Auf dem Weg in die Wir-Gesellschaft

Welche Visionen können den Weg bereiten für eine Überwindung der gegenwärtigen Spaltung der Gesellschaft? Wie kann eine neue, plausible Zukunftserzählung aussehen, die die gespaltenen Lager übergreift? Diese Fragen haben im Kontext der Coronapandemie noch einmal stark an Brisanz gewonnen. Ein gekürzter Auszug aus der Studie “Next Germany”.

Von Christian Schuldt

Foto: Ehimetalor Akhere Unuabona/Unsplash

Schon vor der Coronakrise zeigte die Datenanalyse der Studie „Next Germany“: Die deutsche Wertelandschaft ist tief gespalten. Und: Die Menschen in Deutschland wollen einen Paradigmenwechsel, eine umfassende Transformation der Gesellschaft und des Lebens. Die Krise hat diese Situation weiter verschärft – und zugleich deutlich gemacht, worin die Spaltung im Kern besteht: in den unterschiedlichen Weisen, wie Menschen auf ein starkes Anwachsen von Komplexität und Unsicherheit reagieren.

Was unsere – und nicht nur unsere – Gesellschaft daher dringender denn je braucht, ist eine neue, überzeugende, begeisternde Deutung von Komplexität, jenseits der traditionellen politischen Schemata. „Opposition ist nicht rechts oder links“, sagt der Soziologe Armin Nassehi: „Opposition ist, ob man sich den Problemen einer Gesellschaft stellt und dafür ein Narrativ findet, oder ob man auf Narrative zurückgreift, die viel einfacher sind als diese Welt.”

Eine neue Zukunftserzählung muss eine überzeugende Alternative anbieten können zu den unterkomplexen„rechten“ und „linken“ Utopien: zur nostalgischen Idee einer identitären Reanimierung des Vergangenen sowie zur multikulturellen Vision einer idealtypisch formbaren „Open Society“. Beide Ansätze faszinieren in Zeiten explodierender Komplexität gerade durch ihre Realitätsferne. „Entzaubert“ – und auf eine konstruktive Weise „wiederverzaubert“ – werden können sie nur durch die Konfrontation mit einer greifbaren, attraktiven Alternative: mit einer gesellschaftlichen Vision, die ihre Strahlkraft nicht aus der Distanz zur Realität bezieht, sondern aus einem neuen Pragmatismus, der auf die Zukunft zielt, aber im Hier und Jetzt verankert ist.

Von der Next Economy zur Next Society

Potenziale für eine Zunahme sozialer Verbundenheit und Partizipation eröffnet dabei auch der Wandel des Wirtschaftssystems. Der Abschied von der kapitalistischen Wachstumsmaxime hat im Zuge der Coronakrise stark an Fahrt aufgenommen. Immer mehr dringt die Erkenntnis ins kollektive Bewusstsein, dass der Imperativ des Immer-weiter-wachsen- und Immer-mehr-leisten-Müssens nicht nur katastrophale Auswirkungen auf das ökologische Gleichgewicht hat, sondern auch die Bedingungen für ein Anwachsen sozialer Widersprüche und Ungleichheiten begünstigt.

Der Soziologe Hartmut Rosa sieht die aktuelle Spaltung unserer Gesellschaft in direktem Zusammenhang mit diesem „blinden Steigerungszwang“, der eine „kranke Weltbeziehung“ erzeuge. Das beste Gegenmittel gegen diese Entfremdung sei ein „gemeinsames Gestaltungsprojekt“. Kann ein alternatives Wirtschaftssystem ein solches Gestaltungsprojekt einer Weltgesellschaft sein? Tatsächlich ruhen heute große Hoffnungen auf einer Postwachstumsökonomie, die auf alternative, zukunftsweisende Wertschöpfungsarchitekturen setzt und den Wachstumszwang ersetzt durch ein neues Mindset der „Enoughness“ sowie ein qualitatives Verständnis von Wachstum. Die Vision ist eine nachhaltige Balance zwischen Demokratie und Marktwirtschaft, zwischen Menschheit und Umwelt – und damit auch: zwischen Mensch und Mensch.

Auch ein neues Zusammenspiel zwischen „global“ und „lokal“ eröffnet dabei einen zukunftsweisenden Weg. Die Coronapandemie hat der Weltgemeinschaft die existenziellen Gefahren einer überreizten Globalisierung klar vor Augen geführt – und damit dem Trend zur „Glokalisierung“ Am Ende entscheidet sich im „Kleinen“, ob große Herausforderungen gelingen oder scheitern eine neue Dynamik verliehen. „Think global, act local“, diese Denkweise schafft zugleich einen gemeinsamen Nenner für Globalisierungsgegner und -befürworter: weltoffen, aber fokussiert auf überschaubare, kleine Einheiten. Lokale und regionale Organisationsstrukturen ermöglichen und fördern die Beweglichkeit – und damit auch eine erhöhte Anpassungsfähigkeit an sich wandelnde Umweltbedingungen. Diese Mikro-Ebene wird auch immer bedeutsamer für die Stiftung von Identität und Sicherheit in einer hochkomplexen und volatilen Welt. Denn am Ende entscheidet sich im „Kleinen“, ob große Herausforderungen gelingen oder scheitern.

Humanismus 4.0

Wichtig ist bei all dem auch die strukturelle Erkenntnis, dass die aktuellen Spaltungs- und Polarisierungsphänomene untrennbar verbunden sind mit den grundsätzlichen Widersprüchlichkeiten und Ungleichzeitigkeiten, die der Übergang zur neuen Netzwerkgesellschaft mit sich bringt. Wir spüren, dass und wie sich die Welt fundamental verändert, wir arrangieren uns großteils damit – aber es fällt uns schwer, diesen Umbruch zu beschreiben, in neue Formen und Konzepte zu bringen. Umso mehr ist es daher an der Zeit, diesem Wechsel Gestalt zu geben. Die Grundlage dafür kann eine neue Komplexitätserzählung sein – die auch davon berichtet, dass wir bereits sehr viel komplexitätsaffiner und -kompetenter sind, als wir denken.

Denn auch das hat die Coronapandemie – genauer: die kreativ-vernetzten Reaktionen auf die existenziellen Herausforderungen im Kontext der Krise – vor Augen geführt: Wir sind bereits weit vorangekommen auf dem Weg in die nächste Gesellschaft, in der Menschen auf Basis von selbstorganisierten Prozessen Verantwortung und Verpflichtungen übernehmen. Eine Gesellschaft, die wie ein offenes Spiel funktioniert, bei dem sich die Spielregeln erst im Spielverlauf – und immer wieder neu – herausbilden, ohne einen obersten Spielleiter. Diese Gesellschaft ist ein dynamischer Zusammenhang des Verschiedenartigen, die Gleichzeitigkeit des Unterschiedlichen Netzwerkgesellschaft ist widersprüchlicher und „unvernünftiger“ als moderne Gesellschaft es jemals war.

Am Übergang zu dieser nächsten Gesellschaft wird immer deutlicher, dass Gesellschaft kein großes Ganzes ist, von dem Menschen die Teile bilden, sondern vielmehr ein dynamischer Zusammenhang des Verschiedenartigen, die Gleichzeitigkeit des Unterschiedlichen. Diese Einsicht kann helfen, einen neuen, zeitgemäßen Humanismus zu verbreiten, der pragmatisch ausgerichtet ist und neue Spielräume für gemeinschaftliches Handeln schafft – indem er die strukturellen Schnittstellen der Netzwerkgesellschaft erkennt und nutzt, um Menschen zu ermächtigen.

Eine solche Geisteshaltung nimmt die Komplexität der „Gesellschaft 4.0“ (Dirk Baecker) und ihre Vielfalt von Identitäten nicht als Bedrohung wahr, sondern als Chance. Sie betont das Gemeinsame im Großen – und ist sich des Trennenden im Kleinen bewusst. Dies könnte der rote Faden einer nächsten Zukunftserzählung sein, auf dem Weg in die Wir-Gesellschaft.

Dieser Text ist ein gekürzter und veränderter Auszug aus der Studie „Next Germany“.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Wir-Gesellschaft

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Die neue Macht des „Wirs“ ist nicht mehr zu übersehen: Überall bilden sich neue Formen von Gemeinschaften, Kollaborationen und Kooperationen – „progressive Wirs“, die auch neue Alternativen im Zeichen einer gespaltenen Gesellschaft eröffnen. Wie wird die Wir-Gesellschaft von morgen aussehen – und welche Konsequenzen hat diese Entwicklung für eine zukunftsweisende Aufstellung von Organisationen?

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Christian Schuldt

Der Systemtheoretiker und Autor beleuchtet in Publikationen und Vorträgen den digitalen Kultur- und Medienwandel. Sein Blick ist geschult für die kommunikativen Muster, die Menschen und Unternehmen verbinden.