Menstruation wird Mainstream

Wieso ist Menstruationsblut in der Werbung  immer blau? Und warum zieren Penisse die Wände jeder Schultoilette, aber niemand spricht über die Klitoris? Wir sind lange nicht so aufgeklärt, wie wir dachten. Doch das ändert sich gerade dramatisch.

Von Lena Papasabbas

Illustration: Anna Kiosse

Die Zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts haben begonnen. Die Zeiten der Unterdrückung von Frauen sind vorbei. Auch im Bett sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Jeder kann seine Lust frei ausleben. Denn Tabus rund um Sex gibt es praktisch nicht mehr. Wir sind aufgeklärt, können über alles reden und jeder weiß, was eine Klitoris ist und was ein Kitzler und wo der Unterschied zwischen Vagina und Vulva liegt. Oder?

Viva la Vulva

Wie groß die Blind Spots in Sachen Sex eigentlich sind, führte Sophia Wallace mit ihrem Kunstprojekt „Cliteracy“ vor Augen: eine Hommage an das wenig bekannte Körperteil, dessen Stimulation für die meisten der einzige Weg zum Höhepunkt ist. Dafür verarbeitete die Künstlerin grafische Schriftelemente, wie die 100 Klitoris-Gesetze („Die Klitoris ist kein Knopf, sie ist ein Eisberg“), stellte verschiedene Installationen auf und baute sogar eine Art mechanischen Bullen: eine Klitoris, die man reiten kann.

Auch der Bestseller „Viva la Vagina“ sowie der TED-Talk der Ärztinnen Nina Brochmann und Ellen Støkken sowie zahlreiche weitere Publikationen, Workshops und Kunstprojekte setzen sich mit weiblicher Lust auseinander – als hätte man sie gerade erst entdeckt. Beziehungsweise wiederentdeckt: Denn jahrhundertelang galt es als biologische Tatsache, dass Frauen das triebgesteuerte Geschlecht sind.

„Die weibliche Sexualität ist das wohl mystischste, politischste und zugleich das neben der Tiefsee am wenigsten erforschte Thema der westlichen Gesellschaft.“  Sophia Wallace, Kunstprojekt „Cliteracy“ (2012)

So hielt man es im antiken Griechenland und weit darüber hinaus für gegeben, dass Frauen ihre Triebe deutlich weniger unter Kontrolle haben als Männer (was sie zugleich für politische Ämter disqualifizierte – zu lust- und triebgesteuert, zu sexbessen). Noch im 15. Jahrhundert findet sich Ratgeberliteratur voller Tipps, wie man die gierige Frau davon abhalten könne, vor dem Mann zu kommen. Erst mit der Aufklärung wendet sich das Blatt, Wissenschaftler überboten sich nun gegenseitig mit Erkenntnissen über die kaum vorhandene weibliche Sexualtität.

„… die meißten Frauen sind (glücklicherweise für diese) nicht besonders berührt durch sexuelle Gefühle irgendeiner Art.“  William Acton, Arzt, 1867

Frauen, die sich diesem neuen Bild weiblicher Natur nicht anpassen wollten oder konnten, wurden gesellschaftlich stigmatisiert – das „Slutshaming“ existiert bis heute. Oder ihr sexuelles Empfinden und der weibliche Orgasmus wurden als krankhafte Störung definiert und mit Scham behaftet. Aus dieser Zeit stammen auch Worte wie „Schamlippen“. Die Krankheit wurde Hysterie genannt, und die Behandlung ging in manchen Fällen so weit, dass die Gebärmutter entfernt wurde, der vermeintliche Ursprung der unangemessen Gelüste. „Hysterie“ kommt aus dem Altgriechischen und heißt nichts anderes als: Gebärmutter. Auch Frauen, die als ichbezogen, geltungsbedürftig, kritiksüchtig oder unreflektiert galten, konnten die Diagnose Hysterie erhalten. So wurde ein Aufbegehren gegen gesellschaftliche Unterdrückung mit sexuellem Verlangen verknüpft und kurzerhand als psychische Krankheit pathologisiert – eine erfolgreiche Methode, die Lust von Frauen mit Unsicherheit und Angst zu behaften und damit auch zu tabuisieren.

Menstruation: Läuft.

Wir verstehen uns als aufgeklärt, doch in der Werbung für Binden muss eine sterile chlorblaue Flüssigkeit herhalten, weil Menstruationsblut uns verstören würde. Während Virologen zu Stars werden, ist Gynäkologin kein so richtig cooler Beruf. Und auch im Arbeitsleben taugt der weibliche Zyklus nicht zum Small Talk. Man tauscht sich munter über Erkältungen und Allergien aus, aber es wäre undenkbar, genauso ungezwungen über völlig gesunde körperliche Abläufe zu sprechen – wenn sie nur Frauen betreffen.

Doch auch das ändert sich zur Zeit immens: Die Menstruation erlebt ihr Momentum. Weil sie so eng verbunden ist mit den Debatten über Feminismus und Empowerment. Und natürlich mit Sex, denn Lust und Zyklus hängen eng zusammen. So bricht gerade ein jahrhundertealtes Stigma auf, und ein lange totgeschwiegenes Thema wird zum Objekt von Aktivismus und Popkultur. Nur einige Beispiele:

  • Die japanisch-britische Künstlerin Sputniko! baut einen Apparat zur Simulation von Menstruationsblutungen, der in einem Video als „Menstruation Machine“ viral geht.
  • Rayka Zehtabchis Menstruations-Film „Period: End of Sentence“ gewinnt einen Oscar.
  • 2019 kündigt WhatsApp die Einführung eines Menstruations-Emoji an.
  • Die sogenannte Luxussteuer auf Tampons und Binden wird zum Thema politischer Proteste. Der Bundestag beschließt eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Monatshygiene-Produkte ab 2020.
  • Das Parlament in Schottland beschließt, allen Frauen im Land Tampons und Binden kostenlos zur Verfügung zu stellen – zum Beispiel in Gemeindezentren, Jugendclubs und  Apotheken.
  • Es formieren sich neue Geschäftsmodelle und zahlreiche Start-ups rund um Menstruation, von Menstruations-Apps wie Clue über Menstruationstassen bis zu spezieller Unterwäsche wie Knixwear oder Bodyform, die in ihrer Werbung sogar erstmals Blut zeigen.

Die neuen Marken sind laut, frech und gehen offensiv mit dem Thema um. „Zum ersten Mal finden Frauen Alternativen zu den Marken ihrer Mütter, deren Hauptverkaufsargument Diskretion war“, schreibt Vera Görgen in ihrem Text „Läuft bei dir?“. In Zeiten von #MeToo wollen junge Frauen nicht mehr im Stillen leiden: Unter #periodproud, #iloveperiods oder dem indischen #happytobleed laufen nicht-endende Diskussionen über die Tage und deren (Ent-)Tabuisierung. Die Firma Thinx, die blutabsorbierende Unterwäsche herstellt, hat den TV-Werbespot „MENstruation“ veröffentlicht, in dem Frauen und Männer ihre Tage haben. Die Message: Wenn wir alle unsere Periode hätten, wäre es kein Tabuthema. Einzelne Fernsehsender verbieten oder zensieren den Spot. Doch der Einzug von „Frauenthemen“ in die Popkultur ist nicht mehr zu stoppen.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Individualisierung

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Individualisierung ist das zentrale Kulturprinzip der westlichen Welt und entfaltet seine Wirkungsmacht zunehmend global. Der komplexe Megatrend hat in vielen Wohlstandsnationen seinen vorläufigen Peak erreicht und ist Basis unserer Gesellschaftsstrukturen geworden. Der Megatrend codiert die Gesellschaft um: Er berührt Wertesysteme, Konsummuster und Alltagskultur gleichermaßen. Im Kern bedeutet Individualisierung die Freiheit der Wahl. Ihre Auswirkungen sind jedoch komplex und bringen sowohl scheinbare Gegentrends wie eine Wir-Kultur als auch neue Zwänge hervor. Individualisierung ist eng mit den Megatrends Urbanisierung, Gender Shift und Konnektivität verwoben.

Megatrend Gender Shift

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Innovation schlägt Tradition, das Geschlecht verliert das Schicksalhafte, die Zielgruppe an Verbindlichkeit. Noch nie hat die Tatsache, ob jemand als Mann oder Frau geboren wird und aufwächst, weniger darüber ausgesagt, wie Biografien verlaufen werden. Der Trend veränderter Rollenmuster und aufbrechender Geschlechterstereotype sorgt für einen radikalen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft. Das starke Ich schlägt das alte Frau/Mann-Schema und schafft eine neue Kultur des Pluralismus.

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Lena Papasabbas

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin und begleitet seit 2014 für das Zukunftsinstitut Projekte im Research-Bereich. Ihr Schwerpunkt ist die redaktionelle Arbeit bei Auftragsstudien.