Trendwörterbuch Bauen und Wohnen

Neue Wörter und Begriffe sind oft Indikatoren für die Entwicklung neuer Bedürfnisse. Um uns in einer sich ständig wandelnden Welt zurechtzufinden, brauchen wir Flexibilität und Kreativität in unserer Sprache. So können wir neue Ideen kommunizieren und Veränderungen in Worte fassen – und im besten Fall betrachten wir die Dinge mit Humor. – Ein Auszug aus dem Home Report 2021.

Von Oona Horx-Strathern

Illustrationen: Julian Horx

Anti Trophy Kitchen
Multifunktionale Küchen verlieren mehr und mehr an Bedeutung. Hingegen zeichnet sich eine Entwicklung zur „Anti Trophy Kitchen“ ab, die sich deutlich von den heutigen Status-Küchen unterscheidet. Eine derartige Küche befindet sich nun wieder eher hinter den Kulissen, ohne dabei jedoch ein staubiges Hinterzimmer-Image vergangener Zeiten zu bemühen. So wird in naher Zukunft die Küche wieder für ihre ursprüngliche Funktion – nämlich als Ort der Nahrungszubereitung – geschätzt.

Blind Date Living
Im September 2019 nahmen 70 Personen an einem „Blind- Date-Home-Experiment“ teil: Die Teilnehmenden konnten unterschiedliche Wohnformen (von Einzimmerwohnungen bis WGs) und Gegenden innerhalb ihrer Stadt für ein paar Tage ausprobieren. Die Idee dahinter: Wissen, Toleranz und Interesse zu fördern und dabei mit typischen Erwartungsmustern zu brechen. Organisiert wurde das Experiment vom Architektur Zentrum in Wien.

Cell Workout
Früher wurde diese spezielle Variante des Body-Workouts ausschließlich von Gefängnisinsassen praktiziert. Denn sie mussten sehr erfinderisch sein, wenn sie sich auf kleinstem Raum fit halten wollten. Heute hat sich diese Trainingsmethode aufgrund ihrer enormen Effizienz auch in unser Alltagsleben erfolgreich integriert. Hat man nur wenig Platz in seiner Wohnung oder befindet sich geschäftlich auf Reisen und muss Zeit in Hotelzimmern absitzen, ist das „Cell Workout“ genau das Richtige. Auch für den unangenehmen Fall, in einem Aufzug stecken zu bleiben oder sich in einer Warteschlange die Beine in den Bauch zu stehen, hat man somit einen optimalen Zeitvertreib gefunden.

Co-Isolation
Dieser Begriff wird uns noch sehr lange begleiten und beschreibt den kollektiven Rückzug ins Private. Während dieses soziale Einigeln zwar zum eigenen Vorteil genutzt werden kann, um sich beispielsweise von unliebsamen Menschen zu distanzieren, kann diese selbst gewählte Isolation auch zu mehr Einsamkeit führen.

Genkan
Das japanische Wort Genkan steht für den traditionellen Eingangsbereich, in dem die Straßenschuhe vor dem Betreten des Wohnbereichs abgelegt werden müssen. Dieser Zwischenraum dient dem Erhalt einer gewissen Raumhygiene und grenzt sich typischerweise auch optisch vom Rest des Hauses ab. Dieser Raum schafft eine elegante Verbindung von Außen und Innen und kann im Grunde als eine „Dekontaminationskammer“, die sich als Lobby tarnt, begriffen werden.


Hipster-Hegemonie

Mit diesem Begriff wird die Dominanz der Hipster-Kultur beschrieben. Diese postmoderne Bewegung tritt als dominante soziokulturelle und wirtschaftliche Gruppierung in Erscheinung, die sich meist in urbanen Gegenden (insbesondere Metropolen wie Berlin oder London) ansiedelt und dabei ältere und weniger „hippe“ Bewohner und Businesses verdrängt, indem sie die Mietpreise in die Höhe treibt.

Immunity Boosting Homes
Es ist sehr gut möglich, dass unser Zuhause künftig besser auf den Umgang mit Infektionsgefahren wie dem Corona-Virus ausgelegt sein wird. „Die Gestaltung der Wohnung der Zukunft wird sich stark an Infektionen ausrichten“, sagt die britische Innenarchitektin, Autorin und TV-Moderatorin Michelle Ogundehin. Die Luft in Innenräumen kann aufgrund der darin angestauten Schadstoffe bis zu zehnmal stärker kontaminiert sein als die Außenluft. In einem Zuhause, das unsere Immunität stärkt, wird die Luft stattdessen gefiltert und gereinigt werden.

Mobitecture
Mit diesem Begriff werden mobile Wohnbauten bezeichnet. Meist handelt es sich um Tiny Houses mit weniger als 40 Quadratmetern, die auf die minimalistischen Bedürfnisse moderner Nomaden zugeschnitten sind. Sie sind entweder mit Rädern ausgestattet oder können auf einem Lastwagen transportiert werden. „Mobitecture“ ist im Idealfall auf Selbstversorgung ausgelegt und verbindet dabei den Wunsch nach Abenteuer mit ökologischer Nachhaltigkeit. Ein Beispiel für „Mobitecture“ sind die Wohnwagons des gleichnamigen österreichischen Start-ups: kleine Häuser auf Rädern aus Naturmaterialien, die ein autarkes Wohnen im Grünen ermöglichen.

Plant Parenting
Das Geschäft mit Pflanzen und dem nötigen Zubehör boomt aktuell enorm, sodass sich bereits neue Kulturpraktiken wie etwa das sogenannte „Plant Parenting“ etablieren konnten. Dieser Trend wird vor allem von den jüngeren Generationen gelebt, die sich Pflanzen als eine Art Kinderersatz anschaffen. Während Haustiere ein hohes Maß an Verantwortung bedeuten können, zahlreiche Tierarztbesuche mit sich bringen und auch sonst einfach viel Aufmerksamkeit benötigen, werben Unternehmen wie The Sill für Pflanzen als vergleichsweise pflegeleichte Alternative auf dem Weg in ein glücklicheres Leben. Pflanzen werden zunehmend als Teil einer ganzheitlichen Ökotherapie empfohlen. Inzwischen geben Ärztinnen Patienten, die unter Angstzuständen und Depressionen leiden, Pflanzen zur Pflege. Eine Arztpraxis in Manchester hat zudem einen Gemeinschaftsgarten eingerichtet: Somit wird für die Patienten ein Ort geschaffen, an dem soziale Verbindungen hergestellt werden können. Gynelle Leon betreibt in London den Laden Prick, der sich auf Sukkulenten spezialisiert hat. Mit den Cactus & Chill-Abenden erreicht sie eine Fan-Community von Kakteen und Co. Viele kämen nicht nur wegen der Pflanzen, sondern vor allem wegen dieses ganz besonderen Family Feelings.

Plant Hotel
Genauso wie man seinen Hund oder seine Katze während des Urlaubs einer Tiersitterin übergibt oder in einer Tierpension unterbringt, gibt es Hotels, die dieselbe Funktion erfüllen – nur eben für Pflanzen. Während man andernorts die Ferien genießt, kann man sich gewiss sein, dass das Lieblingsgrün in guten Händen ist. Checkt man beispielsweise im Patch Plant Hotel ein, geschieht dies fast wie bei einer gewöhnlichen Buchung: Man gibt die Anzahl der gewünschten Übernachtungen und die Anzahl der Innen- und Außenpflanzen an – fertig ist der Check-in. Das Unternehmen bietet seinen grünen Gästen erstklassigen Dünger, optimale Bewässerung und die perfekte Sonneneinstrahlung.

Re-gnose
Dieses Konzept entwickelte sich im Zuge der Corona-Krise und avancierte zu einem einflussreichen Gedankenmodell. Es geht darum, einen realistischen Blick auf die Zukunft zu entwickeln, indem man einen Standpunkt in der Zukunft einnimmt, um von diesem aus die Gegenwart zu betrachten. Indem man sich fragt, wie man an diesen künftigen Punkt gelangt ist, kann man kreative Strategien entwickeln. Es handelt sich um gelebten „Possibilismus“, eine Kunst des nicht-panischen Denkens, frei von reinem Optimismus oder purem Pessimismus. Diese Methode lässt sich natürlich auch abseits von Krisenerfahrungen praktizieren.

Re-Hygge
Mit dem Begriff Re-Hygge wird die Wiederentdeckung und Aufwertung des Heimischen beschrieben. Es geht darum, die Freude an seinen – möglicherweise bereits verstaubten und als langweilig empfundenen – Einrichtungsgegenständen wiederzuentdecken und diesen Dingen dadurch eine neue Wertschätzung entgegenzubringen. Dabei geht es auch darum, zu verstehen, was Marie Kondo mit der Magie des Aufräumens meint. Denn darin steckt die tiefe Erkenntnis, dass man nicht nur sein Zuhause in Ordnung bringt und revitalisiert, sondern sein ganzes Leben.

Renters Renovation
Wenn man zur Miete wohnt, ist es nicht immer leicht, die Wohnung so zu gestalten, wie man sie gerne hätte. Denn im Falle eines Umzugs könnte man sonst von hohen Kosten überrascht werden. Mittlerweile verbringen die Menschen allerdings mehr Zeit in ihren vier Wänden. Aus diesem Grund entstehen neue, immer kreativere Ideen, wie sich das Zuhause in eine Wohlfühloase verwandeln lässt, ohne dabei merkliche Spuren für die Nachmieter zu hinterlassen. Dieser Trend nennt sich „Renters Renovation“ und zeigt sich unter anderem im Anbringen von sogenannten „Akzentwänden“, die mit einer Fototapete, individuell mit bunten Farben oder selbst entworfenen Mustern in Szene gesetzt werden. Eine Wandgestaltung aus Materialien wie Holz oder Marmor sorgt ebenfalls für besondere Akzente.

Self Curating
Heute ist inzwischen alles eine Frage guter Kuratierung. Ungesteuerter und ungefilterter Medienkonsum führt zu Dauererregung und Überforderung. Aber nicht nur unsere Streams können – und müssen – wir heute kuratieren. Auch unsere Skills, Ideen, Verhaltensmuster, Hobbys gilt es zu überprüfen, regelmäßig neu zu bewerten und zu gruppieren. Besonders für jene, die während des Lockdowns isoliert waren, wurde Selbst-Kuratierung überlebenswichtig.

Sex Den
Manchen Stimmen der Immobilienbranche – vor allem aber der Boulevardpresse – ist zu entnehmen, dass der heiße Trend für 2020/21 eine sogenannte „Sex Den“ ist. Paare verlagern das Liebesspiel zunehmend aus dem Schlafzimmer, um es aufregender zu gestalten. Diese Entwicklung begünstigt das Interesse an einem speziell dafür vorgesehenen Raum. Das kann ein renovierter Gartenschuppen oder auch ein Zimmer mit der Atmosphäre eines Nobelhotels sein.

Tinder für Bürgerbeteiligung
Viele Bürgermeister wünschen sich eine stärkere Partizipation ihrer Bürger, und viele Bürgerinnen wiederum wünschen sich eine parteilose Stimme zu diversen Themen, die von Familien- bis zu Finanzierungsfragen reichen. Digitale Demokratie ist ein wiederkehrendes Trendwort und wurde bereits von mehreren Unternehmen aufgegriffen, beispielsweise von einem Münchner Start-up, das eine App mit dem Namen „Democy“ ins Leben gerufen hat. Sie wurde als „Tinder für Bürgerbeteiligung“ angepriesen. Ihre Benutzerfreundlichkeit besteht darin, dass man schnell, einfach und direkt per Klick abstimmen kann. Somit soll die politische Beteiligung für die digitale Generation anschlussfähig und sexy gemacht werden.

Tiny Parks
Es handelt sich um die wohl kleinsten Parks, die man sich vorstellen kann. Sie sind rein formell nicht einmal als Park registriert. Oft werden dabei alte Kassenhäuschen an öffentlichen Orten, beispielsweise an U-Bahnhöfen, mit Pflanzen verziert, die einerseits ein ästhetischer Hingucker sind und andererseits einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der (Stadt-)Luft leisten. Das Unternehmen Edible Bus Stop hat bereits viele solcher Mini-Parks designt, die man als legales Pendant zum sogenannten Guerilla Gardening betrachten könnte. In der US-amerikanischen Stadt Salem im Bundesstaat Oregon kann man übrigens einen der kleinsten Parks der Welt – den Waldo Park – bestaunen, der auf einer Fläche von 3,7 x 6,1 Meter gerade mal einen einzigen Baum beherbergt. Eine weitere Skurrilität ist der Mill Ends Park in Portland, ein kleiner Kreis mit einem Durchmesser von 61 Zentimetern, der als „Kolonie für Kobolde und als Ort für Schneckenrennen“ errichtet wurde. Er wurde 1948 von einem Lokaljournalisten namens Dick Fagan gegründet und ist tatsächlich auch als Park registriert.

Trunk Living
Nach dem Erfolgsmodell der WANDERBOX hat die gleichnamige Firma eine noch kleinere Version entwickelt, die man problemlos in den Kofferraum eines VW Passat Kombis packen kann. Die WANDERBOX touring beinhaltet ein Bett, einen Tisch, zwei Bänke, ein Regal und zusätzlich ein Drittel Kubikmeter Stauraum. Es ist das ideale Reisegadget für moderne Nomaden und erfüllt im wahrsten Sinne des Wortes das Versprechen: „Geh, wohin Du willst – Dein Zuhause ist dabei“.

Touchless Tech
Technologien, die ohne Berührung funktionieren, sind auf dem Vormarsch: Kontaktloses Bezahlen, automatisierte Türen, mit dem Fuß bedienbare Waschbecken, sprachgesteuerte Interfaces – die Möglichkeiten von „Touchless Tech“ sind vielseitig. Allerdings verstärkt dieser Trend gleichzeitig die Sehnsucht nach taktilen Wohnumgebungen, die spürbar und anfassbar sind.

Ultra-Mini Living
Auf das Tiny, Micro und Mini Living folgt nun konsequenterweise der Trend zum Ultra-Mini Living. Das japanische Unternehmen Spilytus zeigt, dass es möglich ist, auf etwa neun Quadratmetern zu wohnen. Auch wenn die Wohnungen mit Namen Ququri (griechisch für Kokon) sehr klein sind, überzeugen sie umso mehr durch ihre geringen Kosten und ihre ansprechende Optik. Sie sind quasi maßgeschneidert für eine neue, postmaterialistischeGeneration, die ihr Budget lieber in Reisen oder anderweitige Erfahrungen investieren möchte.

Ultra-Mini Shops
Wer kennt das nicht: An einem Sonntagabend hungrig und durstig auf der Suche nach einem Snack oder nach Getränken, doch zur Auswahl stehen nur die ungesunden Produkte aus den Automaten. Wohnt man jedoch in Zürich, dann kann man den sogenannten „Alpomat“ nutzen und sich gesunde, regionale Alternativen holen, die direkt von lokalen Bauernhöfen stammen. Dieser besondere Selbstbedienungsautomat hat sich mittlerweile den Titel „kleinster Hofladen der Stadt“ erworben. Als Kundin unterstützt man durch die Käufe regionale Kleinbauern und erhält nebenbei eine bunte Auswahl an Käse, Wurst, Milchprodukten, Trockenfrüchten und Getränken wie z. B. Apfelsaft direkt vom Bauernhof. Zwar nicht ganz so gesund, aber mindestens genauso komfortabel sind die Verkaufsautomaten der russischen Supermarktkette Vkusvill. Sie wurden während des Lockdowns in einigen Eingangsbereichen von Wohnhäusern aufgestellt und boten den Anwohnerinnen eine breite Produktpalette. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Modell auch nach Corona überzeugen kann.

Wellness Real Estate
Einige Immobiliengesellschaften verwenden diesen Begriff zur Markenbildung und als Differenzierungsmerkmal in einem hart umkämpften Markt. Das australische Unternehmen Delos rühmt sich als Pionier von Wellness Real Estate. Zur Überwachung der Luft- und Wasserqualität sowie der Beleuchtung setzt es das Darwin Home Wellness Intelligence System ein. Da wir die meiste Zeit unseres Lebens in geschlossenen Räumen verbringen, sollen das Luftfiltersystem und der Wasserreiniger zumindest dazu beitragen, etwas gesunde Umwelt nach drinnen zu bringen, so der CEO von Delos.



In ihrem aktuellen Home Report liefert Wohnexpertin Oona Horx-Strathern detaillierte Ausführungen, Analysen und Prognosen zu den relevanten Trendentwicklungen für die Wohn- und Baubranche.


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Dossier: Corona-Krise

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Das Corona-Virus erschüttert die Grundlagen unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Miteinanders – auf unbestimmte Zeit. Wir erleben ein unkontrollierbares Kollabieren unseres Alltags und der Welt, wie wir sie kannten. Nun geht es darum, mit dem neuen Ausnahmemodus zurechtzukommen – auf dem Weg zur Bewältigung der Krise. Das Zukunftsinstitut hat 4 mögliche Szenarien entwickelt und zeigt mithilfe von verschiedenen Tools, wie wir mit der Krise umgehen können.

Dossier: Wohnen

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Weltweit steht die Bauwirtschaft vor Jahrzehnten spannender Aufgaben. Wir benötigen neue Mobilitäts-Infrastrukturen und Energie-Landschaften, Lösungen für partikulareres und gemeinschaftliches Wohnen - viel Raum für Planer und Verwirklicher.

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Oona Horx-Strathern

Wohnexpertin Oona Horx-Strathern beschäftigt sich als Zukunftsforscherin, Autorin und Rednerin mit den Trends für Bauen, Wohnen und Architektur von morgen.