Temporary Living

Das Zuhause löst sich immer mehr vom Verständnis eines physischen Wohnorts. Es ist längst kein fester Ort mehr, zu dem wir allabendlich zurückkehren, sondern es kann überall dort sein, wo wir uns wohlfühlen. – Ein Auszug aus dem Home Report 2019 von Oona-Horx-Strathern.

Bereits im Jahr 1970 schrieb der Futurologe Alvin Toffler in seinem wegweisenden Buch „Future Shock“ (dt. „Zukunftsschock“): Die Mobilität habe die Welt so entscheidend auf den Kopf gestellt, dass nicht mehr Orte für die größten Unterschiede zwischen den Menschen verantwortlich seien. Im Kapitel „Moderne Nomaden“ beschrieb er, dass Bindungen sich immer weiter von ortsbezogenen Strukturen wie einem Staat, einer Stadt oder einer Nachbarschaft entfernen und sich hin zu Strukturen verlagern, die selbst mobil, fluide und ortlos sind: wie der Arbeitsplatz, Beruf, Freundschaftsnetzwerke und temporäre Lebensformen. 

Soziale Kluft: verwurzelt vs. ungebunden

Fast 50 Jahre später spiegelt der Journalist David Goodhart diese Gedanken auf einer anderen Ebene wider: In seinem Buch „The Road to Somewhere“ schreibt er über eine neue soziale Kluft zwischen zwei Bevölkerungsgruppen: den „Somewheres“ und den „Anywheres“ (der Rest sind die „Inbetweeners“: Menschen irgendwo dazwischen). Menschen fühlen sich über Mobilität, Offenheit, Arbeit und Lebensstil einer Gemeinschaft zugehörig. Die typischen soziodemografischen Merkmale reichen folglich nicht mehr aus, um eine Klasseneinteilung zu ermöglichen. Diese Arten der Vergemeinschaftung ähneln den Strukturen von stammesähnlichen Gemeinschaften. Diese Neo-Tribes vermitteln Gefühle wie Geborgenheit, Sicherheit und Vertrautheit – sie geben „There are two kinds of people in the world; those who divide the world into two kinds of people and those who don’t.“ Robert Benchley, „Of All Things“, 1921 Individuen emotionale Verwurzelung, weil die Mitglieder ähnliche Interessen und Werte teilen.

Die Gruppe der „Somewheres“ macht 50 Prozent der Bevölkerung aus – sie sind an einem bestimmten Ort oder in einer Gemeinschaft verwurzelt, in der Regel in einer Kleinstadt oder auf dem Land, konservativ und eher schlechter gebildet. Die „Anywheres“ (20 bis 25 Prozent der Bevölkerung) sind ungebunden, urban, liberal, haben einen Universitätsabschluss, sind wenig nostalgisch, hingegen leistungsorientiert und egalitär in ihrer Einstellung zu Herkunft, Geschlecht und Gender; sie haben nur eine lockere Bindung „im Hinblick auf die Identifikation mit größeren Gruppen wie etwa der Nationalität; sie schätzen Autonomie und Selbstverwirklichung mehr als Stabilität, Gemeinschaft und Tradition“.

Die digitalen Nomaden: Überall zuhause

Wo leben diese „Anywheres“ nun also, und was ist, wie die Briten es ausdrücken, aus dem Konzept „My home is my castle“ geworden? Kann es sein, dass „wir unser Zuhause nicht mehr als physischen Wohnort oder als Ort, an dem wir unsere Kleidung aufbewahren, verstehen? Zuhause kann ein Flughafen oder eine Bibliothek sein, ein Garten oder ein Rastplatz“, schreibt der Philosoph und Autor Alain de Botton in seinem Buch „The Architecture of Happiness“ (dt. „Glück und Architektur“). Hat sich unser Leben in nur wenigen Generationen so weit verändert, dass wir zu Nomaden in Körper und Geist geworden sind – die ersten Bewohner von Co-Working Spaces, zu Hause in neuen Clubkonzepten, wie es die Soho Houses bieten, und mit Wohnungen im Hotelstil mit flexiblen Mietverträgen?

Ein typisches Beispiel für temporäres Wohnen ist das Projekt The Collective in London. Der Unternehmer James Scott, der hinter diesem Modell steckt, ist der Auffassung, dass der Wohnbedarf der Generation der Millennials in eine Zukunft steuert, in der jeder „homeless“ ist. Der Grund dafür ist, dass diese jungen Menschen freier aufgewachsen sind und bei ihnen Bequemlichkeit vor Verbindlichkeit kommt. Das bedeutet bezogen auf eine Wohnung, dass man lieber mietet als kauft. Die zunehmende Mobilität hat dazu geführt, dass die Millennials keine Lust haben, sich für einen Wohnort entscheiden. Ganz im Gegenteil – sie sehen Besitz und Sesshaftigkeit eher als eine Belastung an. „Wenn wir die Funktion des Wohnens vom physischen Standort abkoppeln, müssen wir mehr Modelle des gemeinschaftlichen Wohnens fördern. Letztendlich werden sich Modelle wie Wohnungs-Abo oder Wohnen als Service entwickeln“, sagt Scott in einem Interview.

Serviced Apartments: Leben im Hier und Dort

Ein weiteres Phänomen, das unter Familien häufiger vorkommt als bei Singles, ist das sogenannte 5:2-Modell. Dabei handelt es sich um Wochenendpendler, die fünf Tage dort sind, wo sich ihr Arbeitsplatz befindet (normalerweise in einer Großstadt), und die beiden verbleibenden Tage zu Hause mit ihrer Familie verbringen. Diese Leute sparen Geld und Fahrtzeit, indem sie bei Unternehmen wie SpareRoom ein Zimmer mieten. Die Online-Plattform vernetzt – wie der Name schon sagt – Menschen, die eine Unterkunft für die Woche suchen, mit Leuten, die ein Zimmer oder eine Wohnung frei haben. 75 Prozent der Kunden haben mit SpareRoom eine Montag-bis-Freitag-Vereinbarung, da ihre Arbeitsverhältnisse nur befristet sind oder sie freiberuflich arbeiten. Der Anteil an Männern, die ein Zimmer über SpareRoom mieten, ist deutlich höher als an Frauen.

Anett Gregorius gründete ihr Unternehmen für Serviced Apartments bereits 1999. Unter dem heutigen Namen Apartmentservice ist es mit jeweils knapp 5.000 Appartements alleine in München, Frankfurt und Berlin einer der größten Anbieter für die mobile Business-Community und für Touristen. Der Vorteil eines solchen Appartements gegenüber einem längeren Hotelaufenthalt ist, dass man eine hohe Flexibilität kombiniert mit Individualität, Freiheit und Privatheit genießt und langfristig günstiger damit fährt. Zugleich ist der Service mit dem eines Hotels vergleichbar, und jedes Appartement verfügt über eine Küche oder Kitchenette sowie einen separaten Wohnbereich.

Laut dem Marktbericht 2018 des Unternehmens machen Mikro-Wohnungen, das heißt Einheiten von unter 25 Quadratmetern, heute den höchsten Anteil unter den Serviced Apartments aus und erfreuen sich der größten Nachfrage. Prof. Stephan Gerhard von der Unternehmensberatung Treugast schätzt, dass der Marktanteil für temporäres Wohnen, wie es Serviced Apartments und Boardinghouses bieten, von derzeit ca. drei Prozent am gesamtdeutschen Beherbergungsmarkt bis 2030 voraussichtlich bis auf etwa zehn Prozent ansteigen wird.

Temporäre Wohnkonzepte: Hauswächter, Pop-up und Co.

Zahlreiche neue Konzepte in Sachen Temporary Living erobern den deutschen Markt: unter anderem Budgetmarken wie das Konzept Access von Adagio, Mikroappartements von Smartment und Mischnutzungskonzepte mit Serviced Apartments und Studentenwohnheimen von i Live. Eine eher ungewöhnliche Form des Temporary Living stellt das Konzept des Hauswächters dar: Diese Personen passen auf eine vorübergehend leerstehende Immobilie auf – und dürfen dafür dort wohnen. Doch sie sind keine regulären Mieter und müssen jederzeit damit rechnen, dass sie die Immobilie kurzfristig verlassen müssen. Ziel ist es, mit der Anwesenheit des Hauswächters die Immobilie und das Grundstück vor Vandalismus zu schützen. Das Unternehmen Camelot bietet in verschiedenen europäischen Ländern die Dienstleistung der Hauswächtervermittlung an, indem es Gebäudeeigentümer und flexible Wohnungssuchende zusammenbringt. Für knapp 200 Euro im Monat wird bei Camelot Wohnen zum Abenteuer, z.B. in einer ehemaligen Schule, Polizeistation oder einem alten Herrenhaus.

In Zürich, Bern und Basel werden bei einem ähnlichen Modell namens Projekt Interim leerstehende Gebäude wie Banken zu preiswerten temporären Arbeits- und Wohnstudios umgebaut. Bei dem Projekt vermieten die Hausbesitzer ihre Räume so lange interimsweise zu einem vergünstigten Preis, bis permanente Mieter einziehen. Hinzu kommt ein wachsender Markt für Pop-up-Flächen: Von temporären Shops, Hotels und Büros bis hin zu Wohnraum, der in kurzer Zeit eingerichtet werden und genauso schnell wieder abgebaut werden kann. So wurde beispielsweise im Frankfurter Stadtteil Niederrad das Studentenwohnheim Cubity als Haus-in-Haus-Prinzip errichtet. In einer großen Halle sind kleine Wohn-Cubes mit 7,2 Quadratmeter eingebaut worden. Diese Wohnwürfel sollen zwölf Studenten und studierenden Geflüchteten einen alternativen Wohnkomfort bieten. Küche, Marktplatz, Galerie und Terrasse werden gemeinschaftlich genutzt. Cubity ist Teil eines Forschungsprojekts der TU Darmstadt.

Second Homes: Arbeiten wird zu Wohnen

In seinem 1980 erschienenen Buch „The Third Wave“ beschrieb Alvin Toffler das Entstehen eines elektronischen Heims. Er glaubte, dass die Arbeit von zu Hause aus zur Norm werden würde – diese Prognose ist so allerdings nicht eingetreten. Trotz – oder gerade wegen – unserer mobilen Technologie ist das Arbeiten von zu Hause aus nicht in dem Maße Wirklichkeit geworden. Die neue Generation der „Anywheres“ – die Kreativen, Freelancer, Teilzeitbeschäftigten und Start-ups – machen aus temporären flexiblen Arbeitsplätzen in Form von Co-Working Spaces mehr und mehr private Wohnungen. Und auch das Fahrzeug, das es diesen Menschen ermöglicht, mobil zu sein, wird immer häufiger zum mobilen Ort des Arbeitens und Wohnens, wie der Lifestyle-Trend zum VanLife verdeutlicht: Man lebt und arbeitet im hippen, selbst umgebauten Mini-Van – nicht aus der Not heraus, sondern weil es Spaß macht. Genau diese Lebenskonzepte verdeutlichen, dass Wohnen und Arbeiten, privat und beruflich immer mehr verschmelzen. Wir arbeiten, wo wir wohnen; wir wohnen, wo wir arbeiten – sprich: wir leben!

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Wohnen

Dossier: Wohnen

Weltweit steht die Bauwirtschaft vor Jahrzehnten spannender Aufgaben. Wir benötigen neue Mobilitäts-Infrastrukturen und Energie-Landschaften, Lösungen für partikulareres und gemeinschaftliches Wohnen - viel Raum für Planer und Verwirklicher.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Oona Horx-Strathern

Ihr Spezialgebiet ist die Zukunft des Wohnens. Als erfahrene Trendberaterin für große Unternehmen liefert Oona Horx-Strathern wertvolle Inspirationen – ebenso charmant wie visionär.