Welt im Rausch

Steuern wir auf eine Rausch-Gesellschaft zu? Legalisierung wird ein globaler Großtrend – und führt zu einem veränderten Bewusstsein des Selbst und der Gesellschaft. – Ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2019.

Von Lena Papasabbas

Illustration: Benedikt Eisenhardt

Haben Sie schon von Kava Kava gehört? Vermutlich nicht. Denn die aus der Südsee stammende Wurzel ist hierzulande fast gänzlich unbekannt. Und außerdem illegal, abgesehen von wenigen medizinischen Ausnahmen. In den USA dagegen ist Kava Kava ein echter Trend: frisch oder als Extrakt, zubereitet in Softdrinks und Smoothies, Kaubonbons, Pulvern oder Pillen. Kava-Kava-Bars, die meist hawaiianische oder polynesische Zeremonien der Zubereitung nachahmen, werden immer populärer. „One hour break“ heißt ein beliebtes Produkt, ein Mundspray, das bis zu einer Stunde meditative Ruhe und ein generelles Wohlgefühl verspricht. Die Wirkung variiert je nach Produkt, im Grunde ist Kava Kava aber ein Angstlöser und wirkt Spannungszuständen und sogar Sozialphobien entgegen.

Von der Nische in den Mainstream

Kava Kava ist nicht die einzige Substanz, die ihren Weg vom verpönten Rauschgift in die gesellschaftliche Mitte findet. Die Legalisierung von Cannabis in einigen Staaten der USA hat den Markt für Marihuana-Produkte explodieren lassen. In schicken Boutiquen kaufen Familienväter, Karrierefrauen, Senioren genauso wie Touristen und experimentierfreudige Paare die einst illegalen Cannabis-Produkte: Gummibärchen, Kekse, Schokolade, Drops, überzogene Erdbeeren – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ebensowenig dem THC-Gehalt, der über die Theke geht. Amsterdam sieht dagegen alt aus.

In Kalifornien ist der Rausch längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Andere Länder wie Kanada oder Neuseeland machen sich ebenfalls von repressiver Drogenpolitik los. Uruguay hat schon Ende 2013 beschlossen, Cannabis zu legalisieren. Kanada zog kürzlich nach. Dort darf jeder volljährige Einwohner nun Cannabis zum Freizeitgebrauch kaufen und anbauen. In Portugal ist der Besitz von kleinen Mengen Drogen schon seit Jahren straffrei: Ein Tütchen Gras, ein paar Ecstasy-Pillen oder etwas Koks in der Tasche sind zwar nicht legal, gelten aber lediglich als Ordnungswidrigkeit, so wie Falschparken.

Cannabis und Kava Kava liegen im Trend, Joints werden heute auf Gartenpartys durchgereicht wie Bier – in Deutschland gibt über die Hälfte der Befragten an, schon einmal Cannabis geraucht zu haben. Aber auch MDMA (der Hauptwirkstoff in Ecstasy), Kokain oder Amphetamine wie Speed haben bereits mehr als 20 Prozent probiert (vgl. Global Drug Survey 2018). Auch Kava-Kava-Produkte kann man problemlos nach Deutschland bestellen – ebenso wie eine Vielzahl anderer Kräuter, Extrakte und synthetischer Substanzen. Die Möglichkeiten, sich zuzudröhnen, sind heute so vielfältig wie nie.

Vom Zauberkraut bis zur Designerdroge

Natürliche Wirkstoffe boomen, die Grenze zwischen Droge, Genuss- und Nahrungsergänzungsmittel verschwimmt. Passionsblumenkraut hat in den vergangenen Jahren als Schlaftee und Anti-Stress-Tropfen die Drogeriemärkte erobert. Die Wirkstoffe der Pflanze gelten als MAO-Hemmer: Stoffe, die normalerweise als starke Antidepressiva eingesetzt werden. 

Der Markt um die sogenannten Legal Highs explodiert: Gemeint sind Stoffe, die sowohl aus der Natur stammen können – Kräuter, Pilze, Wurzeln und Baumrinden, die (noch) nicht vom Rauschmittelgesetz reguliert sind – als auch aus dem Chemielabor. So werden durch Manipulationen an der Molekülstruktur bekannter (in der Regel illegaler) Drogen neue, nicht vom Gesetz erfasste Wirkstoffe hergestellt und als „Research Chemicals“ vertrieben. Alle paar Monate finden neue synthetische Cannabinoide – abgeleitet von den Wirkstoffen des Cannabis – ihren Weg in diverse Online-Shops. Solche Designerdrogen aus dem Chemielabor werden für ganz spezifische Drogenerlebnisse konzipiert, von psychedelisch über aufputschend bis entspannend. Auch klassische Legal Highs wie der Alkohol, nach wie vor die Lieblingsdroge der Deutschen, verlieren nicht an Fans. Der genussorientierte Großstädter mit Terrakotta-Weinkeller entwickelt eine Vorliebe für hochwertige Spirituosen. Craft-Bier und hausgebrannter Schnaps oder Whisky Tastings machen so manche Bar zur Szene-Location. 

Zugleich haben auch illegale Drogen einen Imagewechsel hinter sich: Gekokst wird nicht mehr nur in Bankerkreisen, auch in Mainstream-Hollywoodfilmen wie „Girls Night Out“ ziehen sich die Girls zum Feiern selbstverständlich das weiße Pulver in die Nase. In den USA sterben gleichzeitig jährlich tausende Süchtige an einer Überdosis von meist verschreibungspflichtigen Opioiden – die tödlichste Drogenepidemie, die das Land je erlebt hat. Hierzulande werden auf Festivals und Partys Infoblätter und Röhrchen verteilt, damit die Feiernden beim Speed-Konsum nicht auf Geldscheine ausweichen. Wer wissen will, was in seiner Ecstasy-Pille steckt, kann das in einigen Clubs Europas direkt vor Ort testen lassen, dem Rest bleiben Pillenchecker-Apps wie „sauber drauf!“ oder chemische Test-Kits, die man im Netz bestellen kann. Gleichzeitig werden jedes Jahr tausende Menschen im blutigen Anti-Drogen-Krieg des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte ermordet. 

LSD erlebt dagegen ein geradezu vernünftiges Revival: Im „Microdosing“-Trend geht es nicht um bunte Farben oder spirituelle Bewusstseinserweiterung, sondern um mehr Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. Der Trend kommt aus dem Silicon Valley und läuft unter dem Begriff „Biohacking“ – die menschliche Biologie wird durch die tägliche Zugabe verschiedener Drogen in Minimaldosis gehackt, meist LSD, MDMA oder Psilocybin aus psychoaktiven Pilzen. „Ich bin ruhiger, dünner, extrovertierter, gesünder und glücklicher geworden“, schwärmt ein 32-jähriger Internetunternehmer, der bereits mehr als 200.000 Dollar ins Biohacking investiert hat – eine kostspielige Mischung aus illegalen Drogen, legalen Medikamenten und gesunder Ernährung mit viel Fisch und grünem Tee (vgl. Wendt 2018). Er ist kein Einzelfall: Gerade in den USA lassen sich immer mehr Menschen, von Schülern und Studenten bis zu Hausfrauen, Unternehmern oder Sportlern, regelmäßig Ritalin oder das Stimulant Adderall verschreiben – eigentlich Medikamente gegen ADHS, die fokussierter, konzentrierter und leistungsfähiger machen.   

So alt wie die Menschheit

Ob zur Selbstoptimierung, Ablenkung, spirituellen Entwicklung oder einfach nur zum Spaß: Die Gesellschaft ist high wie nie. Der jährliche Weltdrogenbericht der UN bestätigt: Immer mehr Menschen nehmen illegale Drogen – heute um die 275 Millionen (UN 2018). Dazu kommen unzählige legale Wege zum Rausch, von Medikamenten über Research Chemicals bis zum Alkohol. 

Das Bedürfnis, sich zu berauschen, ist so alt wie die Menschheit. Ob Kokablätter, Schlafmohn, Peyote, Kanna, Pfeilgiftfrösche, Aga-Kröten, San-Pedro-Kaktus, Engelstrompete, Spitzkegeliger Kahlkopf oder Kratom: Die Natur geizt nicht mit Möglichkeiten, das Bewusstsein zu erweitern – oder mindestens zu benebeln. Menscheitsgeschichtlich ist der Drogenrausch eng verwoben mit der Trance und der Ekstase und häufig in religiöse, soziale und spirituelle Zusammenhänge verwoben. 

Halluzinogene Fliegenpilze wurden in Russland schon vor 7.000 Jahren im Kontext bestimmter Rituale verzehrt, und ebenso üblich war es, den Urin der Schamanen zu trinken, die „Rausch, was für ein zweideutiges deutsches Wort! Wie mischen sich darin Begeisterung mit Entgeisterung, das Höchste mit dem Niedrigsten, das Glück der Enthemmung, das Elend der Vernunftlosigkeit.“ – Thomas Mann, 1949  die Fliegenpilze für rituelle Zwecke zu sich genommen hatten. Hinweise auf rituellen Konsum psychoaktiver Pilze in der frühen Menschheitsgeschichte gibt es auf allen Kontinenten. 

Im antiken Griechenland war der halluzinogene Stechapfel beliebt, Homer lobte in der Odyssee ein opiumhaltiges Weingetränk. Im Orient der orthodoxen und katholischen Kirche hat Weihrauch einen festen Platz, der die psychoaktive Substanz Incensol enthält. In China berauschte man sich um das Jahr 1000 ganz selbstverständlich an Opium, von den Afghanen „Honig der Krieger“ genannt: Bis zu 4,5 Kilo Rohmaterial pro Person im Jahr gehörten im 13. Jahrhundert zum Sold. 

Bis heute wird in indigenen südamerikanischen Religionsgemeinschaften das psychedelische Gebräu Ayahuasca im rituellen Rahmen eingenommen – in Lateinamerika gibt es heute einen regelrechten Ayahuasca-Tourismus. In New York und in der Schweiz finden jedes Wochenende Ayahuasca-Seminare statt, inklusive schamanischer Zeremonien. Teilnehmer berichten von lebensverändernden Erfahrungen: Die stark halluzinogene Zubereitung lässt einen mehrere Stunden in eine Traumwelt abdriften, die tiefgründige spirituelle Erfahrungen ermöglicht. Viele Teilnehmer scheinen nach dem Ayahuasca-Rausch zentrale Lebensentscheidungen zu treffen: Sie kündigen ihren Job, verlassen ihren Partner, entwickeln einen achtsameren Lebensstil. Die Droge scheint eine Abkürzung zur Achtsamkeit zu ermöglichen. Tatsächlich zeigen Hirn-Scans, dass es unter Einfluss der mystischen Substanz zu Veränderungen im Gehirn kommt, wie sie auch aus jahrelangem Meditieren resultieren. Ayahuasca ist die Droge der Bio-Generation, die nach Spiritualität strebt, konsumierbar in Form eines bitteren Getränks. 

Die Kriminalisierung des Rausches

Kompliziert wurde es ab dem 19. Jahrhundert. Es begann eine Phase der Kriminalisierung, Verherrlichung und Instrumentalisierung – die Zeit der Opiumkriege, des Heroins und der von Drogen aufgeputschten Soldaten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Kokain in Coca-Cola durch Koffein ersetzt, und Bayer nahm sein Heroin vom Markt. Bis dahin durften beide Stoffe genauso wie Morphium ohne Deklaration allen möglichen Produkten zugesetzt werden. 

In der Zeit der Prohibition wurde auch Alkohol zur illegalen Droge – Whisky und Brandy wurden in nie gekannten Mengen von Ärzten verschrieben. 1938 synthetisierte Dr. Albert Hofmann LSD, das die Subkultur der 68er-Bewegung und der Hippies prägte – und neben Cannabis der Hauptfeind im von Richard Nixon angeführten „War on Drugs“ war. Derweil rauchten US-Amerikaner mehr als 500 Milliarden Zigaretten im Jahr. Nikotin ist ohne Zweifel ein starkes Suchtgift mit nur mäßiger Entspannungswirkung. 

Alte Tradition, neue Märkte

Eine klare Entwicklung in Richtung einer rational begründbaren Drogenpolitik lässt sich aus der jüngsten Geschichte nicht herauslesen. Das Hin und Her von Verboten und Verharmlosungen setzt sich bis in die Gegenwart fort. Vieles wird wirtschaftspolitisch entschieden. Die Legalisierung von Cannabis eröffnet vor allem riesige Märkte, Cannabis-Aktien befinden sich seit der Legalisierungswelle im Höhenrausch. Hinter der Regulierung von Marihuana steckt im Grunde die Kommerzialisierung von THC. Legalität ist enger verknüpft mit Profit als mit Sicherheit für das Individuum. Und mit Konsumpräferenzen bestimmter Schichten: So gehört der Alkohol scheinbar unverzichtbar zur deutschen „Leitkultur“. Allein das macht es praktizierenden Muslimen unmöglich, den Integrationsanspruch zu erfüllen.

In seiner Zeit als bayerischer Ministerpräsident forderte Horst Seehofer (CSU) mehrfach, dass der Begriff „Wiesn“ endlich in den Duden aufgenommen wird. Im Mittelpunkt des Oktoberfestes steht traditionell: das Bier in seiner kollektiv-rauschhaften Anwendung. Solche orgiastischen Massen-Events zeigen, wie stark die Droge das Miteinander einer Menge bestimmt. Was für die einen gemütlich ist, ähnelt für Außenstehende einer Apokalypse: Horden von taumelnden, aggressiven oder weggetretenen Menschen brüllen, lallen, urinieren, pöbeln und übergeben sich. Sexuelle Übergriffe, Alkoholvergiftungen und „Bierleichen“ gehören zur Wiesn wie die Blasmusik. So ritualisiert sich eine Mehrheitskultur. Gleichzeitig werden nirgendwo Kiffer so drakonisch verfolgt wie in der bayerischen Hauptstadt. 

In der Partykultur der Berliner Technoszene findet man die Feiernden dagegen meist nur mit einer Mate in der Hand, dafür aber mit reichlich MDMA im Blut. Der Ecstasy-Hauptwirkstoff euphorisiert die Tanzenden und macht hyperempathisch – nirgends werden so großzügig Komplimente und Umarmungen verteilt wie in der Elektro-Szene. Die Frage drängt sich auf: Warum sind Drogen legal, die aggressiv und aufdringlich machen, selten aber solche, die freundlich, weich und zugänglich machen? 

Von der Risiko- zur Rauschgesellschaft

Ein Zusammenhang zwischen Verboten und dem Gefahrenpotenzial einer Droge lässt sich nicht feststellen. Die einzige systematische Betrachtung entwickelte ein Team um den britischen Psychopharmakologen David Nutt. 16 Kriterien flossen mit unterschiedlicher Gewichtung in diese Analyse „Käme Alkohol heute als Designerdroge in Umlauf, würde er sofort verboten. An Alkohol sterben mehr Menschen als an Malaria, Tuberkulose, Meningitis und Aids zusammengenommen.“ – David Nutt ein – unter anderem die Gefahr, an der Droge zu sterben oder abhängig zu werden, oder das Risiko, zu verarmen, den sozialen Zusammenhalt im Umfeld zu verringern oder sich und andere zu verletzen. Die Spitzenposition unter den gefährlichen Drogen nimmt nach dieser Systematik konkurrenzlos der Alkohol ein. Erst danach folgen Heroin und Crack. Am wenigsten Schadenspotenzial haben die sogenannten Magic Mushrooms – weit weniger als beispielsweise das völlig legale Nikotin (vgl. Nutt 2010). 

Menschheitsgeschichtlich ist der Rausch eng verwoben mit Religion, Ritual, Tradition – und Krieg. Je größer die Angst der Herrschenden vor kritischem Bewusstsein und potenziellem Ordnungsverlust, umso repressiver die Haltung gegenüber psychoaktiven Drogen. Von politischen Mächten ist der Rausch einerseits gefürchtet – andererseits bildet er ein beliebtes Mittel der Manipulation und Mobilisierung, wie die zahlreichen Drogenexperimente mit Soldaten zeigen. Rausch kann sowohl für Kontrolle und Unterdrückung stehen als auch für Ausbruch und Freiheit. Oder wenigstens für politische Rebellion, wie der LSD-Konsum der Flower-Power-Pioniere. 

Rausch im Zeitalter der Komplexität

Heute ist der Rausch weiter verbreitet – und weniger politisch. Zugleich bietet er die einfachste Antwort auf die Überforderung des Individuums im hypervernetzten Zeitalter, in dem sich die Verantwortung zunehmend auf den Einzelnen verlagert. Wer Probleme hat, dem kapitalistischen Leistungsdiktat zu entsprechen, kann auf eine Vielzahl von leicht erhältlichen Substanzen mit Boost-Garantie vertrauen – noch nie gingen so viel Ritalin und Adderall über die Theken wie heute, und noch nie wurden Spaßdrogen wie MDMA und LSD zu Zwecken der Leistungssteigerung eingesetzt. Und immer mehr Menschen, die die überwältigende Komplexität unserer Zeit nervös macht, greifen auf Tranquilizer wie Benzodiazepine und Opioide zurück, um nachts gut schlafen zu können. Rausch verspricht paradoxerweise beides: das Funktionieren im und den Ausbruch aus dem Hamsterrad. Denn der Rausch ist auch die einfachste Abkürzung zu den großen hedonistischen Grundwerten, die uns der Spätkapitalismus als Lebenssinn verkauft: Spaß, Ekstase, Genuss.

Das macht Drogen so attraktiv: Sie halten, was die Marketing- und Medienindustrie nur verspricht. Koks macht selbstbewusst, GBL geil, MDMA glücklich, Pilze machen kreativ … Durch die Globalisierung und das Internet haben sich Pforten für jedermann geöffnet. Kokain, Speed oder Ecstasy kann man im Darknet in Online-Shops bestellen, inklusive Fünf-Sterne-Bewertungssystem. Der Aufstieg der Kryptowährungen hat dem Online-Drogenhandel das letzte noch fehlende Rädchen bereitgestellt: eine völlig anonyme und sichere Währung für den Deal.

Digitaler Drogen-Boom

Der Liquid-Ecstasy-Wirkstoff GBL oder GHB lässt sich als Lösemittel legal bestellen, viele Legal Highs werden als Badezusatz, Putzmittel oder Kräutermischung verkauft. Anbieter von Research Chemicals und ehemalige Headshops schöpfen die Grenzen des Legalen und das Unwissen der Behörden voll aus. Vom Hopfen, das leicht beruhigend wirken soll, über erstaunlich leistungsstarke Aphrodisiaka bis hin zur Hawaiianischen Holzrose, die LSD-ähnliche Zustände hervorruft – alles lässt sich völlig legal in kunterbunten Online-Shops bestellen. Auch das Wissen, wie man zu Hause sein eigenes Labor einrichtet oder magische Pilze züchtet, ist für jedermann zugänglich geworden.

Rausch hat viele Facetten, er betäubt, enthemmt, baut Ängste und Spannungen ab. Rausch kann auch Entgrenzung bedeuten, spirituelle Weiterentwicklung bis zur Auflösung des Ich. Im Rausch können sich Welten öffnen, andere Wirklichkeiten entstehen. Raum und Zeit werden unter Drogeneinfluss anders wahrgenommen, Emotionen verdichtet, der Augenblick wird ausgedehnt. Gerade psychedelische Erfahrungen werden auch als Trips bezeichnet, als Reisen ins Unbekannte, Entdeckungen. Das macht sie auch weiterhin zu einer potenziell politischen Kraft. Denn: Jede neue Perspektive auf die Welt schließt ihre Veränderbarkeit mit ein. Genau das macht den Rausch so wertvoll in Zeiten der Hyperkomplexität. 

Ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2019.

Literatur:
Wendt, Alexander: Drogen: Wollen wir uns noch berauschen oder nur noch optimieren? In: F.A.Z. Quarterly, 08/2018, S. 30f.
Global Drug Survey: GDS Key Findings Report 2018. In: globaldrugsurvey.com, 2018
Nutt, David/King, Leslie und Phillips, Lawrence: Drug Harms in the UK: A Multicriteria Decision Analysis. In: The Lancet, 376 (9752), 11/2010, S. 1.558–1.565
United Nations (UN): World Drug Report 2018. In: unodc.org, 2018

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Lena Papasabbas

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin und begleitet seit 2014 für das Zukunftsinstitut Projekte im Research-Bereich. Ihr Schwerpunkt ist die redaktionelle Arbeit bei Auftragsstudien.