Bauen und Wohnen: Diese Trendwörter sollten Sie 2022 kennen

Neue Wörter und Begriffe sind oft Indikatoren für die Entwicklung neuer Bedürfnisse. Um uns in einer sich ständig wandelnden Welt zurechtzufinden, brauchen wir Flexibilität und Kreativität in unserer Sprache. So können wir neue Ideen kommunizieren und Veränderungen in Worte fassen – und im besten Fall betrachten wir die Dinge mit Humor. – Ein Auszug aus dem Home Report 2022 von Oona Horx-Strathern.

Illustrationen: Julian Horx

Adaptive Reuse

Von der Umwandlung von Büros in Wohnungen, Hotels oder sogar Mikroschulen und Obdachlosenheime: Adaptive Reuse, die flexible Umnutzung von Räumen und Gebäuden, wird uns in Zukunft noch häufiger begegnen, da sich unsere Arbeits- und Lebensgewohnheiten verändern. Mehr Homeoffice macht weniger Bürofläche erforderlich, weniger Geschäftsreisen und reduziertes Pendeln verändern den Bedarf an Hotel- und Konferenzräumen. Ein verwandter Begriff ist Facadism, bei dem man ein neues Gebäude hinter einer alten Fassade versteckt, die man erhalten möchte.

Boomer Bathroom

Das Badezimmer ist heute ein Ort, an dem wir mehr Zeit verbringen als je zuvor. Vom Wellnesstempel bis zur Entspannungsoase: Bäder erfüllen heute ganz andere Aufgaben als früher. Das gilt insbesondere für die Boomer-Generation. Sie sind klassische Downager: Sie leben länger als jede Generation vor ihnen und versuchen dabei so jung wie möglich zu bleiben. Die Bedürfnisse dieser Generation, die in den 1950er- und 1960er-Jahren aufgewachsen ist, drehen sich um Freiheit, Individualismus und Unabhängigkeit. Außerdem leben sie in einem Wohlstand, von dem ihre Eltern und Großeltern nur träumen konnten. Das Badezimmer hat als Ort der Investition in diese Bedürfnisse eine Schlüsselrolle und muss mehr denn je so gestaltet werden, dass es sowohl den hohen Ansprüchen genügt als auch das Problem der eingeschränkten Mobilität im Alter löst, ohne dass es seinen Wohnzimmer-Charakter verliert. 

Bricolage

Der Begriff Bricolage bedeutet Bastelei, Konstruktion oder Kreation aus bereits verfügbaren Baustoffen und Gebäuden. Bricolage hat ein Revival erlebt, seit der Pritzker-Preis an die Architektin Anne Lacaton und den Architekten Jean Philippe Vassal ging, Pioniere dieser Bauweise. Sie haben sich einen Namen gemacht, indem sie große Plattenbauten sanierten. Diese umhüllten sie mit einer Art zweiten Haut, um im Inneren neue Räume mit einer Vielzahl von Funktionen zu schaffen. Die dahinterstehende Philosophie besteht darin, unsere ästhetischen Erwartungen von der perfekten Erscheinung zu lösen und auf die Sichtbarkeit der Materialien zu verlagern. Damit soll die intelligente Reaktivierung alter Gebäude erleichtert werden.

Buy Back

In Zukunft werden noch mehr Unternehmen, auch aus höheren Preiskategorien, das von IKEA eingeführte „Rückkaufprogramm“ initiieren. Dieses aktuell in 27 Ländern angebotene Programm ermöglicht es den Kunden, vollständig montierte Artikel zurückzugeben, die dann in den Geschäften als Gebrauchtware weiterverkauft werden. Es ist ein Puzzlestück im Masterplan des weltgrößten Möbelherstellers, bis 2030 zu einem vollständig kreislauforientierten und klimafreundlichen Unternehmen zu werden. Die Kundinnen lassen ihre Möbel bei der Rückgabe in drei Kategorien einteilen – neuwertig, sehr gut und gebraucht – und erhalten im Gegenzug Gutscheine, die sie bei IKEA einlösen können.

Holz Zukunftsmaterial am Bau

Warum Holz als Baustoff große Zukunft hat

Seine vielen Vorzüge machen Holz zum Inbegriff moderner Architektur und Baukunst. Das nachhaltige Material bestischt nicht nur durch Tragfähigkeit, sondern auch auf symbolischer, gesundheitlicher und emotionaler Ebene.

Club Office

Das Club-Konzept hat in Großbritannien eine lange Tradition und ist das Rückgrat vieler erfolgreicher beruflicher und privater Netzwerke. Die Club-Atmosphäre ist typischerweise gemütlich, das Design ist heimelig, aber nicht wie zu Hause – denn Differenzierung ist wichtig. Jetzt, wo es an der Zeit ist, die gesamte Bürolandschaft zu überdenken, ist das Club Office eine Idee zur Neugestaltung der Büroeinrichtung und -atmosphäre. Es ist eine Möglichkeit, wie Büros nach der Pandemie aussehen können; der Club-Charakter fördert Zusammenarbeit, Gemeinschaft und Inspiration. Das könnte auch eine Verlagerung zu mehr halböffentlichen Räumen bedeuten. Für viele Büros ist es an der Zeit, erwachsen zu werden – weg vom Spielplatz, hin zur Club-Ästhetik. 

Enkelgerechtes Bauen

Dies ist ein weiteres Konzept für nachhaltiges Bauen, das sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Ein Beispiel dafür sind die Gebäude der S+B Gruppe, die in mehreren europäischen Städten Hochhäuser baut. Neben Lehrbuchbegriffen wie hochwertig, qualitätsvoll usw., taucht in ihrer Firmenphilosophie auch Enkelgerechtigkeit als eines ihrer Ziele auf. Dieser Begriff geht über das klassische Versprechen der Nachhaltigkeit hinaus, weil er es ermöglicht, technische und gesellschaftliche Entwicklungen zu antizipieren, damit auch die nächsten Generationen in ihren Häusern und Wohnungen zufrieden leben können.


Netflix-Effekt

Vor einiger Zeit, in der Prä-Covid Ära, erzählte mir eine Innenarchitektin vom Harry-Potter-Effekt: Ihre Kundinnen oder deren Kinder wollten, dass ihre Zimmer Szenen aus den Büchern und Filmen ähneln oder dass sich wenigstens Stilelemente aus der Harry-Potter-Welt in ihren Zimmern wiederfinden. Ähnlich funktioniert der Netflix-Effekt. Er schlägt sich zum Beispiel in der Nachfrage nach Möbeln und Haushaltswaren im Stil der Netflix-Serie Bridgerton nieder. Die Netflix-Kultserie Queer Eye hat inzwischen eine Kooperation mit Walmart in den USA gestartet, die moderne Einrichtungsgegenstände zu erschwinglichen Preisen anbietet. Der britische Wohnungsbauminister ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen und hat sich für Planungsgesetze ausgesprochen, die den Abriss alter Nachkriegsvororte und deren Wiederaufbau mit einer raumwirksamen georgianischen Reihenhausarchitektur ermöglichen würden – genau wie in Bridgerton.

One-Minute-City

In Anspielung auf den Erfolg des Konzepts der 15-Minuten-Stadt arbeitet Schweden an der One-Minute-City. Die Idee, die derzeit in Stockholm, Göteborg und Helsingborg getestet und ausgewertet wird, ist die Förderung hyperlokaler Kultur und Mobilität durch einen cleveren und kostengünstigen modularen Baukasten. Der Bausatz besteht aus einer erweiterbaren, modularen Holzplattform mit verschiedenen Teilen, die übereinander gelegt werden können. Sie kann je nach lokalen Bedürfnissen und Wünschen in Größe und Nutzung angepasst werden: vom Spielplatz oder Outdoor-Fitnessstudio über einen städtischen Garten, Lagerraum oder sozialen Treffpunkt im Freien bis hin zu elektrischen Ladestationen. Die Idee dahinter ist, Verbindungen und Orte für Begegnungen zu schaffen, die über Familie, Freunde und Arbeitskolleginnen und -kollegen hinausgehen.

She Shed

Über „Männer-Höhlen“ und den Aufstieg des Schuppens, Kellers oder der Garage als Rückzugsort (vornehmlich für Männer) wurde schon viel geschrieben. Jetzt gibt es als weibliche Antwort den Aufstieg des „She Shed“ oder sogar der „She Cave“. Es handelt sich dabei um eine postmoderne Variante von Virginia Woolfs „Room of my own“, die im Zeitalter des Hoffice an Bedeutung gewinnt. Als „Arbeitsplatz“, kreative Zuflucht, Rückzugsraum oder einfach nur als Ort, an dem man dem Strudel des Alltags entfliehen kann, können diese Räume Teil des Hauses sein, häufiger aber haben sie die Form eines umfunktionierten Nebengebäudes oder eines speziell gebauten Schuppens im Garten oder sonstwo.

Soziales Biom

Das komplexe Ökosystem, das den Körper bewohnt und essenziell für sein Funktionieren ist – nämlich das Mikrobiom der Haut und des Darms –, ist inzwischen bekannt. Jetzt ist es an der Zeit, einem weiteren wichtigen Biom Aufmerksamkeit zu schenken: dem sozialen Biom. Laut Kommunikationswissenschaftler Jeffrey Hall ist dies das individuelle Ökosystem von Beziehungen und Interaktionen, das unsere emotionale, psychologische und physische Gesundheit entscheidend prägt. Halls Begriff umfasst alle Interaktionen einer Person in ihrem Alltag: mit wem sie spricht, über was und über welches Medium die Kommunikation stattfindet, also zum Beispiel Face to Face, über Telefon oder im Chat. Das Konzept hat seine Wurzeln in der Vorstellung, dass soziale Interaktionen, ähnlich wie Essen, „Kalorien“ haben, durch die man sich sozial genährt fühlen kann. Und genau wie beim Essen ist nicht nur die Menge, sondern auch die Vielfalt und die Qualität für die Gesundheit wichtig. Das Verständnis und die Berücksichtigung der verschiedenen Ebenen des sozialen Bioms werden für die Schaffung lebenswerter Architektur und Stadtplanung von entscheidender Bedeutung sein.

Nachhaltiges Bauen in der Circular Economy

Nachhaltiges Bauen in der Circular Economy

Cradle-to-Cradle-Ansätze am Bau und wie Kreislaufwirtschaft in diesem Sektor etabliert werden könnte.

Sponge City

Wie das Wort schon nahelegt, ist eine Sponge City oder Schwammstadt eine Stadt, die so konzipiert ist, dass sie Regenfälle passiv absorbiert, reinigt und auf umweltfreundliche Weise nutzt, um gefährliches und verschmutztes Abwasser zu reduzieren. Diese Systeme werden im öffentlichen Raum zunehmend genutzt, da sie ohne wartungsintensive technische Anlagen funktionieren. Das Schwammprinzip am Johann-Nepomuk-Vogl-Platz in Wien zum Beispiel nimmt Regenwasser von den Dächern der Marktstände, dem Boden und dem Kinderspielplatz auf und leitet es über spezielle Pflanzgruben an Bäume weiter, die es aufnehmen. Auch in durchlässigen Straßen und auf Dachgärten findet das Prinzip der Sponge City Anwendung. Eine ähnliche Idee stammt von einem niederländischen Unternehmen, das natürliche Sedimente aus Flüssen zur Herstellung von wasserdurchlässigem Pflaster verwendet. Wasserdurchlässige Straßen, Plätze und Gehwege machen Städte sicherer – was angesichts drohender Überschwemmungen durch den Klimawandel immer relevanter wird.

Urburbs

Dieser Begriff bezeichnet Vorstädte mit städtischem Flair. Sie erleben einen Aufschwung, seit immer mehr Menschen aus den Innenstädten wegziehen wollen. Die Bewohner von Urburbs sehen sich selbst eher als Städterinnen denn als Vorstädter. Sie mögen den vielen Platz in der Vorstadt und die Parkplätze, wollen aber dennoch Vielfalt, Hipster-Cafés und Kultur. Man möchte dort leben, wo das Gras grün ist und Geländewagen sich die Straße mit Hybriden teilen, man sich aber auch zu Fuß einen Latte macchiato holen kann. Manchmal sind diese Wohnräume auch Teil der Technoburbs, bei denen Büros in die Vorstädte ziehen, ihre Gebäude aber so gestaltet sind, dass sie in die Vorstadtatmosphäre passen.

Zero Kilometer Materials

Dabei handelt es sich um das progressive Konzept, nur mit Materialien zu bauen, die aus der unmittelbaren Nähe des Ortes stammen, an dem gebaut wird, welche nicht industriell verarbeitet werden müssen und auch wieder in die Umgebung zurückgeführt werden können, in der sie gewonnen wurden. Außerdem sollen die lokale Kultur und lokale Arbeitskräfte eingebunden werden. Diese Bewegung wurde von der Slow-Food-Bewegung inspiriert, die die Verwendung lokaler Zutaten fördert. Ein Beispiel für die Verwendung lokaler Materialien beim Bau ist das Casa Ter in Spanien, bei dem die Wände aus Steinen und Beton aus einem lokalen Fluss sowie aus in der Nähe hergestellter Keramik bestehen.


Mit Oona Horx-Strathern in die Zukunft

Mehr zu Wohntrends sowie detaillierte Ausführungen, Analysen und Prognosen zu den relevanten Entwicklungen für die Wohn- und Baubranche lesen Sie im Home Report von Oona-Horx-Strathern. Sie können die Wohnexpertin darüber hinaus auch für Keynotes, Workshops etc. buchen oder im Rahmen eines Beratungsprojektes mit ihr zusammenarbeiten.

Oona Horx-Strathern

Oona Horx-Strathern

Oona Horx-Strathern ist Expertin für Architektur, Stadtentwicklung, soziodemographischen Wandel sowie für das Verhältnis zwischen Emotionen und Technologie.