The Future of Sex

Weder Virtual-Reality-Pornos noch Sexroboter oder immer verrücktere Sex-Apps revolutionieren unser Sexleben. Sondern etwas ganz anderes: der gesellschaftliche Aufstieg von Frauen.

Von Lena Papasabbas

Illustration: Anna Kiosse

„Die Arbeit der Nacht“

Sex ist, wie jede zwischenmenschliche Interaktion, stark soziokulturell geprägt. Es ist unmöglich, genau zu bestimmen, welche Anteile biologisch gesetzt sind und welche kulturell bedingt. Um zu verstehen, wie stark Sexualität und Kultur verwoben sind, genügt ein kurzer Blick auf andere Kulturen. So wird Sexualität etwa bei den Aka in Zentralafrika vollständig aus Sicht der Reproduktion gedacht und gelebt. Die Übersetzung des Wortes „Sex“ lautet bei ihnen „die Arbeit der Nacht“. Für Masturbation oder Homosexualität gibt es dagegen keine Worte – beides spielt keine Rolle, weil es nicht zu Nachwuchs führt. Da die Aka davon ausgehen, dass Sperma gut für den Fötus ist, sollen auch und gerade schwangere Frauen so viel Sex wie möglich haben. So ist es bei ihnen völlig normal, dass Paare drei-, viermal pro Nacht Sex haben – ob sie große Lust haben oder nicht. Arbeit der Nacht eben.

Auch die Präsenz von sexualisierter Gewalt in einer Gesellschaft ist stark abhängig von deren kulturellen Werten, Normen und Tabus. So gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Gewalt und Stigma rund um Sexualität: Gesellschaften, die ausdrücklich sexuelle Selbstbestimmung von Frauen und Teenagern wollen, sind friedlicher. In Europa dagegen erfährt im Schnitt jede dritte Frau Gewalt, und jede zehnte wird Opfer sexueller Gewalt. Andere, stichprobenartige Umfragen zu sexueller Belästigung kommen sogar auf 100 Prozent.

Immerhin haben feministische Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte die Lage der Frauen deutlich verbessert – so dürfen Männer ihre Ehefrauen seit 1990 in Deutschland nicht mehr legal vergewaltigen, Frauen können straffrei abtreiben und sich zur Wehr setzen, wenn sie aufgrund ihres Geschlechts schlechter bezahlt werden. Aber auch im Alltag hat der Feminismus etwas vollbracht, von dem alle profitieren. Nämlich: besseren Sex.

Happily ever after?

Warum wird ein Film als „Frauenfilm“ bezeichnet, wenn er sich um eine Paarbeziehung dreht? In der Medienwelt scheint die romantische Liebesbeziehung das Nonplusultra weiblicher Lebensträume zu sein – und das Single-Dasein die persönliche Hölle, die es schnellstmöglich hinter sich zu lassen gilt. Bereits in Kinderfilmen wünschen sich die Prinzessinnen nichts sehnlicher herbei als einen Prinzen.

Dabei ist das Bild der traurigen, eislöffelnden Single-Frau, das uns Filme wie „Bridget Jones“ tief in die mentalen Schubladen gesteckt haben, schlicht falsch: Frauen sind im Durchschnitt die deutlich zufriedeneren Singles – und in Paarbeziehungen unglücklicher als Männer. Die meisten Scheidungen werden daher auch von Frauen eingereicht. Männer sind im Single-Sein einfach weniger gut als Frauen, sie leben tendenziell ungesünder, pflegen weniger soziale Kontakte und sind allgemein unglücklicher ohne Partnerschaft. Gefragt nach ihren persönlichen Zielen für die nähere Zukunft, landet bei ihnen das Finden einer neuen Beziehung auf Platz eins. 50 Prozent der männlichen Singles sehen dies als ihr oberstes Ziel – aber nur 38 Prozent der weiblichen Singles.

Das gesamte Genre der „Frauenfilme“ besteht im Grunde aus Männerfilmen: der männliche, auf Frauen projizierte Wunsch, die Liebesbeziehung sei das höchste Glück im Leben einer Frau. Doch diese Idee verliert gerade an Gültigkeit.

Hat das Internet uns sexuell befreit?

Das Internet hat es möglich gemacht, dass wir heute innerhalb von wenigen Stunden mehr nackte Haut zu sehen bekommen als ein Mensch im 19. Jahrhundert im ganzen Leben. Auch Gewalt und verstörende Bilder lassen sich in wenigen Klicks auf den Bildschirm rufen. Dabei bestimmt das Angebot durchaus die Nachfrage: Was wir regelmäßig sehen, formt, was uns anmacht. Im schlimmsten Fall aber macht echter Sex gerade Porno-Konsumenten und -Konsumentinnen gar nicht mehr an – zu anders verhalten sich Menschen im Real Life, zu stark ist die Differenz im Aussehen, zu ungewohnt sind menschliche Gerüche und Geräusche.

Da der nächste Porno immer nur einen Klick entfernt und durch das Smartphone potenziell überall dabei ist, überrascht es kaum, dass der pornografische Diskurs nicht nur die intime Interaktion formt, sondern auch den Körper. Schönheitsoperationen unter der Gürtellinie häufen sich. Nicht nur Penisvergrößerungen sind auf dem Vormarsch. Die steigende Zahl junger Frauen und Mädchen, die sich von der Industrie so unter Druck gesetzt fühlen, dass sie sich mit plastischer Chirurgie sogar ihre Vulven nach Porno-Standards umoperieren lassen – oft sogar unter Einbuße des eigenen Lustempfindens –, zeigt die Folgen einer Die Kapitalisierung und damit Pornofizierung des Sex führt interessanterweise vor allem zu – weniger Sex. Unterhaltungsindustrie, die insbesondere Frauen nicht als Subjekte begreift.

Natürlich gehen nicht alle so weit, sich unters Messer zu legen. Doch der Wirkungsmacht bestimmter Körpernormen kann sich kaum noch jemand entziehen. 2017 waren erstmals mehr als 10 Millionen Menschen in einem der 8.700 deutschen Fitnessstudios angemeldet. Auch hier greift die Porno-Ästhetik auf den Mainstream über. Es genügt ein Blick auf Instagram, um zu sehen, wie männliche Porno-Darsteller sich als Fitnessfreaks inszenieren und Fitness-Influencerinnen wie Porno-Stars posieren.

Die Kapitalisierung und damit Pornofizierung des Sex führt interessanterweise vor allem zu – weniger Sex. „Dauererigierte Penisse, multiple Orgasmen, knackige Körper (...) – der von uns wahrgenommene Soll-Wert beim Sex stimmt nur noch selten mit dem tatsächlichen Ist-Wert überein“, sagt der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß. Dieser Trend zeigt sich überall dort, wo Digitalisierung den Alltag durchdrungen hat: Je digitalisierter eine Gesellschaft, desto weniger echte Sinnlichkeit.

So haben die jungen „Digital Natives“ Studien zufolge weniger Sex als ihre Vorgänger-Generationen. Und in Kulturen, die permanent online sind, haben immer mehr Menschen gar keinen Sex mehr. Rund 40 Prozent der 18- bis 36-Jährigen in Japan haben noch überhaupt keine sexuellen Erfahrungen – und wenn, dann immer häufiger gegen Bezahlung: Moderne Karrierefrauen in Japan buchen ihre „Boyfriend Experience“ ganz einfach in Host-Bars oder holen sich sogenannte „Sheep Boys“ nach Hause, die auch mit ihnen kuscheln, Abendessen kochen und, wenn der Preis stimmt, über Nacht bleiben. Sex wird zum Konsumgut. Und der Körper zum Objekt, das es zu optimieren gilt.

Porno: Ein konservatives Genre

Dass Sex zur konsumierbaren Massenware und zum Mittel der Kapitalakkumulation geworden ist, liegt nicht zuletzt an der Pornografie. Mit Erotik und Sinnlichkeit hat das kaum noch etwas zu tun – und mit sexueller Befreiung oder Aufklärung erst recht nicht. Denn trotz all der nackten Haut ist der Porno ein sehr konservatives Filmgenre, „das nach einem simplen Reiz-Reaktions-Schema funktioniert, das den Körper mitsamt dem Menschen, dem er gehört, zur Ware degradiert, indem er ihn als bloßes Mittel zum Zweck der (Selbst-)Befriedigung degradiert“. Das gilt natürlich vor allem für Frauen und Mädchen. Doch auch für viele Männer ist die eigene Potenz zu einer zentralen Maßeinheit für das Selbstbewusstsein geworden.

„Heutzutage ist die Massenware Pornografie im Wesentlichen eine Orgie männlicher Gemeinplätze“, sagt der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch: „Dummdreist und bar jeder subversiven Kraft kopulieren in ihr vor allem Klischees“. Klischees, die überall im öffentlichen Raum auftauchen und durch ihren Reduktionismus das Sinnliche einengen und reglementieren – und ganz nebenbei zu schlechtem Sex führen.

In Nischen existieren längst Gegenkonzepte zu dieser zutiefst sexistischen Unterhaltungsindustrie. Fair Porn, Housewife Porn und viele feministische Projekte setzen Gegenimpulse zu den bekannten Narrativen und Körperbildern – oder lassen den Porno und sein Wertesystem komplett hinter sich. Dabei emanzipieren sich auch Männer von der ihnen vorgelegten Rolle des dominanten, dauererregten Machos und erobern Raum für devote Neigungen, Lustlosigkeit, Romantik und die komplizierten Verstrickungen von Sex und Gefühlen.

Analog zum Achtsamkeitstrend hinterfragen immer mehr Menschen äußere Zwänge und Normen beim Thema Intimität. Sex-Apps wie Ferly setzen sich auf eine neue, achtsame Weise mit Lust auseinander, „Mindful Sex“ ist Thema zahlloser Blogs und Podcasts, Tantra-Masseur/-Masseurin ist ein eigenes Berufsbild geworden. Eine rasant wachsende Zahl von Workshops, Ratgebern und Tutorials beschäftigt sich mit der Neuentdeckung von (meist weiblicher) Sinnlichkeit und Körperlichkeit. Websites wie OMGyes.com zeigen fernab jeglicher Porno-Ästhetik Video-Tutorials rund um weibliche Lust – und finanzieren dadurch zugleich Forschung zum Thema. Das ist auch dringend notwendig. Denn das Internet hat uns bisher mitnichten aufgeklärter gemacht.

Illustration: Anna Kiosse

Breaking Taboos

Wir nehmen uns als aufgeklärte Gesellschaft ohne große Tabus wahr – wie falsch das ist, wird vielen gerade erst klar. Dass für viele Menschen der Sex damit endet, wenn der Mann gekommen ist, zeigt die krasse Dominanz der männlichen Perspektive. Oft wird auch behauptet, Frauen seien einfach verkopfter und wären grundsätzlich schwieriger zum Orgasmus zu bringen. Dabei brauchen Frauen im Durchschnitt nur vier Minuten, um zum Höhepunkt zu kommen, Männer eher sechs. Wo also liegt das Problem?

Obwohl der weibliche Körper ständig als Symbol für Erotik und Sex herhalten muss und in Werbungen, Filmen und Kunst pausenlos sexualisiert wird, herrschen paradoxerweise gerade hier die größten kulturellen Tabus. Und eine schier unglaubliche Ignoranz: So weiß kaum jemand, was genau die Klitoris ist – auch Frauen nicht. Obwohl Endometriose oder PMS ungefähr jede zehnte Frau betreffen, existieren kaum Wissen oder öffentliche Diskurse dazu. Nach einem Taschentuch zu fragen, ist kein Problem, nach einem Tampon schon. Sich wegen Menstruationsbeschwerden krankzumelden, ist für die meisten undenkbar. Wie ist das in einer angeblich aufgeklärten Gesellschaft möglich?

Während Penisse die Wände jeder Schultoiletten zieren, als Flaschenöffner und Scherzartikel Souvenirläden füllen und Basis zahlreicher Witze in Filmen und Serien sind, bleibt die Vulva kulturell unsichtbar. Doch das ändert sich gerade, und die kulturellen Tabus brechen auf. Plötzlich sieht man überall Vulven – auf Büchern, Stickern, T-Shirts, auf der Stirn der kostümierten Sängerin Björk. Im Werbespot des Hygieneartikel-Herstellers Libresse singen Vulven einen Lobgesang auf sich selbst. 2019 brachte Arte eine Doku mit dem Titel „Viva la Vulva“ heraus. In sogenannten ClitNights schließen alle möglichen Menschen ihre Bildungslücken rund um die Vulva. Mit großer Faszination starren wir auf einen riesigen gesellschaftlichen Blind Spot.

Der Tinder-Effekt

Die Zeiten, in denen man glaubte, Männer hätten eine höhere Libido als Frauen, neigen sich dem Ende zu. Nicht zuletzt durch Dating-Apps wie Tinder und Co., die mit solchen Mythen gründlich aufgeräumt haben. In westlichen Wohlstandsgesellschaften wird mit Polyamorie und alternativen Beziehungsformen experimentiert. Und die Treiber bezeihungsweise Treiberinnen für offene und polygame Beziehungskonzepte sind meist: junge Frauen. Sie hinterfragen die Ideale der bürgerlichen Ehe und der lebenslangen Monogamie und entlarven sie als kulturell konstruierte Norm.

Auch wenn das romantische Liebesideal immer noch mächtig ist – Sexualität differenziert sich aus, so wie sie sich von pornografischen Rollenmustern befreit. Was in Sachen Ernährung schon eine Selbstverständlichkeit ist, wird auch beim Sex langsam Wirklichkeit: Sex wird zum Lifestyle, zum Ausdruck der individuellen Persönlichkeit und Werte. Alles ist möglich. Ehemalige Nischen wie BDSM oder Dreier-Konstellationen werden zur Normalität für alle, die es wollen. Selbst abstruse Vorlieben werden offen auf Tinder-Profilen angegeben, man schämt sich weniger. Jeder, wie er mag. Oder eben sie.

Eine kollektive Sehnsucht

Die unendliche Vielfalt an Möglichkeiten führt nicht nur zu mehr Experimentierfreude im Ausleben verschiedenster sexuellen Spielarten, Fantasien und Neigungen. Sondern vor allem zu einem Infragestellen der geltenden Normen. Leistungsdenken, Sexismus und Schönheitsideale werden zunehmend auf ihre Funktion im kapitalistischen Wirtschaftssystem hin hinterfragt und dekonstruiert. Das führt auch zu einer Rückbesinnung auf das Wesentliche: das urmenschliche Bedürfnis nach Nähe und Intimität. Nicht nur Individuen, ganze Gesellschaften erleben deshalb gerade eine kollektive Sehnsucht nach „Meaningful Relationships“, nach echter Resonanz. Die wahre Revolution liegt deshalb darin, sich wieder als Subjekt zu begreifen – und Sex als eine Begegnung zwischen zwei (oder mehr) Subjekten. Erst dadurch entsteht Würde.

Egal, ob mit einem Partner beziehungsweise einer Partnerin oder mehreren, egal, ob für das ganze Leben oder nur für eine Nacht: Analog zu den Entwicklungen in Richtung Postwachstum, Sinn-Ökonomie, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit wird auch die Zukunft des Sex wieder menschlicher sein. Wenn Menschen, Frauen wie Männer, sich wieder zu Subjekten machen, entdecken sie ihre Würde wieder. Und die Würde anderer. Beziehungen lösen sich von kapitalistischen Zwängen und Normen. Und abseits von Porno, Performancedruck, Sexismus und dem Eifern nach völlig bedeutungslosen, aber geschäftsfördernden Idealen wird Intimität wieder zur Interaktion zwischen zwei Menschen.

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