Blockchain-Communitys: Schöne neue Kryptowelt

Der Bitcoin ist ein moderner Mythos. Niemand weiß genau, wie er funktioniert, wer ihn erschaffen hat und wie er unsere Welt verändern wird. Dennoch toppt sein Marktkapital bereits den Wert großer Konzerne wie BMW oder VW – höchste Zeit sich mit der Welt der Kryptowährungen zu befassen. Ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2018.

Von Lena Papasabbas

Illustration: Benedikt Eisenhardt

„Wie kann man den virtuellen Währungen vertrauen?“, fragen geschockte Banker, zweifelnde Onlineshop-Besitzer und neugierige Privatpersonen, während die Kryptowelt wächst und gedeiht. Längst gibt es vielversprechende Weiterentwicklungen zum Bitcoin – neue Coins, die sich langsam aus der Nische bewegen. Sie könnten ganze Branchen revolutionieren, die Wirtschaft langsam und schleichend grundlegend verändern. Ermöglicht wird diese Entwicklung von einer Technologie, von der immer wieder gesagt wird, sie sei so revolutionär wie die Erfindung des Internets: die Blockchain.

Wer in die Welt der Kryptowährungen eintauchen will, muss zuerst den Bitcoin, die Mutter aller Kryptowährungen verstehen. Bitcoin ist zunächst einmal eine virtuelle Währung, mit der man online, aber auch in Geschäften bezahlen kann. Im Gegensatz zu konventionellen Währungen wird Bitcoin über die Blockchain dezentral verwaltet und durch ein großes Netzwerk von Usern kontrolliert, was für Transparenz und Sicherheit sorgt.

Die Zahl der Bitcoins, die durch Mining generiert werden können, ist endlich. Insgesamt wird es genau 21 Millionen Bitcoins geben. Diese Zahl ist von Anfang an festgelegt und unveränderbar. Man geht davon aus, dass sie ungefähr im Jahr 2140 erreicht wird. Im Oktober 2017 waren 16,6 Millionen Bitcoins im Umlauf. Alle Teilnehmer agieren anonym. Aber alle getätigten Transaktionen innerhalb der Währung sind für alle Teilnehmer im Netzwerk einsehbar. Dieses Verhältnis von Transparenz und Anonymität ermöglicht den Aufbau völlig neuartig organisierter Communitys, die auf ganz anderen Regeln des Vertrauens beruhen.

Wer den Bitcoin erschaffen hat, ist unklar. Satoshi Nakamoto heißt der Erfinder der Technologie. Oder die Erfinderin. Oder die Gruppe. Wer wirklich hinter dem Pseudonym steckt, mit dem die entscheidende Software veröffentlicht wurde, weiß niemand. Umso erstaunlicher ist die Erfolgsgeschichte, die der Bitcoin vorweisen kann als eine schwer verständliche Technologie unklaren Ursprungs. 2008 tauchte das folgenreiche Bitcoin-Whitepaper erstmals im Internet auf. „Das Kernproblem konventioneller Währungen ist das Ausmaß an Vertrauen, das nötig ist, damit sie funktionieren“, schreibt der mysteriöse Satoshi Nakamoto darin. Und genau das macht den Bitcoin so attraktiv: Er funktioniert, ohne dass man einer Bank vertrauen muss – oder einem Staat. Es gibt keine zentrale Instanz mehr, der man sein Vermögen blind in die Hände geben muss. Einzig der Technologie muss man vertrauen. Und das erscheint immer mehr Menschen die bessere Alternative. Transparenz und Dezentralisierung sind somit die Kernwerte des Bitcoins – niemand steht alleine an der Schnittstelle und kann willkürlich ins Geschehen eingreifen.

Vom Darknet ins Internet

Seit dem Erscheinen des Whitepapers hat der Bitcoin einen beispiellosen Siegeszug hinter sich. Das erste Mal mit Bitcoin bezahlt wurde bereits 2008. Damals wurden für zwei bestellte Pizzen 10.000 Bitcoins von einem frühen Kryptofan überwiesen. Anfang 2011 erreichte der Bitcoin erstmals den Wert eines US-Dollars. Heute ist ein einziger Bitcoin mehr als 13.000 Euro wert (Stand Dezember 2017). Hätte der Käufer damals auf die Pizza verzichtet und seine Bitcoins behalten, wäre er heute Millionär.

Mit einer ständig wachsenden Community im Rücken veränderte sich langsam, aber stetig auch das Image des Bitcoins und seiner Nachfolger. Die Tatsache, dass man mit Bitcoin Drogen im Darknet kaufen kann, bleibt natürlich bestehen, nicht umsonst hält das FBI mehr als 1 Prozent des weltweiten Bitcoin-Bestands. Doch der Bitcoin ist dem Darknet längst entwachsen. Ehemals verschrien als Währung virtueller Schwarzmärkte, ist er heute ein heißes Thema auf Business-Konferenzen, Strategie-Meetings und in den Medien. Auch immer mehr Online-Shops akzeptieren Bitcoin, wie Expedia, Overstock, Dell oder Shopify Und auch große Konzerne und Regierungen zeigen seriöses Interesse am Thema Kryptowährungen, zuletzt Microsoft und VW an IOTA.

Wie es mit den Kryptowährungen weitergeht, wird nicht zuletzt dadurch entschieden, wie die Regierungen dieser Welt mit der neuen Technologie umgehen. Die Rechtslage zu Kryptofragen hinkt derzeit noch drastisch hinterher. Die EU möchte anonymisierte Coins wie ZCash und Monero verbieten, um gegen Geldwäsche vorzugehen. Die russische Zentralbank beginnt dagegen schon, mit Ethereum zu kooperieren. Japan hat den Bitcoin bereits offiziell als Zahlungsmittel akzeptiert und ist nun dabei, eine eigene Kryptowährung zu entwickeln.

China ist der größte Player in der Kryptoszene und war von Anfang an Vorreiter. Inzwischen dürften mehr als 80 Prozent der Mining Pools für Bitcoin in China sitzen. Im Herbst 2017 entschied die chinesische Regierung plötzlich, weitere ICOs zu verbieten und für illegal zu erklären, außerdem machte sie wichtige Handelsplätze für Kryptowährungen dicht und drohte mit der Schließung weiterer Börsen. Die Spekulationen darüber, dass China an einem eigenen Coin arbeitet, laufen heiß. Das Team hinter NEO, einem sehr erfolgreichen chinesischen Coin, soll eng mit der chinesischen Regierung zusammenarbeiten.

Krypto erobert die Welt

Doch das Potenzial der Blockchain beschränkt sich nicht auf den Finanzsektor. Die Anwendungsfelder für blockchainbasierte Technologien sind zahlreich: Das britische Startup Everledger (everledger.io) bringt zum Beispiel Transparenz in den Handel mit Diamanten: Um Blutdiamanten zu vermeiden, werden Diamanten auf einer privaten Blockchain „verbrieft“. IBM hat mit dem Unternehmen Maersk eine Blockchain-Lösung entwickelt, um das Handling von Lieferketten für die Schifffahrt- und Logistikbranche zu vereinfachen.

Ujo-Music (ujomusic.com) will das Musik-Business wieder rentabler und transparenter für Künstler machen. Steemit (steemit.com) ist eine zensurresistente Social-Media- und Blogging-Plattform, basierend auf der Steem-Blockchain. Und auch für den Energiemarkt sprießen Blockchain-Lösungen und Startups aus dem Boden, denn die Blockchain bietet die technologische Grundlage für eine kleinteiligere, dezentralisierte Energieversorgung mit vielen kleinen Produzenten. Immer wenn es darum geht, Maschinen, Produkte oder digitale Objekte auf kluge Weise zu vernetzen, werden Kryptolösungen interessant.

Ein Löwenanteil der Kryptocommunity ist allerdings an den Börsen aktiv, um sein Geld zu vermehren. Das Geld wird in die verschiedensten Coins investiert, wobei der Bitcoin selbst häufig immer noch die Einstiegswährung für Kryptospekulanten ist. Die Chance, bei einem Initial Coin Offering (ICO) den eigenen Invest zu verzehnfachen oder sogar zu verhundertfachen, ist in der Kryptowelt eine reale Möglichkeit.

Illustration: Benedikt Eisenhardt

Eine neue Dimension des Miteinanders

Wir stehen noch am Anfang der Kryptoevolution. Wie groß die Kryptocommunity wirklich ist, weiß niemand genau. Doch sicher ist: Es sind mehrere Millionen. Und es werden stetig mehr. Und die zahlreichen Communitys, die sich rund um neue Projekte, Coins, Startups und Initiativen formieren, zeigen deutlich, dass diese Technologie ein relevantes Zukunftsfeld ist – mehr als nur in technologischer Hinsicht. Denn die Blockchain kann immer nur Mittel sein. Und die Prinzipien der Dezentralität, wie sie die Blockchain und ihre Folgetechnologien strukturell verankern, bieten eine neue Dimension zwischenmenschlicher Kooperation, die unserem global vernetzten Zeitalter entsprechen: Verträge, Entgeltungssysteme und vieles mehr können auf ein neues Level von Fairness, Transparenz und kluger Distribution gehoben werden.

Gleichzeitig emergiert im 21. Jahrhundert eine neue Art von Vertrauen, für das die Blockchain exemplarisch steht: distribuiertes Vertrauen, das auch auf Plattformen wie Airbnb, Uber, BlaBlaCar oder Tinder sichtbar wird. Man vertraut nicht mehr einer konkreten Person oder Institution, sondern einem Medium bzw. einer Technologie und einer Community, die sich um globale digitale Strukturen organisiert, mit einem ganz eigenen Verhältnis von Transparenz und Anonymität. So wird unser Verständnis von Vertrauen durch die Blockchain fundamental umdefiniert und erweitert. Ihre eigentliche Innovation ist deshalb keine technologische, sondern eine soziale: Wir befinden uns bereits auf dem Weg in eine neue Ära des Vertrauens.

Die Kryptowährungen der Zukunft

Die Blockchain-Technologie ist die Basis für einen evolutionären Sprung in der digitalen Welt. Doch der Bitcoin war nur der Anfang. Es gibt unzählige Weiterentwicklungen. Ständig werden neue Kryptoprojekte vorgestellt, betreten neue Coins den Markt. Hier stellen wir die vier aktuell wichtigsten Kryptowährungen neben Bitcoin (und Bitcoin Cash) vor:

Ethereum

Ethereum (ETH) ist eine dezentralisierte Plattform mit der Kryptowährung Ether, benannt nach der hypothetischen Substanz Äther, die früher als unsichtbares Medium für die Ausbreitung von Licht angenommen wurde – genauso omnipräsent will Ethereum als Medium der digitalen Welt fungieren. Ether ist die nach Bitcoin bekannteste Kryptowährung. Ethereum macht aber nicht nur das Hosting von Daten dezentral, sondern ermöglicht auch das Abwickeln von Verträgen ohne weitere Vermittler. Diese Smart Contracts sind intelligente Verträge, die ihre eigene Erfüllung überwachen und automatisieren.

IOTA

IOTA (IOT) wurde speziell für die Machine-to-Machine-Kommunikation designt und bietet eine Kryptowährung für autonome Maschinen. Die deutsche Kryptowährung IOTA ist ein dezentrales Protokoll, das sämtliche Skalierungsprobleme, die mit einer Blockchain einhergehen, lösen will, also schneller und günstiger ist und mit weniger Energieverbrauch als Bitcoin auskommt. IOTA ist als Rückgrat für das Internet der Dinge konzipiert und ausgelegt für die Kommunikation zwischen Maschinen – inklusive Mikrotransaktionen. Entsprechend hoch ist das Interesse aus der Wirtschaft.

Ripple

Ripple (XRP) ist bekannt als der „Banken-Bitcoin“ und sieht sich selbst als eine Art währungsneutrales Tauschnetzwerk. Das bedeutet, dass nicht nur sämtliche virtuelle Währungen wie der Bitcoin oder Ether über das Ripple-Netzwerk getauscht werden können, sondern auch Papiergeldwährungen wie Euro oder Dollar. Ripple basiert auf einer Datenbank mit einem öffentlich einsehbaren Register, das Kontostände und Informationen über Käufe und Verkäufe enthält. Dadurch wird das Netzwerk zu einer digitalen Tauschbörse, bei der Entscheidungen im Konsens getroffen werden. Gleichzeitig hat Ripple eine eigene, gleichnamige Kryptowährung.

Monero

Monero (XMR) ist eine dezentrale Kryptowährung, mit starkem Fokus auf Privatsphäre bzw. Anonymität und Dezentralität. Anders als viele Kryptowährungen basiert der Monero auf dem CryptoNote-Protokoll, was deutliche Unterschiede mit sich bringt bezüglich der Art und Weise, wie der Monero generiert wird: Das Mining ist relativ speicherintensiv, aber auch mit allgemein verfügbarer Hardware (Personal Computer, Grafikprozessoren etc.) möglich.

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Zukunftsreport 2018.

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Lena Papasabbas

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin und begleitet seit 2014 für das Zukunftsinstitut Projekte im Research-Bereich. Ihr Schwerpunkt ist die redaktionelle Arbeit bei Auftragsstudien.