künstliche Intelligenz (KI) ist eine – wenn nicht die – Schlüsseltechnologie der kommenden Jahre und Jahrzehnte. Umso wichtiger ist heute ein reflektierter Umgang mit ihren Gestaltungspotenzialen. – Ein Auszug aus der Trendstudie Künstliche Intelligenz.

von Christian Schuldt

Foto: Pixabay / geralt

KI treibt den Prozess des digitalen Wandels rasant voran und schlägt ein völlig neues Kapitel in der gesellschaftlichen Evolution auf. Erstmals in der Geschichte der Menschheit ändert sich die Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Selbstlernende Systeme sind immer weniger Werkzeug im herkömmlichen Sinne, sondern entwickeln eigenständige Entscheidungen, unabhängig von der Interaktion mit Menschen – selbst wenn es sich dabei auf absehbare Zeit noch immer um „schwache KI“ handelt, die kategorial von menschlicher Intelligenz unterschieden ist.

Die kollektive Verunsicherung, die den Prozess der digitalen Transformation schon generell begleitet, wird durch diese neue technologische Qualität und Komplexität auf eine weitere Stufe gehoben. Das Resultat sind simplifizierende und polarisierende Mensch-Maschine-Erzählungen, die den aktuellen KI-Diskurs dominieren: auf der einen Seite euphorische KI-Utopien und eine quasireligiöse Hoffnung auf maschinelle „Superintelligenz“ – auf der anderen Seite die dystopische Angst vor einer Unterwerfung der Menschheit durch „intelligente“ Maschinen, Roboter und Algorithmen.

Beide Narrative trivialisieren Technologie, indem sie die komplexe Dynamik soziotechnischer Fortschritte auf relativ simple und tendenziell lineare Szenarien reduzieren. Und sie überschätzen KI im Sinne eines magischen Denkens als Alleskönner, positiv wie negativ. Insbesondere in ökonomischen Kontexten ist KI deshalb zum Hype-Phänomen des digitalen Disruptionsdiskurses avanciert, zu einem Buzzword, mit dem sich jedes Unternehmen gern schmückt. Weil KI in nahezu jedem Produkt und jeder Lebenslage eingesetzt werden kann, belegt sie zugleich die Pole-Position in der Disziplin „Lösungen auf der Suche nach Problemen“: KI wird heute in alle möglichen Gadgets gesteckt – in vielen Fällen ohne Sinn und Verstand, sondern schlicht um zu zeigen, dass es geht.

Zeit für eine andere Sicht auf KI

Zugleich mehren sich die Anzeichen einer ersten KI-Ernüchterung – auch weil die überzogenen Erwartungen allzu oft enttäuscht werden. Viele Konsumenten machen die Erfahrung, dass KI-getriebene Smartifizierungen fragwürdig sind (Was ist „intelligent“ an einem sprachkontrollierten WC?) und KI in vielen Fällen ein Mehr an Unzuverlässigkeit und lästigem Aufgefordertwerden bedeutet, etwa in der Interaktion mit Sprachassistenten. Und Unternehmen stellen fest, dass KI nicht wie ein „Magic Dust“ funktioniert, mit dem man eine Organisation von heute auf morgen „smart“ macht, sondern dass die Implementierung von KI ein komplizierter und komplexer Prozess ist. 

Hinzu kommt der generelle Vertrauensverlust in digitale Technologien, der sich nicht zuletzt an KI-basierten Anwendungen festmacht. Immer deutlicher treten heute die Schattenseiten der fortschreitenden Vernetzung zutage – die Verhaltensmanipulation durch Apps oder Social Media, der Missbrauch durch autoritäre und kriminelle Mächte oder die Erosion des öffentlichen Diskurses, die eine Beschädigung demokratischer Prozesse und den Aufstieg des Populismus vorantreibt.

Gerade weil KI eine so mächtige Technologie ist, gilt es, sie klug und reflektiert einzusetzen, um die Wirtschaft und Gesellschaft von morgen konstruktiv zu gestalten. Die Zeit ist jetzt reif für eine neue, aufgeklärte und pragmatische Perspektive auf KI. Dafür brauchen Unternehmen nicht nur ein klares Verständnis dessen, was KI tatsächlich ist und leisten kann, sondern vor allem ein neues Mindset: einen konstruktiven und zukunftsoffenen Blick auf KI-basierte Gestaltungspotenziale – und den Mut, aktiv mit lernenden Maschinen zu (ko)operieren.

Wie passt KI in unsere Gesellschaft?

Wie können sich Unternehmen für einen selbstbewussten und zukunftsweisenden Umgang mit KI aufstellen? Der Schlüssel liegt in einem neuen, aufgeklärten Bewusstsein – und einer zukunftsmutigen Haltung für die praktische Anwendung. Entscheidend ist eine doppelte Optik: auf der einen Seite ein weiter, ganzheitlich-systemischer Blick auf das Big Picture des digitalen Wandels, dem KI einen völlig neuen Schub verleiht. Auf der anderen Seite eine mikroskopische Nahsicht auf die konkreten Potenziale, praktischen Anwendungsmöglichkeiten und unternehmenskulturellen Konsequenzen, die der Einsatz von KI mit sich bringt. Erst so entsteht ein realistisches Verständnis dessen, was KI tatsächlich ist und kann – und welche KI-basierten Geschäftsmodelle wirklich Sinn machen.

Diese kritisch-konstruktive Perspektive auf KI verlangt zunächst Abstand von den etablierten KI-Narrativen: von überzogenen Erwartungen, Ängsten und Trivialisierungen, die im Zeichen des aktuellen KI-Hypes florieren. Erst diese Distanz öffnet den Blick für die enormen Potenziale, die KI für eine aktive Mitgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft mitbringt. Gerade weil KI ubiquitär verwendbar ist, wird die Frage so wichtig, warum und wofür wir sie wirklich sinnvoll nutzen wollen und können – und wie KI heute und künftig in unsere Gesellschaft passt.

KI als Chance für Europa

In der Gesellschaft scheint dieser Gestaltungsmut bereits zu wachsen. So sehen inzwischen 62 Prozent der Deutschen KI eher als Chance und nur noch 35 Prozent als Gefahr – 2017 waren es noch 48 beziehungsweise 47 Prozent. Diese Entwicklung ist umso bemerkenswerter, als dass KI durchaus reale Risiken mit sich bringt – etwa eine Datenverwertungsindustrie, in der die Big Player der Digitalökonomie KI nutzen, um Nutzerbedürfnisse immer granularer zu durchdringen, zu manipulieren und zu kapitalisieren.

Unternehmen, die KI konstruktiv nutzen wollen, müssen deshalb auch die Sinnfrage nach der nächsten Gesellschaft im Blick haben: Wie wollen wir künftig Arbeit, Wirtschaft und Zusammenleben organisieren, und wie können wir KI als Zukunftstechnologie produktiv dafür nutzen? Hier kann eine KI-Ethik, die auf Vertrauen, Sicherheit und Verlässlichkeit setzt, auf Datenschutz, Nachhaltigkeit und humanistische Werte, zum echten Wettbewerbsvorteil werden. Im globalen Kontext eröffnet dieser ethische Zuschnitt große Chancen für den KI-Standort Europa in Abgrenzung zu den Strategien der KI-Giganten USA und China.

KI als Business-Intelligenz

Auf Unternehmensebene bedeutet ein konstruktiver Einsatz von KI vor allem: Abschied vom Buzzword Talk und Hinwendung zu der Frage, was KI in organisationalen Kontexten konkret leisten kann – von automatisierten Prozessen und erhöhter Effizienz bis zu verbesserten Prognosen und hyperpersonalisierten Produkten und Services. In Bezug auf die datenbasierten Geschäftsmodelle, die sich daraus ergeben, herrscht hierzulande noch großer Nachholbedarf – dabei wäre jetzt der Zeitpunkt zum Einsteigen, gerade weil KI zuletzt große Entwicklungssprünge gemacht hat. Die Leitfragen lauten: Welche Einsatzmöglichkeiten für KI gibt es? Und: Was macht wo Sinn? Denn auch wenn KI kein Werkzeug im herkömmlichen Sinne mehr ist: Als Technologie wird sie immer nur ein Tool sein, ein Mittel zum Zweck, eine mögliche Lösung für ein konkretes Problem.


Ebenso entscheidend für einen konstruktiven Umgang mit KI ist die Frage, wie wir künftig mit intelligenten Maschinen zusammenleben und -arbeiten werden. In den Fokus rückt dabei das Thema Human Computation: die Frage, wie ein kooperatives Miteinander von Mensch und Maschine aussieht. KI wird die menschliche Intelligenz nicht ersetzen. Aber sie kann sie komplementär und kreativ erweitern, etwa im Rahmen nicht-autonomer Systeme, in denen Maschinen unterstützen, aber der Mensch final entscheidet. Dieser Shift hin zu diesen Mensch-plus-Maschine-Umwelten ermöglicht – und erfordert – auch ein Upgrade der menschlichen Intelligenz und Empathie. 

KI für ein besseres Morgen

Die nächste Gesellschaft wird eine „kognifizierte“ Gesellschaft sein: eine Welt, in der kognitive Technologie zum ubiquitären Gebrauchsgegenstand wird. Um diese Gesellschaft mitzugestalten, müssen wir uns heute selbstbewusst der Frage zuwenden: Wie wollen wir in Zukunft leben, und auf Basis welcher Werte wollen wir KI nutzen? So wie KI heute tendenziell überschätzt wird, wird ihr potenzieller Nutzen, insbesondere in der Verbindung mit Robotics und dem Internet der Dinge, zugleich stark unterschätzt. Die Rahmenbedingungen für die KI-Welt von morgen werden heute geschaffen – und Unternehmen spielen dabei eine tonangebende Rolle.

Richtig angewandt kann KI uns nicht nur helfen, den Alltag zu vereinfachen und Produktionsverfahren ressourcenschonender zu organisieren, sondern auch den öffentlichen Raum sicherer zu machen, gesünder zu leben und globale Krisen zu lösen. Schon heute rettet KI im Gesundheitsbereich Leben – künftig könnte sie dazu beitragen, sämtliche Domänen menschlicher, nachhaltiger und gerechter zu gestalten, von Energie über Mobilität bis zu Bildung. Damit eröffnet KI zugleich eine neue Ära der Rehumanisierung und der Sinnarbeit. Der Einsatz von KI verändert unser Selbstverständnis, macht den Menschen wieder menschlicher und bietet die Chance, die Gesellschaft sozialer und humaner zu gestalten, mit einem zukunftsweisenden Verständnis von Wachstum und Lebensqualität.

Die DNA dieser nächsten Mensch-Maschine-Ära wird heute geschrieben. Wenn wir den aktuellen Schub durch intelligente Computer und Roboter klug kanalisieren, können wir unser Leben und Arbeiten neu und besser organisieren – gemeinnütziger, nachhaltiger, weiser. Unternehmen, die diese Vision einer konstruktiven KI unterstützen, werden teilhaben an einer der spannendsten transformativen Entwicklungen in der Geschichte der Technologie.

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