Bauen und Wohnen: Diese Trendwörter sollten Sie 2023 kennen

Die Entwicklungen und Trends aus der Wohn-, Bau-, Architektur- und Design-Branche kompakt zusammengefasst in treffende Wortkreationen. – Ein Auszug aus dem Home Report 2023 von Oona Horx-Strathern.

Bild: Priscilla Du Preez/Unsplash

Neue Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen werden mit kreativen Trendwörtern – auf Deutsch, Englisch oder in einer neuen Art der Zusammensetzung – greifbar gemacht. Als Indikatoren für sich wandelnde Bedürfnisse regen die Begriffe den Austausch an und helfen uns dabei, uns in einer sich ständig wandelnden Welt zurechtzufinden. Spielerisch und mit Humor werden neue Entwicklungen so in Worte gefasst.

Backyard Revolution

Viele Einfamilienhäuser sind nicht darauf ausgelegt, dass eine oder sogar mehrere Personen gleichzeitig im Homeoffice arbeiten können. Die Lösung: Gartenhäuschen der neuen Art! Das kann eine Fertigeinheit sein, eine kleine Hütte, ein Wohnwagen, ein Nebengebäude oder ein umgebauter Schuppen. Damit wird günstig zusätzlicher Raum geschaffen, im besten Fall, ohne eine Baugenehmigung zu benötigen. Waren diese zusätzlichen Räume Lebensretter während der Pandemie, so werden die Neo-Gartenhäuser inzwischen für verschiedenste Zwecke genutzt. Ob als Rückzugsort, Hinterhof-Büro oder Platz für generationsübergreifendes Wohnen, wenn Oma, Opa oder das Bumerang-Kind plötzlich (wieder) einziehen – das Gartenhäuschen hat Konjunktur und kann für Freizeit- oder Arbeitszwecke sogar untervermietet werden. Vorzugsweise modular und nachhaltig gebaut, glänzen die neuen Gartenhäuschen mit flexiblen Nutzungsoptionen.

Coastal Granny

Wenn Sie sich zu alt für den „Cottagecore“-Trend fühlen, der vor allem von Teenagern und jungen Erwachsen in Form eines idealisierten dörflichen Chics ausgelebt wird, dann werden Sie sich sicher über die „Coastal Granny“-Ästhetik freuen: einfaches, entspanntes und doch makelloses Design mit vielen neutralen Farben, Leinen und maritimen Accessoires. Denken Sie an Diane Keaton oder Meryl Streep, die in ihrem Garten ein paar reife Tomaten pflückt, um damit in der lichtdurchfluteten, taubenblauen Küche mit Rattanmöbeln und Tellern aus der lokalen Töpferei ein leichtes Mittagessen vorzubereiten. Ja, es klingt wie ein Traum – aber wie bei allen Trends steckt auch hier ein Fünkchen Wahrheit, was unter anderem an der Beliebtheit des TikTok-Hashtags #coastalgrandmother erkennbar ist.

Demenzgerechtes Wohnen

Angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft steigt auch der Bedarf an demenzgerechten Wohnungen, wie die britische Regierung in einem Bericht beschreibt. Mit architektonischen Maßnahmen und praktischem Design, natürlichem Lichteinfall, das Depressionen entgegenwirken kann, und biophilen Elementen wie Pflanzen ist es demenzerkrankten Menschen möglich, länger eigenständig zu wohnen. Darüber hinaus können strategisch wichtige Orientierungspunkte sinnvoll eingesetzt werden, um die Navigation und Orientierung bei nachlassender Kognition zu erleichtern. Auffällige Gemälde oder ein bunter Blumentopf im Innenraum oder Bäume und Bänke im Außenbereich sind intuitive Wegweiser. Übliche Symbole, wie das grüne Ausgangsschild in öffentlichen Räumen, können für Menschen mit Demenz dagegen eher verwirrend sein.

Dramatic Irony

Der schöne Ausdruck „Dramatic Irony“ stammt aus einem Newsletter von Tablet Hotels und beschreibt das eklektische und unkonventionelle Design, das sich zunehmend und vor allem in englischen Hotels und Gasthäusern findet. Die Einrichtung ist eine Mischung aus alten und neuen Möbeln, spektakulären Statement-Tapeten mit großflächigen Mustern und ausgefallenen, unkonventionellen und künstlerischen Accessoires – voller Humor und mit unvergesslichem Stil. Dramatic Irony steht für ein einzigartiges Erlebnis und bündelt viele Einrichtungstrends, die zu beobachten sind.

Fashion Hospitality

Letztes Jahr gab es den Netflix- und Vogue-Effekt – nun erleben wir die Fashion Hospitality: Bulgari besitzt weltweit mehrere Hotels, Gucci betreibt Osterias in Seoul, Florenz, Beverly Hills und Tokio, und auch Breitling hat ein Restaurant in der südkoreanischen Hauptstadt eröffnet. Offensichtlich spricht die Verbindung von Luxusmode und Essen Kunden an. Es ist eine interessante Herausforderung für Architektinnen und Designer, eine Marke im Gourmet-Erlebnis widerzuspiegeln – etwas, das in Zukunft auch auf Möbel- und Designmarken übergreifen könnte. Die Möglichkeiten sind endlos: von einer Boffi Coffee Bar über ein SieMatic Sushi Restaurant bis hin zu einer Vitra Vinothek.

Die wichtigsten Wohntrends für Bauen Architektur Design

Die wichtigsten Wohntrends 2023

Die aktuellen Wohntrends zeigen uns, welche langfristigen Entwicklungen die Zukunft des Bauens, der Architektur und des Design beeinflussen werden.

Feng Shui 2.0

Was ist eigentlich aus Feng Shui geworden? Trends kommen und gehen, aber sie entwickeln sich auch weiter, werden umgestaltet, neu gebrandet oder umbenannt. Eine interessante Weiterentwicklung von Feng Shui ist der Japandi-Stil (Scandi trifft Japan), wo Minimalismus auf warmes, strukturiertes Holz trifft. Eine Entwicklung, die Feng Shui mit westlicher Architektur verbindet, kommt von Innenarchitektin und Feng Shui Meisterin Kathrin Schmack, die eine subtile Balance zwischen Ruhe und Bewegung, Licht und Schatten, Körper und Leere anstrebt. Schmack ist überzeugt davon, dass jeder Ort seine Eigenart hat, aus der das Potenzial für Wachstum entsteht. In ihren Workshops möchte sie Architektinnen und Dekorateuren helfen, die Kluft zwischen östlicher und westlicher Designphilosophie zu überbrücken.

Floordrobe

Während Haute Tapete neue Designs an unsere Wände bringt, steht auch ein umfassendes Umstyling unter unseren Füßen an. Immer mehr Menschen investieren in einen Statement-Teppich – oder wie ich es nenne: „Floordrobe” (Garderobe für den Boden). Das sind längst nicht mehr nur Perserteppiche, sondern Designerteppiche wie von The Rug Company oder Teppiche mit Nachhaltigkeitsfaktor von vegan bis zu recyceltem Ozeanplastik. Teppiche sind ein auffälliges Designelement, können flexibel eingesetzt werden und sind beim Umzug leicht zu transportieren. Die Sorgfalt, Liebe und Investitionen, die heute in die Floordrobe gesteckt werden, sind so groß, dass man sie fast als carPETS bezeichnen könnte.

Greenterior

Das Interesse daran, mehr Natur in die Inneneinrichtung zu bringen, wächst so rasant, dass es dafür nun einen eigenen Begriff gibt: Greenterior. Insbesondere bei der Bürogestaltung sind Greenterior-Designer künftig sehr gefragt. Die Designerin Miriam Köpf ist überzeugt von den Vorzügen, umgeben von Pflanzen zu arbeiten: „Oft geht der Wunsch von den Mitarbeitenden aus. Wie auch im privaten Bereich spielen Zimmerpflanzen in Büros eine zunehmend wichtige Rolle. Hinzu kommen Studien, die besagen, dass sie die Konzentration steigern. Sie schaffen ein gesundes Raumklima und dämpfen den Schall“. Es wird also höchste Zeit, sich von dem verstaubten und halb toten Ficus in der Ecke zu verabschieden und die Einrichtung grüner zu gestalten!


Haute Tapete

Der Markt für Tapeten durchlief einige Auf und Abs, seit kurzem erleben sie wieder einen Aufschwung – in der Pandemie haben sich Onlinesuchanfragen zu Tapeten um 50 Prozent erhöht. Kein Wunder: Die immergleichen vier Wände werden irgendwann langweilig. Dank günstigerer Produktionsmethoden und der Demokratisierung von Designs ist eine Tapete heutzutage kein Luxus mehr, auch wenn sie so aussieht: Feature Walls schmücken mit großen auffälligen Mustern verschiedenste Räume – oftmals inspiriert von den Looks auf Haute-Couture-Laufstegen. Dank dieser Haute Tapetes von Modehäusern wie Christian Lacroix und Versace können wir es uns jetzt leisten, einen Runway-Look zu tragen – zumindest an unseren Wänden.

Hybrid Hype

Hybrid ist der neue Hype für die Gestaltung und Vermarktung vieler Projekte, von Hotels über Einkaufszentren bis zu Bürogebäuden. So befindet sich in den oberen beiden Stockwerken des IKEA Innenstadteinrichtungshauses am Wiener Westbahnhof das Hostel JO&JOE und bietet damit eine optimale Abstimmung unterschiedlicher Dienstleistungen und Einkaufsmöglichkeiten, die den aktuellen Zeitgeist trifft. Auch das ALEJA-Einkaufszentrum in Ljubljana stellt eine hybride, einladende Mischung vor: ein Sport- und Vergnügungszentrum auf dem Dach, Einkaufsmöglichkeiten auf den Etagen und Food-Courts im Eingangsbereich. In Zukunft kommt es beim Einkaufen auf eine zeitgemäße Mischung an, um Treffpunkte zu schaffen, an denen Nahversorgung, Gastronomie, Shopping, Freizeitaktivitäten, Arbeiten und Serviceeinrichtung vereint werden.

Koffice

In Anlehnung an die populäre Wortschöpfung Hoffice habe ich das Wort, wenn auch nicht den Trend, „Koffice” erfunden. Hier verschmelzen Küche und Büro miteinander. Die Idee ist es, die Küche an unseren Arbeitsplatz zu bringen, um eingerostete soziale Kommunikationsfähigkeiten aufzulockern und neue Bindungen zwischen Mitarbeitenden und dem Unternehmen aufzubauen. Galten früher Sitzsäcke, Rutschen und Schaukeln als Statussymbol des New-Work-Büros (und es in einen Spielplatz für Erwachsene verwandelten), so suchen wir heute nach neuen, post-pandemischen Werkzeugen für Konnektivität und Co-Kreation im Büro.

Neuroästhetik

Sicherlich haben viele von Ihnen von Neuroarchitektur gehört und von der Idee, dass Gebäude uns genauso formen wie wir sie formen. Die Theorie der Neuroästhetik besagt, dass wir Gebäude umso besser entwerfen und bauen können, je besser wir die neurologische Reaktion auf unsere Umgebung verstehen. Moderne Metropolen bieten allerdings oft nichts, was den Geist zur Ruhe kommen lässt. Psychologen und Stadtplanerinnen wollen das nun ändern – mit einfachen Tricks. Neben offenen, ruhige und warme Umgebungen mit Rückzugsmöglichkeiten oder der Verwendung natürlicher Elemente wie Pflanzen oder Wasserspiele löst auch die Übertragung von Mustern aus der Natur in städtische Kontexte Wohlbefinden aus. Fraktale, also die Abfolge von gleichartigen Mustern, die sich auf verschiedenen Ebenen wiederholen, vermitteln uns ein Gefühl von organisierter Komplexität und sind in der Natur häufig anzutreffen – man denke nur an einen Romanesco-Blumenkohl oder an Dinge wie Wolken, Bäume, Pflanzen, Wellen und Berge. Sie werden deshalb vermehrt in unsere gebaute Umgebung integriert.

Oona Horx Strathern

Oona Horx Strathern

Trendforscherin Oona Horx Strathern ist Expertin für Urbanisierung, Wohnen und Bauen. Sie beleuchtet als Keynote Speaker die Entwicklung unserer Lebensräume.

Probiotische Architektur

Haben Sie schon einmal einen dieser lustigen kleinen Drinks probiert, die probiotischen Genuss und Balance für den Körper versprechen? Inzwischen gibt es auch probiotische Architektur – dank dem RIBA-ausgezeichneten Architekten Richard Beckett. Seine aktuelle Arbeit konzentriert sich auf das Mikrobiom in Innenräumen und das Potenzial für einen probiotischen Designansatz in der Architektur, bei dem nützliche Mikroben in Gebäuden und Baumaterialien kultiviert werden. Dadurch, dass wir so viel Zeit in Innenräumen verbringen, fehlt uns mikrobielle Vielfalt, was wiederum zu einer Vielzahl neuer chronischer Krankheiten führt. Eine Lösung, die Beckett vorschlägt, sind Badezimmerfliesen, die Sporen mit nützlichen Mikroben enthalten – das keramische Äquivalent zu Sauerkraut. Ein weiteres Beispiel probiotischer Architektur wurde im Alive-Pavillon von The Living auf der Architekturbiennale von Venedig 2021 ausgestellt, um zu zeigen, wie organische Materialien mit mikrobiellen Eigenschaften in der Architektur eingesetzt werden könnten, um eine gesündere Umgebung für die Menschen zu schaffen.

Responsible Desire

Responsible Desire beschäftigt sich mit bewusstem und nachhaltigem Konsum und hat seine Ursprünge in der Positive-Luxury-Bewegung. Die britische Designerin Anya Hindmarch, die mit ihrer „I’m not a Plastic Bag (2007) und „I’m a Plastic Bag”, (aus recycelten Plastikflaschen, 2021) bekannt wurde, hat nun „Return to Nature“ vorgestellt, eine Zero-Waste-Ledertasche, die kompostierbar ist und innerhalb von 45 Tagen ökologisch abgebaut wird. MIO, ein Unternehmen für nachhaltiges Möbeldesign, verschreibt sich dem Leitprinzip von „Responsible Desire“: Kunden sollen nachhaltige Produkte aus echtem Verlangen und nicht aus Angst, Schuldgefühl oder Altruismus kaufen. Diese verantwortungsvolle Nachfrage wird letztendlich den kulturellen Wandel vorantreiben, der notwendig ist, um unseren Planeten wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Vertical Villas

Das städtische Leben in der Vertikalen hat für viele Menschen seinen Reiz verloren – möglicherweise ist die Ära der glänzenden Wolkenkratzer bald vorüber: 2021 wurde der Bau von nur 24 Gebäuden mit 20 oder mehr Stockwerken gestartet – ein Rückgang um fast die Hälfte gegenüber 2019. Wenn es jemals eine Zeit gab, in der sich Wolkenkratzer neu erfinden mussten, dann jetzt. Wir haben den Aufstieg des Vertical Village erlebt, typischerweise als eine Art gemeinschaftliche Wohnform, die die Werte und Prinzipien des Dorfes in der Stadt bewahrt. Der Trend zur Vertical Villa klingt ähnlich, doch es geht eher um Luxus und Status als um Community und Sharing. Da in vielen Städten kein Platz für den Bau von Villen ist, scheinen die Bauträger mit dem cleveren Branding von Hochhauswohnungen als vertikale Villen einen Marketing-Sweetspot getroffen zu haben. Das Gefühl von Individualität, Exklusivität und Abgeschiedenheit, das typisch für eine Villa ist, wird in den Vertical Villas mithilfe großzügiger umlaufender Terrassen, die unterschiedliche Ausblicke und Ausrichtungen sowie Lounge-Bereiche bieten, umgesetzt.

Water Urbanism

Während einige Städte wie Amsterdam bei Projekten wie „Schoonschip” mit schwimmenden Häusern planen, um auf den potenziellen Anstieg des Meeresspiegels zu reagieren, öffnen sich andere Städte wie Paris für alte Wasserwege. Vor Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten, in Zeiten des aufblühenden Wachstums, haben viele Städte vorhandene Wasserwege zugedeckt oder zugeschüttet. Heute, da wir die Vorteile des Lebens am oder auf dem Wasser entdecken, gewinnt Water Urbanism an Bedeutung – von der Regenwasserbewirtschaftung über die ikonische Umwandlung einer Autobahn in einen Kanal in Seoul bis hin zur Eröffnung von „Stränden” an den Flussufern in Wien und Paris. Der knapp vier Meter breite Fluss Bièvre in Paris, der 1912 wegen industrieller Verschmutzung versiegelt wurde, soll jetzt – was für eine Wendung des Schicksals – im Kampf gegen den Klimawandel wieder geöffnet werden.

Woketel

Das Woketel, eine kreative Wortschöpfung aus „woke” und Hotel, ist kein Hotel, in dem man nicht schlafen kann (woke im Sinne von wach), sondern ein politisch, ökologisch und sozial korrektes Hotel. Das room2 im trendigen Chiswick im Westen Londons ist laut eigenen Angaben das erste kohlenstoffneutrale Hotel weltweit. Die Wokeness des Hotels beginnt schon bei der Anreise: Es gibt keinen Parkplatz vor Ort, so werden die Gäste ermutigt, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Die 86 Zimmer sind mit getrockneten Blumen dekoriert, die Teppiche bestehen aus alten Fischernetzen, die Decken aus 80 Prozent recyceltem Garn. Die Duschen verbrauchen 40 Prozent weniger Wasser als durchschnittliche Duschen, sorgen aber mit Luftdruck für einen starken Wasserfluss. Alle Möbel stammen aus einem Umkreis von zehn Meilen, um den CO2-Ausstoß zu verringern und sind aus natürlichen, recycelten oder wiederverwerteten Materialien hergestellt. Jedes verbrauchte Watt kommt aus erneuerbaren Energiequellen und auf dem Dach befinden sich Solarpaneele – daneben drei Bienenstöcke, aus denen der hoteleigene Honig gewonnen wird. Also Bambuszahnbürste einpacken und los geht’s!


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Oona Horx Strathern und unsere weiteren Experts geben in ihren Vorträgen und Keynotes Ausblicke und Impulse zu den wichtigsten Zukunftsthemen für Wirtschaft und Gesellschaft. Kommen Sie gerne auf uns zu, unser Team berät Sie und findet gemeinsam die richtigen Speaker für Ihre Anforderungen.