Dicke Luft in Innenräumen

Noch nie war der Gesundheitsbegriff so umfassend und individuell definiert wie heute. Auch beim Wohnen existiert ein Optimierungsbedarf in Sachen Gesundheit – das Thema Luftqualität rückt in den Fokus der Aufmerksamkeit. Ein gekürzter Auszug aus 50 Insights – Zukunft Des Wohnens.

Von Christiane Varga

Pixabay / jtpatriot / CC0

Längst passé sind die Zeiten, in denen Gesundheit allein die Abwesenheit von Krankheiten bedeutete. Die Optimierung der eigenen Gesundheit ist zu einem im Mittelpunkt des Lebens stehenden Dauerprojekt geworden. Die Komponenten, die zur Erfüllung des Versprechens von Gesamtgesundheit führen, sind vielfältig und lassen sich immer noch ein bisschen feiner ausjustieren: der richtige Sport zur richtigen Zeit, die dazu abgestimmte ideale Ernährung, ein gesunder, erholsamer Schlaf. Das digitale Selftracking der individuellen Fitnessdaten spornt weiter an und motiviert beim Vergleich der eigenen Leistungswerte mit denen der Peergroup.

Wir haben dem gesteigerten Wir verbringen den größten Teil unserer Lebenszeit in geschlossenen Räumen Gesundheitsbewusstsein viel zu verdanken. Nicht zuletzt eine höhere Lebenserwartung, in der die Phase der altersbedingten Gebrechen und Krankheiten kürzer wird. Aber auch beim Wohnen gibt es noch Optimierungsbedarf in Sachen Gesundheit: Wir verbringen den größten Teil unserer Lebenszeit in geschlossenen Räumen und atmen dabei ein, was Einrichtungsgegenstände von Möbeln bis hin zu Teppichböden, Haushaltsreiniger, Farben, Lacke, Klebstoffe etc. zum Teil jahrelang ausdünsten. Schlechte Luft in Innenräumen macht auf Dauer krank. Es sind vor allem Weichmacher und Lösungsmittel, die früher bedenkenloser als heute in Baustoffen verarbeitet wurden und die unterschiedlich stark in der Innenraumluft nachgewiesen werden können. Bauträger und Möbelhersteller reagieren darauf mit schadstofffreien Bausubstanzen oder wasserlöslichen Lacken.

Bei Luftverschmutzung denken wir immer nur an die Außenluft, an Verkehrsabgase und Feinstaub, doch ist die Innenraumluft in den eigenen vier Wänden oder im Büro eine unterschätzte Belastung. Die Lage des Büros oder der Wohnung spielt beim Thema Luftqualität und Gesundheit ebenfalls eine große Rolle. Städtische Straßenkreuzungen, die von dichter Bebauung umgeben sind, ergeben auch bei vergleichsweise geringem Verkehr hohe Belastungswerte. Unter Leitung von Prashant Kumar, Experte für Umwelttechnik, wurden an der University of Surrey solche Knotenpunkte und ihre Auswirkung auf die Umgebung untersucht. Das Ergebnis: In Wohnungen und Büros an solchen Kreuzungen wurden im Erdgeschoss und in den unteren Etagen doppelt so viele Schadstoffpartikel in der Raumluft ausgemacht wie in Gebäuden, die an offeneren Kreuzungen standen.

Nach Ansicht der Wissenschaftler müssen solche Erkenntnisse stärker in die Stadtplanung einfließen. „Wir sollten überlegen, ob wir wirklich Schulen, Büros oder Krankenhäuser ausgerechnet in diesen Umgebungen bauen wollen“, so Kumar (zit. in Podbregar 2016). Der Studie zufolge trug die Luftverschmutzung innerhalb von Gebäuden im Jahr 2012 weltweit schätzungsweise zu mehr als 4,3 Millionen vorzeitigen Todesfällen bei, Schadstoffe in der Außenluft haben dagegen „nur“ zu rund 3,7 Millionen Toten geführt (Kumar u.a. 2016). Die komplett schadstofffreie Umgebung oder das zu 100 Prozent ökologisch gebaute Haus gibt es bislang nicht. Ziel ist vielmehr die Reduktion der gesundheitsschädlichen Einflüsse auf ein Minimum. Dafür ist es nötig, dass multidisziplinär geforscht und zusammengearbeitet wird.

Literatur:
Kumar, P./ Skouloudisc, A.N./Belld, M./Vianae, M./ Carottaf, M.C./Biskosg, G./Morawskai, L.: Real-time Sensors for Indoor Air Monitoring and Challenges Ahead in Deploying them to Urban Buildings. In: Science of The Total Environment, 1.8.2016, S. 150-159

Podbregar, N.: Gefährliche Raumluft. In: Natur, 20.4.2016, online unter: www.natur.de/de/20/Gefaehrliche-Raumluft, 6,0,1910.html

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Dossier: Wohnen

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Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Christiane Varga

Die Soziologin und Germanistin leitet im Zukunftsinstitut Forschungsprojekte für Unternehmen. Ihr Fokus liegt auf den Themen New Living, New Work, Geschlechterrollen und Tourismus.