Countdown zum neuen Space Age

50 Jahre Mondlandung: Ein halbes Jahrhundert, nachdem der erste Mensch den Mond betrat, kündigt sich heute eine neue Ära der Weltraumfahrt an. Ein neuer Space-Hype beginnt. Aber welche Bedeutung bekommt die Raumfahrt in einer multipolaren, globalisierten Welt?
Ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2019

Von Matthias Horx

Illustration: Julian Horx

In den goldenen Jahren des naiven Fortschritts, als die ersten Menschen ihren Fuß auf den Mond setzten, wies die Linie der Zukunft in eine eindeutige Richtung: nach oben! Man glaubte, die Menschheit würde sich in die Tiefen des Weltraums ausdehnen. Als Neil Armstrong am 20. Juli 1969 seinen Schuh in den grauen Staub des Trabanten setzte, sollte das nur der kleine Schritt am Anfang eines vorgezeichneten Weges voller Wunder, Entdeckungen und Eroberungen sein.

Die Wunder gab es – allerdings nur im Kino. Die Eroberung der Himmelskörper endete nach sechs Mondlandungen. Die Weltlage wurde düster: Umweltverschmutzung, Kriege, soziale Probleme. Und so ist es bis heute geblieben.

Doch nun scheint sich der Wind wieder zu drehen. Eine alte Euphorie, eine nicht gestillte Sehnsucht kehrt zurück. Plötzlich treten wieder sichtbare Astronauten-Stars auf. Der Space-Sonnyboy Alexander Gerst sendet und twittert von der ISS. Der Kanadier Chris Hadfield spielt Gitarre im Orbit und veröffentlicht Bücher mit Astronauten-Weisheiten. Frauen drängen mit Macht in den Weltraum, wie etwa Suzanna Randall von der neuen deutschen Initiative „Die Astronautin“. Die ersten Touristen starten ins All, wenn auch für irrwitzige Preise. An den Startrampen von Space X wird zum ersten Mal wieder laut gejubelt – wie in den Pionierzeiten des „Space Race“. Stehen wir also vor einem neuen Space Age?

Countdown: Warum wir ins All gehen

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Helden

Astronauten sind Helden der besonderen Art. Sie tragen superteure Anzüge mit coolen metallischen Helmen. Sie sind extrem entspannt, obwohl sie sich in extreme Todesgefahr begeben. Das macht sie enorm attraktiv. Dabei sind sie heute, im Unterschied zu früher, viel nahbarer: Die Astronauten der Mondfahrer-Ära waren militärische Kampfpiloten, die wenig mehr über die Zunge brachten als technische Codes. Mit Raumfahrern wie Alexander Gerst entwickelt sich jetzt ein neuer Astronauten-Typ: jovial, mitteilungsbedürftig, dem Publikum zugewandt.

Trotzdem gehören Astronauten nach wie vor zu einer einsamen Elite. Weniger als 600 Menschen insgesamt haben bislang die Atmosphäre verlassen. Noch gehört ein eher männlich geprägter Heroismus zum Image. Aber zunehmend mischt sich auch ein spirituelles Motiv in unsere Bewunderung: Wer die Welt von außen gesehen hat, der scheint irgendwie anders zu ticken als andere Menschen. Dieses Geheimnis könnte in der nächsten Phase der Weltraumfahrt eine wichtige Rolle spielen: Astronauten als Zukunfts-Erleuchtete!

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Forschung

Was im Weltraum erforscht wird, dient uns allen auf der Erde. Aber hätte man Teflonpfanne,  Gefriertrocknung, Enteisungssysteme, Bildstabilisierung bei Kameras, die Quarzuhr und den Handstaubsauger nicht früher oder später auch auf der Erde erfunden? Im All herrscht Nullgravitation, und so wanderten unentwegt Container mit Mikroben, Hamstern, Schnecken, Zellkulturen, Kunststoffen und Metallen in die Weltraumlabore an Bord des Space Shuttle oder der ISS.

Inzwischen kann man auch auf der Erde Labore mit Nullgravitation mieten, in Falltürmen und Parabel-Flugzeugen. Doch die Forschung im All für das All ist etwas anderes. Wie reagiert der menschliche Körper auf lange Zeit in der Nullgravitation? Wie züchtet man Tomaten in der Schwerelosigkeit? Wie generiert man Treibstoff aus Gestein? Diese Forschungen benötigen allerdings eine Entscheidung: Sie werden erst relevant, wenn tatsächlich die ersten Menschen langfristig, wenn nicht lebenslang, im All leben wollen. Alles hängt also von der Frage einer dauerhaften Kolonie im All ab.

8…
Flucht

„Die Menschheit ist gerade dabei, den Planeten unweigerlich zu ruinieren!“ Mit solchen Sätzen wird häufig die dringende Notwendigkeit von Stützpunkten auf anderen Himmelskörpern gerechtfertigt. Selbst Elon Musk begründet sein Marsprojekt mit der Unwahrscheinlichkeit, dass die Menschheit für immer auf dem Planeten Erde existieren können. Zahlreiche Space-Fiction-Epen erzählen die Story des großen Exodus von einer zerstörten Erde, mit Generationen-Raumschiffen und verzweifelten Überlebenskämpfen.  

Doomsday-Drohungen verleihen der Weltraumfahrt einen existenziellen Drive – verlagern aber die Motive auf fatale Weise in den negativen Bereich. Weltraumfahrt würde zur Bühne von Paranoia-Systemen und Massenhysterien. Man stelle sich vor: In einer großen Krise würden mit Milliarden Kosten Raumschiffe gebaut, damit einige auf den Mars auswandern können. Oder Orbitalstationen, auf die man mit genügend Geld flüchten kann. Ein weltweiter Bürgerkrieg, ein unbeschreibliches Chaos wären die Folge. Schon die Fluchtabsicht würde ein Solidar-Gebot der Humanität verletzen. Wenn es so etwas wie „die Menschheit“ gibt, dann sitzt sie vor allem im selben Boot – der Erde. Von allen Argumenten für die Weltraumfahrt ist das apokalyptische Exodus-Argument das schwächste und trügerischste.

Illustration: Julian Horx

7…
Aliens

Wenn wir nach „draußen“ gehen, wollen wir dort „jemanden“ oder „etwas“ finden. Am besten etwas, das uns weiterhilft, transzendiert, erlöst oder wenigstens unsere Identität im All klärt – unsere evolutionäre Aufgabe. Die großen Science-Fiction-Epen, von „2001“ und „E.T.“ bis zu „Contact“, „Interstellar“ oder „Arrival“, handeln von einer (im Kern religiösen) Sehnsucht nach Erlösung. Die Begegnung mit den Außer- und Überirdischen konstruiert uns erst als „Menschheit“. Das, was auf der Erde im Umgang mit den Fremden passiert, geschieht auch in der Extrapolation der Space-Eroberung: Wir definieren uns selbst durch andere.

Was aber, wenn das Universum leer und ohne Leben ist? Wenn da nichts ist außer Stein und Geröll, endloser Leere und Strahlung? Wenn selbst im Titan-Ozean nichts gedeiht? Dann sind wir auf uns selbst verwiesen. Das muss nicht unbedingt ein Argument gegen die Expansion der Menschheit sein. Es wäre aber eine Enttäuschung, die Konsequenzen hat. Wozu der gigantische, riskante Aufwand, wenn am anderen Ende nichts und niemand auf uns wartet?

6…
Besiedelung

„Der Mars ist kein angenehmer Aufenthaltsort – die Antarktis ist dagegen ein tropisches Paradies. In der Antarktis kann man zumindest draußen atmen, ohne innerhalb weniger Sekunden zu sterben. Auf dem Mars gibt es so gut wie keine Luft, und das bisschen, was da ist, ist hauptsächlich Kohlendioxid. Das Fehlen einer Atmosphäre und eines magnetischen Feldes bedeutet zudem, dass es keinen Schutz vor kosmischer oder solarer Strahlung gibt. Die durchschnittliche Temperatur beträgt -63° C.

Die Kolonisten auf dem Mars müssen die meiste Zeit in Gebäuden bleiben, die vor Kälte, Strahlung und niedrigem Druck geschützt sind, und selbst mit isolierten Raumanzügen wird es ungesund sein, lange im Freien zu bleiben. Wir können mit dem Einsatz von Zukunftstechnologien den Mars bewohnbarer machen, zum Beispiel indem wir den Planeten mit Kometen bombardieren, um Wasser und Luft zur Verfügung zu stellen, aber die Kosten werden exorbitant sein – und selbst im Best-Case-Szenario wird der Mars niemals der Erde ähnlich werden. Allein die Schwerkraft ist ungefähr ein Drittel so stark wie auf der Erde, und ein längerer Aufenthalt auf dem Mars wird Knochen, Muskeln und Herz auszehren. Ein ewiges Zwielicht wird vorherrschen (…) Es könnte ein interessanter Ort sein, den man besuchen möchte, aber dort leben wollen würde ich nicht.“ (Mogensen 2018)

Erst sollen Raketen auf dem Mars landen und Geräte absetzen, die Wasser, Sauerstoff und Treibstoff aus dem Marsgestein extrahieren können. Zwei Jahre später sollen die ersten Kolonisten landen. Die Raketen sollen bis zu 100-mal wiederverwendbar sein und einen regelrechten Shuttle-Service zwischen Erde und Mars errichten, mit bis zu 40 „Auswanderern“ pro Flug. So stellt sich Elon Musk die Besiedlung des roten Planeten vor.
Aber was bedeutet es, wenn Menschen plötzlich in einer radikal lebensfeindlichen Umgebung leben? In den 1980er-Jahren gab es in der Wüste von Nevada das von einem ökobesorgten Millionär finanzierte Projekt „Terra 2“: acht Menschen, die probeweise ein hermetisch geschlossenes Habitat bewohnten. Das Experiment scheiterte einerseits an technischen Problemen – es stellte sich als enorm schwierig heraus, eine abgeschlossene Atmosphäre zu stabilisieren –, aber auch an Spannungen im Zusammenleben von acht Individualisten auf engstem Raum. T.C. Boyle machte aus dem Experiment einen aufschlussreichen Roman: „Die Terranauten“.

In der Geschichte der Eroberungen zeigt sich immer wieder das Phänomen des Kolonie-Kollers.  Kolumbus’ erste Siedlung mit 36 Männern in der heutigen Dominikanischen Republik, La Navidad, war nach seiner Rückkehr verlassen und zerstört. Jamestown, die erste Siedlung von 100 Engländern auf dem nordamerikanischen Kontinent, war von Krankheiten, Hungersnöten und Konflikten heimgesucht. In der Netflix-Serie „Mars“, einem realistischen Dokudrama, geht so ziemlich alles schief, was schiefgehen kann. Durch die depressive Paranoia eines sensiblen Professors für Treibhausernährung wird die halbe Station zerstört, mit vielen Toten.

Man stelle sich vor, 10, 20, 100 moderne Menschen leben in einer Umwelt, in der man sich nicht voneinander distanzieren kann, die ständig von Gefahren und Knappheiten erfüllt ist. Wenn wir andere Himmelskörper besiedeln, nehmen wir immer uns selbst mit. Auch unsere Sehnsucht nach Natur, Heimat und offenen Horizonten.

Die Fotografin Monica Alcazar-Duarte machte eine Fotoreportage der Final-Bewerber für die holländische Marsexpedition „Mars One“ (die Mission gilt inzwischen als gescheitert). Sie fand ziemlich einsame, sinnsuchende, aber nicht unbedingt stabile Individuen, die sich nach der „anderen Welt“ sehnten. Im Laufe ihrer Reportage bekam die Fotografin immer mehr Zweifel, „ob das Leben dort oben wirklich so aufregend und erfüllend wäre. Ob wir wirklich das, was auf der Erde gewachsen ist, auch in sozialer Hinsicht, reproduzieren könnten“. (vgl. Alcazar-Duarte 2017)

5…
Hyper-Teamwork

Im anrührenden Film „Mission Control“, der die persönliche Geschichte des Bodenteams der Mondlandungen von 1967 bis 1971 erzählt, wird noch ein anderes, verstecktes Space-Motiv geschildert. Menschen mit unglaublichen Geschwindigkeiten ins All zu schießen, ohne dass sie sterben, war damals – und ist bis heute – eigentlich ein Akt höherer Unmöglichkeit. Diese Hindernisse zu überwinden, erforderte extrem konstruktive Kooperationsformen – bei denen Menschen über sich selbst hinausgehen mussten. Und konnten.

Was uns an der Raumfahrt fasziniert, ist das, was uns als Spezies ausmacht und erfolgreich gemacht hat: komplexe Kooperation. Es ist kein Zufall, dass die Protagonisten auf dem Kommandodeck des Raumschiffs Enterprise allen Alien-Rassen des Universums entstammen. Und dass das Team erst durch komplexe Kooperation unter verschiedenen Individuen Erfolg haben und überleben kann. Das Abenteuer Weltraum ist zugleich auch das Abenteuer sozialer Komplexität. Menschen sind in ihrem Wesen eine kooperative Spezies, die nach Herausforderungen sucht, um sich selbst zu beweisen.

Illustration: Julian Horx

4…
Krieg und Frieden

Die Endlos-Weltraumheftchen-Serie „Perry Rhodan“, die den Weg einer geeinten Menschheit in ein von bizarren Wesen und Zivilisationen nur so wimmelndes Universum schildert, beginnt am Vorabend des atomaren Weltkrieges, der in letzter Sekunde durch die Entdeckung eines außerirdischen Raumschiffs verhindert wird.

Den friedensstiftenden Effekt der Weltraumfahrt können wir auch heute beobachten: Immer noch bringen Sojus-Raketen auch Amerikaner ins All. Das technische Großexperiment, sich von der Erdoberfläche zu erheben, bringt offenbar Nationen, Kulturen, Mentalitäten zusammen, indem es eine höhere Logik erzeugt, die die Konflikte dämpft.

Die Mondlandung vor 50 Jahren war ein Teil der Aufrüstung zwischen Ost und West. Heute sieht es nach einem erneuten globalen Rüstungswettlauf aus, in dem auch China mitmischt. Das bringt eine paradoxe Logik für zukünftige Space-Investitionen mit sich: Sie könnten zugleich als militärische Aufrüstung und friedensstiftende Maßnahme verstanden werden.

3…
Grandiosität

Erik Wernquists Weltraum-Schmachtfilm „Wanderers“ zeigt Menschen in der Ehrfurcht des Alls – an der Schleuse zum Jupiter, im Raumanzug durch die Ringe des Saturn treibend, mit Flügeln in der dünnen Atmosphäre des Eismonds Europa. Unterlegt wird diese Elegie von der Eroberung des Sonnensystems mit einem berühmten Zitat von Carl Sagan, dem Weltraum-Visionär der 1970er-Jahre:

„Trotz aller materiellen Vorteile hat uns das sesshafte Leben nervös und unerfüllt gelassen. Selbst nach 400 Generationen in Dörfern und Städten haben wir nicht vergessen. Die offene Straße ruft uns immer noch, wie ein nahezu vergessenes Lied unserer Kindheit. Wir erforschen ferne Orte mit einer tiefen Ehrfurcht. Dies erscheint mir als exaktes Produkt der natürlichen Selektion, ein essentielles Element unseres Überlebens. Lange Sommer, milde Winter, reiche Ernte, ein üppiges Spiel. Nichts davon dauert ewig. Herman Melville sprach in „Moby Dick“ für Wanderer in allen Epochen und Meridianen: ,Ich bin gequält von einer immerwährenden Sehnsucht nach fernen Dingen. Ich liebe es, verbotene Meere zu besegeln …‘.“ (Wernquist 2015)

Das also ist der „Urge“ – die unstillbare Sehnsucht nach Aufbruch, Exit, Fortschritt. Wir sind als Spezies Abenteurer, Eroberer, Nomaden. Die Last Frontier muss überwunden werden! Auffällig, dass Sagan aus „Moby Dick“ zitiert, wo Captain Ahab einer wahnhaften Vision zum Opfer fällt, die ihn um den Verstand bringt. Ist die Raumfahrt ein weißer Wal, eine Fiktion, die uns ins Verderben lockt?

2…
Liebe

Die größte Nachfrage nach touristischen Space-Trips stammt von reichen Hochzeitspaaren. Sex im Weltraum ist ein echter Hype. Wie macht man „es“ bei Nullgravitation? Die Welt wartet sehnsüchtig auf die erste Liebesaffäre im Orbit, die erste Geburt eines „außerirdischen“ Hominiden. Triviale Media-Coverage ist ein starkes Motiv für die Weltraumfahrt, und eine der stärksten potenziellen Finanzierungsquellen. Eine Marsexpedition wäre die größte Soap-Opera aller Zeiten. Ob das alles allerdings nach Folge 267 – Unkraut jäten im Gewächshaus, schon wieder Heizungsprobleme – noch genügend Einschaltquote bringt?

Illustration: Julian Horx

1…
Trotz

Um eine Nutzlast in den Orbit zu befördern, muss man sie auf 29.000 Stundenkilometer beschleunigen, das 29-fache der Schallgeschwindigkeit. Eine Rakete für die Umlaufbahn hat zwischen 100.000 und 400.000 PS. Für jedes Kilo werden rund 2 Tonnen Treibstoff verbrannt,  Wasserstoff und Sauerstoff, oder Kerosin, wie in den Raketen von Space X. Umweltfreundlichkeit sieht anders aus. Einmal oben, kümmert sich das All nicht die Bohne um unser Wohlergehen. 20 Sekunden Ungeschütztheit reichen, um einen Menschen gefrierzutrocknen.

Lebenserhaltungssysteme müssen perfekt funktionieren. Menschen in Schwerelosigkeit verlieren unweigerlich Muskel- und Knochensubstanz, egal wie viel sie trainieren. Die allgegenwärtige Strahlung erhöht mit jedem Tag Aufenthalt die körperlichen Risiken. Wenn die ersten Kolonisten auf Mars oder Mond alt werden, könnten sie gebrechlich und dement sein – viel früher als auf der Erde.

Wir sind für das All nicht geschaffen. Natürlich könnte man jetzt lange über gentechnische Veränderungen der menschlichen Konstitution spekulieren, über Mutanten im All und eine kommende Spezies von Übermenschen. Aber auch das ist nur eine Variante von Größenwahn.

Immerhin werden Langzeit-Astronauten Vegetarier sein, die sich überwiegend aus Gewächshäusern mit Einsatz eigener Fäkalien ernähren. Ökologischer geht es kaum.

0!
Heimkehr

„Oh mein Gott! Seht euch dieses Bild da an! Hier geht die Erde auf. Wow, ist das schön!“
Als der Astronaut William Anders am Heiligabend 1968 in der Enge der Kapsel von Apollo 8 den Auslöser seiner Hasselblad-500-Kamera drückt, ist er irgendwie verblüfft. Das war nicht geplant. Eigentlich soll er den Mond fotografieren, die Flächen ausfindig machen, auf denen die nächste Apollo-Mission endlich landen soll.

Das erste Foto der Erde, wie sie über dem Mond aufgeht, Earthrise, ging rund um die Welt und prangte auf dem Cover von Stewart Brands „Whole Earth Catalogue“, dem ersten Katalog der Ökologiebewegung. Das Bild begründete auch einen Begriff, der die Weltraumfahrt auf ihre kognitiven Dimensionen bezieht: der Overview-Effekt.

Wenn wir etwas Komplexes von außen sehen, verstehen wir plötzlich seine Zusammenhänge.  Dies ist nichts anderes als ein neurologischer Effekt. Im Betrachten gerät unser Hirn in einen Zustand der produktiven Verwirrung. Diese kognitive Dissonanz führt zur Ausschüttung von Dopaminen, die unser Hirn dazu anregen, neue Verbindungen, Konnektome, zu bilden. Sprich: zu lernen.

Wir sehen das Holon. Grenzen, Gebäude, Mauern verschwinden, stattdessen entstehen Zusammenhänge. Wir „wundern“ uns im Wortsinn. Dabei entsteht ein spirituelles Gefühl, ein tiefes Verständnis der Verbundenheit allen Lebens.

„Wenn wir auf die Erde aus dem Weltraum herabschauen, sehen wir diesen erstaunlichen, unbeschreibbar schönen Planeten – der wie ein lebender, atmender Organismus aussieht. Aber gleichzeitig sieht sie sehr verletzlich aus … Jeder, der einmal im Weltraum war, sagt dasselbe, denn es ist sehr auffallend, sehr ernüchternd, dass diese papierdünne Schicht (die Atmosphäre) jedes lebende Wesen auf der Erde vor dem Tode bewahrt, vor der Unwirtlichkeit des Weltraums.“ (Der Astronaut Ronald Garan im Film „Overview“)

„Ich habe Astronomie und Kosmologie studiert und vollkommen verstanden, dass die Moleküle in meinem Körper, im Körper meiner Kollegen und im Raumschiff ihre Vorläufer in der Entstehung der Sterne hatten. Aus dieser Beschreibung wurde mir deutlich, dass wir Sternenstaub sind. Das war eine sehr mächtige, erhebende Erfahrung.“(Der Astronaut Edgar Mitchell im Film „Overview“ zur Apollo-14-Mission).

Vielleicht ist dies die einzig „realistische“ Aufgabe der Weltraumfahrt: eine andere Perspektive zu ermöglichen. Uns in unseren Zugehörigkeiten zu re-konstruieren. Im Flug in die Vertikale ordnen wir die Ebenen unserer Existenz neu, die Ordnungen von Familie, Gruppe bis zu „Kultur“, „Land“ und „Nation“. So konstruieren wir uns erst als Spezies, als Menschheit, selbst.

Und vielleicht ist es auch genau das, was uns das Stocken der Weltraumfahrt in den vergangenen Jahrzehnten sagen will: Die Rakete steigt in einer ewigen Parabel auf – um immer zu uns zurückkehren. Der eigentliche Grund für den Lift-off ist das Heimweh.


WE HAVE A LIFT-OFF!


Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Globalisierung

Megatrend Globalisierung

Handelskriege, diplomatische Krisen, Cyber-Angriffe, internationale Konzernmächte – die Globalisierung wird heute allzu oft als Problem wahrgenommen. Doch die Herausforderungen, die mit einer immer komplexeren, weil zunehmend vernetzten Welt verbunden sind, dürfen nicht den Blick auf die positiven Effekte verstellen, die die Globalisierung bewirkt. Denn während die Politik noch versucht, globale Prozesse mit alten nationalstaatlichen Mechanismen zu regulieren, ist die Weltgesellschaft längst auf dem Weg in die Zukunft des 21. Jahrhunderts. Viele aktuelle Trends von der Postwachstumsökonomie über Direct Trade bis hin zum Aufstieg der Generation Global verstärken die globale Dynamik, die das internationale System in den kommenden Jahren weiter in eine progressive Richtung bewegt.

Dossier: Technologie

Dossier: Technologie

Was vor wenigen Jahren noch als visionäres Raunen durch die Fachpresse ging, ist jetzt Alltag geworden: das Internet der Dinge. Das digitale Leben hat den Desktop-Computer endgültig hinter sich gelassen und lässt sich in jedermanns Hosentasche herumtragen. Digitale und analoge Realität verschmelzen zunehmend zu einer, was auch eine langfristige “Technisierung” unserer Lebenwelt bedeutet.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.

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