Der Hygge-Trend

Je hektischer der Alltag, desto größer unser Bedürfnis nach Formen des Rückzugs. Der Hygge-Lebensstil ist Ausdruck einer neuen, sozialen Form von Geborgenheit. Ein gekürzter Auszug aus dem Zukunftsreport 2017.

Von Oona Horx-Strathern

Unsplash / Arno Smit / CC0

Das Bedürfnis nach einer Form des Rückzugs ist ein fundamentaler humaner Instinkt. Wie wir unser Heim empfinden, und wo wir uns heimisch fühlen, definiert unser mentales und physisches Wohlbefinden ebenso wie unser Gefühl für den Zustand der Gesellschaft. „Cocooning“ war einer der wichtigsten sozialen Trends der 1990er-Jahre. Er repräsentierte ein regressives, isolierendes Verhalten als Reaktion auf eine hyperindividualistische Gesellschaft – in einer Zeit, die im Gedächtnis bleiben wird für ihren Wirtschaftsboom, den Aufstieg der Yuppies und den Beginn des Promi-Kultes.

Die Drift unseres heutigen Jahrzehnts in Richtung einer neuen „Wir-Kultur“ hat jetzt eine sozialere und weichere Form des Cocoonings hervorgebracht, die sich aus der Sehnsucht nach einer kooperativeren Gesellschaft speist – einem Bedürfnis nach Konnektivität und Kommunikation ebenso wie nach Privatheit und Sicherheit.

Der Begriff, den uns die dänische Sprache (über den Umweg des Norwegischen) dafür geschenkt hat, lautet „Hygge“ (gesprochen etwa: „Hügga“).

Das Wort definiert einen neuen Weg des Wohllebens im 21. Jahrhundert. Im Unterschied zu Cocooning ist Hygge nicht individualistisch, sondern setzt an Kommunikationsbedürfnissen und der Sehnsucht nach Komfort, Gehaltenwerden, Gebundensein und Geborgenheit an. In Differenz zur Wellness geht es nicht nur um (Selbst-)Verwöhnung und passive Entspannung, sondern um aktives Gestalten unseres unmittelbaren Lebensumfeldes. Hygge handelt von sozialer, aber auch ästhetischer Wärme.

Typisch für den Hygge-Lebensstil Anders als Cocooning ist Hygge nicht individualistisch: Es geht um soziale und ästhetische Wärme ist es, sich auf kleine Dinge zu konzentrieren, auf die es wirklich ankommt: mehr Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen und die guten Dinge des Lebens zu genießen. Das kann vieles bedeuten – von einem energetisierenden Fahrradausflug bis zum Kakaotrinken in einem Café, vom gemeinsamen Kochen bis zum Outdoor-Picknick bei offenem Feuer.

Hygge ist ein Antimodell zur flüchtigen urbanen Lebensweise – innerhalb der urbanen Lebensweise. Doch es geht nicht um „neue Spießigkeit“, sondern um einen aufgeklärten, gestalterischen Umgang mit Dingen, Menschen, Situationen.

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Zukunftsreport 2017.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

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Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Oona Horx Strathern

Trendforscherin Oona Horx Strathern ist Expertin für Urbanisierung, Wohnen und Bauen. Sie beleuchtet als Keynote Speaker die Entwicklung unserer Lebensräume.