Wahl zum Zukunftswort des Jahres 2020

Traditionell haben wir für unseren Zukunftsreport 2020 wieder die wichtigsten Trendbegriffe des kommenden Jahres und darüber hinaus benannt. Welches Phänomen wird uns am stärksten prägen, welches Wort hat den Eingang in den öffentlichen Diskurs verdient?

Zukunftswörter beleuchten aktuelle Veränderungsprozesse, indem sie soziokulturelle Dynamiken in kompakten Begriffen zusammenfassen. Als Schlaglichter des Wandels öffnen sie die Augen für neue Realitäten, die sich bereits etabliert haben – oder gerade im Entstehen sind. Auch diesmal hat das Zukunftsinstitut wieder ein Lexikon von Zukunftswörtern zusammengestellt, die gesellschaftliche Entwicklungen abbilden und das Potenzial haben, den Durchbruch zu schaffen.

Die Wahl zum Zukunftswort 2020 ist seit 15. Jänner 2020 beendet. Die ZI-Community hat „Green Pressure“ zum Sieger gekürt. Hier können Sie die zwölf Finalisten in Reihenfolge ihrer Platzierung in der Wahl nachlesen:

  • 1. Green Pressure

Der deutlich zunehmende Druck zum Grünen und Ökologischen. Das Thema Global Warming erfasst heute alle Branchen, alle ökonomischen und politischen Diskurse. Deshalb wird uns der grüne Druck noch lange begleiten.

  • 2. Eco-Elegance

Man kann Öko-Produkte leicht faken, etwa indem man Plastikbecher mit Bambus umwickelt oder überall etwas mit „Bio“ draufklebt, das ist grüner Etikettismus. Richtig elegante Öko-Produkte bieten dagegen immer eine Kombination von vier Dimensionen – Material, soziale Aspekte, Gebrauchsweise und Design. Ein Beispiel ist die niederländische Jeansmarke Mud: Sie nimmt die gebrauchten Bio-Jeans zurück und recycelt sie wieder zu neuen, bietet Näherinnen und Nähern faire Löhne und verleast die Jeans im Sinne von Sharing-Konzepten – eine real existierende Kreislaufwirtschaft.

  • 3. Numanism

Numanism ist der neue Humanismus des digitalen Zeitalters: eine Neubesinnung auf menschliche Potenziale, ausgelöst durch Digitalisierung und die Entwicklung von KI. Im Kern geht es um Fragen der Sinnfindung in Zeiten fortschreitender Automatisierung – und um die Differenz des Menschlichen zum Digitalen. Denn die sinnhafte und lebensweltlich begründete menschliche Intelligenz unterscheidet sich kategorisch von maschineller Intelligenz. Je weiter Digitalisierung und KI fortschreiten, umso bedeutsamer wird dieser Gegenpol des Numanism: als Möglichkeits- und Entfaltungsraum, als Treiber kreativer und sozialer Resonanz – und als Grundlage entsprechender Produkte und Services.

  • 4. Sinnfluencing

Immer mehr Social-Media-Stars empfinden ihre Branche als zu oberflächlich und nutzen ihre Reichweite, um sinnstiftende Themen anzusprechen –Influencer und Influencerinnen werden zu Sinnfluencern und Sinnfluencerinnen. Mit ihrem Engagement motivieren sie ihre Followerschaft für politische oder nachhaltige Initiativen und arbeiten aktiv mit an einer besseren Zukunft. Prominentestes Beispiel der jüngeren Zeit ist der Youtuber Rezo. Aber auch viele Instagrammer und Instagrammerinnen setzen verstärkt auf gesellschaftsrelevante Themen wie Achtsamkeit, Umweltbewusstsein, faire Kleidung, ökologisch korrekte Ernährung oder weniger Lebensmittelverschwendung.

  • 5. Yolds

„Young olds“, kurz Yolds, nennt man in Japan die Gruppe der aktiven Älteren zwischen 65 und 75 Jahren. Die Verbindung junger und alter Verhaltensformen erzeugt eine eigene Alterskohorte, die ganz andere Bedürfnisse hat als die „alten Alten“. Sie sind reiselustig, hedonistisch und pfeifen auf klassisches Rentnerverhalten. Von den Yolds werden wir noch viel hören – in Politik, Gesellschaft und Konsum werden sie die traditionellen Generationsbilder aufbrechen.

  • 6. Gretaphobie/Gretamagie

Die Ablehnung oder die Bewunderung von Greta Thunberg nehmen ungeahnte Ausmaße an. Vielleicht liegt es auch an ihrem Asperger-Syndrom, das sie bestimmte Erkenntnisse und Wahrheiten nicht ignorieren lässt und sie befähigt, sich mutig und auf tapfer-naive Weise der Wirklichkeit zu stellen. Dabei handelt es sich zugleich um einen Archetyp: Die Greta-Gestalt taucht insbesondere in Märchen auf, wo Figuren wie Sterntaler, Dornröschen, Aschenputtel oder Rotkäppchen zunächst durch kindliche Unschuld, dann durch Entschlossenheit und Solidarität das Böse bekämpfen. In „Hänsel und Gretel“ stößt Greta die böse Hexe in den Ofen (Global Warming!), im „Froschkönig“ wirft die Prinzessin den Frosch mit aller Kraft an die Wand (Wer ist der Prinz? Habeck?), und auch die freche Göre Pippi Langstrumpf (Zöpfe!), die gern Piratenschiff fährt, lässt grüßen. Immer geht es um Angstüberwindung – und um Mädchenheldentum, das aus Unschuld Stärke gewinnt. Kein Wunder, dass rund um Greta ein andauernder Kultur- und Symbolkampf tobt, an dem vor allem grantige Männer verzweifeln.

  • 6. Slowbalization

Bislang glaubten wir immer, Globalisierung wäre ein rasend schneller Prozess, in dem alle Grenzen eingerissen und alle kulturellen Unterschiede nivelliert werden. Doch spätestens seit dem Erstarken des Retro-Nationalismus wird klar, dass die Globalisierung in Wahrheit eine Schnecke ist. Globalisierungsprozesse schwächen sich derzeit ab – und schaffen zugleich neue Formen des Glokalismus, der Lokales und Globales verbindet.

  • 8. Techmanzipation

Männliche Denkweisen über Technologie gehen meist von Ideen der Kontrolle und der Beschleunigung aus. Dabei entstehen jede Menge Flops und Fehleinschätzungen, gut zu beobachten bei digitalen Hype-Themen wie Künstliche Intelligenz oder Blockchain. Techmanzipation beschreibt die Emanzipation von diesen überzogen männlichen Visionen – und die Kultivierung eines ganzheitlicheren und diverseren Verständnisses von Technologie.

  • 8. Gegenruhm-Syndrom

Auch Trump-Syndrom oder Höckismus genannt. Folgt dem einfachen Schema: Je mehr Feinde und Feindinnen ich habe, desto wichtiger bin ich – und je mehr Abneigung, Empörung und moralische Vorwürfe ich auf mich vereine, desto größer sind meine Wirksamkeit und meine Integrität. In einer Hypermedialitätsgesellschaft, in der die Medien selbst die Wirklichkeit konstruieren, wird Gegenruhm zum eigentlichen Ruhm. Für die eigene Berühmtheit nutzt er die negative Energie der Kritiker und Kritikerinnen. Sie können tun, was sie wollen – immer stärken sie die Protagonisten und Protagonistinnen.

  • 10. Competitive Complaining

Wer hat es schwerer, wer muss mehr leiden? Wer ist mehr Opfer – und hat mehr Anspruch auf Kompensation, Beachtung und Verzeihung von Bösartigkeiten? Competitive Complaining bezeichnet das stetige Beklagen im Vergleich zu anderen.

  • 11. Streamlife

Das Leben „according to the stream“: Streamlife denkt das Leben in epischen und episodischen Formaten, in denen Charaktere über lange Zeit dramatisch entwickelt werden – orientiert am Erscheinungsdatum und dem Rhythmus von Streaming-Serien wie „Game of Thrones“.

  • 12. Cwtch

Vergessen wir Hygge, Lagom und Sisu und wie die skandinavischen Kuschel-Vokabeln alle heißen mögen. Cwtch (ausgesprochen „Kutsch“) stammt aus dem Walisischen und drückt schon lautsprachlich aus, was es meint: das Quetschen und Knuddeln mit rauer Schale und weichem Herz.


 

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