Das 20er-Jahre-Gefühl

Wir haben wieder 20er-Jahre! Ein Umstand, der besondere Emotionen hervorruft – und in der Nachbetrachtung hervorrufen wird. Was steht uns in den 2020ern bevor, was wird sie prägen und was wird von ihnen hängen bleiben?

Ein Ausblick von Matthias Horx

Unsplash/Jan Baborák

Ist es nicht seltsam, ja geradezu bizarr, wie hartnäckig wir unser Zeitgefühl in Jahrzehnten fixieren? Die 60er, 70er, 80er, 90er – rund um die Uhr dudelt im Radio derart katalogisierte Musik, werden Historienfilme und Komödien gedreht, die den Zeitgeist in Zehnjahresscheibchen verherrlichen. Bis alle glauben, Geschichte wäre tatsächlich sauber in Dezimale eingeteilt. Dabei werden oft nur willkürliche Details herausgegriffen: 1920er-Jahre – Pagenköpfe, 1950er – Tütenlampen, 1990er – Kurt Cobains Selbstmord. So versuchen wir, uns die Zeit symbolisch begreiflich zu machen. Weil wir ihre wahrhafte Dimension, ihre Komplexität, nicht begreifen.

Bedenklich ist auch das Naming der Jahrzehnte selbst. Die „Nullerjahre“, das klingt fürchterlich, ein einziges raunendes Nichts. Dabei lässt sich dieses Jahrzehnt in seiner Spannung zwischen 9/11 und Bankenkrise durchaus als erstes Jahrzehnt einer Dekonstruktion begreifen. Es begann die Demontage der linearen Fortschrittsillusionen, der unbeschränkten Globalisierungsökonomie, der US-amerikanischen Prägungsmacht. Ein Trend, der sich in den nun vollendeten Zehnerjahren (was fast so mickrig klingt wie „Nuller“) fortsetzte.

Die gehypten „Zehner“

Die „Zehner“ haben uns Flüchtlingsangst gebracht, kenternde Boote im Mittelmeer, impotenten Brexit und schließlich die Hassinfektionen des bösartigen Populismus, dessen oberster Dschinn Donald Trump uns im kommenden Jahr noch heftig beschäftigen wird. Die Zehner waren auch das Jahrzehnt des Peak Digital und der Spitze des digitalen Populismus. Der digitale Mythos hat uns durch das ganze Jahrzehnt getrieben, mit all seinen Hypes um Künstliche Intelligenz, Smart Living oder Bitcoin- und Blockchain-Mirakel.

Dieser Rausch des „Dataismus“ nahm bisweilen fanatische, mitunter zwanghafte Formen an – bis er in diesem Jahr endlich in das umkippte, was wir im Zukunftsreport 2019Techlash“ oder „Digitale Revision“ nannten: Endlich wird ernsthaft über die Schattenseiten der „Wüste Internet“ gesprochen, über die Frage, wie wir Hasskultur und Erregungswahn eindämmen oder die Monopolisten des Digitalen einhegen können. Die Digitalisierung braucht einen zweiten, einen humanistischen Anlauf!

Nach langer Zeit zeigte sich zudem wieder ein Botschafter, vielmehr eine Botschafterin, eines Big Shift, eines großen Wandels. Solche Persönlichkeiten treten immer in Zeiten des Entscheidungsmangels auf, wenn eine große, existenzielle Menschheitsentscheidung nicht wirklich vollzogen ist. „Great Greta“ schloss dieses Jahrzehnt würdig ab, vor allem als sie auf der UN-Vollversammlung den Schlüsselsatz des kommenden Jahrzehnts sprach: „How dare you?“ Wie könnt ihr es wagen, euch in euren alten Weltbildern, Irrtümern, Ignoranzen und falschen Zukünften einzumauern?

Wie also werden die 2020er?

Einiges können wir mehr als ahnen: dass das turboschnell in die Zukunft fallende China uns überraschen wird etwa. Das Reich der Mitte marschiert mit visionären Projekten und voller Kraft in Richtung erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Stadtplanung. Die massive Luftverschmutzung hat China schon vor einigen Jahren zur Einsicht, zum Umdenken und zum Handeln gebracht. Während in Europa Ziele nicht mehr sind als gut gemeinte Absichten, darf man auf die Umsetzung chinesischer Pläne vertrauen. Und die sind ambitioniert: 40 Prozent Strom aus erneuerbarer Energie bis 2025 oder eine Reduktion der CO2-Ausstöße um 65 Prozent bis 2030, um nur zwei zu nennen. 

Apropos grün – wie wäre es mit blau?! Wir werden einen ökologische Siegeszug erleben, der nicht auf Verzicht, Einschränkung und Reduktion basiert. Diese grüne Ökologie läuft auf ewige Verteilungs- und Berechtigungskonflikte hinaus. Blaue Ökologie hingegen begreift Ökologie nicht als Zwang zum Verzicht, sondern als lustvolle Befreiung vom Zuviel. Die Technologien dazu haben wir im Grunde bereits, jetzt müssen wir sie intelligent zusammenfügen. Damit zusammen hängt der Big Business Change, der größte Wandel der Wirtschaft, der alle Branchen, Produkte und Produktionsweisen, alle Firmen, ganz gleich welcher Größe, betreffen wird.

Städte werden zu den prägenden Machtzentren, die Zusammenarbeit unter den Metropolen entscheidend für die Zukunft und Bürgermeister und -meisterinnen zu den neuen Meisterpolitikern und -politikerinnen. Sex hat eine Zukunft, die nicht von smarten Gadgets, Toys und virtuellen Liebschaften revolutioniert wird, sondern vom gesellschaftlichen Aufstieg der Frauen. Und die Rückkehr der Jugendrebellion führt zu harten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, aus denen aber am Ende Demokratisierungen entstehen.

Warum wir das glauben? Wir glauben es nicht, wir wissen es. Es liegt in der Luft. The Wind of Time. Hören wir hinein in dieses Rauschen der Zeit. Und verwandeln wir Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ in einen Engel der Zukunft, der uns ins Morgen trägt.


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