Die Generation Global

Eine heranwachsende Generation an Kosmopoliten verändert das alte, von Nationalstaaten und Engstirnigkeit geprägte Wertesystem hin zu einem neuen Altruismus, der globale Probleme vor die eigenen stellt. Ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus dem Zukunftsreport 2017.

Von Lena Papasabbas

Unsplash / Jens Johnsson / CC0

Für die Kinder der neuen und globalisierten Mittelschicht gehört Reisen nicht nur zur Normalität, es ist je nach Ausprägung auch Teil eines neuen Statusdenkens. Finanzielle Stärke führt nicht mehr zwingend zu hohem Ansehen, und alte Statussymbole, etwa dicke Autos, sind für die umweltbewusste Generation Global geradezu vulgär. Für sie hat Fair Trade einen höheren Stellenwert als Louis Vuitton, und so steigen immer mehr junge Städter um: vom Auto auf das neue Statussymbol Fahrrad. Besaß Mitte der 1990er-Jahre noch rund die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen ein eigenes Auto, ist es heute nur noch ein Viertel. Und immer weniger junge Menschen machen überhaupt noch einen Führerschein – eine bemerkenswerte Entwicklung, insbesondere im Autoland Deutschland.

Die Generation Global löst sich von einem materialistischen Denken, in dem teure Dinge einen bestimmten sozialen Status garantierten. Umso empfänglicher ist sie für Sharing-Angebote – die Jungen tauschen, teilen und leihen, was das Zeug hält: Blablacar, Foodswapping, Kleiderkreisel oder Couchsurfing werden genauso selbstverständlich genutzt wie Car2Go, AirBnb oder Uber. Die junge Generation ist somit auch Träger und Treiber der Sharing Economy: Gartengeräte, ein Zelt, eine Bohrmaschine, Filme, Sportgeräte und Spiele – die Liste der Dinge, die man nicht mehr länger kaufen muss, sondern leihen kann, wird immer länger.

Geteilt werden deshalb selbstverständlich auch die Sorgen. Globale Probleme wie Terror und Umweltverschmutzung bereiten Jugendlichen inzwischen mehr Kopfzerbrechen als persönliche Probleme, die mit Ausbildung, finanzieller Situation oder Gesundheit verbunden sind. Das geht aus der aktuellen Shell-Studie (2015) hervor. Noch vor fast 20 Jahren war das umgekehrt: Damals machte sich die Jugend eher Gedanken um Drogenprobleme und Arbeitslosigkeit. Die Studienergebnisse spiegeln die Erfahrungen der Kosmopoliten: Ob 9/11, Fukushima oder die Terroranschläge jüngster Zeit – diese Ereignisse gelten als prägend und schweißen die sonst heterogene Generation zusammen.

Die wichtigste Rolle spielen künftig die Gruppen, denen ein Mensch sich zugehörig fühlt. Die Generation Global identifiziert sich nicht mehr mit dem Nationalstaat, sondern mit Menschen, Globale Probleme beschäftigen Jugendlichen heute mehr als persönliche Sorgen die gemeinsame Werte teilen, die sich für das gleiche Anliegen begeistern können oder die ihre Freizeit ähnlich verbringen. Solche Interessensgemeinschaften und Initiativen können sich dank der technologischen Vernetzung problemlos und über Grenzen hinweg organisieren. Die Generation Global nutzt dabei ganz selbstverständlich die Mechanismen der digitalen Vernetzung, ohne die eine solche Wirkmächtigkeit nicht möglich wäre.

Das zeigt beispielsweise die Initiative von Felix Finkbeiners Projekt “Plant for the Planet”. Bei der Recherche zu einem Schulreferat über den Klimawandel erfuhr der damals Neunjährige vom “Green Belt Movement” – seitdem setzt er sich sehr erfolgreich für die Aufforstung zum Schutz der Umwelt ein. Der junge Vertreter der Generation Global sprach schon vor der UN und hat inzwischen ein riesiges internationales Netzwerk zu verantworten, in dem mehr als 100.000 Kinder und Jugendliche aktiv sind. Sein Ziel ist es, bis 2020 eine Billion Bäume zu pflanzen.

Ob soziale Netzwerke, neue Dienstleistungsplattformen, innovative „App-Gemeinschaften“ oder Dauer-Communities: Die Aktivitäten der Generation Global entstehen unabhängig voneinander in verschiedensten Ausprägungen und in unterschiedlichsten Teilen der Welt. Die oft hyperlokalen Projekte und Initiativen sind somit Ausdruck einer neuen Klasse von Weltbürgern mit bewundernswerten altruistischen Werten. Denn die heranwachsende Generation Global nimmt den Planeten als ihr Zuhause ernst und versteht globale Belange wie Klimaschutz und Umweltverschmutzung als ihre eigenen.

Erfahren Sie mehr über die Generation Global im Zukunftsreport 2017.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

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Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Lena Papasabbas

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin und begleitet seit 2014 für das Zukunftsinstitut Projekte im Research-Bereich. Ihr Schwerpunkt ist die redaktionelle Arbeit bei Auftragsstudien.