Scandi Secret

Hygge und Lagom sind mehr als ein Lebensgefühl. Das Geheimnis der nordischen Lebensart wird künftig auch verstärkt durch die Gestaltung von Räumen und Orten zu lüften versucht. – Ein Auszug aus dem Home Report 2019 von Oona-Horx-Strathern

Skandinavisches Design ist längst zum Inbegriff für eine schicke, moderne und frische Formgebung und Gestaltung geworden: Minimalismus und Funktionalität sind die prägenden Maximen. Doch inzwischen geht es nicht mehr nur um Design, sondern um ein Lebensgefühl: Lifestyle-Trends werden häufig mit skandinavischen Begriffen, Guidelines und Büchern in Verbindung gebracht. Das reicht von Hygge (Norwegisch und Dänisch für „Gemütlichkeit und Behagen“) über Lagom (Schwedisch für „genau das richtige Maß“) bis hin zum Nischenthema Kalsarikännit (Finnisch für „sich zu Hause alleine in Unterwäsche betrinken“).

Happy Scandinavians

Die Faszination der vergangenen Jahre für alles Skandinavische weist zum einen auf verschiedene Versäumnisse hinsichtlich des Lebenswandels und der Wohnungseinrichtung hin – ist also ein Spiegel der Entbehrungen und Wünsche. Zum anderen liegt die Anziehungskraft des Trends Scandi Secret vor allem im Versprechen, sich aus der Abhängigkeit des digitalen Lifestyle und dem Always-on zu befreien. Zudem richten Stadtplaner, Architekten, Bauunternehmer und Designer den Blick auf skandinavische Ideale: Denn diese Länder finden sich schon seit Jahren auf den vorderen Plätzen, wenn nicht gar ganz oben im „World Happiness Report“ der Vereinten Nationen und vielen anderen Rankings für Lebensqualität. Finnland, Norwegen und Dänemark sollen die glücklichsten Nationen der Welt sein. Dem Bericht der Vereinten Nationen zufolge ist der elementare Lebensstandard zwar essentiell für das Glück, doch wenn es über die Grundsicherung hinausgeht, rangiert bei diesem Thema die Qualität menschlicher Beziehungen weit über dem Einkommen.

Laut Meik Wiking vom Happiness Research Institute in Kopenhagen beruht der dänische Erfolg im Glücklichsein auf Hygge, einer Lebensart, die sich mit den kleinen Dingen im Leben befasst, auf die es wirklich ankommt. Zu Hygge zählt auch, viel qualitative Zeit mit Freunden und der Familie zu verbringen und das Leben zu genießen. Im Kern geht es bei der skandinavischen Lebensart um die Vorzüge sozialer Unterstützung. Der Wunsch nach mehr Gemeinschaft, nach einer Wir-Kultur stellt derzeit auch einen starken Gegentrend zur wachsenden Individualisierung dar. Dieses Revival eines neuen Gemeinschaftssinns führt hin zu einer achtsameren Gesellschaft und Lebensweise.

Vom Design zur Stadtplanung

Zwar wird sich unser Leben nicht durch ein paar Designer-Sofakissen, handgearbeitete Teppiche oder wegen eines heißen Kakaos nach einer anstrengenden Radtour im Regen verändern, doch hat der skandinavische Ansatz in Sachen Stadtplanung und Siedlungskonzepte durchaus Vorbildcharakter. Der legendäre dänische Architekt Jan Gehl hat weltweit Maßstäbe hinsichtlich psychologischer Stadtplanung gesetzt. Bei der urbanen Mobilität wird der Begriff „Copenhagenize“ mit einer progressiven Haltung zur Förderung des Radfahrens und von Fahrradwegen gleichgesetzt. Im dänischen Aarhus, wo jeder Einwohner im Schnitt 2,5 Kilometer am Tag mit dem Rad zurücklegt, gibt es überall in der Stadt frei zugängliche Fahrradpumpen. Norwegen hat mittlerweile die höchste Anzahl an Elektrofahrzeugen pro Kopf und wird den Verkauf von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor bis 2025 einstellen. Dort gibt es derzeit Pläne für eine autofreie Innenstadt von Oslo.

Lebenswerte Nachbarschaften

Die Schweden sind aktuell führend beim Bau neuer Siedlungen, die Menschen zusammenbringen, wie Vallastaden in Linköping. Zuallererst fällt auf, dass in dieser Siedlung keines der 1.000 Häuser dem anderen gleicht. Dann bemerkt man das Fehlen von Autogeräuschen (da die Bewohner hier Rad fahren und automatisch an ein Carsharing-Modell angeschlossen sind). In Vallastaden konnten Familien und Projektentwickler auf ein Grundstück zum Festpreis bieten. Die Entscheidung wurde dann anhand von Faktoren wie dem Einsatz erneuerbarer Energiequellen, der Verwendung von Holz und auf Grundlage eines insgesamt smarten Bauplans getroffen. Die Projektentwickler standen nicht wie sonst üblich im Quantitäts-, sondern im Qualitätswettstreit miteinander, wodurch ein gesunder Mix aus Mietwohnungen, Villen, Appartements für Studierende, öffentlichen Gebäuden und Stadthäusern entstanden ist.

Die Stadtratsvorsitzende von Linköping, Kristina Edlund, sagt, dass es darum ging, innerhalb einer Siedlung soziale Nachhaltigkeit durch soziale Durchmischung zu erzielen. Rickard Stark vom Architekturbüro Okidoki, das den Masterplan erstellt hat, betont, ihnen sei es wichtig gewesen, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen miteinander interagieren. Von Rentnern über Studierende bis zu Familien gibt es eine Vielzahl von Bewohnern, die die Gästezimmer nutzen, Gemüse züchten und miteinander Partys feiern. „In Vallastaden grüßen sich die Leute, verschiedene Generationen unternehmen etwas gemeinsam, und das schafft auch ein Gefühl von Sicherheit“, verkündet Kristina Edlund stolz (Anderssen 2018). Einziger Wermutstropfen ist bislang, dass Partys nur bis halb vier Uhr morgens gefeiert werden dürfen. Etwas, das vielleicht auf der nächsten Nordic Night Mayor Summit, einer Konferenz für Nachtbürgermeister in Skandinavien, auf der Tagesordnung stehen wird.

Literatur:
Anderssen, Elna Nykänen: Welcome to Utopia. In: Monocle The Spring Weekly. Edition 3, 31.5.–6.6.2018

 

 

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Dossier: Wohnen

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Weltweit steht die Bauwirtschaft vor Jahrzehnten spannender Aufgaben. Wir benötigen neue Mobilitäts-Infrastrukturen und Energie-Landschaften, Lösungen für partikulareres und gemeinschaftliches Wohnen - viel Raum für Planer und Verwirklicher.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Oona Horx-Strathern

Ihr Spezialgebiet ist die Zukunft des Wohnens. Als erfahrene Trendberaterin für große Unternehmen liefert Oona Horx-Strathern wertvolle Inspirationen – ebenso charmant wie visionär.