Die Weltbürgermeister: 12 starke Vorbilder für Politik mit Zukunft

Bürgermeister und Bürgermeisterinnen von Weltformat nehmen ihre Rolle als die wichtigsten Politakteure der Zukunft bereits heute ernst – und sollten damit Vorbild für alle anderen sein.

von Dr. Daniel Dettling

Illustration: Duke Nguyen

Diese Köpfe stehen für die neue Bewegung der glokalen Demokratie:

Thikra Alwash

Die Bürgermeisterin von Bagdad ist seit 2015 die erste Bürgermeisterin im Irak – und die erste in der arabischen Welt. In ihrem Amt kämpft sie gegen die verbreitete Korruption und für mehr Vertrauen in Politik und Verwaltung. Inzwischen rücken mehr Frauen in Führungsämter auf. Der Irak braucht gut ausgebildete und führungsstarke Frauen. Während die jungen Männer im Krieg gefallen oder geflüchtet sind, haben die Frauen studiert.

Claudia López

In der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá gewann Ende 2019 zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine Frau die Wahl zur Oberbürgermeisterin. Als Journalistin hat sich López mit Recherchen zur Parapolitik einen Namen gemacht: Viele Politiker, die mit Paramilitärs unter einer Decke steckten, kamen ihretwegen ins Gefängnis – seitdem steht die 49-Jährige unter Polizeischutz. López kämpft gegen Ungleichheit und Korruption (unter anderem startete sie einen Anti-Korruptions-Volksentscheid), will ein besseres und kostenloses Bildungssystem einführen sowie den öffentlichen Stadtverkehr ausbauen, um Luftverschmutzung und Staus zu reduzieren. Sie ist auch die erste Spitzenpolitikerin im überwiegend konservativen Kolumbien, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennt.

Robert Biedroń

Der Vorsitzender der von ihm im Februar 2019 gegründeten Partei Wiosna (deutsch „Frühling“) war von 2014 bis 2018 Bürgermeister der polnischen Stadt Slupsk. Bei der Europawahl im Mai erreichte seine Partei 6 Prozent, Biedroń wurde direkt in das Europaparlament gewählt. Er ist der bekannteste offen homosexuell lebende Politiker in Polen und will das Monopol der rechtspopulistischen Regierungspartei PIS brechen – und das Erbe des Anfang 2019 ermordeten Danziger Bürgermeisters Paweł Adamowicz erfüllen. Das Parteiprogramm von Wiosna basiert auf drei Säulen: dem Menschen, der Gemeinschaft und einem Staat, dem man vertrauen kann.

Ada Colau

Die linke Bürgermeisterin von Barcelona, die im Juni 2019 wiedergewählt wurde, setzt auf Bürgerbeteiligung, Digitalisierung und lokale Wirtschaft. Drei Viertel des Regierungsprogramms stammen von den 40.000 Bürgerinnen und Bürgern, die sich daran beteiligt haben. Die Stadt zeigt, wie die technische Revolution einer Smart City auch die Demokratie revolutionieren kann. Barcelona setzt auf Infrastruktur und lokale Tech-Unternehmen. Die Daten gehören den Stadtbewohnern und sollen ausschließlich für soziale Zwecke genutzt werden. So sind in den vergangenen Jahren autofreie Stadtgebiete, neue Buslinien und ein städtisches Unternehmen für Solarenergie entstanden, das 20.000 Häuser und alle öffentlichen Gebäude mit Energie versorgt. Im Tech-Bereich fördert Barcelona kleine und mittlere Unternehmen, um neue digitale Dienstleistungen und Lösungen zu entwickeln. Ganze Stadtbezirke sind heute für den Autoverkehr fast gesperrt: Maximal 10 km/h darf dort gefahren werden, Parken ist nicht erlaubt. Feste, Märkte und Veranstaltungen haben in den Bezirken mehr Platz, die ökonomische Aktivität ist gestiegen, Luftverschmutzung und Lärm sind gesunken.

Ekrem İmamoğlu

Der im Sommer 2019 neu gewählte Bürgermeister von Istanbul gehört der Republikanischen Volkspartei CHP an und tritt für einen neuen Politikstil ein: Statt auf Polarisierung setzt er auf Versöhnung. Architekt seines Erfolgs ist der Parteistratege Ateş İlyas Başsoy, dessen Wahlkampfkonzept für die Türkei völlig neuartig ist. Başsoy nennt es in seinem Handbuch für den Wahlkampf „radikale Liebe“. In 14 Punkten erläutert er, wie die CHP-Wahlkämpfer auftreten sollten: keine Beleidigungen oder Unterstellungen, keine Belehrung oder Besserwisserei, kein Hochmut und Sarkasmus, weniger reden, mehr zuhören, immer lächeln. Und: Vorsicht in den sozialen Medien.

Oliver Junk

Ende 2014, noch vor dem Beginn der Flüchtlingskrise, forderte der heute 43-jährige Bürgermeister der Stadt Goslar in einer Rede, dass die Großstädte bei der Aufnahme der neuen Flüchtlinge entlastet werden sollten – und nahm selbst mehr Flüchtlinge auf als die Mittelstadt in Niedersachsen eigentlich sollte. Junk sieht die neue Zuwanderung positiv, auch aus demografischen Gründen: Vor allem der ländliche Raum und viele Regionen sind auf Zuwanderung angewiesen. „Erfolgreiche Flüchtlingsarbeit ist nicht abhängig vom Standort, sondern von der Haltung“, begründet der CDU-Oberbürgermeister seine Politik (vgl. Hahn 2018).

Bill Peduto

Nachdem Donald Trump den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen mit den Worten kommentiert hatte, er repräsentiere „Pittsburgh und nicht Paris“, antwortete der Bürgermeister von Pittsburgh: „Pittsburgh steht an der Seite der Welt und wird die Kriterien des Pariser Abkommens einhalten.“ (vgl. Spiegel Online 2017). Seitdem gilt Peduto als prominenter Vertreter des lokalen Widerstands gegen Trumps Ausstieg aus dem Abkommen. Kurz nach Trumps Verkündigung auf Twitter rief Peduto die Städte dazu auf, die Führung beim Klimaschutz zu übernehmen.

Anne Hidalgo

Die Sozialistin mit spanischen Wurzeln ist seit 2014 die erste Bürgermeisterin von Paris – und verfolgt eine ökologische Agenda für Frankreichs Hauptstadt. Durch eine urbane Landwirtschaft und weniger Verkehr soll Paris sauberer und grüner werden. Seit Hidalgos Amtsantritt wurden 20.000 neue Bäume gepflanzt und 40 Hektar zusätzliche Parks und Grünflächen angelegt: mehr Grün, weniger Abgase und mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer. Auf einer Website können sich die Pariser stündlich über Stickstoffdioxid-, Ozon- und Feinstaubwerte informieren. Hidalgos Kurs gilt auch der Neuverteilung des öffentlichen Raums. Geplant ist der Umbau der Ringautobahn zu einem Stadt-Boulevard in nur sechs Jahren. Für Autos mit Verbrennungsmotoren soll in der Metropole nur noch eine einzige Spur zur Verfügung stehen.

Sadiq Khan

„Die Luft in London ist ein Killer“, beschreibt der Bürgermeister von London das Klima in der größten Stadt Europas mit drastischen Worten (vgl. Wirtschaftswoche 2017). Die schlechte Luftqualität sei heute das größte Umwelt- und Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung. Khans Ziel ist deshalb die allmähliche Verbannung des Autos aus der Innenstadt. Mehr als 2 Millionen Besitzer älterer Autos müssen pro Tag rund 14 Euro „Eintrittsgeld“ zahlen, wenn sie in die Innenstadt wollen – zusätzlich zur City-Maut von rund 13 Euro. Dafür wird der Schienen- und Radverkehr massiv ausgebaut.  

Klaus Bondam

Kopenhagens früherer Bürgermeister für Technik und Umwelt, heute Direktor der dänischen Radfahrer-Föderation, leitete die verkehrspolitische Wende der Stadt bereits 2006 ein. Seitdem hat die dänische Hauptstadt mehr als 50 Millionen Euro in die Infrastruktur für Fahrräder investiert und den Autoverkehr weitgehend reduziert. Heute gilt Kopenhagen als „Fahrradhauptstadt“ und macht vor, wie neue Mobilität in den Ballungsgebieten gelingen kann. Mehr als die Hälfte der Stadtbewohner nutzt täglich das Fahrrad.

Bart Somers

Der offizielle Weltbürgermeister des Jahres 2018 aus der belgischen Stadt Mechelen gehört zu den Neo-Politikern, die die ideologischen Lager auflösen und eine radikale Politik der Bürgerlichkeit versuchen. Seine Erfolgsformel lautet: „Ohne Sicherheit kein bürgerschaftliches Engagement!“ (vgl. Dettling 2018). Mit ihren 86.000 Einwohnern ist Mechelen heute eine der sichersten und saubersten Städte des Landes. Gelungen ist dies mit einer Mischung aus null Kriminalitäts-Toleranz und gelungener Integration. 138 Nationen leben in der Stadt, 20 Prozent der Einwohner sind Muslime.

Uwe Conradt

Seit Oktober 2019 regiert der 42-jährige CDU-Politiker die saarländische Landeshauptstadt Saarbrücken. Im Wahlkampf setzte er auf Bürgerbeteiligung und sagte der in der Verwaltung verbreiteten Angst den Kampf an – nur so seien große Dinge zu bewegen. Conradt will Saarbrücken gemeinsam mit einem Bündnis aus CDU, Grünen und FDP zum „Zentrum zwischen Paris und Frankfurt“ und zur „Pionierstadt“ machen. Die Bürgerinnen und Bürger sollen sich für ihre Stadt engagieren, sie „sexy und erfolgreich“ machen.


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